Sternstunden - ein Märchen, das Wirklichkeit wurde



Das Märchen 'Momo' von Michael Ende kann auch Erwachsenen manches sagen. Da ist von den 'Grauen Herren' die Rede, die den Menschen die Zeit stehlen, die sie besser für eine Besinnung haben sollten. Suchen sie uns nicht alle heim!

Da spricht aber auch Meister Hora, der für die Zeit zuständig ist, von den Sternstunden:

"Nun es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke, wo es sich ergibt, daß alle Dinge und Wesen, bis zu den fernsten Sternen hinauf, in ganz einmaliger Weise zusammenwirken, so daß etwas geschehen kann, was weder vorher noch nachher je möglich wäre. Leider verstehen die Menschen sich im allgemeinen nicht darauf, sie zu nützen, und so gehen die Sternstunden oft unbemerkt vorüber. Aber, wenn es jemand gibt, der sie erkennt, dann geschehen große Dinge auf der Welt."

Ich konnte erleben, wie in diesem Sommer eine solche Sternstunde, wie sie im Märchen beschrieben ist, Wirklichkeit wurde. - Ob nun die Vollendung des Manuskriptes für mein Buch mit dem Titel: "'Unternehmen DELPHIN' gescheitert! - Es kommt jetzt auf uns alle an! - Notizen und Gespräche über Gegenwart und Zukunft unseres Planeten" zu den 'großen Dingen auf der Welt' gehört, ist eine andere Frage. Für mich ist dieses Erlebnis jedoch von ganz besonderer Bedeutung; denn mein Buch, das nun in Kürze erscheinen soll, ist gewissermaßen ein Fazit aus meinem 40jährigen Einsatz für den Frieden und die Zukunft unserer Erde. - Deshalb will ich wenigstens über die wichtigsten Fäden, die zu dieser Sternstunde führten, berichten:

Am 9. Juni flog ich zum ersten Male nach dem Tode von Mieze, meiner lieben Frau, allein (auch ohne Reisegesellschaft) in den Urlaub und zwar nach Korsika, das ich 1966 und 1969 mit Frau und Tochter kennen und lieben gelernt hatte. - Ich fragte mich: "Wie wird wohl ein solcher Urlaub verlaufen? - Wirst du die Vollendung deines 75. Lebensjahres allein in deinem Bungalow begehen? - Wirst du vielleicht doch irgendwie Anschluß finden?" - Ich hatte mich zu dieser Reise entschlosssen, weil es für mich ein Urlaub der Erinnerungen an die schöneren Zeiten vor 30 Jahren werden sollte. Ich wollte die Plätze aufsuchen, die uns seinerzeit begeisterten. Da war vor allem der 'Col de Bavella', ein Paß von 1243m Höhe. Dort befand sich damals eine ganz markante Schirmpinie, die ich auf jedem Bild wiedererkennen würde. - Ich wollte diesen Paß gern wiedersehen, mich vergewissern, ob diese Pinie noch da ist.

Es war schon fast eine Woche vergangen, da bezog ein junges Ehepaar den mir gegenüber liegenden Bungalow. Wie sich später herausstellte, hatten sie einen anderen gebucht, erhielten jedoch wegen eines Versehens diesen. So kamen wir etwas ins Gespräch. Am Strand las Barbara, eine Krankenschwester, 'Momo'. Ich freute mich darüber und zeigte ihr die Stelle mit den 'Sternstunden'. - Meine Tochter hatte mir vor Jahren einmal dieses Buch geliehen. - Dann verabredeten wir eine gemeinsame Bus- und Bahnfahrt nach Ajaccio. Am Abend vorher hörte ich von Heiner, einem Industrievertreter, daß sich beide auch für die Themen interessieren, die mein Anliegen sind. Sie kannten auch "Haben oder Sein" von Erich Fromm. Deshalb kam mir die Idee, in den letzten beiden Gesprächen in meinem Buch die Fantasie- namen, die ich gewählt hatte, durch Barbara und Heiner zu ersetzen. Ich hoffte, in einigen weiteren Gesprächen noch Anregungen dafür zu bekommen. So bot ich auf dem Weg zum Bus Barbara und Heiner das Du an. - Im Bus wäre es kaum mehr möglich gewesen. - Nach kurzem Überlegen willigte Barbara ein. - Da Barbara zurückhaltender ist als Heiner, kam wieder ein Zufall zu Hilfe: In dem Zug von Corte nach Ajaccio waren in einem Wagen nur noch zwei Sitzpätze, und Barbara wollte mich nicht allein lassen. So ging Heiner in einen anderen Wagen, während Barbara sich nun nur mit mir unterhalten konnte. - In Ajaccio, beim Mittagessen, lud ich die beiden für den kommenden Dienstag anläßlich meines Geburtstages zum Abendessen ein. - Ich ging kurz weg. Als ich zurückkam, eröffneten sie mir, daß sie mir zum Geburtstag eine Fahrt zum Col de Bavella schenken wollten; denn sie waren mit dem Auto auf Korsika, und es gab keine andere Möglichkeit, zu diesem Paß im Süden zu kommen. - Ich war zunächst sprachlos und dann überglücklich.

In der Nacht, in der ich kaum Schlaf fand, kamen mir plötzlich die Gedanken für den Schluß meines Buches, nach denen ich monatelang vergeblich gesucht hatte. - Mir wurde erst jetzt richtig bewußt, daß ich zu den reichsten Menschen auf der Erde gehöre, weil ich neben meiner Familie so viele gute Freunde habe und nun noch zwei neue dazugewann. - Ich dachte über 'Haben oder Sein' nach und begann zu formulieren:

"Die Welten des 'Habens' und die des 'Seins' verhalten sich ähnlich wie Welt und Antiwelt in der Physik . Sie schließen sich jedoch im Gegensatz dazu nicht aus. Wir sind 'Wanderer zwischen beiden Welten', (so heißt ein Buch von Walter Flex aus dem ersten Weltkrieg), müssen auch in der Welt des 'Habens' leben, sollten uns allerdings mehr der 'Antiwelt des Seins' zuneigen.

Für die 'Welt des Habens' ist charakteristisch der Besitz: Wenn ich Besitz weggebe, werde ich ärmer. Die 'Welt des Habens' könnte wohl eher dem männlichen Charakter zugeordnet werden. Doch eindeutig ist das nicht.

Für die 'Antiwelt des Seins' sind Liebe, Freundschaft, Zuneigung die charakteristischen Begriffe: Je mehr ich davon gebe, desto reicher werde ich. Das scheint mir mehr dem weiblichen Charakter zu entsprechen."

Mein Reichtum lag also in der 'Antiwelt des Seins'. Doch Liebe, Freundschaft, Zuneigung zeigten sich noch stärker an meinem Geburtstage. - Als Barbara und Heiner mich zur Fahrt abholten und mir gratulierten, umarmte mich Barbara zum ersten Male in einer Herzlichkeit, wie ich sie seit dem Tode von Mieze noch nicht wieder empfunden, wonach ich mich aber immer wieder gesehnt habe. Und ich erwiderte diese Umarmung mit vollem Gefühl. - Wieviel können Menschen auf diese Weise doch ausdrücken, ohne auch nur ein Wort zu sprechen! - Über den Col de Bavella zogen tiefliegende Wolken. Doch die Pinie war noch da. - Hier konnte ich noch einmal das tiefe Glück mitmenschlicher Liebe empfinden. - Es war eine wunderschöne Fahrt, eine einmalig schöne Geburtstagsfeier. Als ich wieder in Hannover war, las ich auf dem Kalenderblatt für den 25.6., also für meinen Geburtstag, ein Wort von von Antoine de Saint- Exupéry: "Die schönste Freude erlebt man immer da, wo man sie am wenigsten erwartet hat." - Das gehörte wohl auch zu der Sternstunde.

Noch vieles war nötig, damit es zu dieser 'Sternstunde' kommen konnte. Der Platz reicht nicht, um alles zu berichten. - Daß Herz und Verstand zusammenwirken müssen, wenn wir die Probleme unserer Welt meistern wollen, war schon seit Jahren mein Anliegen, das ich auch immer wieder in Weihnachtsbriefen zum Ausdruck brachte. - Aber diese wunderbare Freundschaft mit diesen beiden jungen Menschen, die vom Alter her meine Kinder sein könnten, führte dazu, daß ich im letzten Teil meines Buches dafür die richtigen Worte fand. Da ist dieses Erlebnis - verfremdet, dem Buchinhalt angepaßt - noch näher beschrieben. - Ich spürte in mir neue Kraft und konnte in wenigen Wochen das Buch komplett überarbeiten, daß es am 6. August als Manuskript vorlag.

Das Buch hat knapp 400 Seiten. Auch der Schlußteil: 'Herz und Verstand - DELPHINs Vermächtnis' war von der Seitenzahl her fast fertig. Auch 2 Seiten eines Schlußmonologs existierten. Aber ich war über Monate unglücklich, daß ich für den Übergang von der Sachdiskussion zum gefühlsbetonten Schluß nicht die richtige Verbindung finden konnte. Durch das Erlebnis der Freundschaft mit Barbara und Heiner sind nur 16 Seiten (4% des ganzen Buches) dazugekommen. Doch durch diese 16 Seiten ist - wie bei Gewürzen - aus einer Sammlung von meist sachlichen Themen ein 'literarisches Mahl' geworden, in dem Herz und Verstand sich zu einem Ganzen zusammenfinden.

Ich habe mich durch den Tod von Mieze, meiner lieben Frau, nicht unterkriegen lassen. Meine 'Wortspielereien' und mein 'hintergründiger Humor' waren Zeichen dafür. - Doch durch das Korsikaerlebnis bin ich wieder aufgeblüht, fühle mich stark, mein Buch nun auch unter die Menschen bringen zu können.

Ich fühle mich reich und glücklich in der 'Antiwelt des Seins', glaube, daß auch ich viel geben konnte und dadurch reicher geworden bin. -

Wenn wir den wahren Werten unseres Lebens, eben Liebe, Freundschaft, Zuneigung, mehr Raum geben, also den Gefühlen - jedoch den Verstand nicht ausschließen - werden wir auch die Probleme der zukünftigen Entwicklung besser meistern können. - Leider ist für die meisten unserer Mitmenschen Weihnachten zum größten Fest in der 'Welt des Habens' geworden. - Wir sollten es für uns in der 'Antiwelt des Seins' feiern.


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