Des Kaisers neue Kleider



Des Kaisers neue Kleider - ich werde immer wieder an dieses Märchen von Hans-Christian Andersen erinnert, wenn ich Äußerungen zur derzeitigen Politik verfolge. - In diesem Märchen bieten Strolche dem Kaiser an, daß sie ihm wunderbare Kleider anfertigen können, die eine besondere Eigenschaft haben: Nur die Leute könnten sie sehen und bewundern, die klug und für ihr Amt geeignet seien. Der Auftrag wird gegeben. Aber die Strolche spiegeln nur Geschäftigkeit vor. In Wirklichkeit tun sie gar nichts. So sieht sich auch der Kaiser bei der Anprobe nur nackt. Er erschrickt, will es aber nicht zugeben, da er doch dann dumm und für sein Amt ungeeignet wäre. - So geht es auch seinen Ministern und seinem gesamten Hofstaat. Sie bewundern die ausgezeichnete Arbeit, um nicht als dumm und ungeeignet gebrandmarkt zu werden. - Schließlich folgt auch eine Prozession vor dem Volk. Alle Menschen loben die prächtigen Gewänder. Nur ein Kind ruft plötzlich: "Er hat ja gar nichts an!" - Da dämmert es allen, daß sie hereingelegt worden sind.

Die Frage, ob Ähnliches in der heutigen Politik zu beobachten ist, haben sich auch schon andere gestellt. Dabei sind viele interessante Parallelen gefunden worden. - Ich meine, daß wir zu den derzeitigen Problemen ebenfalls 'kindliche Fragen' stellen müssen, um wirklich Wege zu finden, die nicht nur kurze Flickschusterei sind.

Um etwas freier argumentieren zu können, nehmen wir an, unser Kaiser hieße Gerold, den das Volk gebeten hatte, die dringendsten Probleme im Lande zu lösen. Das war keine leichte Aufgabe, die er bewältigen mußte. Der Wirtschaft ging es gar nicht gut; denn sie hatte immer ihre Strategie auf Wachstum ausgerichtet. Doch das machte nun Schwierigkeiten, weil man sehen mußte, daß Energie- und Rohstoffquellen in absehbarer Zeit erschöpft sein würden. Außerdem mußte man auf die Umwelt Rücksicht nehmen, weil - z.B. wegen der zunehmenden Umweltverschmutzung - die Gefahr bestand, daß das Klima sich gefährlich ändern könnte. - Doch diese Tatsachen wollten viele - vor allem auch unter den Wirtschaftswissenschaftlern - nicht wahrhaben.

Obwohl es viele sehr reiche Einwohner gab, fehlte das Geld an entscheidenden Stellen. Dadurch wurde die Arbeitslosigkeit zum Problem. Die Manager der großen Firmen ließen lieber ihre Produkte in den sogenannten 'Billiglohnländern' herstellen, damit sie noch reicher werden konnten. Das Gefühl der Menschen, daß nicht jeder nur an sich denken dürfe, war in den letzten Jahrzehnten immer mehr geschwunden. Das Schicksal der Mitmenschen, des gesamten Planeten und der späteren Generationen interessierte wenig. Die meisten Bürger ließen sich von dem Gedanken leiten, daß sie selbst möglichst reich werden wollten. Eine einfache Möglichkeit dafür war die Aktienspekulation. Das war ein 'arbeitsloses Einkommen', das aber in jedem Fall auf Kosten der weniger gerissenen Mitmenschen erworben wurde.

So beschloß Kaiser Gerold, sich Ratgeber zu suchen. Diese kamen von der Wirtschaft, aber auch von den Universitäten, wo sie schon seit Jahrzehnten die 'Lehre vom Allheilmittel Wachstum' vertraten. Aus dem Harz kam eine ganze Kommission, um ihre Dienste anzubieten. Sie wollte dem Kaiser Ratschläge geben, wie er die Arbeitslosigkeit deutlich mindern könne.

Der Kaiser hatte Zweifel, ob alles gelingen könne, ob auch seine Untertanen von seinen Maßnahmen überzeugt werden könnten. Einer der Ratgeber sagte ihm dazu, daß doch die Vorschläge so deutlich seien, daß alle, die klug und für ihr Amt geeignet wären, das erkennen müßten. Außerdem gäbe es doch die Möglichkeit auf einfache Weise die BILDung im Volke zu verbessern, so daß jeder geBILDete Mensch die Weisheit seiner Beschlüsse und die Logik in den Vorschlägen seiner Wirtschaftsweisen erkennen müsse.

Die Regierung hatte aber kaum Möglichkeiten, direkt lenkend in das Wirtschaftsgeschehen einzugreifen. Die wirtschaftliche Macht lag in den Händen von relativ wenigen Privatleuten in aller Welt, die durch die sogenannte Globalisierung immer einflußreicher geworden waren. Mit ihrem Vermögen steuerten sie die Wirtschaft so, daß der sogenannte 'shareholder value' - der Aktienkurs - möglichst anstieg, ganz gleich, ob damit Menschen, die ihr Geld mit produktiver Arbeit verdienten, arbeitslos und damit ins Unglück gestoßen wurden.

Das Vermögen stieg jedoch nicht nur durch Börsenspekulation an, sondern vor allem auch durch die Zinsgewinne. Auch der Staat mußte immer wieder Geld leihen. Die Zinsen, die er zahlen mußte, waren ein beträchtlicher Teil des Haushaltvolumens, so daß der finanzielle Spielraum der Regierung immer weiter eingeengt wurde. - Manche Staaten mußten mehr Geld an Zinsen aufbringen, als sie von den reichen Ländern als sogenannte Entwicklungshilfe erhielten.

Maßnahmen zur Verbesserung der Situation liefen immer weiter in die falsche Richtung, obwohl schon vor vielen Jahrzehnten ein kluger Geselle mit Namen Silvio darauf hingewiesen hatte, daß eine natürliche Wirtschaftsordnung auf Zins und Zinseszins verzichten müsse; denn in einer begrenzten Welt dürfe auch das Geld nicht unbegrenzt wachsen. Und das geschehe bei Zins und Zinseszins. (Silvio Gesell: 'Die natürliche Wirtschaftsordnung' erstmals erschienen 1916)

In diesem Land lebte ein Vater mit seinem Kind, das das, was der Vater und die vielen anderen Menschen für richtig hielten, nicht einsehen wollte. Doch, wenn es seinen Vater darauf ansprach, sagte dieser, daß es eben noch zu jung sei, um die nötige BILDung zu besitzen. - Ich kann die vielen Gespräche, die geführt wurden, aus Platzgründen nicht wiedergeben. Deshalb wollen wir überlegen, was wohl bei einem 'kindlichen Gemüt' auf Unverständnis stoßen würde:

Die Leute aus dem Harz wollen die Arbeitslosigkeit verringern und dazu die Arbeitsvermittlung verbessern. Sicher kann da der eine oder andere wieder in Lohn und Brot kommen. Wie groß ist aber die Zahl der offenen Stellen im Vergleich zur Zahl der Arbeitslosen? - Gibt es die passenden Bewerber? - Ein ehemaliger Lagerarbeiter z.B. kann durch Umschulung nicht zum Computerspezialisten mit Managementfähigkeiten werden. - Wenn man die Arbeitssuchenden dazu bringt, sich in einer 'Ich AG' selbständig zu machen, so fehlen den meisten Menschen dazu wohl die nötigen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse. Sie sind in der Arbeitslosenstatistik verschwunden und tauchen wenig später als Sozialhilfeempfänger wieder auf. Dann sind sie wohl unglücklicher als vorher.

Vielleicht schafft der eine oder andere Betrieb tatsächlich neue Arbeitsplätze. Ständig lesen wir aber, daß hier einige Tausend und da einige Tausend Arbeitskräfte entlassen werden sollen, weil z.B. die Produktion in die Billiglohnländer verlegt wird oder - wie z.B. bei Post, Bahn und Banken - der Service verringert wird. Bei diesen Meldungen steigt der Aktienkurs der Firmen, und wieder werden einige Reiche noch reicher auf Kosten derer, die bereits recht arm sind.

Da kann nur ein starkes Wirtschaftswachstum helfen. Das bedeutet aber mehr Rohstoff- und Energieverbrauch, mehr Umweltbelastung, mehr Klimaerwärmung und als Folge mehr Wetterkatastrophen. - Wie soll es denn weitergehen, wenn z.B. die Menschen in Indien oder China ebenso viele Autos pro 1000 Einwohner haben wollen wie wir? - Im 'Greenpeace-Magazin' Nr. 6/2002 lese ich, daß es in Indien mit fast 1 Milliarde Menschen nur 8 Millionen Autos gibt, wovon gut 2,5 Millionen Nutzfahrzeuge sind. Also gibt es einen PKW für ca. 185 Menschen, während es bei uns einen Pkw für 2 Menschen gibt. In den USA gibt es sogar 800 Autos für 1000 Einwohner. - Wie können wir jedoch andere Länder von einer Fehlentwicklung überzeugen, wenn wir selbst nicht bereit sind, die Wirtschaftspolitik zu korrigieren!

Was ist denn der große Fehler? - Die Wirtschaftswissenschaft möchte, daß ihre 'Gesetze', ebenso wie Naturgesetze, als allgemeingültig angesehen werden. Doch das sind sie nicht. Wir können und müssen sie ändern, obwohl die weltweite Verflechtung unsere Hoffnung auf ein Gelingen stark dämpft. - Hier muß wohl das Kind wieder fragen, was denn die Ursprünge der Wirtschaft waren: Sie sollte doch für alle ein besseres Leben ermöglichen, indem sie - je nach den Fähigkeiten der einzelnen Menschen - die verschiedenen Arbeiten aufteilte und später durch die Einführung des Geldes die vorherige Tauschwirtschaft vereinfachte. Die Wirtschaft wurde also an die Bedürfnisse der Menschen angepaßt. - Heute sind wir Sklaven unseres Wirtschaftssystems. Da wird verlangt, daß sich der Mensch der Wirtschaft anpassen muß, und die hilft nicht ihm sondern vor allem einigen Reichen, die noch reicher werden. Eines wird von den meisten übersehen, und auch unser Kind wird das nicht gleich erkennen: Es ist die Tatsache, daß in den Preisen für Waren und Dienstleistungen aller Art erhebliche Zinsanteile von geschätzt 40 - 60% enthalten sind, die jeder bezahlt, selbst wenn er keine Schulden hat. Dadurch ergibt sich, daß nur etwa 10% der deutschen Haushalte mehr Zinsen bekommen als sie zahlen. (Helmut Creutz in der Zeitschrift 'Humanwirtschaft' Okt./Nov. 2002, S. 17) Eine grundlegende Änderung des Weltwirtschaftssystems ist erforderlich. Weltweit engagiert sich die Organisation 'Attac' dafür. Aber auch in der Zeitschrift 'Humanwirtschaft - Zeitschrift für eine menschlichere Marktwirtschaft' sind viele Gedanken dazu zu finden. Ein Patentrezept, wie eine Änderung durchzusetzen wäre, weiß ich nicht. Es gibt jedoch viele ernstzunehmende Überlegungen und auch gelungene Versuche. Wichtig ist, daß möglichst viele Menschen anfangen, wie das Kind nachzufragen, aber dann auch weiterdenken und nicht vor den Äußerungen der sogenannten Wirtschaftsweisen in Ehrfurcht erstarren.


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