Nikolaikirche



Am 25. und 27.10.95 wurde der Fernsehfilm 'Nikolaikirche' nach dem Roman von Erich Loest gezeigt. Es lohnt sich, darüber noch einmal nachzudenken, da er versucht, das Geschehen in der damaligen DDR seit 1987 nachzuzeichnen, das schließlich zu dem bisher einmaligen Ereignis einer 'friedlichen Revolution' führte. - In diesem Film werden Originaltexte von Predigten von Pfarrer Christian Führer, der die 'Montagsgebete' veranstaltete, verwendet.

Gegen Zigtausende friedlicher Demonstranten war die bewaffnete Staatsmacht machtlos. "Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete." - Was war das für eine Hochstimmung vor allem bei den Bürgern der DDR, als der Staat zu- sammenbrach! - Was glaubte man alles an Idealen erreichen zu können! - Und wie bitter war bei vielen die Enttäuschung! - Am 21.10. wurde im 3. Programm des WDR ein Film über die Ent- stehung dieses Filmes 'Nikolaikirche' gezeigt. Dabei waren auch Interviews mit damals Beteiligten aufgenommen. Eine Frau sprach etwas stockend:

" ... Ich habe hier gearbeitet in der Nähe. Es war wie so ein Sog. Ich konnte einfach nicht nach Hause gehen. Ich mußte hierher. Man hatte das Gefühl, man muß eben hierher gehen. - Endlich mal irgendwas tun. - Ich hatte große Angst hierherzugehen. Aber das war mir die Sache wert. Es mußte sein. Ich hatte zwei Kinder zu Hause. Mein Mann war mit am 9. Oktober. Also, wir wußten gar nicht - wenn sie uns hier mitnehmen oder irgendwas passiert, was da mit den Kindern wird. Trotzdem mußten wir einfach hierher. - - - Ja, und heute sind wir alle beide arbeitslos, mein Mann und ich."

Der erste Teil des Filmes endete mit den folgenden Worten: "Du kennst ja diesen blöden Satz: 'Wenn das nun alle machen würden!'", wobei erst nicht klar war, wie es gemeint war - positiv oder negativ. - Zwei Jahre später machte es jeder von den zigtausend Demonstranten in der 'Heldenstadt Leipzig'. - Sie machten es voller Angst; denn jeden Augenblick konnte ein Blutbad beginnen. - Keiner wußte, ob er da wieder herauskommen, ob er seine Angehörigen wiedersehen würde. - Ein gewaltiges Zusammengehörigkeitsgefühl half die Angst überwinden. Dieses Gefühl einer ungeheuren Kraft des Guten kann wohl nur richtig nachempfinden, der selbst einmal bei solchen Demonstrationen z.B. der Ostermarschbewegung oder der Friedensbewegung dabei war. - Aber in der Bundesrepublik mußte man nicht um sein Leben fürchten. - Diese Kraft kam sicher nicht aus dem Wunsch nach der Dmark! - Die Menschen in der DDR - " in diesem materiell und moralisch verwahrlosten Lande" - in der Wendezeit träumten von der Wiedervereinigung und von vielen neuen Ideen für eine bessere Welt und wachten auf im 'Land der kalten Herzen', die nur kurz im Taumel der Begeisterung für das Unerwartete etwas angewärmt waren. 'Wahnsinn' war der Ausdruck für das Unbegreifliche.

Wir sind wieder ein gemeinsames Deutsches Volk. - Es wird wohl nur wenige geben, die das wieder rückgängig machen wollen. Aber was für ein Volk ist es? - Die Ideale, die damals die Demonstranten beflügelten, waren kurze Zeit später wie weggeblasen. An ihre Stelle trat der 'Tanz ums Goldene Kalb'. - Welche Chancen hatten wir gehabt, als sich die 'Runden Tische' etablierten. Ihrer Teilnehmer waren nicht vorbelastet durch bestimmte politische Strukturen und Spielregeln. Eine Fülle von neuen Ideen sprudelte hervor, von denen wir in der alten Bundesrepublik hätten auch manches lernen können. - Es sind nicht die Schlechtesten in den neuen Bundesländern, die heute entttäuscht sind. Es sind auch nur zum Teil die 'alten Seilschaften'. - Es sind die, die in der Absicht, die Verhältnisse zu bessern, die Wende vorbereitet haben. - In der Nikolaikirche wurde dazu ein Grundstein gelegt, indem in den Montagsgebeten die Macht der Gewaltlosigkeit gelehrt wurde. -

Pfarrer Christian Führer während der Dreharbeiten:

"Dieser Gang, friedlich - Hundertausende wurden es dann - friedlich um den Ring, wie wir sagen, keine zerstörte Schaufensterscheibe, kein Gebrülle, kein Gekeife. - Gestern nacht haben sie gesagt, daß hier sämtlichen Autos die Scheiben eingeschlagen wurden - von ein paar Leuten - von ein paar Leuten. Da sehen Sie mal, was jetzt für eine Dynamik hier in der Gesellschaft steckt und wie das damals war mit Hunderttausenden von Menschen. Das ist ein wirklicher Kairos - eine ganz besondere Zeit gewesen. Wann wäre uns in Deutschland jemals eine Revolution gelungen und vor allem, wann wäre sie unblutig verlaufen? Das gehört zu den Dingen - das haben wir dann in den nächsten Jahren erst mühsam begriffen, mühsam gelernt, was für eine besondere Gnade das eigentlich war, daß uns Gott gewürdigt hat, mit dieser Nikolaikirche so eine Rolle zu spielen, daß sie Refugium war, also Zufluchtsort und zugleich Keimzelle für den Aufbruch. Also, wo man herauskam mit neuem Mut, aber eben friedlich herauskam."

Wären auch nur 50 unserer 'Autonomen', die immer eine gewaltsame Konfrontation mit dem Staat suchen, bei der letzten entscheidenden Montagsdemonstrationen dabeigewesen, so hätte es wohl ein unübersehbares Blutbad und vielleicht heute noch die DDR gegeben. - Oder wir wären in den großen Krieg geschlittert.

Ich will mich hier - mit meinem nachdenklichen Brief zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel 1995/96 - nicht mit dem Für und Wider der Entwicklung und mit Schuldzuweisungen befassen. Das läßt sich nicht in wenigen Sätzen tun. Zu vielschichtig sind die Probleme. - Der 'Tanz ums Goldene Kalb' läßt sich nicht rückgängig machen. - Ich möchte hier nur die Frage stellen, was wir heute noch an Gutem erreichen könnten, wenn wir versuchen würden, den 'Geist der Nikolaikirche' zu begreifen und aus der Erkenntnis heraus Taten folgen ließen. - Das äußere Bild in den neuen Bundesländern hat sich schon recht weitgehend zum Guten gewendet. Aber vieles an materiellen Dingen ist noch zu tun. - Viel wichtiger wäre es aber, wenn wir den Menschen in den neuen Bundesländern das Gefühl wiedergeben könnten, daß ihr Leben 45 Jahre - erst in der Sowjetzone und dann in der DDR - nicht einfach auf den 'Müllhaufen der Geschichte' gehört. Es gab auch positive Seiten, z.B. das Zusammengehörigkeitsgefühl statt unserer 'Ellbogengesellschaft'. - Auch unsere jetzt größere Bundesrepublik braucht die Wende, die Wende zu mehr Mitmenschlichkeit! - Doch: "Statt über die Dunkelheit zu klagen, zünde lieber eine Kerze an!" - Da gibt es vieles, das positiv wäre, wenn wir dazu sagen könnten: "Wenn das nun alle machen würden!"


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