Jedes Handeln verändert die Welt



Silvester 1999 wurde von vielen mit großem Aufwand als das Ende des 20. Jahrhunderts gefeiert und damit der Beginn eines neuen Zeitalters, die 'Jahrtausendwende', begangen, nach der alles besser werden sollte. - Abgesehen davon, daß das neue Jahrtausend mathematisch korrekt erst mit dem 1. Januar 2001 beginnt, sollten wir uns klarmachen, daß unsere Zeiteinteilung doch völlig willkürlich ist. In der Geometrie des Sonnensystems vollzieht sich der Jahreswechsel in keinem ausgezeichneten Punkt der Erdbahn. Wir benötigen kein 'magisches Datum' für den Beginn eines Umdenkens in eine bessere Richtung. - So war im August 1999 die BlLD-Uberschrift zur totalen Sonnenfinsternis "Der Kosmos kocht." auch völlig irrsinnig. Ständig wirft der Mond einen Schatten. Wenn dieser einmal auf einem schmalen Streifen über die Bundesrepublik läuft, interessiert das 'den Kosmos' überhaupt nicht.

Wir lassen uns viel zu sehr von dem Gedanken beeinflussen, daß für das Wohl und Wehe auf der Erde andere zuständig und verantwortlich seien, daß wir selbst nichts ändern könnten, obwohl wir es doch wollen. - Aber wollen wir es da, wo wir es wirklich könnten? - Ein Beispiel: Umfragen haben ergeben, daß sehr viele Menschen bereit wären, für den Strom mehr zu bezahlen, wenn damit die Umwelt geschont würde. Die Praxis zeigt dagegen, daß die Zahl der Umsteiger auf 'Ökostrom' demgegenüber doch recht gering ist. - "Wir können uns die höheren Kosten nicht leisten, weil wir z.B. Inlineskater, Roller oder sonst etwas kaufen 'müssen'." -

Woran liegt es, daß zwar viele erkennen, wie die Welt ins Verderben steuert? Warum scheinen wir unfähig zu sein, das Ruder herumzureißen? - Ich meine, daß es die vielen falschen Vorgaben sind, die von unseren 'Propheten des Glücks' in die Gehirne gemeißelt werden. "Ich will Spaß! - Ich will Spaß! ...." tönt es aus den Lautsprechern. - Lebensfreude ist durchaus positiv zu sehen. Allerdings darf der Ruf nach Spaß nicht dazu führen, daß uns unsere Mitmenschen und unsere Umwelt gleichgüitig werden.

Andererseits wird auch die 'Leistungsgesellschaft' gefordert. Wir sollen fit sein für immer mehr 'Beschleunigung' in unserem Leben. Prof. Peter Glotz sprach in einer Fernsehsendung von einer Gesellschaft, die einmal zu zwei Dritteln aus 'Beschleunigern' und zu einem Drittel aus 'Entschleunigern' bestehen würde. Er hält das für wünschenswert und sieht in den 'Entschleunigern' die Versager in unserem System. - Was bringt uns denn die ständige Beschleunigung? - Was bringt sie den Menschen in den ärmeren Ländern? - Was bringt sie denen, die in dieser Hektik das Tempo nicht mithalten können oder wollen?

Die Betrachtungsweise, der heute sehr viele in den Industrienationen anhängen, sieht das Wirtschaftssystem im Mittelpunkt unseres Seins. Es braucht das Wachstum und fragt nicht danach, ob die Produkte, die es hervorbringt, auch nützlich oder gar schädlich sind. Da bemüht man sich angeblich, den Menschen in den sogenannten 'Entwicklungsländern' eine bessere Zukunft zu schaffen und braucht doch gerade deren niedrigen materiellen Lebensstandard, um bei uns Erzeugnisse, z.B. der Massen-Hochtechnologie, zu einem kaum verständlichen niedrigen Preis auf den Markt bringen zu können. Demgegenüber müssen diese Menschen für die Waren, die sie nur von uns be kommen können, einen sehr hohen Preis zahlen, weil die Lohnkosten bei uns viel höher sind. So wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer. - Es wird angestrebt, daß jeder Mensch einen Internet-Anschluß haben soll. Können die Hungernden dann beim 'Surfen' ihren Hunger vergessen?

Warum sollen denn möglichst viele ins Internet gehen oder ein Handy betreiben? - Ist das wirklich lebenswichtig? - Zweifellos gibt es in speziellen Fällen Vorteile. Der Hauptgrund ist jedoch der, daß in die Entwicklung dieser Technik sehr viel Kapital gesteckt wurde, das aber nur genügend Rendite bringt, wenn ein riesiger Absatzmarkt da ist. Für die UMTS-Lizenzen wurden fast 100 Milliarden DM gezahlt. Das sind pro Bundesbürger einschließlich Babies und Rentnern ca. 1.200 DM. Da muß ein Vielfaches verdient werden, damit sich der Kapitaleinsatz lohnt.

Kommt man aber durch produktive Arbeit zu dem benötigten Geld, um sich diesen Luxus leisten zu können? - Die 'schnelle Mark' macht man heute mit Aktiengeschäften, an denen sich jeder beteiligen soll. Nach groben Schätzungen sind heute nur ca. 10% der Geldgeschäfte mit der Produktion von Waren und Dienstleistungen verbunden. 90% dienen der Spekulation, und bei der gilt: "Was ich gewinne, muß ein anderer verlieren!" - Zu einem höheren Lebensstandard trägt aber nur das bei, was als Gegenwert in Waren und Dienstleistungen zur Verfügung steht.

Charakteristisch für unsere Zeit ist das Konkurrenzdenken. "Ich muß der Erste sein, die anderen ausstechen. Es ist Naturgesetz, daß der Bessere überlebt."- In diesem Zusammenhang sprechen wir von Sozialdarwinismus. - Zweifellos gibt es in der Tierwelt Beispiele genug, die das belegen. Sie werden dann auf die menschliche Gesellschaft angewandt. Aber gerade die, die das tun, behaupten bei anderer Gelegenheit, daß es zwischen Mensch und Tier gewaltige Unterschiede gebe. - Die Natur hat sich sehr viel Zeit genommen, um immer wieder Lebensformen zu entwickeln, die, aufeinander angepaßt, im Gesamtsystem 'Gaia' (der 'Mutter Erde') überlebensfähig sind. Das geschah in Milliarden von Jahren. Vor relativ kurzer Zeit (ca. 3 Millionen Jahren) entstanden schließlich Wesen, die ihr Gehirn viel stärker nutzten als alle anderen Tiere. "Der Mensch ist ein 'Gehirntier'." wurde uns in der Schule beigebracht. -

Aber der Einsatz des Denkens ist nicht alles, wozu das menschliche Gehirn fähig ist. Es ist nicht Sklave seiner Gene, sondern kann auch Gefühle entwickeln, verarbeiten und sie kontrollieren. Das ist dringend notwendig; denn der Mensch hat die Erde innerhalb sehr kurzer Zeit in einen Zustand gebracht, in dem die natürlichen Regelmechanismen nicht mehr ausreichen, um sie im Gleichgewicht zu halten. Da ist es falsch, die Erfahrungen der Vergangenheit auch als Regeln für die zukünftige Entwicklung gelten zu lassen. Für uns Menschen kann der Konkurrenzkampf heute nicht mehr die Probleme lösen. Er bringt die Erde immer weiter aus dem Gleichgewicht.

Das Lebensglück wird nicht durch die Größe des Besitzes bestimmt, sondern durch gute zwischenmenschliche Beziehungen und das Leben im Einklang mit der Natur. - Wir wollen uns doch vom Tier unterscheiden. Das können wir am besten, indem wir auf 'Rangkämpfe' verzichten und uns die Achtung unserer Mitmenschen dadurch erwerben, daß wir uns für das Wohl aller Menschen und für eine intakte Natur einsetzen. -

Es sind oft die Stilleren in unserer Gemeinschaft, die den Weg in eine bessere Zukunft vorzeichnen und auch vorangehen. Ihr Motor ist die Liebe, die alles umfaßt. Dabei muß man genau hinhören. - "Wir beten an die Macht der Liebe...", hieß es auch im 'Großen Zapfenstreich' der Deutschen Wehrmacht im Kriege, in dem in Wirklichkeit der Haß regierte. Viele Millionen Menschen mußten sterben. Mit Heuchelei und Lippenbekenntnissen ist es also nicht getan. - Eine wirkliche 'Macht der Liebe' gibt es erst dann, wenn sie uns ganz in ihren Bann zieht. Sehr viele unserer Mitmenschen können jedoch gar nicht mehr empfinden, weil sie abgelenkt werden durch die vielen Parolen, die ihnen ein Lebensglück in einer vom Egoismus geprägten materiellen Welt vorgaukeln. - Wie arm sind doch diejenigen, deren Lebensziel 'der Spaß' ist, auch wenn sie materiell sehr reich sind, vielleicht so reich, daß sie sehr viele Freunde haben, die an ihrem Reichtum teilhaben wollen, die aber verschwinden, wenn einmal seelische Not kommt. - Dann ist sie bitter, die Einsamkeit innerhalb kostbarer aber toter Gegenstände. -

Das Umsteuern muß mit nüchterner Analyse unserer Situation beginnen. Die Natur hat sich sehr viel Zeit gelassen. Wir können nicht erkennen, worauf es ankommt, wenn die Entwick lung immer schneller gehen soll, wenn wir die Gefahr erst dann erkennen können, wenn der Zug bereits auf den Abgrund zurast. Deshalb brauchen wir heute die 'Entschleunigung'.

Trotz aller Probleme bin ich immer wieder Optimist. Die Zukunft der Welt kann wundervoll sein, wenn genügend Men schen bereit sind, für die nötigen Änderungen einzutreten und ihr Lebensglück in diesem Einsatz sehen. Die Kraft zum Umsteuern wird dabei aus der unbändigen Liebe zu unserer wundervollen Erde erwachsen. Seien wir nicht verzagt! Beherzigen wir das, was mein Freund Werner Mittelstaedt in seinem soeben erschienenen Buch:'Frieden -Wissenschaft - Zukunft - 21 - Visionen für das neue Jahrhundert' (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M, 290 S., ISBN 3-631-36087-8)schreibt

" ... auch die kleinsten Beiträge zählen - seien sie auch noch so bescheiden, denn jedes Handeln verändert die Welt - jedes." (S. 56)


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