Nur Gerechtigkeit bringt Frieden!



Weihnachten 2001 - Wieder Kriegsweihnacht! Die meisten mögen sich dessen nicht bewußt sein, weil der Kriegsschauplatz so weit weg ist. - 1944 hatte ich das Glück, die letzte Weihnacht des 2. Weltkrieges in der Heimat feiern zu können. Ich habe mich damals mit meiner späteren Frau verlobt und mit ihr 48 glückliche Ehejahre verbracht. Als dann im Mai 1945 der Krieg zu Ende ging, habe ich gehofft, daß nicht noch einmal deutsche Soldaten Weihnachten im Kriegseinsatz erleben müßten.

Als junger Mensch unter Hitler glaubte ich, daß uns der Krieg aufgezwungen worden sei. Wir übersahen nicht die Zu sammenhänge und fühlten uns im Recht. Ich habe noch einige Jahre benötigt, bis mir der Irrtum ganz deutlich wurde. Ab 1956 habe ich aber die Konsequenzen aus diesem Irrtum gezogen und mich aktiv dafür eingesetzt, daß so etwas nicht mehr geschehen sollte. - Der Generation unserer Eltern hat man vorgeworfen, daß sie nicht gegen Hitler aufgestanden sei. - Doch was geschieht heute? - Wer hat heute den Mut Zweifel anzumelden, wenn es heißt: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!" - Eine Kritik an der auf kriegerische Gewalt gestützten Politik der USA hat nichts mit Antiamerikanismus zu tun. - Eine Kritik an der Politik Scharons nichts mit Antisemitismus! -

Seit 20 Jahren versende ich besinnliche Briefe zur Weihnachtszeit. Jetzt habe ich das 80. Lebensjahr vollendet. - Da liegt es nahe, die Frage zu stellen: "Wofür bist Du angetreten? Was hast Du getan als Dank dafür, daß Du eine Zeitlang auf diesem wundervollen Planeten Erde leben durftest? - Was hast Du erreicht? - Was bleibt als Erfolg Deiner Bemühungen, wenn Du einmal nicht mehr bist?" - Die Ereignisse des 11. September und ihre Folgen lassen die Bilanz betrüblich aussehen. Jetzt frage ich mich: "Wo habe ich nicht genug getan, vielleicht zu viel Rücksicht genommen auf persönliche Interessen? - Ich wußte doch so vieles, was dem größten Teil meiner Mitmenschen nicht bewußt geworden ist, was sie vielleicht auch verdrängt haben." - Dabei ist natürlich klar, daß ich nur ein kleines Rädchen im Weltgetriebe bin. Es sind aber viele, die sich für eine bessere Welt engagieren. Denken wir dabei an die Chaostheorie, den 'Schmetterlingseffekt'!

Was bedeutet heute noch das Weihnachtsfest? Christus, der seit 2000 Jahren das Handeln der Menschen bestimmen sollte, ist in die Kirche verbannt. - Draußen, und da nicht nur an der Börse, gibt es stattdessen den 'Tanz ums Goldene Kalb' - Christlich leben heißt doch aber, so zu leben, als ob er unter uns wäre, als ob wir seine Jünger wären. - Der frühere Kirchenpräsident von Hessen, Martin Niemöller, sagte einmal in den 60er Jahren - damals in Bezug auf die Atomwaffen: Wenn wir nicht wüßten, wie wir uns bei einer schwierigen Entscheidung verhalten sollten, so sollten wir uns fragen, bei welcher Handlung Jesus wohl mitmachen würde.

Ja, wenn Jesus heute lebte, wo wäre er? - Sicher wäre er nicht bei den Kamikazefliegern gegen das World-Trade- Center, aber auch nicht bei den Bombern gegen Afghanistan. -

Am 11. September hat die 'westliche Welt' ein Schock getroffen. Es hat glücklicherweise weniger Opfer gegeben, als man zuerst vermutete. Und doch ist jeder, der durch Gewalt umkommt, ein Toter zu viel. - Aber, blicken wir doch einmal weiter! Stellen wir uns einen Zug all derer vor, die durch Gewalt, auch durch die 'strukturelle Gewalt' unseres Wirtschaftssystems in den 56 Jahren nach dem Ende des 2. Weltkrieges umgekommen sind, an deren Tod vielleicht auch wir - wenn vielleicht auch nur wegen Gleichgültigkeit - eine gewisse Mitschuld tragen. - Es wären viele Millionen. - Und in diesem Zug richtet sich - wie im Theater - ein Scheinwerfer auf die Gruppe der Toten des World-Trade-Centers und des Pentagon. - "Doch die im Dunkeln sieht man nicht!" -

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, daß aus der Sicht von Entwicklungsländern die Ursachen des Terrors nicht nur im religösen Fanatismus radikaler Moslems liegen, sondern auch in den vielen Problemen, die in der Welt ungelöst sind, weil die 'westliche Welt' nicht auf Privilegien verzichten will. - Es kann keine Sicherheit geben, wenn militärische Mittel eingesetzt werden, die - direkt oder indirekt durch Hunger - unter der Zivilbevölkerung mehr Opfer fordern als bei den feindlichen Truppen. - Wir könnten aber die Ursachen für den Terror beseitigen, indem wir eine gerechtere Welt schaffen. - Wie können wir behaupten, daß nur der amerikanische 'Way of Life" der richtige, der allgemein gültige sei? Er propagiert das Recht des Stärkeren auf der Grundlage Darwins. - Dabei ist in mancher Schule in den USA die Lehre Darwins verboten, weil sie angeblich dem Christentum widerspricht.

In der Weihnachtszeit hören wir die Botschaft vom Frieden. Doch in einer Information des Umweltfonds (Nr. 13 vom November 2001) lese ich: "... solange ein paar Hundert Super- Aktionäre die Hälfte des gesamten (!!) Weltvermögens besitzen, solange zugleich täglich 24.000 Menschen mangels Nahrung sterben, 800 Millionen Menschen Hunger leiden, Milliarden der Zugang zu Bildung verunmöglicht wird - solange ist kein Frieden möglich auf dieser Welt." - Es fällt schwer, sich für eine bessere Welt auf den Weg zu machen. - Weihnachten 1999 forderte ich 'die Kühnheit, trotzdem ja zu sagen.' - 1997 sagte ich (in Anlehnung an das Kirchentagsmotto): "Auf den Weg der Gerechtigkeit führt die Liebe" - Und im letzten Jahr zitierte ich meinen Freund Werner Mittelstaedt: "... auch die kleinsten Beiträge zählen - seien sie auch noch so bescheiden, denn jedes Handeln verändert die Welt, jedes." - Ich stehe auch heute noch zu diesen Aussagen und möchte Mut machen zum eigenen Handeln.

Ich kann in einem so kurzen Brief keine Einzelheiten bringen. Doch ich habe am 17.06.01, also knapp ein Vierteljahr vor dem Terrorangriff, ein Manuskript abgeschlossen, das die Überschrift 'Weiterdenken' trägt. Es ist in der Jubiläumsanthologie 'Die Unendlichkeit der Gedanken' des Verlages Haag und Herchen abgedruckt. - Hier frage ich nur: "Wo sind die Werte, für die wir angeblich angetreten sind, geblieben?" - Wir brauchen eine neue Werteskala, in der Dollarkurs und Aktienkurs nicht an erster Stelle, sondern ganz unten stehen. Wir müssen Abschied nehmen von der 'Generation Ich', wie es in der Zeitschrift 'Max' formuliert wurde. - Erinnern wir uns doch an den November 1989, als die Mauer fiel. - Ob wir nun dabei waren oder es auf dem Bildschirm verfolgten, es überkam die Menschen ein Glückgefühl, ein Gemeinschaftsgefühl, wie es wohl mancher vorher und auch später nicht wieder erlebt hat. Wer dachte da an Geld? - Millionen lebten plötzlich in der 'Welt des Seins'

Weihnachten und die Gedanken an das neue Jahr sollen uns nicht in Trübsal versinken lassen, sondern uns Hoffnung geben, daß wir doch noch alles zum besseren wenden können. Ich sage absichtlich nicht 'daß es sich wendet'. Wir sind selbst gefragt. Jeder muß sein Teil dazu beitragen. Nur dann gibt es Chancen. - Wie unser Einsatz zu einer Wende beitragen kann? - Ich weiß es nicht! - Aber ich weiß, daß es besser werden kann, wenn die Menschen nicht alles glauben würden, was ihnen über die Medien aufgetischt wird. - In den USA wurde doch offiziell gesagt, daß man 'um der guten Sache willen' auch lügen müsse. Stützen wir also unsere Stellungnahmen nicht einfach auf das, was uns 'vorgebetet' wird - ganz gleich von welcher Seite! Vielleicht merken wir dann, daß vieles logisch nicht zusammenpaßt. Dann entsteht hoffentlich eine 'öffentliche Meinung', die die Entwicklung zu immer mehr Gewalt bremst.

Ganz wesentlich ist aber, daß wir uns von dem Gedanken lösen, daß unser Wohlergehen nur im Materiellen liege. Es kann nicht gutgehen, wenn jeder nur an sich selbst denkt. Die Botschaft der Weihnachtszeit soll doch die umfassende Liebe sein. Machen wir ihr Platz in unseren Herzen und versuchen wir, nicht nur materielle Dinge, sondern diese Liebe zu schenken!


Weiter zum nächsten Weihnachtsbrief
Klicken Sie auf Home, wenn Sie links keine Navigation sehen: Zur Homepage: 
www.zukunft-frieden-schulze.de 
Zukunft und Frieden als Lebensaufgabe