Die neuen Ministersessel

Satirisches Märchen - (gleichzeitig Leseprobe aus dem Buch 'Unternehmen DELPHIN gescheitert ....'- S. 182-184)
10.03.86



Es war einmal in einem fernen Lande, in dem die Entwicklung in vielen Dingen noch nicht so weit fortgeschritten war wie in den Industrienationen. Es gab dort noch wenige Autos, wenig Industrie und auch wenige Kohlekraftwerke und damit auch noch kein Waldsterben. Somit wurde auch noch nicht über die Einführung von 'Tempo 100' auf Autobahnen und über die Notwendigkeit von Abgaskatalysatoren diskutiert. Es gab noch keine Kernkraftwerke, da man mit Wasserkraftwerken in dem sehr bergigen Land hinreichend Strom erzeugen konnte. Wiederaufbereitungsanlagen waren deshalb auch nicht nötig. Große Kanäle quer durch das Land, die die Natur zerstören konnten, waren wegen der hohen Gebirge auch nicht geplant. Die Landwirtschaft produzierte ausreichend Nahrungsmittel, ohne daß es zu einer Überproduktion kam. - Es war ein friedliches Land, das sich auch von keinem anderen bedroht fühlte. Deshalb verschwendete man auch keine Gedanken an Atomraketen und andere furchtbare Massenvernichtungsmittel.

Eigentlich hätten alle Menschen in diesem Land glücklich sein können. Aber es gab auch dort Probleme. Es waren nur andere, zu deren Lösung die demokratisch gewählte Regierung Entscheidungen zu fällen hatte. Und es gab auch in diesem Land Menschen, die die Weisheit der Beschlüsse dieser Regierung manchmal nicht begreifen konnten.

Ein solcher Mann mußte einmal wegen einer schweren Krankheit in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Er war so schwer krank, daß er für die bei jedem Menschen notwendigen Verrichtungen, über die man normalerweise gar nicht spricht, die aber im Krankenhaus eine besondere Bedeutung gewinnen, nicht den dafür vorgesehenen Ort aufsuchen konnte. Es mußte ihm deshalb der sogenannte 'Nachtstuhl' gebracht werden. Es war eine lange Sitzung, denn er durfte sich auch nicht zu sehr anstrengen.

Bei solchen Sitzungen kommen manchmal gute Ideen. Hier kam sie hinterher und wie sich bald zeigte, sogar eine sehr gute. Als nämlich die Sitzung beendet war, half ihm ein Pfleger wieder ins Bett, und auf die Frage, was denn das Ergebnis der Bemühungen gewesen sei, antwortete dieser etwas burschikos: "Fünf Pfund, ohne Knochen!"

Bei dieser Antwort fiel unserem Kranken ein, daß das Ergebnis mancher Sitzung des Rates der Minister seiner Regierung auch nur mit der Bemerkung 'Fünf Pfund, ohne Knochen!' umschrieben werden konnte, und - geschäftstüchtig wie er war - kam ihm die Idee, daß man doch solche 'Nachtstühle', natürlich in entsprechend vornehmerer Ausführung, als Ministersessel in den Handel bringen könne.

Ein Problem gab es allerdings: Während der Pfleger das Endprodukt mit einem Deckel versah und möglichst diskret dahin brachte, wohin es gehörte, mußte der Erfolg einer Sitzung des Rates der Minister auf einer Pressekonferenz dem Rundfunk, dem Fernsehen und der Presse vorgestellt werden. Deshalb überlegte der Patient, wie man es erreichen könne, daß ein solches Sitzungsergebnis der Bevölkerung wirklich überzeugend als großer Erfolg erschien.

Er konnte sich nicht lange mit der Frage befassen; denn die Zeit drängte, weil er sich zur Lieferung solcher neuer Ministersessel bereits verpflichtet hatte. Glücklicherweise kam ihm da der Gedanke, daß man ja, so ähnlich wie in Andersens Märchen 'Des Kaisers neue Kleider', behaupten könne, daß nur der den Wert der Beschlüsse einer solchen Ratssitzung richtig einschätzen könne, der ein politischer Mensch und ein mündiger Bürger sei. Wer will da schon zugeben, daß er nicht zu diesen gehört!

Also ließ er durch die Presse bekanntmachen, daß die Regierung neue Ministersessel angeschafft habe und daß demnächst auch über die erste Sitzung auf diesen neuen Sesseln berichtet werden solle. Allerdings wären die Ergebnisse so kompliziert, daß nur wirklich politische Menschen und mündige Bürger die großen Erfolge verstehen könnten.

Damit war das Problem tatsächlich gelöst. Das Fernsehen, der Rundfunk und die Presse wurden eingeladen und beschrieben das Resultat der ersten Sitzung auf den neuen Ministersesseln wie die schönste Götterspeise, die es je gegeben habe. -

Der Patient fand es allerdings überraschend und merkwürdig, daß das von den meisten Menschen auch geglaubt wurde, weil ihm nämlich wieder einmal die Weisheit der Entscheidung nicht recht einleuchten wollte. - Gab es wirklich so viele 'politische Menschen' und 'mündige Bürger' in seinem Lande? - Offenbar war es aber nicht nur dort so; denn die neuen Ministersessel wurden zu einem der größten Exportschlager.



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