WALBETRUG oder Herz und Verstand



Es ist schon sehr lange her. - Am 12. Dezember 1959 hörte ich im Rundfunk, wie schon in den Jahren zuvor, die Adventssendung des "Abends für junge Hörer". Im Mittelpunkt stand ein Hörspiel von Fritz Puhl mit dem Titel: "Drei Herren aus dem Orient". Es war ein Spiel, das zur Besinnung führen wollte und die Probleme unserer Zeit zu denen vor 2000 Jahren in Beziehung setzte. Der Sprecher betonte einleitend, man werde feststellen, daß manchmal 2000 Jahre wie ein Tag seien. Vieles, was damals in Jerusalem geschah, könnte auch heute ähnlich ablaufen. - Aber, wir haben ja kaum noch die Zeit, darüber nachzudenken. - Oder wollen wir sie nicht haben? - In den Tagen 'zwischen den Jahren' zumindest sollten wir sie uns einmal nehmen. Das kann uns reicher machen als all die materiellen Dinge, die wir um uns herum angehäuft haben.

Als ich noch ein Kind war, wurde uns gesagt, daß ein Geschenk, das man selbst angefertigt habe, viel wertvoller sei als ein gekauftes. Weil ich auch noch heute dieser Auffassung bin, sende ich nun schon seit mehreren Jahren an meine Verwandten, Freunde und Bekannten Weihnachts- und Neujahrsgrüße mit eigenen Gedanken, die - wie seinerzeit das Hörspiel - zum Nachdenken anregen wollen, indem auf verschiedene Weise nach dem Sinn dessen gefragt wird, was um uns herum geschieht.

Wenn ich meinen Gedanken diesmal die Überschrift "Walbetrug - oder Herz und Verstand" gegeben habe, so enthält diese nicht etwa einen Tippfehler oder berücksichtigt schon die neuen Vorschläge zur Vereinfachung der Deutschen Rechtschreibung. Ich will vielmehr mit einigen Gedanken über unsere größten Meeressäugetiere, die Wale, beginnen.

Vor einigen Wochen hat es eine große Aktion zur Rettung von zwei Walen gegeben, die im Eismeer eingeschlossen waren. Wir konnten im Fernsehen verfolgen, wie man - auch unter Einsatz von viel Geld und aufwendiger Technik - den Walen schließlich einen Weg ins offene Meer bahnte. Sogar ein sowjetischer Eisbrecher war mit von der Partie. Die Wale, denen man eine große Intelligenz zuschreibt, waren gegen Ende der Aktion so zutraulich geworden, daß sie zunächst gar nicht recht ihre Freiheit nutzen wollten, um ihre gefahrvolle Reise nach dem Süden zu beginnen.

Ahnten sie, welchen Gefahren sie entgegenschwammen? - Irgendwo draußen lauerten vielleicht schon die Walfänger, die - trotz der voraussichtlichen Ausrottung der Wale - ihren Beruf weiter ausüben, obwohl sie wissen müssen, daß sie - spätestens mit dem letzten Wal, den sie erlegen - doch ihre Existenzgrundlage vernichten.

Noch aber scheint es ein gutes Geschäft zu sein, weil für die Produkte aus den Walen ein Markt vorhanden ist. - Und die beiden Wale schwimmen vielleicht sogar auf die Walfangschiffe zu, weil sie ja erlebt haben, wie die Menschen - auch mit einem großen Schiff - ihnen im Eismeer das Leben gerettet haben. Sie haben Vertrauen zu den Menschen gefaßt und werden dieses Vertrauen womöglich mit ihrem Leben bezahlen - oder schon bezahlt haben. - Deshalb spreche ich von Walbetrug.

War es also falsch, diesen beiden Walen zu helfen? - Was hat diese Aktion denn bewirkt? - Zumindest ist durch die Medien die Menschheit wieder einmal auf die Gefahr des Aussterbens dieser Tiere aufmerksam gemacht worden. - Dabei wurden die Menschen in ihrer Gefühlswelt angesprochen, und es zeigte sich wieder einmal, daß darüber mehr zu erreichen ist als über den Verstand. Wir erkennen aber auch, daß das Ansprechen von Gefühlen keine Hilfe auf Dauer bringt, wenn wir das Erlebte nicht anschließend mit unserem Verstand aufarbeiten und daraus Konsequenzen ziehen; denn mit so einer Einzelaktion sind die Wale natürlich nicht zu retten.

Da kleben einige an ihr Autofenster die Worte: "Ein Herz für Tiere!" - Andere machen sich dann klar, daß das zwar schön und lobenswert ist, daß aber darüber auch nicht die Menschen vergessen werden dürfen und schreiben deshalb: "Ein Herz auch für Tiere!" - Andere haben einen Aufkleber "Ein Herz für Kinder" - und fahren doch mit dem gleichen Auto - mit oder ohne Katalysator - mit Höchstgeschwindigkeit über die Straßen. Dabei verdrängen sie die Tatsache, daß wir unseren Kindern umso mehr die Lebensgrundlage entziehen, je mehr Kraftstoff wir verbrauchen und je mehr Schadstoffe wir produzieren.

Andere haben vielleicht ein Herz für Kinder und schenken ihnen deshalb eines von den phantastischen Computerspielen, mit denen man das Abknallen so schön üben kann. Bei all diesem Fehlverhalten denken wir wohl nicht genügend nach, hapert es also am Verstand, hat uns aber auch das Gefühl in die Irre geleitet.

Im Gehirn jedes Menschen gibt es - wie wir wissen - zwei Funktionsbereiche. Der eine ist mehr für den Verstand, der andere mehr für das Gefühl zuständig. Sie werden von jedem unterschiedlich genutzt. Es wäre aber falsch, sich nur vom Verstand oder - im Gegensatz dazu - nur vom Gefühl leiten zu lassen. Wir brauchen beides für ein volles Leben.

Viele setzen heute nur auf den Verstand, weil sie wissen, daß die Hingabe an Gefühle auch Gefahren in sich birgt, weil nämlich z.B. Liebe und Haß nahe beieinander liegen. Das gilt im privaten Bereich ebenso wie zwischen größeren Gruppen oder Völkern. So brauchen wir schon unseren Verstand, um unser Handeln zu kontrollieren. - Doch sehe ich heute die größere Gefahr darin, daß wir zu wenig unserem Herzen folgen. Ich sage absichtlich "dem Her- zen folgen", obwohl ich weiß, daß auch für das gefühlsmäßige Handeln das Gehirn zuständig ist. Da das Herz aber sehr stark auf Gefühlsregungen reagiert, hat unsere Sprache die Verbindung zum Herzen geschaffen.

Ist es richtig zu sagen: Jemand kann alles kaufen, was sein Herz begehrt? - Werden die vielen materiellen Dinge, die wir um uns anhäufen, die wir uns auch zu Weihnachten schenken, wirklich von unserem Herzen begehrt? - Wie viele Menschen mag es geben, die zu Weihnachten alles haben, was sie sich nur wünschen können und sitzen doch einsam da - vielleicht dem Selbstmord nahe - weil sie das nicht haben und auch nicht kaufen können, was ihr Herz in Wahrheit begehrt, nämlich die Zuwendung, die Liebe anderer, das Gefühl, nicht allein zu sein. Nur, wer glauben kann, daß er selbst auch noch für andere wichtig ist, wird zur Zufriedenheit im Leben gelangen.

Und, wenn ein alter Mensch schließlich ganz allein ist, weil die, die ihm im Leben nahe standen, schon vor ihm gegangen sind, dann ist vielleicht ein Tier sein letzter Lebensgefährte - ein Tier, das in unserer Rechtsprechung immer noch eine Sache ist, über die in oft grausamer Weise verfügt werden kann - ein Tier, das ihm genommen werden kann, weil es vielleicht der Mietvertrag so will.

In der Weihnachtszeit soll der Eispanzer, der sich bei vielen ums Herz gelegt hat, zum Schmelzen kommen. Viele gemeinnützige Gruppen nutzen dies auch aus. Aber es geschieht auch viel, das verhindert - oder vielleicht auch verhindern soll -, daß dieser Auftauprozeß einsetzt. Dazu gehört die Kommerzialisierung des Festes.

Ich erinnere mich an eine kleine Erzählung, die kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges entstand: Eine Mutter hatte mit ihrer kleinen Tochter die Strapazen der Flucht in den letzten Kriegstagen überstanden und lebte nun irgendwo in ärmlichen Verhältnissen wie so viele von uns damals. Es kam die erste Nachkriegsweihnacht heran. Das Kind wünschte sich eine Puppe, die die Mutter ihr aber nicht kaufen konnte. Sie war verzweifelt. Da nähte sie selbst, so gut sie konnte, aus Stoffresten eine zusammen und stopfte sie aus. Es war eine häßliche Puppe. Doch die ganze Liebe der Mutter steckte in der Arbeit. - Die Mutter wurde allerdings die Sorge nicht los, daß ihrer Tochter die Puppe vielleicht nicht gefiele. - Doch es kam ganz anders. Das Kind war am Weihnachtsabend überglücklich, gerade diese Puppe zu haben.

Können wir mit all dem Spielzeug unserer Wohlstandsgesellschaft ein Kind überhaupt noch so glücklich machen, wie es damals der Mutter gelang? - Sind heute nicht schon viele Frauen auf dem Wege, ihren Reichtum, den sie einem Großteil von Männern voraus haben, nämlich ihre Warmherzigkeit zu opfern, um es jenen Männern gleich zu tun, die glauben mit ihrem Verstand allein 'alles im Griff' zu haben, obwohl sich immer wieder zeigt, wie sehr unsere Welt durch diese Einstellung gefährdet wird?

Ich möchte nicht mißverstanden werden: Wir brauchen unseren klaren Verstand, wenn wir die Probleme unserer Welt, die meist von uns selbst verursacht wurden, meistern wollen. Das können wir aber nur richtig tun, wenn wir uns von der Liebe zur gesamten Schöpfung leiten lassen. - Darüber nachzudenken sollten uns die Weihnachtstage oder die Tage des Jahreswechsels die richtige Zeit sein.


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