Vor 32 Jahren: "Die Grenzen des Wachstums"

Eine andere Welt ist nötig!



Im vergangenen Jahr gab ich meinem Weihnachtsbrief die Überschrift: "Eine andere Welt ist möglich!"1 Wir wissen aber auch schon lange, daß eine andere Welt nötig ist. - Wie sieht es jedoch mit dem Handeln aus?

1972, also vor 32 Jahren, veröffentlichte der 'Club of Rome'2 den 'Bericht zur Lage der Menschheit' unter dem Titel 'Die Grenzen des Wachstums'. Das Buch erschien in den USA und im gleichen Jahr auch in Deutschland. Auf der Außenseite des Umschlags können wir lesen:

"Unkontrolliertes Wachstum hat die Menschheit in die Krise geführt. Sie steht an der Grenze ihrer irdischen Existenzmöglichkeiten. Es fehlt eine Welt-Konjunkturpolitik, die neue Gestaltungsmöglichkeiten im wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bereich bietet. Noch hat die Menschheit die Chance, durch ein auf die Zukunft bezogenes gemeinsames Handeln aller Nationen die Lebensqualität zu erhalten und eine Gesellschaft im weltweiten Gleichgewicht zu schaffen, die Bestand für Generationen hat."

Die Studie, die mit Computermodellen arbeitete, hat weltweites Echo gefunden. Von deutscher Seite war vor allem Eduard Pestel beteiligt, der zusammen mit Mihailo Mesarovic unter dem Titel 'Menschheit am Wendepunkt' 1974 einen zweiten Bericht herausgab. Man sollte meinen, daß die Politik solche Warnungen ernstnimmt und durch geeignete Maßnahmen darauf reagiert, vor allem, wenn sie durch weitere Veröffentlichungen immer wieder auf den Ernst der Lage hingewiesen wird. Ich möchte nur einige nennen, die in den folgenden Jahren erschienen sind. Sie vertieften einmal die Grundgedanken und Methoden oder beleuchteten die Probleme auch aus anderen Perspektiven. Besonders zu nennen ist da das 'Bariloche-Modell' aus Argentinien, das in Deutscher Sprache 1977 unter dem Titel 'Die Grenzen des Elends' im S. Fischer Verlag veröffentlicht wurde. Peter Menke-Glückert schrieb dazu im Vorwort: "Das BARILOCHE-Weltmodell ist der erste Entwurf einer Strategie zur Bekämpfung von Elend, Hunger, Unterernährung, Verweigerung einfachster Menschenrechte bei zwei Dritteln der Erdbevölkerung. ...." - Und sollte uns nicht auch ein Titel: 'Das Ende der Verschwendung' aufmerksam werden lassen?

Kritiker haben den Studien vorgehalten, daß mit zu wenigen Einflußgrößen gearbeitet wurde, daß die Verknüpfungen auch auf Voraussetzungen (z.B. der Methodik des kapitalistischen Wirtschaftssystems) basierten, die nicht zutreffen müßten. Dadurch würden die möglichen Wege, den Gefahren zu begegnen, eingeschränkt. Auch die sogenannte Chaostheorie rät zur Vorsicht bei längerfristigen Voraussagen. Trotzdem zeigt sich immer wieder, daß die Tendenz der damaligen Prognosen stimmt.

In Deutschland war es ein CDU-Bundestagsabgeordneter, Herbert Gruhl, der sich außerordentlich gründlich mit den aufgeworfenen Problemen befaßte und - nach einem gründlichen Literaturstudium - 1975 das aufsehenerregende Buch 'Ein Planet wird geplündert - Die Schreckensbilanz unserer Politik' veröffentlichte. Mit seinen klaren Erkenntnissen und Forderungen eckte er aber in seiner Partei an und hat sich später den Grünen zugewandt. Diesen war er allerdings zu 'konservativ' und hat deshalb die 'Ökologisch Demokratische Partei' (ÖDP) gegründet, die heute in den Wahlberichten leider nur unter 'Sonstige' geführt wird.

In den USA hat seinerzeit Präsident Jimmy Carter versucht, seine Politik nach den neuesten Erkenntnissen auszurichten. Dazu forderte er in einer Rede vor dem Kongreß am 23. Mai 1977, eine gründliche Studie über die Weltprobleme zu erstellen. 1980 erschien sie (auch in Deutscher Sprache) unter dem Titel 'Global 2000'. Die deutsche Ausgabe umfaßt mehr als 1400 Seiten. Leider hatte Carter nur eine Amtszeit, sodaß diese ungeheure Arbeit sich nicht in einer anderen Politik niederschlug.

Für uns lohnt es sich, das Buch von Herbert Gruhl noch einmal zur Hand zu nehmen. Man findet immer wieder Stellen, an denen er auf ganz wesentliche Tatsachen in unserem politischen System hinweist, so z.B.: "Die Menschheit 'produziert' heute Kinder, die bis zu ihrem 65. Lebensjahr, also bis 2040, einen Arbeitsplatz beanspruchen werden. Der wirtschaftspolitische Horizont reicht aber nicht einmal bis zum Jahre 2000. Das heißt, er reicht nicht weiter als bis zu dem Zeitpunkt, wo die heute geborenen Kinder gerade erst ihre Berufsausbildung abgeschlossen haben werden." - Welcher Politiker versucht heute ernsthaft, sich eine Entwicklung unseres Wirtschafts- und Sozialsystems bis zum Jahr 2070 vorzustellen und seine politischen Maßnahmen danach auszurichten?

In der Studie 'Die Grenzen des Wachstums' wird in einer Graphik dargestellt, daß die meisten Menschen räumlich und zeitlich nur einen sehr kleinen 'Denkradius' haben, z.B. 'Ich und meine Familie heute und morgen'. Die Zahl derer, die die gesamte Erde und die Lebensspanne der Kinder und Enkel im Auge haben, ist sehr gering. Politiker sind nur selten darunter. Deren Zeithorizont liegt meist bei nur einer Wahlperiode von 4 oder 5 Jahren. Sicher gibt es auch noch andere Politiker, die - wie damals Herbert Gruhl - weiter denken. Doch die scheinen im Bundestag auf den hinteren Bänken zu sitzen. Vorn sitzen die, die ständig auf Lobbyisten hören. Diese versuchen aber, als Vertreter bestimmter Wirtschaftszweige, deren Interessen durchzusetzen. Wenn Beraterausschüsse gebildet werden, fehlen in diesen oft Fachleute mit neuen Ideen. Und dann werden uns die 'Wirtschaftsweisen' vorgestellt, die den Nimbus der 'Unfehlbarkeit' besitzen, aber auch nicht bereit sind, die herkömmlichen Wege infrage zu stellen.

Welche Bedrohungen müßte heute eine Studie 'Global 2030' vorrangig aufgreifen? - Der Klimawandel läßt sich nicht mehr verleugnen. Er liegt nicht mehr im Bereich der natürlichen Schwankungsbreite für kürzere Zeiträume. - Der Energiebedarf nimmt gewaltig zu. - Die Umweltverschmutzung zeigt bedrohliche Wirkungen. - Die Kluft zwischen Armen und Reichen wird immer größer. - Obwohl es genügend Arbeit zur Verbesserung der Situation gäbe, nimmt die Zahl der Arbeitslosen zu. - Der Hunger in der Welt ist - verbunden mit Krankheiten - ein Problem, das einer humanen Gesellschaft unwürdig ist. - Kriege verschleudern gewaltige Mittel und bringen maßloses Leid über die betroffenen Menschen.

Um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, fällt unseren Politikern nur ein Rezept ein: Wachstum und nochmals Wachstum! Dazu schrieb Frederic Vester: "Wenn wir das nächste Mal von Wachstum reden, so sollten wir daran denken: Wir haben nur diesen einen Planeten, und der wächst nicht mit!"

Seit mehr als 30 Jahren konnten es die Politiker wissen, daß sie über andere Methoden zur Lösung unserer Probleme nachdenken müssen. Doch geschehen ist bisher nichts! Es kann sich keiner herausreden, er habe es nicht gewußt. Jedes Ministerium hat Mitarbeiter, die sich die vielen Studien renommierter Wissenschaftler vornehmen und daraus Entwürfe für eine andere Politik ableiten könnten. Ich nenne dazu die Studie der 'Gruppe von Lissabon' mit dem Titel 'Die Grenzen des Wettbewerbs' (1995 in Englisch und 1997 in Deutsch erschienen).

Solange ein 'Wettbewerbsmuster' gilt, das auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, sind vernünftige Lösungen kaum zu erwarten. Ein Beispiel: Wir wissen, daß in absehbarer Zeit die Erdölvorräte zu Ende gehen werden. Andererseits ist bekannt, daß China den 'Lebensstandard' seiner Bevölkerung schnellstens verbessern will. - Durch die Verlagerung vieler ehemals europäischer Produktionen in dieses Land wird die Tendenz nach besserer technischer Infrastruktur verstärkt. Um da ein gutes Geschäft zu machen, will VW in diesem Jahr dort 800 000 Autos verkaufen. Dabei liegt man im Wettbewerb mit andern Firmen, die ebenfalls verkaufen wollen.

Im Sommer hörten wir aber, daß bei uns die Kraftstoffpreise gestiegen sind, weil die Nachfrage in China so groß geworden ist.

Wir wissen, daß in absehbarer Zeit grundsätzlich andere Verkehrssysteme notwendig werden, wenn wir aus dem Chaos eines grenzenlosen Individualverkehrs herauskommen wollen. - Warum wird dann heute so viel in den Straßenbau und Autos investiert, daß ein späteres Umsteigen erschwert wird? Warum sagt man nicht heute schon, daß wir bessere Systeme in den Ländern entwickeln wollen, in denen noch nicht so viel verdorben ist? - Auch bei uns hätte man zur Wende 1990 bessere Systeme des öffentlichen Verkehrs in ganz Deutschland bereitstellen sollen, anstatt einen weiteren Autoboom zu entfesseln.

Wie kommt es, daß technische Neuerungen - z.B. Handy und Internet - sich äußerst schnell durchsetzen und auch zu beträchtlichen Änderungen im gesellschaftlichen Bereich führen, während grundlegende Reformen in Politik und Wirtschaft höchstens im Schneckentempo vorankommen?

Die sogenannte Globalisierung befaßt sich heute nur mit der Wirtschaft. Wenn es die sozialen Verhältnisse wären, wenn wir dafür sorgen wollten, daß der Hunger aus der Welt verschwindet, wenn wir solche Bedingungen schaffen wollten, daß ein friedliches Zusammenleben aller Menschen - unabhängig von Religion und traditionellen Bindungen - möglich würde, wenn wir alle Menschen als eine große Familie sähen, so wäre eine solche Globalisierung ideal.

Aber, was heute angestrebt wird, bezieht sich, wie gesagt, nur auf das Gebiet der Wirtschaft und läuft so, daß die reichen Länder - voran die USA - immer mehr Macht gewinnen. Sie geht so weit, daß nicht mehr die Politik die Entwicklung beeinflussen kann, sondern daß die Manager der großen Wirtschaftsunternehmen ohne jede demokratische Legitimation das Geschehen bestimmen. - So läßt sich aber keine auf Dauer stabile Welt erreichen.

Meines Erachtens kommt es darauf an, nach einem System zu fragen, das bestimmte Probleme lösen kann. Wir schaffen es wohl nicht, innerhalb eines vorgegebenen Systems, z.B. der kapitalistischen Marktwirtschaft. - Hier kann die Arbeitsweise der Physik als Beispiel dienen: Als Max Planck feststellte, daß bestimmte Meßergebnisse im Bereich der Optik sich nicht mit der klassischen Physik erklären ließen, kam er zu einer neuen Theorie, der Quantentheorie. Ohne sie wäre z.B. die Entwicklung unserer Computer nicht möglich gewesen. Solange die Betriebe und ihre Aktionäre ihr Ziel nur in der Gewinnmaximierung sehen und nicht - wie früher einmal - in der Pflicht, soziale Belange zu erfüllen und damit auch wirkliche Bedürfnisse zu befriedigen, wird sich die menschliche Gesellschaft immer weiter dem Abgrund nähern. - Bei uns wird immer mehr - oft völlig unnötiger - Bedarf geweckt. Dazu brauchen wir mehr Lohn, um ihn zu befriedigen. Dagegen leben in den Slums der armen Länder Menschen in unwürdigen Verhältnissen und müssen oft an Hunger sterben.

Früher sah es z.B. die Bahn als ihre Aufgabe an, möglichst pünktlich und zuverlässig Personen und Güter zu befördern. Sie hat damals erstaunliche Erfolge erzielt. Heute sieht Herr Mehdorn seine Aufgabe darin, die Bahn schnellstmöglich 'börsenreif' zu machen. - Was hat die Deutsche Post z.B. in China zu suchen? Sie sollte in Deutschland ihre Aufgaben kundenfreundlich erfüllen. Die internationalen Aufgaben wurden seit 1874 durch die Gründung des Weltpostvereins durch Heinrich Stephan bestens bewältigt.

Heute wird - mit der Begründung Arbeitsplätze schaffen zu wollen - das seit Bismarck mühsam weiterentwickelte Sozialsystem immer weiter abgebaut, werden 'amerikanische Verhältnisse' von Seiten der Wirtschaft angestrebt. Doch, wie sehen diese z.B. aus? - In den USA werden auch neue Arbeitsplätze geschaffen. Doch mancher benötigt drei davon, um seine Familie ernähren zu können. - Erst hat man durch angeblich nötige Reformen, die in die falsche Richtung gehen, das Sozialgefüge etwas ins Rutschen gebracht. Jetzt helfen die Führungspersonen aus den Wirtschaftsverbänden kräftig nach, um gleich alle Errungenschaften aus mehr als hundert Jahren lawinenartig wieder auszulöschen. Wir befinden uns in einer sozialen Abwärtsspirale, die möglicherweise zu den Verhältnissen am Beginn der Industrialisierung zurückführen wird. - Können wir das zulassen? Längere Arbeitszeiten schaffen keine neuen Arbeitsplätze in Deutschland; denn eine Verbilligung der Arbeit bei uns reicht nicht aus. Da weltweit die Not groß ist, wird es immer wieder anderswo billigere Produktionsmöglichkeiten geben und die Industrie dorthin gehen. - Und dann gibt es noch die Verlagerung von Arbeitsplätzen innerhalb von Europa. Jubelnd wird gemeldet, daß die Post AG in Leipzig ein neues Drehkreuz für den Luftpostdienst bauen will. Es werden Tausende von Arbeitsplätzen geschaffen. Doch die fehlen dann in Brüssel. - Die 'Adam- Smith-Philosophie' sieht das als erstrebenswert an. - Für mich ist das keine Lösung des Problems.

Vor 32 Jahren erschien die Studie 'Die Grenzen des Wachstums'. Wir stellen fest, daß die vorhergesagten Tendenzen stimmen. Es ist eine völlig falsche Richtung der Politik, wenn sie auch heute noch ihre derzeitigen Probleme mit weiterem Wachstum lösen will. Wenn unsere Politiker so wenig Verantwortungsbewußtsein gegenüber den zukünftigen Generationen haben, müssen sie abgelöst werden. Wo sind aber die, die diesen neuen Weg mit Erfolg gehen können? - Wir wissen zwar das Ziel. Aber wer kennt den Weg? - Der erfolgreiche Weg führt wohl über eine völlig neue Grundeinstellung zum Leben, die eigentlich selbstverständlich sein sollte. Zu Weihnachten wird sie uns immer wieder gepredigt. Sie heißt: Liebe zu allen Menschen, zur Schöpfung und damit eine Chance für den Frieden in aller Welt.

Anmerkungen:
1 Ein deutlich erweiterter Text steht im Internet unter: www.zukunft-gzs.de/texte/sonstige
2 ein 'informeller Zusammenschluß von damals etwa 70 Mitgliedern [Wissenschaftler der verschiedensten Provenienz, Industrielle, Wirtschaftler, Humanisten] aus 25 über die ganze Erde verteilten Staaten'




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