Ist das Leben nicht schön?



In den letzten Jahren ist schon mehrfach der amerikanische Weihnachts-Spielfilm (in Schwarz-Weiß von 1947) "Ist das Leben nicht schön?" am späten Heiligen Abend im ZDF gezeigt worden. Es ist ein anrührendes Weihnachtsmärchen, das ich immer wieder gern sehe und von dem die 'Welt' einmal schrieb, es sei das schönste Märchen für Erwachsene, das je in Hollywood entstanden ist:

Ein Engel, Clarence, ein ehemaliger Uhrmacher, der schon mehr als 200 Jahre auf seine Flügel wartet, weil er zu einfältig ist und deshalb wohl bisher bei seinen Aufträgen versagt hat, bekommt nun die Weisung, einen Menschen zu retten, der sich in der Heiligen Nacht aus Verzweiflung das Leben nehmen will.

Clarence bekommt zunächst die Vorgeschichte vorgeführt. Wir erfahren, daß in der kleinen amerikanischen Stadt Bedford- Falls George Bailey schon als Junge seinen jüngeren Bruder Harry aus eisigem Wasser vor dem Ertrinken rettet. Dabei holt er sich aber eine schwere Erkältung, die zu einem Hörschaden führt. - Einen Drogisten, bei dem er aushilft, rettet er vor dem Gefängnis, weil er rechtzeitig merkt, daß dieser aus Versehen Gift statt Medizin für eine Kundin eingepackt hat.

Eigentlich hat George Bailey schon seit seiner Jugend große Pläne. Er will in die Welt reisen und als Bauingenieur große Bauten erstellen. Doch immer wieder werden diese Pläne durchkreuzt. - Er läßt z.B. seinen Bruder studieren und muß schließlich nach dem Tode seines Vaters die Geschäftsführung einer Bausparkasse übernehmen, die das Lebenswerk des Vaters, Peter Bailey, war. Er heiratet eine Jugendliebe, Mary, und die Familie mit 4 Kindern muß in recht bescheidenen Verhältnissen leben, da die Bausparkasse den Armen des Ortes zu kleinen Eigenheimen verhelfen will, aber dabei kaum selbst über die Runden kommt.

Gegenspieler ist ein reicher 'Blutsauger' und 'Geizkragen', Mr. Potter, der George das Leben schwer macht und die Bausparkasse vernichten will, weil immer mehr Leute aus seinen schlechten Mietwohnungen mit überzogenen Mieten ausziehen. Ihm ist jedes Mittel recht.

So unterschlägt er auch eine größere Geldsumme, die er zufällig findet, und die Georges Onkel Billy auf der Bank einzahlen soll. Damit beginnt die Katastrophe; denn ausgerechnet jetzt kommt ein Revisor zur Kassenprüfung, der nun den Fehl betrag bemerkt. In seiner Not will George bei Mr. Potter Geld leihen. Er kann aber keine Sicherheiten bieten. Nur eine Lebens versicherung würde im Todesfall den Betrag abdecken können. So ist George tot mehr wert als lebendig.

Clarence rettet George, der sich von einer Brücke stürzen will. Doch der ist immer noch verzweifelt, wünscht, daß er nie geboren wäre. Clarence kann es nun einrichten, daß George zum 'Niemand' wird. Der muß nun erkennen, was alles in seiner Heimatstadt Bedford-Falls, die nun 'Pottersville' heißt, schlechter geworden wäre, wenn er nie geboren wäre. - So möchte er wieder George Bailey sein, und es wendet sich alles zum Guten, weil alle die, denen er einmal geholfen hat, nun für ihn Geld spenden. Am Schluß übermittelt ihm Clarence die Botschaft: "Denke immer daran: Ein Mann, der Freunde hat, ist nie ein Versager!" - - -

Mancher mag sagen: "Ein Märchen, zu schön, um wahr zu sein!" - Doch, liegt es nicht immer wieder an uns, ihm zur Wahrheit zu verhelfen? - Viele unserer Probleme liegen in der 'Welt des Habens'. - Mancher Arbeitslose z.B. verkriecht sich vor seinen glücklicheren Mitmenschen, empfindet sein Schicksal als einen persönlichen Makel, glaubt, daß es an ihm liegt, daß er keinen neuen Arbeitsplatz findet. - Vielleicht geht er immer wieder pünktlich aus dem Hause, um sogar vor der Familie zu verbergen, daß er überflüssig geworden ist. Dann leiht er sich vielleicht noch Geld oder tut so, als ob er seinen Lohn verpielt oder vertrunken habe. - Wie lange mag das gut gehen? - Es heißt zwar immer wieder, daß der, der in Not sei, auch von den Freunden verlassen werde. Das mag zwar manchmal der Fall sein, liegt aber wohl daran, daß wir in unserem Leben dem Materiellen zu viel Beachtung geschenkt haben. Wer aber seine zwischenmenschlichen Beziehungen unabhängig davon geknüpft hat, ob die anderen reich oder arm sind, wird auch in schlechten Zeiten Freunde behalten.

Wann können wir denn aber sagen, daß das Leben schön ist? - Sicher mag es uns Freude bereiten, wenn wir uns im Urlaub eine Reise in ferne Länder leisten können - eine Reise, von der wir schon lange geträumt haben! Liegt denn aber der Maßstab unseres Glücks in der Entfernung, die wir zurückgelegt haben, um ans Ziel unserer Wünsche zu gelangen? - Ich hörte einmal von einer Familie, die die Ferien in Ungarn verbringen wollte. Doch in der Nähe des Bayerischen Waldes versagte ihr Auto, so daß sie dort Urlaub machen mußten. Es war wohl eine einsame Gegend, fernab der großen Touristenströme. - Aber sie berichteten, es sei der schönste Urlaub ihres Lebens gewesen.

Unsere Zeit ist geprägt von Hektik. 'Leistungsgesellschaft' ist das Schlagwort. Werden wir damit aber glücklich? - Ich hörte einmal ein Wort, weiß allerdings nicht mehr, von wem es stammt: "Die Menschen plagen sich ab, um die Dinge zum Leben zu erwerben. Doch das Leben lassen sie dann bleiben." - Wo finden wir denn das wahre Glück, daß wir dann sagen können, das Leben ist schön? - Es sind doch häufiger die kleinen Dinge, 'die kleinen Freuden', wie Bruno H. Bürgel eines seiner Bücher genannt hat. Wir müssen sie nur erkennen, für sie aufnahmebereit sein. Wenn wir dann das oft viel schwerere Leid sehen, das andere Menschen ertragen müssen, so mag uns doch - trotz mancher eigener Probleme - ein Gefühl der Dankbarkeit überkommen. -

In Gedanken daran haben wir uns vielleicht schon mit einer weniger erfreulichen Situation abgefunden. Und dann kann es geschehen, daß plötzlich etwas völlig Unerwartetes eintritt, das unserem Leben wieder eine Wendung zu mehr Glück gibt. Ich habe es selbst erlebt, wie sich - durch eine Reihe von Zufällen gesteuert - eine Gelegenheit ergab, daß ich nach mehr als fünf Jahren Witwerdasein eine zweite Frau gewinnen konnte, die nun meinem Leben als Rentner einen gewaltigen Auftrieb gibt - mich wieder sehr glücklich werden läßt.

Wir brauchen aber zum Glücklichsein auch eine positive Einstellung zum Leben, müssen bereit sein, auf unsere Mitmenschen zuzugehen, uns auch für sie einsetzen, wie George Bailey es tat. Dann können wir den Reichtum des Gebens in der 'Antiwelt des Seins' empfinden, so, wie ich es im sechsten Teil meines Buches "Unternehmen Delphin gescheitert!" dargestellt habe. - 1996 war es ein Urlaubserlebnis auf Korsika - die zufällig dabei entstandene Freundschaft mit einem jungen Ehepaar -, das mir diese und andere wesentliche Gedanken für den Schluß meines Buches und die Kraft zur Vollendung gaben. Und heute kann ich sagen, daß ich nur deswegen noch einmal dieses späte Glück empfangen kann, weil ich ebenso bereit bin, Glück, Zuneigung und Liebe zu geben, - weil für mich das Sein wichtiger ist als das Haben.

Ich wünsche allen Verwandten, Freunden und Bekannten ein recht schönes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 1999. - Und dazu immer eine positive Einstellung zum Leben und zur 'Antiwelt des Seins', damit sie jederzeit auf die Frage: "Ist das Leben nicht schön?" ohne Zögern mit "Ja" antworten können.


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