Der Hunger der Weißen wird die Erde verschlingen

Auszug aus einer Rede, die Häuptling Seattle, Oberhaupt der Duwamish-Indianer, vor über 120 Jahren an den damaligen Präsidenten Franklin Pierce richtete.

Der große Häuptling in Washington sendet Nachricht, daß er unser Land zu kaufen wünscht. Er sendet uns auch Worte der Freundschaft und des guten Willens. Das ist freundlich von ihm; denn wir wissen: Er bedarf unserer Freundschaft nicht. Aber wir werden sein Angebot bedenken; denn wir wissen auch: Wenn wir nicht verkaufen, kommt vielleicht der Weiße Mann mit Gewehren und nimmt sich unser Land.

Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen - oder die Wärme dieser Erde! Diese Vorstellung ist uns fremd. Wenn wir die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers nicht besitzen - wie kann er sie von uns kaufen?

Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig: jede glitzernde Tannen­nadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jede Lichtung, jedes summende Insekt. Wir sind ein Teil der Erde, und sie ist ein Teil von uns. Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern, die Rehe, das Pferd, der große Adler sind unsere Brüder. Die felsigen Höhen, die saftigen Wiesen, die Körperwärme des Ponys und des Menschen - sie alle gehören zur gleichen Familie.

Wir wissen, daß der Weiße Mann unsere Art nicht versteht. Ein Teil des Landes ist ihm gleich jedem anderen; denn er ist ein Fremder und nimmt von der Erde, was immer er braucht. Die Erde ist sein Bruder nicht, son­dern Feind, und wenn er sie erobert hat, schreitet er weiter. Er behan­delt seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern, zum Verkaufen wie Schafe oder glänzende Perlen. Sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurücklassen als die Wüste.

Unsere Art ist anders als die Eure. Der Anblick Eurer Städte schmerzt die Augen des Roten Mannes. Vielleicht weil der Rote Mann ein Wilder ist und nicht versteht. Es gibt keine Stille in den Städten der Weißen, keinen Ort, um das Entfalten der Blätter im Frühling zu hören oder das Summen der Insekten. Aber vielleicht nur deshalb, weil ich ein Wilder bin und nicht verstehe. Das Geklappere scheint unsere Ohren nur zu beleidigen. Was gibt es schon im Leben, wenn man nicht den einsamen Schrei des Ziegen­melkervogels hören kann oder das Gestreite der Frösche am Teich bei Nacht? Der Indianer mag das sanfte Geräusch des Windes, der über eine Teichfläche streicht -, und den Geruch der Luft, gereinigt vom Mittagsregen oder schwer vom Duft der Kiefern.

Die Luft ist kostbar für den Roten Mann; denn alle Dinge teilen denselben Atem: das Tier, der Baum, der Mensch. Der Weiße Mann scheint die Luft, die er atmet, nicht zu bemerken. Wie ein Mann, der seit vielen Tagen stirbt, ist er abgestumpft gegen Gestank.

Aber wenn wir Euch unser Land verkaufen, dürft Ihr nicht vergessen, daß die Luft uns kostbar ist, daß die Luft ihren Geist teilt mit all dem Le­ben, das sie erhält. Der Wind gab unseren Vätern den ersten Atem und emp­fängt ihren letzten. Und der Wind muß auch unseren Kindern den Lebensgeist geben. Und wenn wir Euch unser Land verkaufen, so müßt Ihr es als ein Be­sonderes und Geweihtes schätzen, als einen Ort, wo auch der Weiße Mann spürt, daß der Wind süß duftet von den Wiesenblumen.

Ich habe tausend verrottete Büffel gesehen, vom Weißen Mann zurückgelas­sen - erschossen aus einem vorüberfahrenden Zug. Ich bin ein Wilder und kann nicht verstehen, wie das qualmende Eisenpferd wichtiger sein soll als der Büffel, den wir nur töten, um am Leben zu bleiben. Was ist der Mensch ohne die Tiere? Wären alle Tiere fort, so stürbe der Mensch an Einsamkeit des Geistes.

Was immer den Tieren geschieht - geschieht auch bald den Menschen. Alle Dinge sind miteinander verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde.

Ihr müßt Eure Kinder lehren, was wir unsere Kinder lehrten: Die Erde ist unsere Mutter. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Wenn Menschen auf die Erde spucken, bespeien sie sich selbst. Denn das wissen wir - die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde. Alles ist miteinander verbunden wie das Blut, das eine Familie ver­eint.

Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer Ihr dem Gewebe antut, das tut Ihr Euch selber an. Könnt Ihr denn mit der Erde tun, was Ihr wollt, nur weil der Rote Mann ein Stück Papier unterzeichnet und es dem Weißen Mann gibt? Wenn wir nicht die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers besitzen, wie könnt Ihr sie von uns kaufen.

Könnt Ihr die Büffel zurückkaufen, wenn der letzte getötet ist? Wenn die Büffel alle geschlachtet sind, die wilden Pferde gezähmt, die heimlichen Winkel des Waldes schwer sind vom Geruch vieler Menschen und der Anblick reifer Hügel geschändet ist von Drähten - wo ist dann das Dickicht? Fort! Wo der Adler? Fort! Wo sind die flinke Antilope und der starke Bär? Fort!

Und was bedeutet es, Lebewohl zu sagen dem schnellen Pony und der Jagd? Das Ende des Lebens - und der Beginn des Überlebens!

(Dieser Text ist Grundlage des Films "Söhne der Erde".)


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