Das schönste Weihnachtsgeschenk
Ein Weihnachtsmärchen aus der Zukunft



Es war einmal vor vielen Jahren, am Heiligabend des Jahres 2009. Die Familie hatte am Nachmittag einen Spaziergang in den nahegelegenen verschneiten Wald gemacht und saß nun im Weihnachtszimmer beisammen. Die Kinder beschäftigten sich mit ihren Geschenken. Die Erwachsenen unterhielten sich über das Heute, aber auch über Erlebnisse aus den Kindertagen.

Was war denn anders geworden? - Eines war bemerkenswert: Man lebte zwar etwas bescheidener in seinen Ansprüchen, aber keinesfalls mußte man auf wirklich Lebensnotwendiges verzichten. - Eigentlich war man glücklicher. - Man hatte mehr Zeit für einander.

Der Spaziergang in der frischen Winterluft war ein Genuß. Glücklicherweise gab es noch Wälder, obwohl der Bestand in Deutschland im Vergleich zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts stark zurückgegangen war. Durchgreifende Maßnahmen kamen gerade noch rechtzeitig, nachdem die Politiker dem Druck der Öffentlichen Meinung nicht mehr widerstehen konnten.

Im Laufe dieses Gespräches sagte Vater Meyer - scheinbar vom Thema abschweifend - zu seinem Vater: "Weißt Du übrigens, daß ich mein schönstes Weihnachtsgeschenk, das Du mir vor 25 Jahren, nämlich 1984, überreicht hast, noch besitze?" - Er holte aus einer Schreibtischschublade einen Brief und las ihn vor: "Mein lieber Junge,

ich weiß, daß wir uns in den letzten Jahren, seit Du anfingst, Dir selbst Gedanken über Politik und die eigene Zukunft zu machen, nicht immer gut verstanden haben. Ich habe auch immer wenig Zeit für die Familie gehabt, weil ich oft in ganz Deutschland unterwegs war, um Kunden zu besuchen und alle meine Kräfte einsetzen mußte, um unser aller Existenz zu sichern. Die zunehmende Arbeitslosigkeit ließ meine Angst wachsen, daß auch ich einmal betroffen sein könnte, weil vielleicht andere mehr leisteten als ich.
Manchmal findet man in einem Hotelzimmer auch Zeit zum Nachdenken. Ich fragte mich: Du rackerst Dich ab, um für Dich und Deine Familie ein schönes und glückliches Leben zu ermöglichen. Was ist aber daraus geworden? - Du tust alles, damit es die Kinder besser haben sollen als Du. - Wie wird ihre Zukunft aber aussehen, wenn bereits heute die Wälder sterben und keiner weiß, ob die Vernichtung unserer Umwelt noch aufzuhalten ist. Ich dachte an die verkarsteten Gebirge der Mittelmeerregion und an die ärmlichen Verhältnisse, unter denen die Menschen dort leben müssen, weil der eigene Boden nicht mehr genug zum Leben produzieren kann. - Wie sieht die Zukunft der Kinder aus, wenn Gift und atomare Massenvernichtungsmittel jederzeit die Erde in eine Wüste verwandeln können? - Ich fühlte mich zu machtlos, um es ändern zu können. -

Dann gingen meine Gedanken wieder zurück zu naheliegenderen Dingen, zum bevorstehenden Weihnachtsfest und zu der Frage, was ich Dir denn in diesem Jahr schenken solle. - Jedes Jahr wurde es für Deine Mutter und mich schwieriger, etwas zu finden, über das Du Dich freuen konntest. Was Du brauchst an materiellen Dingen, hast Du bereits, und Du machtest uns immer wieder darauf aufmerksam, daß wir mit so vielen überflüssigen Dingen nur unnötig zum baldigen Ende der Rohstoffreserven und zu stärkerer Umweltbelastung beitrügen. - Die Freude, wie ich sie selbst als Kind und Jugendlicher beim Weihnachtsfest ge- kannt habe, konnte in den letzten Jahren nicht mehr aufkommen. Die Bilder von Kriegen und Hungersnöten in aller Welt, die im Fernsehen gezeigt wurden, trugen auch ihr Teil dazu bei, daß ich mich immer wieder fragte: Was ist ein wirklich gutes Weihnachtsgeschenk für die Kinder?

Da kam ich neulich an einem Stand von GREENPEACE vorbei und wurde aufgefordert, durch meine Unterschrift dazu beizutragen, daß schnellstens eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h auf den Autobahnen und von 80 km/h auf den Landstraßen eingeführt würde, um die Vergiftung der Luft wenigstens etwas zu reduzieren, auch, wenn das allein längst nicht ausreicht.


Wie Du siehst, habe ich mir die Unterschrift von den jungen Leuten bestätigen lassen, damit ich Dir den Beleg als ein Weihnachtsgeschenk überreichen kann. Ob GREENPEACE mit dieser Aktion Erfolg haben wird, weiß ich nicht. - Ich fragte mich auch, ob diese Unterschrift denn alles ist, was ich in dieser Sache tun kann. Soll ich denn nur dann die Geschwindigkeit herabsetzen, wenn es gesetzlich verordnet wird? - Kann "Freie Fahrt für freie Bürger!" nicht auch heißen, daß ich durch meine freie Entscheidung selbst ein Beispiel setzen kann? (Ein Aufkleber wird das andern zeigen.) - Das wird mich sehr viel Geld kosten; denn ich werde in Zukunft nicht mehr so viele Kunden an einem Tag aufsuchen können wie bisher. Insofern ist dieser zweite Teil meines Weihnachtsgeschenks - in Geld gerechnet - sehr wertvoll und fordert Verzicht an anderer Stelle im privaten Bereich. Wenn aber einige in unserem Betrieb so handeln, muß vielleicht ein bisher Arbeitsloser die Arbeit bewältigen, die wir dann nicht mehr schaffen.

Ich werde aber noch ein weiteres tun und privat das Auto nur da nutzen, wo es sinnvoll ist und nicht an den Wochenenden nur einfach losfahren, weil es ja so schön ist, von Fahrplänen unabhängig zu sein. Ich hoffe, daß Du und die übrige Familie dafür Verständnis haben werden. Der ADAC mag noch so sehr argumentieren, daß das nichts bringe. Es geht schließlich um einen Bewußtseinswandel bei uns allen. Wenn wir es schaffen, uns hier aus den eingefahrenen Gleisen zu lösen, wird schließlich auch eine Änderung bei den übrigen Umweltverschmutzern, bei der Industrie und den Kraftwerken möglich werden.

Dies soll für dieses Jahr mein Weihnachtsgeschenk sein, und ich meine, daß es wertvoller ist als irgendein Computerspiel oder sonst ein aufwendiger Artikel unserer Wohlstandsgesellschaft. - Ich hoffe, Du hast Verständnis dafür!

Ich wünsche Dir für die Zukunft, die ich damit bessern möchte, alles Gute!

Dein Vater." -


Nachdem er den Brief vorgelesen hatte, sagte er nun: "Dieser Brief war das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich jemals erhalten habe. Der Giftgehalt der Luft ist durch diese Einzelentscheidung kaum zurückgegangen. Aber ich habe wieder zu hoffen begonnen, daß es für uns eine Zukunft geben könne, wenn die Generation, die bisher nur in Wohlstands- und Wachstumsdenken verharrte, nun auch bereit war, sich umzustellen. - Und es hat ja auch Erfolg gehabt! Der Schaden konnte begrenzt werden. Unsere Kinder können auf eine gute Zukunft hoffen." -


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