"Kindergeschichten"

Glosse - aus "Zukunfts- und Friedensforschung - Information" - Heft 1, Februar 1972, S. 22 - 24
von Lothar Schulze

Ich staune immer wieder über die Menschen, die sich z. B. bei Fernsehveranstaltungen für Quizfragen zur Verfügung stellen und dann auf einem bestimmten Spezialgebiet - z.B. über einen Komponisten - praktisch jede Frage beantworten können, auch, wenn es sich um völlig belanglose Nebensächlichkeiten handelt.

Welche Großleistungen müßten solche Menschen vollbringen, wenn ihr Gehirn nicht nur ein großes Speichervermögen besäße, sondern ähnlich leistungsfähig in der Datenverarbeitung wäre. Computerkonstrukteure wissen, daß Speicher- und Verarbeitungsvermögen aufeinander abgestimmt sein müssen. - Wie sieht es aber beim menschlichen Gehirn aus? - Gibt das folgende Beispiel hierauf eine Antwort? -

Merkwürdigerweise erinnere ich mich von Zeit zu Zeit an scheinbare Belanglosigkeiten - z.B. aus meinen ersten Schuljahren - die doch längst vergessen sein sollten. In irgendeiner Lesebuchgeschichte begegnete mir zum erstenmal ein "Futurologe".

Natürlich spielte die Geschichte in längst vergangenen Zeiten; denn solche Uneinsichtigkeit in logische Zusammenhänge gibt es heute nicht mehr: Ein Bauer saß auf einem Baum und sägte an dem Ast, auf dem er selbst saß, und zwar sägte er zwischen sich und dem Baumstamm. Da kam ein Fremder des Weges, der sah das und sagte zu dem Bauern: "Wenn Du so weiter sägst, wirst Du hinunterfallen." Der Bauer sagte ärgerlich zu dem Fremden, daß er sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern solle und sägte noch eine Weile. - Als er seine schmerzenden Gliedmaßen wieder beisammen hatte, glaubte er an überirdische Fähigkeiten dieses "Futurologen".

Aber das war - wie gesagt - in längst vergangenen Zeiten; denn eine solche Uneinsichtigkeit in logische Zusammenhänge gibt es heute nicht mehr.

In der Zeitschrift "analysen und prognosen" vom November 19711 las ich, daß wir heute in den westlichen Nationen etwa 5 % des Landes mit Bauten (Häusern, Straßen, Flugplätzen, usw.) bedeckt haben. Der Zuwachs der Bautätigkeit entspricht dem Zuwachs des Bruttosozialproduktes, also 3 % jährlich. Daraus wurde errechnet, daß dann nach 100 Jahren das gesamte Land überbaut wäre. Wenn man allerdings eine mittlere Lebensdauer der Bauten von 30 Jahren annähme, würden 108 Jahre vergehen, bis kein Plätzchen mehr frei wäre.

Wir brauchen uns also nicht zu beunruhigen; denn so lange werden wir ja nicht leben. - Und schließlich ist es ja eine Aufgabe für die anderen (die Regierung, die Verantwortlichen, die Politiker, usw.), hier rechtzeitig Abhilfe zu schaffen.

Da werfen uns manche vor, wir hätten nur den Profit im Auge - das hat mir neulich sogar mein eigener Sohn, unser Ältester, - gesagt. Wieso versteht man eigentlich nicht, daß wir doch das alles nur für unsere Kinder tun. Für sie lassen wir unsere Gesundheit im hektischen Wirtschaftsprozeß zerstören. Sie sollen einmal in einer Welt leben, in der alles reibungslos funktioniert.

Auch, wenn ich vor dem 31.12. einen Bausparvertrag abgeschlossen habe, um die Prämie für 1971 noch zu bekommen, so habe ich das nur deswegen getan, damit wir uns an diesem idyllischen Plätzchen bei A ein Häuschen bauen können, so daß unsere kleineren Kinder - umgeben von fast unberührter Natur - aufwachsen können.

Nicht auszudenken wäre es allerdings, wenn die Müllers, die Meiers und die Lehmanns sich auch anmaßen wollten, da zu bauen. Ich hoffe, daß die Behörden einer solchen Zerstörung der wenigen Gebiete mit natürlicher Landschaft einen Riegel vorschieben.

In den Städten ist es nicht mehr auszuhalten. Der Autoverkehr wird immer schlimmer. Die Luft ist kaum noch zu atmen. Da fahre ich schon eine halbe Stunde früher los als nötig, um bei unserer Firma einen Parkplatz zu bekommen und gerate dann so richtig in die Autoschlangen hinein. - Wie lange ich zu Fuß brauche? Fünfzehn Minuten, wenn ich durch den Wald gehe. - Aber wie sehen dann meine Schuhe aus. -

Wir sollten bei der nächsten Wahl die Partei unterstützen, die für ein umfassendes Straßenbauprogramm eintritt. Das Netz müßte noch im Jahre 2000 allen Anforderungen des Individualverkehrs genügen. Natürlich wird das viele Steuergelder schlucken. - Aber was tut man nicht alles für seine Kinder.

Dankbar sind sie übrigens nicht. - Da sagte doch neulich mein Ältester, wir sollten lieber in Indien und anderen Ländern die Hungersnot beseitigen helfen. Ich habe ihm erst einmal klar gemacht, daß die sich ganz gut selbst helfen könnten, wenn sie erst einmal ihre Heiligen Kühe schlachten würden. Und was antwortet da der Bengel? - Wir hätten auch "Heilige Kühe". Das wären unsere Autos. - Sehen denn die Kinder den Unterschied wirklich nicht?

Übrigens kam eben mein Jüngster aus der Schule und erzählte mir die gleiche Geschichte, die wir früher im Lesebuch gelesen haben.

Natürlich spielte sie in längst vergangenen Zeiten; denn solche Uneinsichtigkeit in logische Zusammenhänge gibt es heute nicht mehr.

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1) Basler, Ernst: "Zukunftsforschung und Fortschrittsglaube" - in "analysen und prognosen", Heft 18 (Nov. 1971), S. 14 - 18


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