Ein bißchen Frieden ...... ?

Das Jahr 1982 neigt sich seinem Ende zu. Das Weihnachtsfest naht. Überall in der Welt verschickt man an seine Angehörigen, seine Freunde, seine Geschäftspartner Grüße, wünscht sich Glück, Zufriedenheit - Frieden. Und auch die Weihnachtsbotschaft verheißt "Friede auf Erden".

Ich möchte wieder - wie im letzten Jahr - etwas mehr senden als nur Grüße und gute Wünsche - etwas zum Nachdenken, etwas Allgemeingültiges - und doch auch etwas ganz Persönliches. - Aber wird es mir gelingen, die Ge­danken so zu Papier zu bringen, daß sie das ausdrücken, was mir am Herzen liegt? -

Das Jahr 1982 neigt sich seinem Ende zu. Es war ein aufregendes Jahr, ein gefährliches. Die Großmächte gingen auf Konfrontationskurs. Zwar war die Gefahr noch nicht so groß wie vor 20 Jahren, als im Oktober 1962 die Menschheit am Rande der Vernichtung stand, wie es Robert Kennedy in sei­nem Buch "Dreizehn Tage - Wie die Welt beinahe unterging" selbst bestä­tigte. Wer konnte aber wissen, ob z.B. der Falklandkonflikt nicht doch zur großen Kon­frontation eskalieren würde? - Wieviele Sicherungen gab es noch?

Vieltausendfaches Leid hat das Jahr 1982 in aller Welt durch Kriege und Bürgerkriege gebracht. Die Gebiete der Dritten und Vierten Welt sind von Hunger und Elend gezeichnet.

In diesem Jahr errang aber auch Nicole mit ihrem Lied "Ein bißchen Frie­den ..." den Sieg im Grand Prix d' Eurovision. - Warum? - War es für viele Millionen eine Gewissens­beruhigung: Wir wollen ein bißchen Frieden schaffen in unserer nächsten Umgebung, damit wir das Leid der Welt nicht sehen müssen? -

Ist es aber damit getan? - Dürfen wir uns denn beruhigen, weil wir meinen, daß wir gegen die ganz großen Gefahren doch nichts unternehmen können? -

In diesem Sommer erschien in der Bundesrepublik Jonathan Schells Buch "Das Schick­sal der Erde", ein Buch, das ich für eins der wesentlichsten aus unseren Tagen halte. Das zweite Kapitel heißt "Der zweite Tod" und stellt die Diskussion um die Massenvernichtungsmit­tel in eine völlig andere Dimension.

Es geht nicht um die Gefahr, daß Millionen von Menschen und von anderen Lebewesen in einem Atomkrieg vernichtet werden, sondern um die Gefahr, daß menschliches Leben - oder das Leben überhaupt - auf dieser Erde das absolute Ende finden könnte. Es geht um die Frage, ob es irgendein Argu­ment zur Rechtfertigung eines Handelns gibt, das dieses absolute Ende zur Folge haben könnte.

Man hört oft, daß die christliche Lehre "für den Hausgebrauch" sei. Das wird so ausge­drückt: Der Einzelne könne die Atomrüstung ablehnen, aber der Politiker, dem das Schicksal von Millionen anvertraut sei, müsse das Pro­blem der "Sicherheit" mit anderen Kriterien an­gehen als mit der Lehre der Bergpredigt. Dieser Politiker hat das Schicksal von höchstens einer Gene­ration im Auge, während vielleicht 100 000 Generationen von Menschen be­reits die Erde bevölkert und ihr Erbgut - ganz leicht verändert - immer wieder weitergegeben haben. Darf die Kette reißen, nur, weil wir mit un­seren Problemen nicht fertigwerden? Könnte ein einziges in erdgeschicht­licher Perspektive bestehen?

1958 wurde in Hannover und in vielen anderen Städten eine amerikanische Photoaus­stellung gezeigt mit dem Titel: "The Family of Man" - "Die Menschheitsfamilie". Die Bilder machten deutlich, daß all das, was unser Mensch­sein bedeutet: Liebe, Haß, Freude, Traurigkeit, Gemeinsamkeit, Ein­samkeit usw. auch das Menschsein für andere Völker, Menschen anderer Ras­se, anderer Hautfarbe darstellt. Den gleichen Eindruck vermittelte eine sowjetische Photo­ausstellung, von der kürzlich einige Bilder im Fernsehen gezeigt wurden. - Vielen Politikern scheint es allerdings nicht mehr mög­lich zu sein, hinter den Machtblöcken und ihren Waffen­systemen auch noch die Menschen zu erkennen.

Alle Menschen - in allen Teilen der Erde - wollen leben - und müssen doch einmal sterben. Der Tod ist der Preis für die Höherentwicklung des Lebens. Aber das Leben wird weitergehen, wenn wir schon längst unser Dasein been­det haben werden. - Es sei denn, daß irgendwann einmal Menschen den abso­luten Schlußstrich ziehen.

Niemals vorher war der Mensch in der Lage, das Leben vollständig vernich­ten zu können, eine Erde zu schaffen, die den Bildern gleicht, die wir von Mond und Mars jetzt kennen. Wenn wir nicht alles daransetzen, das Le­ben zu erhalten, wird das geschehen, was Jonathan Schell so beschreibt (S. 201f): "Die Alternative ist, uns der absoluten und ewigen Finsternis auszuliefern: einer Finsternis, in der es keine Nation, keine Gesell­schaft, keine Ideologie, keine Zivilisation mehr geben wird; in der nie wieder ein Kind geboren wird, nie wieder Menschen auf der Erde erscheinen werden und sich niemand mehr daran erinnern wird, daß es sie je gab." ---

Sollen wir zu Weihnachten und zum Jahreswechsel uns solchen bedrückenden Gedan­ken hingeben? - Sie brauchen uns nicht zu bedrücken, wenn wir uns klarmachen, daß wir es ändern können und ändern müssen. Noch stoßen die Anhänger der Friedensbewegung auf die Abschreckungsstrategen, die behaup­ten, wegen der weiterreichenden Ziele ihre Politik verfol­gen zu müssen. Jonathan Schells Buch gibt uns die Argumente für die Erkenntnis, daß die Sorge um den Fortbestand des Lebens ganz allgemein die einzige Richt­schnur für unser Handeln sein muß. Jede andere politische Zielsetzung ist zweitrangig. Wir sollten jeden Politiker vor Wahlen prüfen, ob er sich überhaupt mit diesen Gedankengängen beschäftigt hat und in der Lage ist, sie auch zu begreifen. Nur dann verdient er unser Vertrauen. Diese Erkennt­nis müssen wir ver­breiten.

Wenn ich Euch, meine lieben Freunde, zu Weihnachten wünsche, daß möglichst vielen in der Welt klar wird, was der "zweite Tod" bedeutet, so weiß ich keinen Wunsch, der mehr dem Leben, dem Glück, der Zufriedenheit, der Hoff­nung und dem Frieden auch im Jahre 1983 dienen kann.

Er wäre mehr als nur ein bißchen Frieden.


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