... und hätte die Liebe nicht ...



In diesem Jahr sollen meine Verwandten, Freunde und Bekannten wieder Weihnachts- und Neujahrsgrüße erhalten. Im letzten Jahr mußte das unterbleiben, da ich mich ganz der Pflege von Mieze, meiner kranken Frau, widmen mußte. - Sie hat mich im Mai für immer verlassen. So werde ich dieses Jahr nach 49 Jahren zum ersten Male das Weihnachtsfest ohne sie verleben müssen. Deshalb sollen diese Grüße - in der Form eines 'Offenen Briefes' - auch ein Gedenken an sie sein.

Meine liebe Mieze,

als ich vor einiger Zeit einmal unseren Briefwechsel aus dem Kriege durchsah, fand ich einen Brief, der von mir geschrieben war, als ich an die Ostfront fuhr. Er trägt das Datum vom 20.3.44. - Wir hatten uns knapp 6 Wochen vorher kennengelernt. - Einiges daraus könnte auch heute entstanden sein, nachdem uns der Tod geschieden hat. Ich schrieb damals u.a.:

"Ja, meine liebe Mieze, wenn sich so eine Tür endgültig hinter einem geschlossen hat, dann fällt einem noch so manches schöne Wort ein, das man hätte sagen wollen, das einem aber in der Abschiedsstunde nicht eingefallen ist oder das man nicht sagen konnte, weil einem die Worte zu schwer auf der Zunge liegen, so daß man sich zu jedem erst selbst überwinden muß. Dann möchte man noch einmal diese letzten Stunden zurückrufen, ähnlich wie einen Film, den man noch einmal ablaufen läßt und muß sich doch vor dem unerbittlichen Lebensgesetz beugen, das ein Zurück nicht kennt. Dann kann man nur die Erinnerung zurückschweifen lassen, und ein Bild des lieben Menschen, dem das Gedenken gilt, hilft uns dazu."

Ich hätte auch in Deinen letzten Tagen noch so manches mit Dir besprechen wollen. Doch Dein Zustand - bedingt durch die starken Medikamente - verhinderte das. So kann ich es jetzt nur in diesem Briefe tun, den Du aber nicht mehr lesen kannst. - Ich schrieb damals noch:

"Ich weiß nicht, ob Dir mein Wesen, das ich zu Tage legte, immer zugesagt hat. Ich habe mich bemüht, vor Dir so zu erscheinen, wie ich in Wirklichkeit sein möchte. Jeder Mensch hat seine Fehler. Ich kämpfe mit mir einen fortwährenden Kampf, um sie zu überwinden. - Du hast mir dabei geholfen; denn, wenn ich einen Menschen gern habe, versuche ich seiner würdig zu sein und arbeite deshalb an mir selbst. So warst und bist auch Du einer von den Menschen, die mich bilden geholfen haben. - Wenn auch ich für Dich etwas bedeutet habe, sodaß Du Dir sagen kannst, daß die Zeit, die Du mit mir zusammen warst, nicht vertan war, so würde es mich sehr freuen. Die kommende Zeit der Trennung wird ja nun erweisen, wie stark die Bande sind, die uns zusammenhalten. Ich hoffe, daß ich hier alles gut überstehe und wir uns bald wiedersehen."

Damals waren es nur wenige Monate, die wir uns trennen mußten. Die Bande waren stark genug, um uns ein volles Menschenleben zusammenzuhalten. Nur Dein Tod konnte sie zerschneiden. - Natürlich hat es nicht nur Harmonie in unserem Leben gegeben. Wer wollte das von sich behaupten! - Entscheidend ist, daß aber die Liebe immer wieder die Oberhand gewann. - Deshalb verspüre ich nun häufig den Wunsch, das ganze gemeinsame Leben noch einmal erleben zu wollen - mit allen Höhen und Tiefen. - Wenn man das ohne Einschränkung wünschen kann, so ist das ein Beweis, daß das Positive überwogen hat. - Das verdanke ich Dir, meine liebe Mieze, und unserer Liebe.

Vielleicht hat aber diese Liebe, die wir uns immer wieder geschenkt haben, und die uns doch so selbstverständlich schien, zur Folge, daß ich so schwer verstehen kann, warum Menschen so häufig auf dieses Glück verzichten und im gegenseitigen Haß alles vernichten, was sie einmal aufgebaut haben.

Nun, da Du das Leiden überwunden hast und ich Dir nicht mehr helfen kann, sehe ich für den Rest meines Lebens noch eine wichtige Aufgabe: Du wirst es sicher gern sehen, daß ich nicht in Trauer verkümmere, sondern mich wieder verstärkt den Fragen zuwende, um die ich mich seit Jahrzehnten bemüht habe. Ich habe versucht, an den wissenschaftlichen Grundlagen für eine gesicherte friedliche Zukunft mitzuarbeiten. - Die Bilanz ist heute allerdings bedrückend. - Aber gerade deshalb darf ich nicht nachlassen.

Eine Hoffnungs- und Ziellosigkeit hat die meisten Menschen erfaßt. Ihre Wünsche sind auf banale Äußerlichkeiten gerichtet. Wir leben in einer Welt des Habens, nicht des Seins. Doch wie schnell geht das Haben dahin. - Ich denke häufiger an eine Lesebuchgeschichte aus meiner Schulzeit: Kannitverstahn (kan niet verstaan = ich kann nicht verstehen) - Da wurde einem Wanderburschen, der nach Holland kam, deutlich, daß aller Reichtum den Menschen doch nichts mehr nützt, wenn sie durch die letzte Pforte gehen müssen. (Er hatte immer wieder gefragt, wem all das gehöre, was er sah und bekam als Antwort: "Kan niet verstaan!" Er aber glaubte, daß Kannitverstahn der reiche Mann sein müsse, der dann schließlich auch zu Grabe getragen wurde.)

Wir scheitern heute - im Kleinen wie im Großen - häufig deswegen, weil unser Tun zu stark auf unsere eigenen Wünsche ausgerichtet ist. Ein Schlagwort ist die 'Selbstverwirklichung'. Dieses Streben treibt uns immer weiter in den Abgrund. Unsere Wünsche und Be- gierden sind ein Erbe unserer Vergangenheit - der Urmenschen. Sie waren damals zum Überleben wichtig. - Doch wir haben die Welt - besonders in den letzten 200 Jahren - so verändert, daß wir sie immer weiter ins Verderben treiben, wenn wir unseren Wünschen keine Grenzen setzen; denn unsere Welt ist enger geworden. Wir müssen also auch auf das Lebensrecht der anderen Rücksicht nehmen. - Sollten wir es deshalb nicht eher als lohnendes Ziel ansehen, uns um die Verwirklichung einer Gesellschaftsstruktur zu bemühen, die die Menschen wieder so in die Natur einbindet, daß die Umweltgefahren beseitigt - oder zumindest drastisch vermindert - werden, so daß für die kommenden Generationen ein Leben ermöglicht wird, das seinen Namen verdient.

Hierzu sind ungeheure Anstrengungen erforderlich, eine klare Analyse unserer Situation und aller Zusammenhänge, soweit wir überhaupt in der Lage sind, sie zu durchschauen. Statt Selbstverwirklichung wird vielleicht sogar Selbstaufopferung von uns gefordert werden müssen. Wir werden viel Kraft brauchen. Doch die gewinnen wir nur aus einem Gefühl heraus, das stärker sein muß als alles andere: aus der Liebe. Sie beginnt mit der ehelichen Liebe, muß aber weiter gehen zur Nächstenliebe, zur Liebe zur Menschheit, zu den Generationen, die nach uns kommen und schließlich zur gesamten Schöpfung.

Wie muß aber diese umfassende Liebe aussehen? - Wie gute Eltern brauchen wir nicht die Liebe, die alles gewähren läßt; denn das würde - z.B. durch die Bevölkerungsexplosion - die Lage verschärfen. Wir brauchen eine Liebe die fragt, was sinnvoll für die Zukunft ist.

Denken wir an die Ehegemeinschaft. - Denken wir an Bosnien. - Es gibt viel Leid in der Welt - im Kleinen wie im Großen, weil zaghafte Versuche zur Versöhnung nicht verstanden oder nicht richtig beantwortet werden. Wir sollten immer daran denken, daß die 'große Entschuldigung' sicher auch uns sehr schwer fällt. - In der Politik spricht man von 'Gesichtsverlust'. Wir sollten den höher achten, der es fertigbringt sich zu entschuldigen.

Zu solchen und ähnlichen Fragen ist, wie gesagt, eine klare Analyse und Bewußtmachung nötig. Doch damit ändern wir noch nichts. Wir brauchen noch eine große Kraft, um daraus Handeln werden zu lassen. Ich sagte es schon: Wir brauchen die Liebe - zum Mitmenschen, zu unserer Umwelt, zur gesamten Schöpfung.

Nur, wenn wir alles mit einbeziehen, werden wir den richtigen Weg gehen können. - Jesus von Nazareth war ein Wegbereiter. Werden wir in der Lage sein, ihm wirklich zu folgen? - Das bedeutet aber, selbst aktiv zu werden und nicht nur in die Kirche zu gehen. - Ich habe meine Kraft, mich dafür einzusetzen, zum großen Teil aus der Liebe geschöpft, die Du mir in 48 Ehejahren gegeben hast. Dafür möchte ich Dir, meine liebe Mieze, hier noch einmal danken!

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Ich wünsche allen Verwandten, Freunden und Bekannten ein recht schönes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 1994, vor allem aber auch die Muße, über die wesentlichen Menschheitsfragen einmal gründlich nachzudenken. Ich wünsche uns allen, daß, auch bei den hartgesottensten Politikern, die Vernunft und auch die Liebe die Oberhand gewinnen mögen und die vielen Brandherde auf der Erde bald erstickt werden möchten. Ich wünsche, daß alle sagen könnten: "... aber die Liebe ist die größte unter ihnen."


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