Freiheit, die ich meine ....



    "Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und nicht, daß du einem Joche entronnen bist. .... Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge künden: frei wozu?"
    Nietzsche: "Vom Wege des Schaffenden" aus: "Also sprach Zarathustra"


In aller Welt wird in diesen Monaten in verstärktem Maße von der Freiheit gesprochen. In der Weltpolitik sind seit 1989 Entwicklungen in Gang gekommen, die vor wenigen Jahren wohl kaum jemand für möglich gehalten hätte. Wer hätte geglaubt, daß vor dem Ende dieses Jahrtausends die Länder der ehemaligen DDR in den Verband der Bundesrepublik aufgenommen würden. (Von 'Vereinigung' möchte ich nicht reden, da man dabei an annähernd gleichwertige Partner denkt.) Ausgangspunkt für diesen neuen Drang nach Freiheit war aber nicht die DDR, sondern Polen und Ungarn. Von da griff er auf den gesamten Ostblock über und brachte die mächtige Sowjetunion ins Wanken. - Besonders erschütternd ist jedoch, was sich z.Zt. in Jugoslawien abspielt. - Aber auch an vielen anderen Stellen, z.B. in den Teilrepubliken der Sowjetunion, gärt es. - Kommt da nicht Angst auf, bei dem Gedanken an das, was uns der immer stärker werdende Drang nach Freiheit noch bringen könnte?

In der Politik führt der Ruf nach Freiheit zu einem wachsenden Nationalismus und wirkt damit dem Zusammenwachsen zu größeren Einheiten entgegen. Wir wissen aber, daß wir die großen Probleme unserer Welt nur durch gemeinsames Handeln lösen können. - Statt das Gemeinsame zu suchen, pochen viele auf das Trennende. - Der aufkeimende Ausländerhaß bei uns ist ein böses Signal in dieser Richtung.

Auch im privaten Bereich wird immer mehr nach Freiheit gerufen und jeder Zwang abgelehnt. Allerdings soll es keine zügellose Freiheit sein. Deshalb heißt es: "Die eigene Freiheit endet da, wo die Freiheit des anderen beginnt." Das klingt sehr gut, ist aber natürlich eine Sache der Einschätzung und keine eindeutige Festlegung von Grenzen. Der Ellenbogenmensch wird die Grenzen der Freiheit des anderen so weit wie irgend möglich zurückschieben. - Denken wir doch nur an das Problem des Rauchens in Räumen, in denen Raucher und Nichtraucher zusammensitzen müssen. - Denken wir aber auch an die "Freie Fahrt für freie Bürger!" - Beachten wir im Zusammenhang mit den Verkehrsproblemen: Die Krebszelle ist auch frei. Sie ordnet sich nicht ein und führt deshalb ins Verderben! - Dieser Vergleich sollte uns veranlassen, etwas mehr über das Problem der Freiheit nachzudenken. -

Schon als Jugendlicher habe ich versucht, die Freiheit differenzierter zu sehen. Ich las - vielleicht mit 17 Jahren - einen kleinen Beitrag. Der hieß meines Wissens: "Von der Freiheit". Ich kann den Inhalt natürlich nur so wiedergeben, wie ich ihn in Erinnerung habe: - Da war von einem Dorf in der Steppe die Rede. Der Dorfbrunnen war versiegt. Ein junger Mann mühte sich ab, einen neuen Brunnen zu graben, während seine Altersgenossen um ihn herumstanden, ihn auslachten, daß er sich so anstrenge und argumentierten, daß der Mensch frei geboren sei und tun und lassen könne, was er wolle. Es habe ihnen niemand befohlen, die Arbeit zu tun. - Der Verfasser aber machte deutlich, daß der der wirklich freie Mensch ist, der aus der Erkenntnis des Notwendigen das Richtige tut und dabei nicht erst auf Befehle - oder auch Gesetze - wartet. - Diese kleine Geschichte ist für mich zu einem Schlüsselerlebnis geworden. Immer wieder habe ich in meinem Leben versucht, nach dieser Erkenntnis zu handeln. Dabei habe ich vieles auf mich genommen, was sicher das Leben nicht leichter gemacht, aber doch Befriedigung gegeben hat.

Heute fordern verschiedene Ideologen 'Freiheit' oder 'Selbstverwirklichung' ohne zu fragen, wo die Grenzen liegen. Damit fördern sie die Entwicklung, die heute in Richtung des Nationalismus und der Kleinstaaterei wie z.B. in Jugoslawien geht, die zum Ausländerhaß führt, möglicherweise auch das allgemeine Chaos zur Folge hat und unseren Kindern und Enkeln keine Chancen läßt.

Als unser Erdball in der Steinzeit oder noch früher nur von ganz wenig Menschen bevölkert war, konnte jeder weitgehend nach seinem Gutdünken entscheiden. Da schien er wirklich frei. Seine Entscheidung beeinflußte das Umfeld meist nur wenig. Aber die Natur strafte ihn, wenn er auf ihre Gesetze keine Rücksicht nahm. Also mußte er schon damals erkennen, daß nicht alles zu machen war, was er wollte. Als Erklärung schuf er sich die Götter, die ihn in seinem Handeln einengten.

Heute brauchen wir keine Götter mehr, um zu erkennen, daß jeder von uns durch sein Handeln Spuren in der Umwelt hinterläßt, die das Leben anderer und auch späterer Generationen beeinflussen. Dieser Tatsache können wir grundsätzlich nicht ausweichen. Härter ausgedrückt: Jeder von uns richtet - dadurch daß er lebt - für andere Schaden an. Überlegen wir doch einmal, wieviele Rinder, Schweine oder Hühner für unsere Ernährung ihr Leben lassen müssen. (Der Vegetarier opfert pflanzliches Leben für seine Ernährung.) - So ist aber die Natur eingerichtet. Es ist nichts bedrohlich, wenn alles in Grenzen bleibt. - Für viele unserer Wünsche bleiben wir aber nicht mehr in den Grenzen, die für das Ganze zuträglich wären. Je mehr Freiheit wir beanspruchen, desto weniger Spielraum bleibt für spätere Generationen. Da beginnt das Dilemma.

Churchill sagte einmal: "Die Demokratie ist die beste aller schlechten Staatsformen." Kann sie aber in ihrer heutigen Form noch mit den Weltproblemen fertigwerden? - Wir sollten darüber nachdenken, wie die Entscheidungsprozesse heute ablaufen und welche Folgen sie haben können. - Ende 1984 stellte sich in den USA Ronald Reagan zum zweiten Male zur Wahl als Präsident. Kurz vorher - Ende September - hatte ich in St. Louis einen Vor- trag zu halten. Ich wies darauf hin, daß - wegen der üblicherweise geringen Wahlbeteiligung - nur eine kleine Zahl von US-Bürgern darüber entscheide, wer Präsident werde. Doch die Folgen dieser Entscheidung müsse möglicherweise die ganze Welt tragen. - Damals war ja noch der Kalte Krieg im Gange und die Möglichkeit eines weltweiten Kernwaffenkrieges gegeben.

Trotz der Entspannung zwischen den Großmächten ist die Gefährdung unseres Erdballs aber nicht geringer geworden. - Deshalb müssen wir uns klarmachen, was Demokratie eigentlich bedeutet, nämlich, daß die von der Entscheidung Betroffenen mitentscheiden sollen. Das ist jedoch gar nicht zu realisieren, wenn wir bedenken, daß von dem, was wir heute entscheiden, möglicherweise auch die betroffen sind, die heute noch gar nicht leben. Darüberhinaus geht es um die gesamte Lebewelt und das ökologische Gleichgewicht auf unserem Erdball. Ich nenne hier nur als Beispiele das Waldsterben, die Regenwälder und die Klimakatastrophe.

Betrachten wir - im Kontrast zu diesen weltweiten Problemen - unsere demokratischen Entscheidungsprozesse: Wir wählen alle vier Jahre eine von relativ wenigen Parteien, die dann Vertreter ins Parlament schickt. Die Wahlentscheidung treffen wir meist nach recht vordergründigen Themen und nicht nach den wesentlichen, die mit der Zukunft unseres Planeten zusammenhängen. - Wieviele Wähler machen sich überhaupt gründliche Gedanken darüber? - Welchen Einfluß üben die Medien aus und die Lobby der großen Wirtschaftsunternehmen? - Was sind aber die Folgen für die Welt? - Durch eine ganz legale Mehrheitsentscheidung weniger Menschen (z.B. durch die Auslösung eines Kernwaffenkrieges) können wir - sicher ungewollt - die Vernichtung unseres Planeten beschließen! - Aber dürfen wir es?

Das ist ein ganz extremes Beispiel. Aber unser Alltag bringt genügend Probleme, bei denen wir uns die Frage stellen müssen: Was müssen wir tun, bzw. was dürfen wir nicht tun, damit morgen noch eine Welt existiert, in der sinnvolles Leben möglich ist? - Hier sind wir gefragt, wie weit unsere persönliche Freiheit gehen darf.

1970 schrieb ich über einen Werbetext der Gesellschaft zur Förderung von Zukunfts- und Friedensforschung: Wir brauchen Entschärfer! Ich zitierte da einen Diskussionsredner in einer Vortragsveranstaltung: "Immer noch werden gelegentlich bei Bauarbeiten Blindgänger gefunden: Die Gefahr ist groß; denn keiner weiß, ob durch die Erschütterungen bei der Freilegung ein Zeitzündermechanismus in Gang gesetzt würde. Die Bevölkerung wird evakuiert. Aber ein Mann oder auch ein Team geht an die Bombe heran und baut sachgemäß den Zünder aus. - Es ist eine gefährliche Arbeit. Sie erfordert neben Mut und Selbstvertrauen auch ein großes Maß an Sachkenntnis." "Es gibt aber nicht nur Blindgänger, die jederzeit losgehen können. Immer wieder beim Zusammenleben von Menschen entstehen brisante Situationen, für die der Entschärfer nötig ist. - Haben Sie schon einmal einen bei der Arbeit erlebt? - Vielleicht im Betrieb, in der Familie oder in irgendeiner anderen Gruppe? - Es ist erstaunlich, was ein einzelner in einer schier ausweglosen Situation schaffen kann, wenn er es nur richtig macht. - Entschärfer können Kriege vermeiden helfen. - Ich möchte mich zum Entschärfer ausbilden lassen." -

Entschärfer brauchen wir heute besonders dringend. Denken wir nur an Jugoslawien, aber auch an den zunehmenden Ausländerhaß bei uns. - Hier können wir uns einsetzen - aus freien Stücken. Es genügt nicht, daß wir nur nicht mitmachen. Wir müssen unser Teil dazu beitragen, daß niemand mehr daran denkt Zeinab anzuzünden. (Zeinab ist ein kleines Flüchtlingsmädchen in einem ARD-Spot gegen den Ausländerhaß)

Ein solches Handeln wäre ein Beipiel für die Freiheit, wie ich sie meine. Sie hat wohl auch immer etwas mit Liebe zu tun, einer Liebe, wie sie uns gerade in der Weihnachtszeit ins Gedächtnis gerufen wird


Weiter zum nächsten Weihnachtsbrief
Klicken Sie auf Home, wenn Sie links keine Navigation sehen: Zur Homepage: 
www.zukunft-frieden-schulze.de 
Zukunft und Frieden als Lebensaufgabe