'Oberaffe' und Erdmännchen



Der Schriftsteller Manfred Kyber (1880 - 1933) hat wunderbare Tiergeschichten geschrieben, die die Menschenwelt ironisch spiegeln. Ich habe sie in meiner Jugend gern gelesen. Das Buch 'Gesammelte Tiergeschichten' ist Anfang der 30er Jahre im Verlag Hesse & Becker, Leipzig, erschienen. Der Verlag zitiert im Anhang die 'Münchener Zeitung': ".... Wer, wie Kyber, in einer neuen und wirklichen Kultur die einzige Rettung sieht, wenn wir nicht verlorengehen sollen in all den Zersetzungserscheinungen einer 'mechanischen Zivilisation', der wird auf neue Wege sinnen, ein solches Ziel anbahnen zu helfen. Es ist wesentlich sein Verdienst, wenn heute die Überzeugung von der Einheit alles Lebendigen zum Gemeingut fortgeschrittener Geister gehört. Wie der Dichter in seinen von der ersten Zeile an bannenden entzückenden Satiren, wie in den erschütternden tragischen Stücken des wundervollen Buches jene Idee zu gestalten weiß, das möge der Leser an sich selbst erfahren."

In seiner Satire 'Der Oberaffe' stellt Kyber die Affengesellschaft dar, bei der der Oberaffe - Krakelius Kreckeckeck - all das tut, was er den anderen verbietet und all das nicht tut, was er von den anderen fordert. Er darf es. Er tut es amtlich; 'denn er ist der Oberaffe'. Manfred Kyber schildert auch die Wahl des Oberaffen - ein echtes 'Affentheater'. Da Kyber aber schon 1933 gestorben ist, kann er unsere heutige Gesellschaft nicht gemeint haben.

Rückblickend vertieft sich bei mir der Eindruck, daß Kybers Geschichten auf meine seelische Entwicklung einen großen Einfluß gehabt haben. Es sind ja nicht nur seine Satiren, sondern auch eine ganze Reihe ergreifender Texte, die uns veranlassen sollten, über die Verantwortung der Menschen für diesen wundervollen Planeten 'Erde' nachzudenken. Wir haben durch die Entwicklung der Fähigkeiten unseres Gehirns bis zu Höchstleistungen, die Macht bekommen, das wundervolle Zusammenspiel der übrigen Natur zu stören, ja, zu zerstören. Wir haben die Möglichkeit bekommen, die totale Unordnung zu erzeugen, werden dabei aber selbst als erste Gattung untergehen. Diejenigen werden die Ersten sein, deren Abhängigkeit von der Technik am größten ist, die sich also heute am stärksten fühlen. - Gibt es da einen Ausweg? -

Die Welt der Affen und Oberaffen ist eine 'Welt des Ich', der 'Selbstverantwortung', des 'Stärkeren', der 'Rücksichtslosigkeit', des 'Egoismus'. - Es ist die Welt, in der wir zur Zeit leben, die uns als erstrebenswert dargestellt wird. Sie ist aber auch eine Welt der seelischen Kälte.Man kann sie spüren, wenn man einem Menschen begegnet, für den die Börsennotierungen das wichtigste sind. - Wer gründlich nachdenkt, ahnt, daß eine solche Welt keine Zukunft hat. Aber nur wenige haben den Mut, eine gründliche Abkehr von dieser Lebensauffassung zu fordern. Und wer es tut, wird von den Medien totgeschwiegen.

Der 'Welt der Affen' möchte ich symbolisch die 'Welt der Erdmännchen' entgegenstellen. - Ich bin kein Tierverhaltensforscher. So mag das Bild nur im Umriß zutreffen. Ich sehe in einer größeren Gruppe immer eins, das Wache hält, damit die übrigen sorglos sich anderweitig beschäftigen können - sei es fressen, graben oder spielen. Das wachhabende Erdmännchen ist aber kein 'Obererdmännchen'. Es ist immer wieder ein anderes aus der Gruppe, das diese verantwortungsvolle Aufgabe für eine gewisse Zeit übernimmt.

Es ist eine 'Welt des Wir', für die die Erdmännchen stehen. Und in ihrer Welt herrscht Wärme, gegenseitiges Vertrauen. Sie wissen, daß sie nur in der Gruppe überleben können. -

In einer Zeit des drohenden Klimawandels liegt es nahe, sich seine Denkmodelle in den Eiszonen der Erde zu suchen. - In der eisigen Welt des Egoismus, des globalisierten Kapitalismus haben wir uns auf diesem Eis eingerichtet. Es muß tragfähig sein. Wir haben uns an dieses System gewöhnt. Das ganze Leben spielt sich auf dieser Eisdecke ab. - Erst durch die Klimaerwärmung wird uns klar, auf welchem unsicheren Boden wir uns befinden. Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, daß wir unter ganz anderen Bedingungen leben könnten. Unsere Eiswelt scheint die einzig mögliche zu sein.

Und doch sagt uns unser Verstand, daß das Eis schmelzen und einmal für immer verschwinden wird. Was dann? -

Wir haben gehört, daß es in weiter Ferne ein Gebiet geben soll, in dem es festen Boden gibt. Es wäre ratsam, sich dahin auf den Weg zu machen. Dann könnten wir aber nur einen geringen Teil von dem mitnehmen, was wir uns in unserer Eiswelt erworben haben. Wir zögern immer wieder, wohl wissend, daß unsere Chance dann immer geringer wird, das Festland rechtzeitig zu erreichen. -

Wenn die Scholle schmilzt, sind auch die Reichen nicht mehr besser dran als die Armen. Auch sie werden die Scholle verlassen müssen und möglicherweise ihr schweres Gepäck - ihr Vermögen - nicht mitnehmen können.

Die Tierwelt handelt in solchen Fällen folgerichtig. Wir sagen, es sei ihr Instinkt; denn wir wollen ja mehr sein als Tiere - als 'Gehirntiere', wie mein Biologielehrer in der Schulzeit sagte. - Viele Menschen setzen alles daran, die Grenze zwischen Mensch und Tier deutlich erscheinen zu lassen. - Wohin sind wir denn aber gekommen mit unserem Gehirn, unserem 'Denkvermögen', das uns vom Tier so deutlich unterscheiden soll? -

Wir können den Mond, den Mars erreichen, bilden uns ein, 'künstliche Intelligenz' schaffen zu können. Wir bringen es aber nicht fertig, unser Verhalten als Menschen so zu ändern, daß die Menschheit überlebensfähig bleibt. - Wir bringen es nicht fertig, uns von der 'Wachstumsideologie' zu trennen, unsere 'künstliche Intelligenz' - die Computer - so zu programmieren, daß sie uns helfen, den nötigen Kurswechsel zu finden. - Der größte Teil der Menschen will nicht einsehen und daraus die Konsequenzen ziehen, daß alle Menschen der Welt nur gemeinsam den Ausweg finden können, daß nur die 'Wärme des Wir', die 'Erdmännchenphilosophie' die Menschheit retten kann.


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