Auf den Weg zur Gerechtigkeit führt die Liebe



Der diesjährige Kirchentag in Leipzig hat sich mit dem Thema 'Gerechtigkeit' befaßt. Das ist wohl bitter nötig in einem Land, in dem die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. - Die menschliche Kälte im System Amerikas soll uns Vorbild werden. In einer Großstadt wie Hannover kann man ständig beobachten, wie Menschen aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden, wie sie 'ganz unten' landen.

Auch in den neuen Bundesländern hat der Tanz ums Goldene Kalb, die Ellenbogengesellschaft begonnen. Es soll die 'Leistung' zählen und belohnt werden. Aber was ist 'Leistung'? - Wenn ich die Umwelt immer mehr zerstöre, um das große Geschäft zu machen? - Wenn ich verstehe, an der Börse Gewinne zu machen, mein Vermögen zu vermehren, ohne daß dafür ein Gegenwert in der Gesellschaft geschaffen wurde? - Was ist die 'Schuld' des 'kleinen Mannes', daß er da nicht mitkommt?

Was ist seine Schuld, wenn er als Arbeitskraft 'freigesetzt' wird? - Aufgaben gäbe es genug in unserem Lande. Doch es gibt Millionen von Arbeitslosen. - Weil der 'Anleger' hohe Gewinne erwirtschaften will, läßt er im Ausland produzieren, beutet er lieber dort die Ärmsten aus. - Dann redet man uns ein, daß wir immer neue Dinge haben müßten, wodurch niemand mehr bereit ist, für die Dienstleistungen zu zahlen, die viel wichtiger wären. Unser Geld reicht nicht mehr dafür!

Wer kümmert sich denn um die, die am Rande unserer Gesellschaft leben? - Mancher Passant regt sich auf, daß der oder jener noch einen Hund hat, wo er doch selbst nicht genug zu essen habe. - Vielleicht ist aber dieser Hund der einzige, der diesen armen Menschen noch versteht, nachdem der Kontakt zu den anderen Menschen abgebrochen ist. Vielleicht ist dieser Hund noch der einzige, der ihn hindert, seinem Leben ein Ende zu set zen. - Und dieser Mensch war doch auch einmal ein Kind, ein kleiner Junge, ein kleines Mädchen. Sie haben von schönen Dingen geträumt, die sie einmal haben oder einmal erleben würden. - Wohl keine Mutter denkt: "Mein Kind wird einmal auf der Straße landen." -

Wie geht denn aber dieser Weg bergab? Es geht manchmal schneller, als wir es für möglich halten! - Wer kann uns aufhalten, wenn wir einmal ins Rutschen kommen? - Es kann jeden von uns treffen! - War ich nicht auch einmal fast so weit! - Was steht denn in meinem Tagebuch vom 6.10.1945, das ich in diesen Tagen wieder gelesen habe? "... Er wird zu Grabe getragen mit allen seinen Idealen und Zielen. Zurück bleibt wohl nur ein Arbeiter in einer Holzschuhfabrik, der vielleicht einmal ein Säufer wird oder sonstwie vor die Hunde geht. ..."

Wer hat verhindert, daß ich damals abrutschte - vielleicht im letzten Augenblick? - Es war Mieze, meine liebe Frau. Es war unsere Liebe. Es war der Gedanke an die Verantwortung für unser Kind.

Jeder Mensch - ob er es wahrhaben will oder nicht - möchte doch geliebt, möchte von anderen Menschen anerkannt werden. Die weitaus meisten möchten aber auch etwas für die Allgemeinheit leisten, sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Es ist eine böse Diffamierung, wenn häufig gesagt wird: "Wer wirklich arbeiten will, findet auch Arbeit!" - Damit machen wir es uns zu leicht. - Mit unserem Wirtschaftssystem, das nicht genügend Arbeitsplätze bieten kann, brechen wir einen großen Teil der Steine aus der Mauer, die uns am Abrutschen hindert.

Ein anderer Grund ist die Störung, die Zerstörung zwischenmenschlicher Bindungen. Da stirbt der Ehepartner, oder, was noch häufiger vorkommt, da wird die Ehe geschieden. Zusätzliche wirtschaftliche Probleme treten auf. - Aber, was noch schwerwiegender ist: Die Liebe hat das Haus verlassen. Leere umgibt einen. Mancher greift dann zum Alkohol. - Der Arbeitsplatz geht verloren, wenn er es nicht schon vorher war. - Das Selbstwertgefühl ist dahin. - Die Wohnung kann nicht mehr bezahlt werden. - Wie weit ist es dann noch bis zur 'Gosse'?

Wir haben immer gesagt, daß die DDR ein unmenschlicher Staat gewesen sei. In vielem war sie menschenverachtend. Doch die Lebensverhältnisse waren zwar bescheidener, das soziale Netz aber stabiler. - Die Bundesrepublik zählt zu den reichsten Ländern. Sind wir dann nicht auch unmenschlich, wenn wir so viel Elend zulassen? - Der Kirchentag sagte: "Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben." - Welche Rolle spielt dabei aber auch die Liebe? - Man sieht es heute häufig als altmodisch an, wenn von der Liebe gesprochen wird (nicht vom 'miteinander schlafen'). - Wie weit sind wir dann noch vom Orwellstaat oder vom Huxleystaat entfernt, wenn wir die Liebe aus unserem Leben verbannen wollen?

Mancher ist schuldlos, wenn die Liebe aus seinem Leben verschwindet, eben z.B. durch den Tod des Ehepartners. Aber viele gehen zu leichtfertig damit um. Da wird den Menschen eine andere Ideologie eingeredet, werden andere Ziele aufgestellt, mit denen sie 'modern' sein wollen und dabei ein 'Land der kalten Herzen' schaffen. - Wie viele Ehen sind zerbrochen wegen des falsch interpretierten Begriffs der 'Selbstverwirklichung'! - Irgendjemand sagte neulich, daß dieses nur ein neues Wort für 'Egoismus' sei, und ich muß ihm zustimmen, wenn ich die Selbstverwirklichung so sehe, wie es die meisten tun. - Muß sie aber Egoismus sein? - Habe ich mich nicht auch 'selbstverwirklicht', als ich erkannte, daß ich als kleines Rädchen im Getriebe der Welt eine Aufgabe, eine Verantwortung habe, daß ich mich einsetzen muß - zusammen mit vielen anderen - damit unsere Erde ein lebenswerter Planet bleibt?

Bin ich ein Schwächling, weil ich versuche, Konflikte friedlich zu lösen, weil ich nicht mit Macht gegen etwas angehe, was mir nicht gefällt, weil ich manches böse Wort einstecke, ohne Kontra zu geben? - Während der Ostermärsche haben wir gesungen: "Das weiche Wasser bricht den Stein!" - Ich glaube, daß ich stark bin, weil ich auf Liebe und Verzeihen baue. - Ich habe die Macht der Liebe erkannt. Durch sie bin ich stark, kann auch anderen dadurch Kraft geben. - Und auch im Schlußwort des Kirchentages war zu hören: "Zum geduldigen Dialog gibt es keine Alternative."

Der Kirchentag hatte das Motto: 'Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben.' - Wie kommen wir aber auf diesen Weg? - Wenn wir uns um mehr Gerechtigkeit bemühen wollen, müssen wir das Ich durch das Wir ersetzen. Das gelingt uns nur mit einer umfasssenden Liebe, die uns auch immer dann helfen kann, wenn Gerechtigkeit fehlt. - Unrecht können wir in großem Maße ertragen, wenn es sein muß. Doch es wird ganz dunkel um uns, wenn uns die Liebe verläßt. Denken wir immer daran, und es steht ja auch in der Bibel: "... Doch die Liebe ist die größte unter ihnen!"

Deshalb möchte ich sagen: Auf den Weg zur Gerechtigkeit führt die Liebe!


Weiter zum nächsten Weihnachtsbrief
Klicken Sie auf Home, wenn Sie links keine Navigation sehen: Zur Homepage: 
www.zukunft-frieden-schulze.de 
Zukunft und Frieden als Lebensaufgabe