Gefilterte Information

(März 2006)

Fast jeden Tag können wir in der Zeitung und in den anderen Medien Nachrichten finden, die auf eine immer größere wirtschaftliche Machtkonzentration im Rahmen der sogenannten Globalisierung hindeuten. - Wenn sich dadurch für Menschengruppen, Staaten und Völker Nachteile ergeben, so wird diese Entwicklung gewissermaßen als 'schicksalhaft' dargestellt. Die angeblichen Vorteile eines weltweit freien Marktes hätten eben auch gewisse Nachteile, die in Kauf genommen werden müßten. - Wer hat aber Vorteile, wer Nachteile?

Wer versucht, vorurteilsfrei über diese Entwicklung nachzudenken, kommt wohl zu dem Ergebnis, daß ein weiteres Fortschreiten ins Verderben - vor allem für die nachfolgenden Generationen - führen muß. Und wir sehen normalerweise keine Entwicklungen, die dem entgegenstehen.

Ich habe bewußt gesagt: "Wir sehen sie nicht." - Sind sie aber wirklich nicht vorhanden? - Müssen wir uns sagen, daß unseren Kindern, unseren Enkeln eine trübe Zukunft bevorsteht, weil wir - wie in dem Schauspiel "Biedermann und die Brandstifter" weggesehen haben, die Konsequenzen nicht wahrhaben wollten? - Ist das Nazireich schon zu weit weg?

Ab und zu gibt es eine - meist kleine - Zeitungsnotiz über Entwicklungen in Lateinamerika. Da ist z.B. von Chavez die Rede, dem Präsidenten von Venezuela, der sich den USA entgegenstellt. Oder da ist der neue Indiopräsident von Bolivien, die neue Präsidentin von Chile usw. - Es sind kurze Notizen, die uns ggf. geboten werden, allerdings nur, wenn wir unsere Bildung nicht nur aus der BILDzeitung beziehen. Wie können wir dann das Weltgeschehen beurteilen, bewerten, wenn uns nicht mehr Informationen zur Verfügung stehen? Wie können wir uns dann einordnen, mitmachen, um eine positive Entwicklung vielleicht zu beschleunigen?

Ehe wir nun auf die 'bösen' Medienmacher schimpfen, die uns 'unter dem Druck der Kapitalisten' in die Irre führen, sollten wir versuchen, das Problem der Informationen und ihrer Verbreitung einmal ganz nüchtern mit den Augen eines Naturwissenschaftlers zu betrachten.

Ich habe in jahrzehntealten Unterlagen eine Zeichnung gefunden, die damals zur Herstellung eines Dias für meine Vorträge diente. Es trägt die Unterschrift "Gefilterte" Information. - Naturwissenschaftler werden dabei an die Darstellung eines Linienspektrums und eine Filterkurve wie die der Augenempfindlichkeit erinnert. - Dieser Vergleich ist beabsichtigt.





Wenn wir eine Situation richtig bewerten wollen, müssen wir sehr viele Informationen zur Verfügung haben. Wir können sie uns als ein außerordentlich breites Linienspektrum vorstellen, von dem ich nur eine winzige Auswahl gezeichnet habe. Diese Informationen (die schwarzen Säulen) bewerten wir je nach unserer Einstellung zum Problem, also nach unserer 'Filterkurve'. Wir brauchen nicht jedes Detail zu kennen, um uns ein 'Bild' machen zu können. Bereits in meinem Aufsatz von 1968 "12 Thesen zur Zukunfts- und Friedensforschung" bin ich darauf eingegangen und auch der leider viel zu früh verstorbene Prof. Frederic Vester" zeigt es in seinem Lincolnbild, das auf seiner Homepage zu finden ist. Dieses Beispiel ist besonders interessant: Wenn man genau hinsieht, erkennt man nur unterschiedlich geschwärzte Quadrate. Vermindert man aber die Schärfe - etwa durch größere Entfernung, durch Blinzeln oder durch Verzicht auf die Brille (auf der Homepage von Frederic Vester", wenn man mit der Maus auf das Bild zeigt) - so erkennt man, daß es sich um Abraham Lincoln handelt.

Eines ist hier aber besonders wichtig: Nur der kann Abraham Lincoln erkennen, der vorher schon einmal ein Lincolnbild gesehen und damit auch gespeichert hat.

Beschäftigen wir uns noch einmal mit dem Bild der 'gefilterten Information', so können wir sagen, daß wir, wenn wir unsere 'Filterkurve' kennen, die 'wahre Größe' der Einzelinformation, also die Höhe der schwarzen Säulen, aus der Höhe der weißen Säulen berechnen können, auch wenn wir das am Ende unseres Filterbereiches nur mit geringerer Genauigkeit schaffen. Was aber außerhalb unseres Filterbereiches liegt, kann nicht wahrgenommen werden.

Die Informationen, die über das Weltgeschehen vorhanden sind, durchlaufen aber mehrere Filter hintereinander. Da ist z.B. in den Palästinensergebieten etwas geschehen. Der Korrespondet befindet sich jedoch in Kairo. Über wieviele Stufen ist die aktuelle Information zu ihm gelangt? - Er kann nicht alles berichten, was er vernommen hat, muß also auswählen. Dann kommt dieser Bericht zum Chefredakteur. Der hat - wie wir alle - eine bestimmte Meinung, die zur Gewichtung jeder Nachricht führt, darüber entscheidet, was von der Vielzahl von Nachrichten berichtet wird und wieviel Platz für die einzelne Nachricht zur Verfügung steht.

Auch wir lesen die Zeitung selektiv, haben keine Zeit, alles gründlich zu verarbeiten. - Wie sieht dann das aus, was letzten Endes bei uns für die Beurteilung der Lage übrigbleibt?

Wir alle kennen wohl das Kinderspiel "Stille Post", bei dem irgendwelche Sätze geflüstert an den Nachbarn weitergegeben werden, bis sie einmal die Runde durchlaufen haben. - Der Satz, der gestartet ist, und der, der angekommen ist, unterscheiden sich meist gewaltig.

Im Medienwesen bemüht man sich, zwischen Nachricht und Kommentar strikt zu unterscheiden. Es wird behauptet, daß man uns die 'reine' Nachricht übermittle. Kommentare, die die persönliche Stellungnahme beinhalten, würden entsprechend gekennzeichnet. - Nach dem, was ich hier besprochen habe, mag ich nicht daran glauben.

Man will eine Zensur nicht wahrhaben. Muß man nicht aber mit unangenehmen Nachrichten zurückhaltend sein, wenn sie eine Firma betreffen, die immer wieder ganzseitige Anzeigen schaltet? - Und dann gibt es noch die 'Schere im eigenen Kopf', den 'vorauseilenden Gehorsam'. - Da läßt man vielleicht Details weg, die 'ein falsches Bild' liefern könnten. -

Milosevic ist wohl ein großer Kriegsverbrecher. - Wäre es aber nicht auch im Zusammenhang mit seinem Tode interessant zu erfahren, wieso Jugoslawien, ein Vielvölkerstaat, in dem die Menschen miteinander ausgekommen sind, nach Titos Tod zerschlagen wurde. Wer hat da mitgewirkt und aus welchen Interessen? - Ich weiß es nicht. -


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