Keine Kinder - keine Zukunft?

(16.03.06)


Durch die Medien geht ein Sturm mit der Frage, ob Deutschland demnächst aussterben wird. Der 'Spiegel' z.B. titelt: 'Verlassenes Land, verlorenes Land', die Hannoversche Allgemeine Zeitung: 'Keine Kinder - keine Zukunft?' - Man bezieht sich dabei auf eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und verschiedene Autoren. - Die Zahlen und Fakten, die aufgeführt werden, sind erschreckend. Deutschland außerhalb der Ballungsgebiete wird menschenleer und mit verfallenen Häusern und Bahnstrecken dargestellt. - Die Konsequenz: 'Die Frauen müssen gebärfreudiger werden. Doch auch dafür sei es schon zu spät, ein Ausgleich nicht mehr zu schaffen. -

Die Detailanalyse stimmt vermutlich. - Und doch ist sie falsch. - Der Blickwinkel ist falsch. - Es fehlt das 'vernetzte Denken', wie es Frederic Vester immer wieder gefordert hat. - Wir haben zu viele Fachleute für begrenzte Gebiete und zu wenig, die in der Lage sind, wirklich global zu denken. - Man wird mir vorhalten: "Das steht nicht auf der Tagesordnung!" - Wenn jedoch in einer Kongreßhalle während eines Kongresses Feuer ausbricht, steht der Ruf "Feuer!" auch nicht auf der Tagesordnung und muß doch beachtet werden.

Ich habe immer wieder versucht, die Probleme der Menschheit aus einem weiteren Blickwinkel - 'von außen' - zu sehen. Mein Buch 'Unternehmen DELPHIN gescheitert ...' z.B. führt dies konsequent vor. Ich habe aber auch sonst ständig darauf hingewiesen, daß wir von globalen Lösungen ausgehen müssen. (Die globalen Lösungen haben allerdings nichts gemein mit der 'Globalisierung', wie sie heute gepredigt wird. - In meinem Beitrag über die EXPO 2000 habe ich in diesem Zusammenhang von 'Gaia-Denken' gesprochen.)

Folgendes steht doch fest:

Eine gesunde 'Bundesrepublik Deutschland' kann nur innerhalb eines gesunden Europa bestehen. Aber ein gesundes Europa kann auf Dauer nur bestehen, wenn die Weltgemeinschaft in Ordnung ist. Diese kann aber nur in Ordnung sein, solange das Gleichgewicht der gesamten Biosphäre nicht zerstört ist. - Hier aber liegt das Hauptproblem.

Der Mensch greift immer massiver in das Gesamtsystem der Biosphäre ein. - Man mag es noch so sehr leugnen. Die Belege, wie z.B. die Gletscherschmelze, die Wetterkapriolen usw., werden immer überzeugender.

Fest steht aber auch, daß jeder Mensch ein Mitglied der Biosphäre ist. Er lebt von ihr und beeinflußt sie durch das, was er nimmt aber auch durch das, was er stört bzw. zerstört. Das gehört zum Leben allgemein und zum Gesamtorganismus 'Gaia' dazu. "Die Natur gleicht das aus!" sagen wir und trösten uns meist damit. In großem Umfange tut sie es auch.

Die Gefahr entsteht dann, wenn unsere Einflüsse so groß werden, daß es zum Umkippen kommt, daß es sich nicht um eine kurzzeitige Störung handelt, sondern daß eine neue Struktur entsteht, die vielleicht für den Menschen keinen Platz mehr hat.

Ich habe gesagt, daß jeder von uns Einfluß nimmt, Einfluß nehmen muß. Ob es aber zu einem Umkippen kommt, hängt von der Größe des Einflusses ab. Und diese ist entscheidend abhängig von der Zahl der Menschen auf dem gesamten Erdball und von deren Ansprüchen.

Folglich müssen wir sagen: Die Bevölkerungszahl auf der gesamten Erde darf nicht weiter steigen, muß sogar möglichst zurückgehen! - Schon diese Forderung kann nicht erfüllt werden, wenn wir selbstverständlich Massenvernichtung durch Kriege oder durch Seuchen ausschließen. - Allerdings könnte durch unseren häufig unbekümmerten Chemieeinsatz die Zeugungsfähigkeit zurückgehen.



Wie ist aber dann das jetzt aufgeworfenen deutsche Problem zu lösen? - Auf keinen Fall darf der Ruf nach mehr Kindern laut werden. - Wie können wir erwarten, daß sich Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern zu einer Geburtenkontrolle bereitfinden, wenn wir nach mehr Kindern rufen. Sie sehen sich jetzt schon - zu Recht - durch die Industrienationen bevormundet. Deshalb müssen wir nach anderen Lösungen für unsere Strukturprobleme suchen. - Wer mich nach Lösungen fragt, den muß ich enttäuschen. Ich habe während meines Lebens viele mögliche Ansätze aufgezeigt, Fragen gestellt. Meist liegen sie quer zur derzeitigen Politik. Es ist schon sehr wichtig, daß die richtigen Fragen gestellt werden. Nur dann sind gültige Antworten zu erwarten. - Ich bin aber auch nur ein Mensch mit begrenzten Möglichkeiten. - Einer allein kann auch keine Lösung finden. Wir brauchen eine ungeheuer große Teamarbeit von Menschen, die bereit sind vernetzt zu denken und bei der Suche nach Lösungen ihre persönlichen Wünsche beiseite lassen.

Lösungen für Deutschland sind aber nur akzeptabel, wenn sie dem 'Gaia- Denken' entsprechen, sich also in ein globales Lösungssystem einfügen. Mit rein materiellem Denken geht es auch nicht; denn wir werden wohl auch materielle Ansprüche begrenzen müssen. Wir müssen, wie ich immer wieder betont habe, die Haltung des 'Ich' durch die Haltung des 'Wir' ersetzen.

Die später vielleicht fehlende menschliche Arbeitskraft dürfte weitgehend durch Einsatz technischer Hilfsmittel ersetzt werden können. Schließlich kommt es darauf an, die Bedürfnisse zu befriedigen und nicht immer wieder für mehr oder weniger sinnvolle - bzw. unsinnige - Produkte 'Bedarf zu wecken'. Der Aufbau und Erhalt guter zwischenmenschlicher Beziehungen gibt unserem Leben mehr Inhalt als pausenloses Sitzen vor den Bildschirmen oder ähnliche Ablenkungen. - Mit einer solchen Einstellung kann auch das Rentenproblem gelöst werden. -

Mir kam ganz spontan der Gedanke, daß wir das Abwandern der Produktion in die Billiglohnländer verhindern könnten, indem wir die Mehrwertsteuer durch eine ständig der jeweiligen Situation angepaßte Mehrwegsteuer ersetzen. D.h. importierte Güter müssen durch diese Steuer so verteuert werden, daß es lohnender ist, sie dort zu produzieren, wo sie benötigt werden. (Denkansätze in dieser Richtung finden sich in meinem Aufsatz 'Die Autoflut muß eingedämmt werden.')

Doch auch eine solche Lösung dürfte wohl nicht dem Gaia-Denken entsprechen. Wir haben in den Billiglohnländern die Menschen in die Produktion für uns gelockt. Sie dürfen nun nicht dadurch leiden, daß wir uns zurückziehen. - Die großen Schwierigkeiten sind wohl dadurch entstanden, daß wir viel zu lange die Entwicklung in die falsche Richtung haben laufen lassen. Wenn wir aber noch länger warten, wird das Umsteuern noch schwieriger, vielleicht sogar unmöglich werden. - Mit Risiko ist es immer verbunden. Ich habe dazu häufiger das folgende Bild verwendet: Wir befinden uns auf einer Eisscholle, die flußabwärts treibt. Mit einem gewissen Risiko könnten wir noch durch einen Sprung das Land erreichen. Der Fluß wird immer breiter, und die Eisscholle schmilzt. Wann ist für uns die letzte Chance und mit welchem Risiko? -

Wir müssen neue Wege suchen. 'Systemveränderung' darf nicht mehr als Unwort gesehen werden. - Bei unserer Suche sollten wir uns ein Wort von Albert Einstein zum Leitwort nehmen: "Man kann die Probleme nicht mit den Denkweisen lösen, die zu ihnen geführt haben!"


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