Das schönste Weihnachtsgeschenk



Wie jedes Jahr, möchte ich auch in diesem meinen Verwandten, Freunden und Bekannten Weihnachts- und Neujahrsgrüße senden, die etwas besinnlicher sind als die üblichen vorgedruckten Karten, und ich frage mich wieder, welche meiner Gedanken wohl angemessen und es wert sind, als Stoff zum Nachdenken verbreitet zu werden.

Ende 1985 schrieb ich zu diesem Zweck ein politisches Weihnachtsmärchen mit dem Titel "Ein außergewöhnliches Gipfeltreffen". Es schilderte die Wende im Umgang der Großmächte miteinander. - Aber es war eben nur ein Märchen. Es sollte Hoffnung vermitteln.

In diesen Tagen, also zwei Jahre später, fand nun ein Gipfeltreffen statt, das Anlaß zur Hoffnung gibt, bei dem erstmals in der Geschichte unserer Zeit nicht nur eine Begrenzung des Wettrüstens, sondern eine wirkliche Abrüstung vereinbart wurde. Noch wissen wir allerdings nicht, ob es tatsächlich zu dieser Abrüstung kommen wird; denn der Vertrag muß noch ratifiziert werden. Man hört, daß die Aussichten dafür gut seien. Doch in den USA ist dazu im Senat eine Zweidrittelmehrheit erforderlich, während zur Bewilligung der Haushaltmittel für die Aufrüstung eine einfache Mehrheit genügt. - Es gibt noch genug 'Falken' in beiden Lagern. Deshalb wäre es zu wünschen, daß auch sie der 'Hollanditis' bald nicht mehr entgehen. -

Was aber ist die 'Hollanditis'? -

Als ich vor einigen Wochen in einem Ordner blätterte, in dem ich meine Ideen sammle, fand ich (leider ohne Datumsangabe, aber aus dem Anfang der 80er Jahre) ein Blatt mit folgendem Text:

"Auszug aus einem Lexikon des Jahres 1990.

Hollanditis, erstmals 1981 in den Niederlanden bemerkte Virusinfektion, der es wahrscheinlich zu verdanken ist, daß dieses Lexikon heute noch gedruckt werden kann. Früher wurde sie fälschlicherweise als 'Holländische Krankheit' bezeichnet. Doch am 10.10.81 erklärte Greetje Witte-Rang, eine Rednerin aus den Niederlanden, auf der Großdemonstration gegen die 'Nachrüstung' in Bonn, daß es sich um eine 'ansteckende Gesundheit' handle.

Die Hollanditis äußert sich so, daß die, bei denen das Virus sich vermehren kann - nach Ansicht mancher Politiker - plötzlich den Sinn für die politische Realität verlieren. Genauere Analysen haben aber gezeigt, daß sich der politische Durchblick und der räumliche und zeitliche Weitblick beträchtlich verbessern.

Das Virus greift an ganz speziellen Denkstrukturen an und verändert sie. So wird z.B. die Politik der Abschreckung als ein Irrweg erkannt, der fast zwangsläufig früher oder später zur Katastrophe mit der wahrscheinlichen Vernichtung alles Lebens führen muß. Gleichzeitig wird aber auch das Gewissen geschärft, so daß die eigene Mitverantwortung erkannt und die Bereitschaft zum eigenen Einsatz bzw. Opfer gestärkt wird. Charakteristisch für diese Infektion ist, daß, mit zunehmender Vermehrung der Viren, Aggressionen immer weiter abgebaut werden, so daß die so befallenen Menschen nur noch zu völlig gewaltfreien Lösungen fähig sind. Dabei ist die eigene Opferbereitschaft erstaunlich groß." -


Wir sollten unsere Hoffnungen nicht zu hoch ansetzen. Noch gibt es in aller Welt eine starke Immunität gegen solche Vorstellungen - auch bei uns in der Bundesrepublik. Das brachte der Herr Bundespräsident zum Ausdruck, als er am 27.10.87 auf einer Konferenz des Aspen-Instituts in Berlin u.a. folgendes sagte: "Wir sollten nicht vergessen, daß die Regierungen des Atlantischen Bündnisses unisono mit einem Abkommen über den Abbau der Mittelstreckenraketen eben das erreichen, was sie seit ihrem Doppelbeschluß im Dezember 1979 zu ihrem Ziel gemacht, von der Sowjetunion verlangt und ihren Bevölkerungen versprochen haben. Enttäuscht kann heute nur sein, wer im Gegensatz zu allen öffentlichen Erklärungen die westlichen Mittelstreckenraketen in Wahrheit nicht als Druckmittel zum Abbau der sowjetischen SS-20, sondern um ihrer selbst willen in Europa haben wollte und daher natürlich auch weiterhin behalten will. ..." - Man muß schon einen starken Glauben an Zufälle haben, wenn man hinter der Tatsache, daß dieser Redeausschnitt zwar einmal in der Tagesschau am frühen Nachmittag gebracht wurde, aber in allen anderen Tagesschau- und Heute-Sendungen andere Ausschnitte zu hören waren, keine 'höhere Weisung' vermuten will.

Der Weg aus der Bedrohung zu einer stabilen Welt ist sicher noch sehr weit. Aber es gibt außer diesem Gipfeltreffen, das einen ersten Schritt auf höchster Ebene darstellt, noch weitere Meilensteine, die uns hoffen lassen. So erhielt in diesem Jahr Hans Jonas für sein Buch "Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation" den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Das Buch ist bereits 1979 erschienen und macht sehr gründlich auf die Probleme aufmerksam, die auch ich in meinen Überlegungen zum "Zwiedenken" und zum "Grundgesetz zur Sicherung des Lebens" angesprochen habe. Ich kannte es aber noch nicht, als ich diese Artikel schrieb. - Es ist nicht leicht zu lesen. Wann werden die Politiker Zeit und Muße dafür finden?

Am 20.11.87 jährte sich der Todestag von Wolfgang Borchert zum vierzigsten Male. In einer Gedenksendung konnten wir seinen flammenden Appell "Sag nein!" ungekürzt im Fernsehen hören. Es wäre zu wünschen, daß ihn alle Schulkinder auswendig lernten, so wie früher unsere Eltern Schillers Glocke. Die Bereitschaft der Kinder dafür dürfte größer sein, als die Verantwortlichen wahrhaben wollen. Das zeigt auch die Aktion "Peace Bird", die schon vor zwei Jahren begann. Schulkinder aus aller Welt wurden ermuntert, Briefe an Reagan und Gorbatschow zu schreiben und die beiden Politiker darin zu einer wirklichen Friedenspolitik aufzufordern. Inzwischen sind von mehr als 230.000 Kindern Briefe eingegangen, die ihnen nicht von ihren Eltern oder Lehrern diktiert worden sind. Eine Delegation von Kindern aus aller Welt sollte diese Briefe in Washington übergeben. Ich kann den Einwand nicht gelten lassen, daß damit Kinder für politische Zielsetzungen mißbraucht würden; denn, wenn in einer Demokratie die Betroffenen mitentscheiden sollen, so sind es doch gerade diese Kinder, um deren Zukunft es geht, wenn entweder aufgerüstet wird oder neue Wege zu einem besseren Zusammenleben der Völker gesucht werden.

Während des großen Gipfels fand in der Nähe des Weißen Hauses auch eine Friedenskonferenz der Kinder statt, mit der sie auf ihr Anliegen aufmerksam machen wollten. Ich kann mir gut vorstellen, daß für diese Kinder ein solches Erlebnis der Gemeinsamkeit über die Grenzen der Völker hinweg - und mit der Hoffnung, daß ihre Zukunft nun etwas sicherer werden könnte - das schönste Weihnachtsgeschenk war. Dieses Erlebnis dürfte sich so einprägen, daß wohl keines dieser Kinder später - wenn es erwachsen ist - wieder in solche Denkgeleise zurückfallen wird, die heute vernünftige Lösungen so erschweren.

Weihnachten ist ein Fest, das Hoffnung geben soll, Hoffnung, daß der 'Friede auf Erden' doch einmal zustande kommen möge. Erstmals in der Geschichte ist ein echtes Abrüstungsabkommen geschlossen worden. Haben wir da nicht besonderen Grund zu dieser Hoffnung! - Aber Hoffnung allein hilft nichts. Sehr entscheidend war ein Bewußtseinswandel in breiten Schichten der Bevölkerung in West und Ost. Der muß sich weiter ausbreiten, damit dieser erste kleine Schritt nicht der einzige bleibt. - Dazu kann jeder von uns beitragen.

Deshalb sind meine Wünsche zum Weihnachtsfest 1987 und zum neuen Jahr für alle meine Freunde, daß alle Menschen die 'Hollanditis' bekommen mögen, daß besonders aber die Mächtigen in aller Welt davon befallen werden und daß sie das 'Prinzip Verantwortung' zur Maxime ihres Handelns machen, damit der 'Friede auf Erden' in Zukunft nicht nur in den Weihnachtsliedern zu vernehmen ist.


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