Mein Traum vom Internationalen Jahr des Friedens



Es war im November des Jahres 1986. Ich dachte darüber nach, was das nun bald zu Ende gehende Jahr, das von der UNO zum INTERNATIONALEN JAHR DES FRIEDENS erklärt wurde, für mich persönlich und für die Welt gebracht hat. Dabei überlegte ich auch, was ich denn diesmal als Weihnachts- und Neujahrsgruß für meine Verwandten, Freunde und Bekannten dazu schreiben könne.

Es war nicht sehr ermutigend, was mir dabei einfiel; denn eigentlich sollten meine Grüße - nach dem überstandenen Herzinfarkt - ein Loblied auf das "Ja zum Leben" werden. Es tauchte der Gedanke auf, daß wohl nur noch eine Satire, wie ich sie z.B. über "DIE NEUEN MINISTERSESSEL" im März im Krankenhaus verfaßt hatte, die angemessene Art sein könne, sich zum politischen Geschehen zu äußern. - Über solchen Gedanken schlief ich ein.

Da kam mir ein Traum: Wir fuhren, wie es tatsächlich am 30. April geschehen war, mit der Bahn zur Kur nach Bad Feilnbach. Zwischen München und Rosenheim braute sich ein schweres Unwetter zusammen. Schwerer Regen und Hagel prasselte auf die Dächer der Waggons. Wie sich später herausstellte, kam mit Regen und Hagel der radioaktive Niederschlag aus der Kernkraftkatastrophe von Tschernobyl auf uns herab.

In meinem Traum aber war das nicht so negativ. Da stieg die Explosionswolke zum Himmel auf. Und der Schöpfer der Welten fragte sich, ob diese gefährlichen Substanzen allein schon ausreichen könnten, um endlich die Menschen zur Vernunft zu bringen. - Nach jahrtausendelanger Erfahrung war er skeptisch. Weil aber die UNO das Jahr 1986 zum INTERNATIONALEN JAHR DES FRIEDENS erklärt hatte und er ja auch nicht wollte, daß die Menschen seine Schöpfung zerstörten, mischte er sicherheitshalber noch weitere wundersame Substanzen bei, die mit den radioaktiven Wolken über die ganze Erde getragen wurden. Sie drangen überall ein und konnten durch nichts aufgehalten werden.

Als die ersten Wirkungen bekannt wurden, sahen viele Menschen diese Substanzen für noch viel gefährlicher an als die Radioaktivität und glaubten, daß es sich um eine bewußtseinserweiternde Droge handle. Folgende Symptome wurden festgestellt: Wer diese Substanzen aufnahm - und das waren früher oder später praktisch alle Menschen - konnte sich plötzlich nicht mehr Argumenten der Vernunft widersetzen, mochten seine Ziele auch noch so sehr in eine andere Richtung gehen. Selbst ganz hartgesottene Politiker, Militärs und Wirtschaftsbosse waren außerstande, sich dem Wirken dieser Substanz zu entziehen.

Erschwerend kam hinzu, daß die Menschen plötzlich zwischen wichtigen und wesentlichen Dingen unterscheiden lernten. Wichtig waren jene, die für ihre augenblickliche Situation von (meist vorübergehender) Bedeutung waren, und wesentliche solche, auf die es für das Gleichgewicht in der Natur und für die Sicherung des Lebens auf der Erde ankam.

Alle Menschen - gerade aber auch die, die nur wenig politisch interessiert waren - lernten genauer zuzuhören und zu unterscheiden, welches Argument in einer Rede nur vorgeschoben und welches ehrlich gemeint war. Dies und auch die Unterscheidung von "wichtig" und "wesentlich" sahen viele Politiker natürlich als bedrohlich für ihre Wahlkampftätigkeit an.

Ein weiterer vermeintlich schwerer Schaden wurde dadurch angerichtet, daß gerade bei den Menschen, die sehr viel davon besaßen (Politiker, Militärs und Wirtschaftsbosse), das Machtstreben plötzlich erlahmte. Anstelle des Willens, "alles beherr- schen zu können" und "alles im Griff zu haben" breitete sich die Liebe zum Mitmenschen, das Mitfühlen und die Liebe zur gesamten Schöpfung aus.

Noch etwas brachten die Substanzen der "Bewußtseinserweiterung": Die Menschen lernten, die Welt in der richtigen Perpektive zu sehen, ihre eigene zeitliche und räumliche Begrenztheit im Vergleich zur ungeheuren Weite dieser Welt. Sie lernten aber auch sehen, wie alles in dieser Welt miteinander vernetzt ist, daß sie dadurch gegebenenfalls durch einen kleinen Eingriff sehr großen Schaden, aber bei überlegtem Handeln mit geringem Kräf- teeinsatz auch großen Nutzen bewirken konnten.

Träume haben die Eigenschaft, daß man sich nach dem Erwachen häufig gar nicht mehr oder - wie in diesem Fall - nur an einige Teile erinnern kann. Drei Wirkungen der Wundersubstanzen sind mir aber noch in Erinnerung: Die Katastrophe von Tschernobyl hatte den umgehenden Ausstieg aus der Kernenergie zur Folge, wobei die Bundesrepublik die Vorreiterrolle übernahm. Das "Unternehmen Wackersdorf" wurde selbstverständlich abge- blasen.

Als im Sommer der Märchenfilm "Momo" von Michael Ende lief, begannen die Menschen über die ihnen von den "Grauen Männern" gestohlene Zeit nachzudenken, wodurch es allgemein zu einem beschaulicheren Leben kam und die Menschen lernten, die wahren Werte des Lebens - und nicht die von der Werbung vorgegaukelten - zu erkennen. Das Nachdenken über "Momo" führte aber auch dazu, daß es im Herbst zu einer der "Sternstunden" kam, von denen Meister Hora im Märchen gesprochen hatte.

Reagan und Gorbatschow trafen sich in Island und beschlossen die vollständige Abrüstung der Kernwaffen. Die USA verzichteten auch auf SDI. Als Folge davon kam es zu einem Wett-Abrüsten in der ganzen Welt. - - -

Meine Enttäuschung war groß, als ich merkte, daß alles nur ein Traum war. Daß die Realität anders aussah, demonstrierte mir am anderen Morgen (25.11.) die Hannoversche Allgemeine Zeitung. In einem kleinen einspaltigen Artikel las ich auf Seite 2, daß "Im 'Jahr des Friedens' 900 Milliarden Dollar" für die Rüstung ausgegeben werden. Pro Minute sind das 3,4 Millionen Mark. 536 Milliarden Mark geben die USA aus, die Bundesrepublik liegt mit 46 Milliarden Mark auf Platz sechs. Weltweit sind 100 Millionen Menschen an der Rüstungsproduktion beteiligt. Ich schätze, daß es in der Bundesrepublik etwa 25 Millionen Erwerbstätige gibt. Die vierfache Zahl arbeitet also weltweit für die Rüstung.

In der gleichen Nummer der Zeitung las ich auf Seite 3 einen sechsmal so langen dreispaltigen Artikel mit der Überschrift: "Schlange vor Suppenküchen wird immer länger". Er befaßte sich mit dem katastrophal zunehmenden sozialen Elend in den USA. - Ob da wohl ein Zusammenhang besteht?

Was ich geschildert habe, war ein Traum. Wunder haben also unsere Probleme nicht gelöst. Da müssen wir uns doch wohl selbst bemühen, um zu dieser "Bewußtseinserweiterung" beizutragen. Zu einem kleinen Teil kann das jeder, wenn er nur dazu entschlossen ist. Ich möchte alle die, die dieser Brief erreicht, dazu ermuntern.


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