SCHWERTER ZU PFLUGSCHAREN!
Weihnachten und Jahreswechsel zwischen Hoffen und Bangen



Es fällt mir in diesem Jahr schwer, die üblichen Weihnachts- und Neujahrsgrüße zu schreiben; denn von einem Tag auf den anderen kann sich die Weltsituation völlig geändert haben. Das gilt sowohl für die Golfkrise als auch für die in der Sowjetunion. Zu beiden will ich Stellung nehmen; denn sie lassen sich auch zu Weihnachten nicht verdrängen.

Das Wort "Schwerter zu Pflugscharen!" wurde in der DDR seinerzeit Symbol für den Widerstand und Ausdruck für die Sehnsüchte der Jugend nach einer besseren Zukunft. Es war Leitgedanke für die friedliche Revolution vor einem Jahr und derer, die sie gemacht hatten. Was ist aber heute davon geblieben? - Was ist überhaupt von den vielen guten Gedanken geblieben, die in der Zeit des Umbruchs (u.a. auch am Runden Tisch) geäußert wurden, von denen wir manches Gute hätten übernehmen können? -

Das Jahr 1990 hat ungeheuer große Veränderungen gebracht, die vor 12 Jahren noch niemand ahnen konnte. U.a. verschwand auch das Feindbild 'Sowjetunion'. Da ist das wohl eine Ironie der Weltgeschichte: Kürzlich wurde der Kalte Krieg und damit die Nachkriegszeit für beendet erklärt. Aber schon zu Beginn des neuen Jahres könnte der Golfkonflikt durch das Ultimatum des UN-Sicherheitsrates und die Bereitschaft der USA zum militärischen Einsatz zu einem neuen großen Krieg ausgeweitet werden. (Ich sage absichtlich "ausgeweitet werden"; denn Kriege brechen nicht aus, sind kein Schicksal, sondern werden von Menschen gemacht!) - Möglicherweise kann es noch einmal gut gehen; denn Bush ist jetzt zu Gesprächen bereit. Aber es wird gepokert. Wir sollten jedoch erkennen, daß Politiker nicht pokern dürfen; wenn es dabei um das Schicksal von möglicherweise Millionen von Menschen geht. Wir müssen auf das Pokern verzichten, auch, wenn dann die Lösung für uns schlechter aussehen sollte.

Uns wird immer wieder gesagt: "Von deutschem Boden wird nie wieder ein Krieg ausgehen!" - Stimmt das aber uneingeschränkt? - Bedenken wir doch, daß erst die Waffenlieferungen deutscher (und anderer) Firmen Hussein zu einem solchen Krieg fähig gemacht haben! - Ich weiß nicht, wie die Golfkrise gelöst werden kann. Meine Informationsbasis ist dazu viel zu schmal. - Ich weiß aber, daß ein Krieg keine Lösung darstellt. Schon das, was beim 'bestmöglichen' Verlauf einträte, übersteigt unsere Vorstellungskraft. - Was bliebe vom zurückeroberten Kuweit übrig? - Wieviele Menschen würden die Opfer sein? - Wer will die Verantwortung übernehmen, sie in den Tod zu schicken? - Wieviele Ölquellen würden brennen? - Wieviel Zeit brauchte man, um sie zu löschen? - Werden wir - zunächst durch den Rauch - eine Verdunkelung der Atmosphäre und damit einen oder mehrere harte Winter bekommen, die vielleicht bis in den Sommer anhalten? - Wird dann anschließend wegen des starken Kohlendioxid-Ausstoßes die Klimakatastrophe mit starker Erwärmung noch schnel- ler kommen? - Wird möglicherweise der Einsatz biologischer Kampfstoffe die ganze Welt mit neuen Seuchen überziehen? - Erreger, die freigesetzt sind, entziehen sich der Kontrolle und können nicht mehr zurückgeholt werden!

Es ist wenig, was wir hier in Deutschland tun können, um das drohende Unheil abzuwenden. Wir sollten aber alles tun, was in unserer Macht steht, also z.B. möglichst viele Mitbürger von den möglichen Folgen zu überzeugen versuchen und davon, daß ein solcher Krieg niemals zu rechtfertigen ist. - Er wäre ein Frevel an der Menschheit und an der Natur!

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Doch nun zur Sowjetunion: Kein Mensch in diesem Jahrhundert hat innerhalb so kurzer Zeit soviel Positives vollbracht wie Michail Gorbatschow. Er hat den Friedensnobelpreis zu recht verdient; denn er hat - im Gegensatz zu Bush - erkannt, daß man mit Krieg keine Pro- bleme lösen kann. - Wer hätte noch vor wenigen Jahren geglaubt, daß es zu einer wirklichen Abrüstung kommen würde? - Wer hätte den Ländern des Warschauer Paktes eine Chance zur Demokratisierung zugetraut? - Wer hätte geglaubt, daß sich die Sowjets so schnell aus Afghanistan zurückziehen würden? - Wer hätte vor 2 Jahren geglaubt, daß es in so kurzer Zeit oder überhaupt zu einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten kommen würde? -

Das alles hat Gorbatschow geschaffen oder durch seine Politik ermöglicht, ein Mann, der noch vor kurzem mit Goebbels verglichen wurde. Er hat nicht nur erkannt, daß die bisherige Politik der gegenseitigen Bedrohung und der Unterdrückung der freien Meinung nicht weiter Bestand haben konnte, sondern er hat auch danach gehandelt; denn er wußte, daß auch für ihn gilt, was er zu Honecker sagte: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!"

Gorbatschow hat den Menschen in Polen, in Ungarn, in Bulgarien, Rumänien und der Tschecho-Slowakei, vor allem aber auch in der DDR die Möglichkeit gegeben, über ihr Schicksal selbst zu bestimmen, obwohl er wissen mußte und sicher auch wußte, daß diese Entwicklung große Schwierigkeiten in der Sowjetunion selbst hervorrufen würde. Er hat - im Gegensatz zu Bush - das Wort "Schwerter zu Pflugscharen!" wahr gemacht.

Gorbatschows größtes Geschenk für uns ist aber, daß er der Vereinigung der beiden deutschen Staaten zustimmte zu Bedingungen, von denen man annehmen mußte, daß sie wohl kaum für die Sowjets akzeptabel seien. Bei seinen Besuchen in Deutschland wurde er bejubelt. - Er hat uns geholfen und ist dabei selbst in größte innenpolitische Schwierigkeiten geraten. Man wirft ihm vor, sich zu viel um die Außenpolitik zu kümmern und zu wenig um die Probleme in seinem eigenen Land. -

Gorbatschow ist in der Situation eines Menschen, der - die Gefahr für sich selbst kennend - einige andere vom Eise rettet und nun selbst eingebrochen ist. Einem solchen Menschen nützen keine Sympathiebekundungen sondern nur tatkräftige Hilfe, wie sie uns nach dem Kriege zuteil wurde. - Je eher desto besser! - Die ist glücklicherweise jetzt angelaufen. Dazu möchte ich noch einige Gedanken anschließen:

Am 14. November 1990 fand in der Kathedrale von Coventry ein Gedenkgottesdienst aus Anlaß des 50. Jahrestages der Bombardierung statt. Auch unser Bundespräsident nahm daran teil und hielt eine Gedenkrede. Von Coventry war seinerzeit das Bestreben zur Versöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern ausgegangen. Obwohl es vielen nicht leicht fiel, hat man uns Deutschen immer wieder die Hand zur Versöhnung gereicht. Als nach dem Krieg der Hunger bei uns sehr groß war, haben uns vor allem auch Privatpersonen aus den ehemaligen Feindländern mit Lebensmitteln unterstützt. Durch den Marshall-Plan wurde unser wirtschaftlicher Wiederaufbau ermöglicht. - Wir haben die Chance, die man uns gab, genutzt. Der Wiederaufstieg unseres Landes ist beispiellos.

Als Deutschland in großer Not war, haben uns also die ehemaligen Feinde geholfen. - Was haben wir aber an menschlichen Leistungen gegenüber dem russischen Volke vollbracht, einem Volk, das - neben den Juden - am meisten unter Hitlerdeutschland zu leiden hatte? - Es wäre sicher nicht sinnvoll und auch wenig wirksam gewesen, den Sowjets unter Stalin Hilfe zukommen zu lassen. Doch jetzt können wir uns dankbar zeigen, damit die Völker der Sowjetunion in diesem Winter nicht hungern müssen und damit der Reformkurs Gorbatschows nicht gefährdet wird. Und wer meint, nicht so viel Großherzigkeit aufbringen zu können, der möge bedenken, daß in unserer vielfach verflochtenen Welt sich ein Scheitern Gorbatschows auch auf uns auswirken würde. Kein Mensch kann heute vorhersagen, was geschähe, wenn in der Sowjetunion die Ordnungstrukturen zerbrächen. Wenn wir helfen, tun wir es deshalb auch für uns und für die, die nach uns kommen.

Wieder einmal wollen wir das Weihnachtsfest feiern und werden von den Geschäften mit Prospekten überhäuft. Kaum wissen wir noch, was wir schenken sollen. Viele spüren gar nicht mehr die Kälte, die trotz warmer Stuben von vielen dieser Weihnachtsfeiern ausgeht, weil die Herzenswärme verlorengegangen ist.

Die für das Riesenreich benötigte Hilfe ist ungeheuer groß. Da dürfte unser Volk überfordert sein. Deshalb frage ich: Könnte es für uns nicht das schönste Weihnachtsgeschenk werden, wenn wir durch unseren persönlichen Einsatz mit dazu beitrügen, daß das deutsche Volk der Vorreiter für eine weltweite Hilfsaktion wird, mit der den Völkern der Sowjetunion der Übergang in eine bessere Ordnung ohne unendliches Leid ermöglicht werden könnte. Sagen wir nicht, es sei Sache der Regierungen. Die sind in solchen Fällen meist zu langsam.

Wenn wir uns fragen, wie groß unser Opfer sein müßte, so sollten wir bedenken, daß bei einer Hilfsaktion für die Sowjetunion das gleiche gilt wie für einen Feuerlöscher: Ein zu kleiner Löscher löscht das Feuer nicht ein bißchen, sondern gar nicht!

Öffnen wir also unsere Herzen! Dann wird in diesem Jahr der Gabentisch bei uns möglicherweise etwas leerer sein. Doch dann denken wir - vielleicht bei einem Weihnachtslied - an die, die dank unserer Hilfe, auch etwas von der Weihnachtsfreude verspüren können, obwohl sie sicher viel weniger haben als wir. - Und vielleicht wird uns dann bewußt, daß der Wert unseres Lebens nicht im Haben, sondern im Sein liegt und zum Sein auch das Wir gehört, daß die Weihnachtsbotschaft "Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" für alle Men- schen gilt.


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