Hab' acht auf den Menschen!



So heißt eine Kantate für Sprecher, Einzelstimme und Chor, deren Text ich vor einigen Monaten wiedergefunden habe. Sie ist entnommen den 'Werkblättern für Fest und Feier', herausgegeben von Rudolf Otto Wiemer, Heft 17: "Hab' acht auf den Menschen", Deutscher Laienspiel-Verlag, Weinheim - Ich habe sie wohl etwa im Jahre 1955 in einer Schule gehört. - Ich glaube, daß sie auch heute - und gerade heute wieder vorgetragen werden sollte, in einer Zeit, in der überall erneut Fremdenhaß auflodert. - Eigentlich wollte ich nur Ausschnitte bringen, bin aber zu der Ansicht gekommen, daß es besser ist, den gesamten Text zu kennen. Er ist viel eindringlicher, als es meine Worte sein können:

    Der Chor:
    Hab' acht auf den Menschen,
    denn er ist dein Bruder,
    leidet und lacht wie du.

    Hab' acht auf den Menschen,
    weil die Ketten schwer sind
    und auch die Freiheit schwer.

    Hab' acht auf den Menschen,
    der da weint in Bombay,
    schmecke das Salz der Welt.

    Hab' acht auf den Menschen!
    Doch der Schwur ist unnütz.
    Nur das Getane gilt.

      Der Sprecher:
      Wir haben zu sprechen vom Menschen, und wir meinen jeden, der Menschenantlitz trägt; denn es ist so gemacht, daß die Haut bald gelb, bald weiß, bald schwarz ist, bedeckt mit dem Schweiß der Arbeit, mit Dreck, mit Wunden, mit Blut, und deshalb mitunter schwer zu erkennen - dennoch ist diese Stirn, die sich beugt oder trotzig aufhebt, die Stirne des Bruders, und der Mund, der Parolen schreit, er sänge mit gleichem Atem die Lieder der Liebe.
      Vergeßt nicht, das Menschsein schwer ist und die Ordnungen der Welt verschieden. Aber das Herz schlägt überall gleich, und das Blut ist rot, und salzig die Träne.

      Die Einzelstimme:
      Sage nicht: Deine Haut ist anders,
      deshalb verachte ich dein Gesicht.
      Sage nicht: Deine Sprache ist anders,
      deshalb verstehen wir uns nicht.

      Sage nicht: Dein Unglück ist anders,
      deshalb veschließe ich meine Hand.
      Sage nicht: Dein Gott ist anders,
      deshalb steck' ich dein Haus in Brand.

      Sage nicht: Dein Herz ist anders:
      Sage nicht: Du bist arm, ich bin reich.
      Sage nicht: Der Himmel ist anders.
      Der Himmel ist überall gleich.

      Der Sprecher:
      Aber die Ketten sind schwer, aus Eisen oder aus Furcht, sie beugen den Nacken zur Erde, und Gott allein weiß, weshalb der Bruder sie trägt und der andere nicht, der die Freiheit eher verschmäht als erwählte. Denkt er daran, daß auch die Freiheit schwer ist? Ein Joch, so sanft wie gemeinsam, und daß sie leichter in Ketten sich wandelt als Wasser in Eis? Denn das Herz ist kalt und ist unbelehrbar. Hütet den Schatz, er wird euch nicht ewig geschenkt. Vergrabt ihn nicht und schleudert ihn nicht in den Wind; denn er ist kostbar, doch keiner weiß das, nur der ihn verlor. Drum zehrt ihn nicht auf, laßt Zinsen bringen das Kapital und wechselt es um in gängige Münze. Das Opfer der Freiheit muß täglich bezahlt sein, ehe das Guthaben wächst, und kein kupfernes Stück, kein eisernes ist ihm zu wenig.

      Die Einzelstimme:
      Mensch, bezahle deinen Pfennig!
      Dreh' ihn nicht dreimal um!
      Noch werden Ketten getragen,
      und Ketten machen krumm.

      Der Chor:
      Noch werden Ketten getragen,
      und Ketten machen krumm.

      Die Einzelstimme:
      Mensch, bezahle deine Freiheit!
      Sie wird dir nicht geschenkt!
      Der schmiedet eiserne Ketten
      dem Bruder, der ihn kränkt.

      Der Chor:
      Der schmiedet eiserne Ketten
      dem Bruder, der ihn kränkt.

      Die Einzelstimme:
      Mensch, bezahle auch dein Lachen!
      Sonst bist du morgen stumm.
      Dann wirst du die Kette tragen,
      und Ketten machen krumm

      Der Chor:
      Dann wirst du die Kette tragen,
      und Ketten machen krumm.

      Der Sprecher:
      Wie aber bezahlen? Wo laß' ich das simple Geldstück, das ich hergeben will? Wem gewähr' ich's? Ist nicht der Mann in Bombay zu fern, der über den Reis weint, den er nicht hat? Oder die Mutter in Algier, deren Sohn man erschoß? Oder die Frau, die noch immer das Pilzgeschwür von Hiroshima eiternd, von Kleidern verdeckt und von Scham, am Leib trägt? Fragst du so scheinheilig, Mensch? Fließt die Träne nicht vor deiner Tür? Und sooft du den Kopf in den Wind hältst, schmeckst du das bittere Leiden der Welt nicht, das Salz auf der Zunge?

      Sieh dich doch um! Da geht ein Kind, um den Hals einen Schlüssel, dort eins allein, und dort ein andres geschlagen. Ein Stelzbein klopft bei dir an. Ein Freund ist in Not. Die Mutter wird siech, und sie wartet auf deinen Schritt, sie kennt ihn genau, doch sie wartet vergebens. Hast du die Falte gesehen auf der Stirn deines Nachbarn, täglich tiefer gekerbt, und morgen hängt er sich auf, weil du nicht nach seinem Kummer gefragt hast? Hier ist dein Bombay, Mensch, und dein Algier, hier sollst du die Wunde verbinden, die eiternde, die der Blitz von Hiroshima schlug.

      Die Einzelstimme:
      Ein Mensch liegt vor deiner Tür.
      Er sagt: Die Welt ist grausam.
      Du sollst ihn ein beß'res Wort lehren.

      Ein Mensch geht an dir vorüber.
      Er seufzt: Niemand kann helfen.
      Du sollst seinen Seufzer auslöschen.

      Ein Mensch wurde dreimal enttäuscht.
      Er schwört: Nie mehr versuch' ich's.
      Du sollst den Schwur für ihn brechen.

      Ein Mensch hat den Mut verloren.
      Er denkt: Ich änd're mich nicht.
      Du sollst den Mut für ihn finden.

      Der Sprecher:
      Ich frage euch nicht, ob ihr dies alles tun wollt. Die Frage hieße, ein schnelles Gelöbnis herausfordern, das nichts taugt; denn ihr seid voreilig mit dem Wort und habt vieles gelobt und wenig gehalten. Besser ist, ihr schweigt jetzt und erwägt nur im Herzen, wie sehr verletzlich der Mensch ist und daß er die Wunde stets von dem Bruder empfängt. Wir haben alle ein Messer in Händen, und achtlos gehen wir damit um. Seid also nicht blind mehr! Achtet auf eure Hände! Seht, was sie tun, auch im Dunkeln, und hütet die Schärfe des Messers! Nichts gilt der Zorn und der Anspruch und die nackte Gewalt. Aber Geduld gilt viel und das Korn der Hoffnung, das ihr in ängstliche Herzen einsät.
      Schwört nicht, dieses zu tun. Geht hin, besinnt euch und tut es! Denn nur das Getane gilt.

      Der Chor:
      Hab' acht auf den Menschen,
      denn er ist dein Bruder,
      leidet und lacht wie du.

      Hab' acht auf den Menschen,
      weil die Ketten schwer sind
      und auch die Freiheit schwer.

      Hab' acht auf den Menschen,
      der da weint in Bombay,
      schmecke das Salz der Welt.

      Hab' acht auf den Menschen!
      Doch der Schwur ist unnütz.
      Nur das Getane gilt.
      - - -


      Natürlich möchte ich gern noch einige eigene Gedanken anfügen: In der Weihnachtszeit werden wir überhäuft mit Bitten um Hilfe. - Und wenn wir dann durch die Stadt gehen, um uns und unseren Angehörigen oder Freunden die meistens nicht ganz bescheidenen Weihnachtswünsche zu erfüllen, so sind wir wohl auch häufiger als sonst geneigt, einem Bettler etwas zu geben, oder - neuerdings in Hannover - einem Obdachlosen für 1,50 DM die Straßenzeitung 'Asphalt' abzukaufen; denn von diesem Geld darf er dann 1,- DM behalten. -

      Die Kantate fordert uns auf, das Leid vor unserer Haustür zu sehen und darauf zu reagieren. - Und gerade zu Weihnachten empfinden wir vielleicht auch etwas mehr als sonst das persönliche Glück, wenn wir sehen, daß wir einem Unbekannten eine kleine Freude machen konnten. - Das alles ist notwendig. - Ist es aber damit getan? - Ist es richtig, zu sagen: "Hier ist mein Bombay!" - Ob es nun Bombay ist oder Bosnien - die ganze Welt ist uns heute nahe, sie ist unser Zuhause. Deshalb reicht es nicht mehr aus, die Probleme in unserem Lande lösen zu wollen. - Wenn wir mit unseren Möglichkeiten dafür sorgen, daß möglichst alle Menschen in ihren Heimatländern ein erträgliches Leben führen können, dann wird auch bei uns das Ausländerproblem keine Bedeutung mehr haben. - Die ärmeren Nationen werden erdrückt von der Zinslast. - Die Industrienationen haben es in der Hand. Sie müssen sich entschließen, die Weltwirtschaftspolitik grundlegend zu ändern. Dazu sollten wir unserer Regierung das Mandat geben.


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