'Schwein bleibt Schwein!' - und die Bevölkerungsexplosion

Oktober 2008


In meiner Jugend habe ich eine Geschichte gelesen, bei der ich mich - weil ich mir alles real vorstellte - vor Lachen nicht auf dem Stuhl halten konnte. Sie hieß "Schwein bleibt Schwein!", spielte in den USA und hatte etwa folgenden Inhalt:

Bei der Bahn-Frachtgutauslieferung sollte ein Vater ein Meerschweinchenpaar für seine Kinder abholen. Dabei kam er in Streit mit dem Beamten über den Tarif. Es waren ihm die Transportkosten für 2 Schweine in Rechnung gestellt worden. Der Empfänger wollte aber nur den Tarif für 'kleinere Haustiere' bezahlen. Der Beamte argumentierte aber: "Schwein bleibt Schwein!" und gab die Tiere nicht heraus, bis der Tarifstreit geklärt sei. Wütend verlies der Vater die Frachtgutauslieferung mit der Bemerkung: "Wehe, wenn den Tieren auch nur ein Haar gekrümmt wird!" -

Nun wurde ausführlich geschildert, wie während der Zeit der Ermittlungen, angeregt durch das gute Futter, die Meerschweinchen ihrem Namen als 'Mehr-Schweinchen' alle Ehre machten. - Die Ermittlungen zogen sich in die Länge; denn der zoologische Fachmann war gerade auf einer Expedition in Südamerika in einer einsamen Gegend in den Anden. - Seinerzeit war die Nachrichtenübermittlung viel langsamer als heute, und es dauerte Monate, bis die Antwort kam, daß es 'kleinere Haustiere' seien.

Inzwischen war der Empfänger der Tiere aber 'unbekannt verzogen', und die Meerschweinchen mußten zurück an den Absender. Es wurden also emsig Kisten zu Käfigen umgebaut, um einen sicheren Transport zu ermöglichen. Doch jedesmal, wenn ein Käfig fertig und gefüllt war, hatten die fleißigen Tierchen dafür gesorgt, daß die Zahl der zurückbleibenden Tiere größer war als vor dem Bau des Käfigs. - Schließlich blieb den bedauernswerten Beschäftigten auf dem Güterbahnhof nichts anderes übrig, als die Tiere in Körbe zu schaufeln und in den Güterwagen zu kippen. -

Durch diese Geschichte bin ich in jungen Jahren auf amüsante Weise mit der 'Wachstumskurve' - der Exponentialkurve - und ihren Tücken vertraut gemacht worden. -

Als ich vor wenigen Tagen von der Studiengesellschaft für Friedensforschung, München die 'Denkanstöße zum Thema Wasser - ein globales politisches Problem' (Nr. 56) erhielt, fand ich auf S. 3 einen Einschub: 'Weltweites Bevölkerungswachstum' und dort die Wachstumskurve der Weltbevölkerung von 400 vor unserer Zeitrechnung (153 Millionen) bis 1999 (5978 Millionen). - Da wurde ich wieder an die Geschichte 'Schwein bleibt Schwein!' erinnert.

Bevölkerungswachstum

Eine Beispielrechnung, wie es mit uns Menschen gehen müßte, aber nicht kann, wenn die Erde übervölkert wäre, habe ich 1974 als Anmerkung zu dem Leitartikel 'Wegwerferde - Reparatur unwirtschaftlich!' in unserer Zeitschrift 'Information - Zukunfts- und Friedensforschung' 10, 1974, Heft 2, S. 83f durchgeführt.

Wir wissen doch Folgendes, das von vernünftigen Menschen doch nicht bestritten werden kann: Die meisten unserer weltweiten Probleme werden dadurch verschärft, daß die Weltbevölkerung so groß ist und noch weiter wächst. - Denken wir z.B. an die Ernährung, die Rohstoffversorgung, das Wasser, die Gefährdung des Gleichgewichts in der Natur, den Klimawandel usw. - In den genannten 'Denkanstößen' wird eine Forderung der UNO aus der Agenda 21 (in diesem Fall in Bezug auf das Wasser) zitiert: "Anpassung der menschlichen Aktivitäten an die Tragfähigkeit der Natur ..."

Zu diesen Aktivitäten gehören aber auch die, welche dafür sorgen, daß die Menschheit nicht ausstirbt. Normalerweise ist es in der Natur so eingerichtet, daß die Zahl einer Spezies - im Gleichgewicht mit der anderen Lebewelt - auf einem bestimmten Niveau gehalten wird. Die Menschen haben aber - u.a. durch die Fortschritte in der Medizin in Bezug auf die Kindersterblichkeit und die durchschnittliche Lebenserwartung - dieses Regelsystem außer Kraft gesetzt, ja - durch die Forderung nach immer mehr Wirtschaftswachstum - in die falsche Richtung getrieben. Vielfach lautet die Argumentation so: "Wir werden im Jahre xxxx soundsoviele Menschen sein, also brauchen wir ein Wachstum der Wirtschaft von mindestens y % - und, da die Ansprüche in den weniger entwickelten Ländern steigen werden, deutlich mehr." - Dies ist die Grundlage unserer Lebensweise in der globalisierten kapitalistischen Wirtschaftswelt.

Z.Zt. ist die weltweite Finanzkrise ein ernstes Zeichen dafür, daß wir so - mit der Grundhaltung eines konsequenten Egoismuses auf allen Stufen (persönlich, Gruppe, Staat) - nicht weiterkommen. Doch - anstatt diese Krise als Ansporn für ein neues Denken zu sehen - will man sich bemühen den derzeitigen 'Raubritter-Kapitalismus' zu reformieren. - Als Beispiel erwähne ich ein Teilproblem: Anstatt nach einem grundsätzlich besseren Verkehrskonzept zu suchen, basteln die Autobauer an kleinen Verbesserungen im Auto, die so in Häppchen aufgeteilt werden, daß jedes Jahr eins als Anreiz für den Neukauf eines Autos angeboten werden kann. Auf diese Weise werden zwar Arbeitsplätze erhalten, aber Rohstoffe und Energie verschleudert und bessere Wege für eine grundsätzliche Lösung des Verkehrsproblems blockiert.

Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit Krieg und Frieden und der Zukunft der Menschheit im Weltsystem. Dabei ist mir aufgefallen, daß es in der Literatur zwar immer wieder Hinweise auf die Gefahren der Bevölkerungsexplosion gibt, daß aber im Bereich der Politik und des täglichen Lebens keine wirksamen Konsequenzen gezogen werden. Wir wissen, daß die Chinesen die größte Bevölkerungsgruppe auf der Welt darstellen, waren aber vor Jahren empört, als das kommunistische Regime Gesetze einführte, die das weitere Wachstum begrenzen sollen. - Heute sind diese Gesetze wohl etwas aufgeweicht.

Es scheint allerdings nur wenige zu geben, die die Bedeutung des Problems in der gesamten Tragweite erkennen und sich um eine Lösung als dringende Aufgabe bemühen. Jean Ziegler - UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung - berichtet in seinem Buch 'Das Imperium der Schande - Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung' - (Bertelsmann-Verlag, München, 2005, ISBN: 978-3-570-55019-9) von einer riesigen Tafel im UN-Gebäude, auf der die Rüstungsausgaben der Welt von damals (Anfang des Jahrhunderts) 780 Milliarden Dollar mit anderen verglichen werden. Da findet man für die 'Stabilisierung der Weltbevölkerung' nur 10,5 Milliarden Dollar, also nur 1,3% der Rüstungsausgaben, eingetragen.

Heute schnüren die USA ein Paket von 700 Milliarden Dollar, um einen weltweiten Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern und um damit den Raubtier-Kapitalsmus zu retten. Außerordentlich schnell stehen riesige Summen - auch in Deutschland - bereit. Die Richtung bleibt die falsche. Das Wirtschaftswachstum soll weitergehen. Maßnahmen gegen den Klimawandel werden verschoben, und die Stabilisierung der Weltbevölkerung steht überhaupt nicht zur Debatte. - Nur manchmal wird zaghaft angedeutet, daß es mit der 'Deregulierung' nicht mehr so weitergehen könne.

Mit unverminderter Geschwindigkeit rast die Menschheit einer riesigen Katastrophe entgegen, bei der eher die Menschen in den wenig technisierten Staaten eine Überlebenschance haben werden, als die im Umfeld der Dollarmillionäre.

Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, daß die Bevölkerungsstabilisierung leicht sei. Sie gelingt wohl nur, wenn alle Völker als gleichwertige Partner angesehen werden und die Staaten, bei denen der größte Zuwachs zu finden ist, nicht den Eindruck gewinnen können, daß sie Ihre Bevölkerungszahl nur deswegen stabilisieren sollen, damit wir in den Industrienationen unser verschwenderisches Leben weiterführen können. Deshalb dürfen auch wir in der Bundesrepublik uns nicht um mehr Kinder bemühen, um z.B. damit das Rentenproblem zu lösen. In meinem Buch 'Unternehmen DELPHIN gescheitert ....' habe ich mich auch mit dieser Frage beschäftigt und einen anderen Weg aufgezeigt. (Siehe Leseprobe: 'Rentendiskussion') Was später die Rentner zur Verfügung haben werden, hängt u.a. davon ab, wieviele Menschen insgesamt sich das Verfügbare teilen müssen.

Da darf der Rentenanspruch unserer Nachkommen nicht auf Kosten der Schwächeren durchgesetzt werden. Ziegler macht in dem oben genannten Buch immer wieder deutlich, daß wir uns als 'Mörder' der vielen wegen des Hungers sterbenden Menschen sehen müssen, weil wir durch unser Wirtschafts- und Finanzsystem die armen Länder versklaven. Sie bekommen Anleihen für Projekte, die nicht den Hunger bekämpfen, sondern die Abhängigkeit von unserer Technik vergrößern. Die Tilgungsraten für diese Anleihen sind größer als die finanzielle Hilfe, die ohne Bedingungen zur Verfügung gestellt wird. Wie dies organisiert wird, ist in einem sehr interessanten Buch zu lesen, dessen Verbreitung aber vermutlich unerwünscht ist: John Perkins: 'Bekenntnisse eines Economic Hit Man - Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia', (2004, Riemann-Verlag, München, ISBN 3-570-50066-7). - Aber auch die derzeitige Welt-Finanzkrise macht uns deutlich, wie irrsinnig unser System funktioniert.

Ich will nicht immer wiederholen, was ich an anderer Stelle schon einmal gesagt habe. Deshalb verweise ich in Bezug auf andere Details zu unserem Problem auf einen weiteren Leitartikel von mir aus dem Jahre 1974, der ebenfalls auf dieser Homepage zu finden ist: 'Seid fruchtbar und mehret Euch!' - 'Information - Zukunfts- und Friedensforschung' 10, 1974, Heft 3, S. 145-147.

Ich sagte es schon: Das Problem der Begrenzung der Weltbevölkerung ist außerordentlich schwer zu lösen. In Bezug auf den Weltfrieden habe ich immer wieder gefordert: Wir müssen den Frieden denkbar machen! Das gilt aber nicht nur für den Frieden, sondern auch für die Begrenzung der Weltbevölkerung. Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hat der 'Club of Rome' die Studie 'Die Grenzen des Wachstums' veröffentlicht. Damals war die Computerleistung noch relativ gering. Heute könnten wir 'Modelle für eine stabile Welt' entwickeln, wenn sich nur die geeigneten Fachleute zusammenfinden und ohne ideologische Vorbelastung mit Begeisterung für die Fragestellung arbeiten.

Ganz wichtig ist dabei, daß nicht die 'Meinungsführerschaft' der Industrienationen zementiert werden darf, sondern daß das Wort 'Gerechtigkeit' weltweit Bedeutung haben muß. Für uns Deutsche muß beispielsweise dann wohl gelten, daß wir zwar keine zusätzlichen Maßnahmen zur Bevölkerungsbegrenzung benötigen, aber auch keine, die das Wachstum der Bevölkerung fördern. In dieser Hinsicht wird heute also eine falsche Politik betrieben.

Wir müssen lernen, daß wir vom Ichdenken Abschied nehmen müssen, daß die zukünftige Welt eine 'Welt des Wir' sein muß und daß eine solche Welt auch für jeden Einzelnen eine bessere Welt sein wird.


Klicken Sie auf Home, wenn Sie links keine Navigation sehen: Zur Homepage: 
www.zukunft-frieden-schulze.de 
Zukunft und Frieden als Lebensaufgabe