Rentendiskussion

(Gespräch vom 24.04.94 - S. 294-299)


Heute war ich auf der Geburtstagsfeier von Claudia. Ihre Geburtstagstorte fand besonderen Zuspruch. Nachdem die meisten Gäste gegangen waren, unterhielten wir uns wieder einmal über politische Fragen, wobei die der Rentenfinanzierung das Hauptthema war. Ich benutzte die Geburtstagstorte, um an einem überzeugenden Beispiel deutlich zu machen, wo nach meiner Meinung der Kern des Problems zu finden ist. Außer Claudia beteiligten sich noch ihr Mann Bernd und Ulla an diesem Gespräch.

Claudia: Nun ist wieder ein Lebensjahr vergangen, und die Zeit läuft immer schneller, je älter man wird. Das Rentenalter scheint noch weit. Es interessiert mich aber doch schon heute, wer einmal für meine Rente aufkommen wird. - Die FDP ist der Auffassung, daß jeder selbst für seinen Lebensunterhalt im Alter sparen soll. Wenn wir jedoch von den Zinsen leben wollen, müssen wir ein ziemliches Kapital ansparen, damit wir in unseren letzten Jahren nicht allzu ärmlich dastehen.

Bernd: Wir könnten außer den Zinsen auch unser angespartes Kapital verbrauchen. Doch dann müßten wir wissen, für wie lange das Geld reichen muß. - Das ist die große Unbekannte. - Verbrauchen wir das Kapital nicht, haben wir uns nur für die Erben so eingeschränkt.

Ulla:So wird es wohl in den seltensten Fällen gehen. Die FDP denkt doch eher an eine privat finanzierte Rentenversicherung, bei der dann natürlich die unterschiedlichen Lebenserwartungen statistisch ausgeglichen werden.

Rolf: Ich sehe in diesem System den vollkommen falschen Weg; denn er basiert ja wieder darauf, daß Kapital - privat oder in einer Versicherung - angespart und verzinst wird. Neulich hatten wir aber davon gesprochen, daß wir allgemein ein Wirtschaftssystem benötigen, das ohne Zinsen auskommt.

Ulla: Hier muß ich dich wieder einmal aus meiner Sicht fragen, wieviel weitere Belastung du dem immer kleiner werdenden Teil der arbeitenden Bevölkerung aufbürden willst, um Kinder, Kranke und Alte mit relativ hohen Ansprüchen auch noch versorgen zu können? - Wenn das so weitergeht, wird man bald die Alten ebenso als Schmarotzer ansehen, wie heute die Ausländer und Asylanten.

Claudia: - und nicht daran denken, daß man wohl auch einmal alt sein wird und sich dann einen geruhsamen Lebensabend ohne Sorgen wünscht.

Bernd: Da wären wir also an dem Punkt, an dem sich immer wieder der Streit entzündet. - Vielleicht kann uns Rolf helfen, etwas mehr Klarheit zu gewinnen. Möglicherweise muß er dann wieder als 'Delphin' auf seinen anderen Planeten gehen, um uns das bessere System zu zeigen.

Rolf: Das brauche ich wahrscheinlich nicht. Vielleicht reicht es schon, wenn wir uns an Claudias hervorragende Geburtstagstorte erinnern.

Claudia: Du willst doch wohl nicht alle Rentner mit meiner Torte füttern? Sie ist ja auch schon vollständig aufgegessen.

Rolf: Ja, und weil sie aufgegessen ist, können wir auch niemanden mehr füttern. - Doch nun im Ernst - sehen wir eine solche Torte etwas allgemeiner: Wir können sie in verschieden große Stücke schneiden und zwar für die Kinder und auch für die Oma, die nicht mehr so viel verträgt, kleinere, für unsere Gäste größere. Aber mehr wird es dadurch nicht. - Nur der eine bekommt eben mehr, der andere weniger. Es wird auch nicht mehr, wenn wir dem Vater vorher einen großen Teil der Torte geben und ihm sagen, daß er dieses große Stück nach seinem Gutdünken möglichst gerecht aufschneiden und verteilen soll.

Claudia: Also müssen wir wohl mehr Kuchen backen, wenn wir mehr haben wollen.

Rolf: Ist das denn bei den Renten, beim 'Generationenvertrag' anders? Auch da kann doch nur das verteilt werden, was produziert wurde. Wir haben die Wahl, entweder dem noch arbeitenden Teil der Bevölkerung mehr zu lassen. Dann können die Rentner weniger bekommen. Oder umgekehrt bekommen sie mehr, wenn die Arbeitenden von ihrem Anteil mehr abgeben. - An dieser sehr einfachen Tatsache ändert sich auch nichts, wenn wir den 'Vater Staat' über das Steuersystem oder auch die Rentenkassen dazwischenschalten. Dadurch wird nur verschleiert, woher die Gelder kommen und wohin sie gehen. - Mehr Lebensgüter stehen trotzdem nicht zur Verfügung.

Bernd: Wegen der Verschleierung wird dann vom 'Betrug am Wähler' gesprochen. - Aber Wunder vollbringen - gegen die Gesetze der Mathematik - kann doch keine Partei.

Claudia: Sie können vielleicht mehr oder weniger gut 'zaubern'. - Ich meine hier die Bühnenkünstler. - Doch wir wissen alle, daß diese 'Zauberei' immer auf Sinnestäuschung beruht.

Rolf: Auf die fallen leider sehr viele Menschen immer wieder herein.

Ulla: Bei der Finanzierung der Renten über eine private Versicherung paßt dein Beispiel allerdings nicht. Da bringt doch die Oma ihren Kuchen selbst mit.

Rolf: Der Grundgedanke des Kuchens ist auch da richtig. Es wird nur etwas komplizierter. Wir sind doch keine Eichhörnchen. Wir können uns nicht für unsere Versorgung im Alter riesige Vorratslager z.B. mit Konservendosen anlegen. Die sind vermutlich dann schlecht, wenn wir sie einmal brauchen. - Wir können nur Geld zurücklegen, und das kann man nicht essen, wie uns der Indianerhäuptling Seattle schon gesagt hat. - Bei uns haben das komischerweise viele noch nicht begriffen.

Claudia: Und da sind wir wieder bei unserem alten Problem.

Rolf: Mein Kuchenbeispiel sieht nun so aus: Wir feiern zweimal Geburtstag - dieses Jahr und nächstes Jahr. Da kann z.B. die Oma heute sagen, ich nehme ein kleineres Stück zugunsten der anderen Gäste. Dafür will ich dann im nächsten Jahr ein größeres Stück. Sie läßt sich das auf einem Zettel bestätigen. Nun haben in diesem Jahr die anderen Gäste etwas mehr Kuchen essen können, weil die Oma weniger hatte. Im nächsten Jahr legt sie aber ihren Zettel vor. Doch der Kuchen ist nicht größer. Deshalb bekommen die anderen nun weniger. - Sie müssen gewissermaßen an die Oma die Zinsen für ihren größeren Anteil im vergangenen Jahr zahlen. - Es bleibt dabei: Es kann nur das verteilt werden, was da ist. Nur, wer wieviel bekommt, kann geändert werden. - Mehr wird es dadurch nicht.

Ulla: Wenn ich jetzt auch als Konditor rede, kommt es doch darauf an, daß wir zwar mehr Kuchen benötigen, damit alle zufrieden sind. Die Zahl der Bäcker wird jedoch immer kleiner, die der Gäste, die keinen Finger krumm machen, immer größer. Das führt doch zu dem Unmut. - Deshalb die Frage: Wer ernährt uns, wenn wir einmal alt sind?

Rolf: Es folgt dann der Ruf: Wir brauchen mehr Kinder! - Das war einmal richtig, als die Zahl der Menschen noch niedrig und die Produktion von der Zahl der Menschen abhängig war. Doch heute stoßen wir an die Grenzen unseres 'Raumschiffes Erde'. - Wir hatten ja neulich darüber gesprochen. - Deshalb habe ich das Tortenbeispiel gewählt. Wir können sie nicht mehr beliebig vergrößern. Haben wir mehr Gäste, so müssen die Stücke kleiner werden. Heute wird das Problem noch verschleiert, weil wir den Menschen in den Entwicklungsländern meist nur Krümel zugestehen wollen. - Die Zahl der Bäcker wird dabei immer weniger eine Rolle spielen; denn durch Maschineneinsatz können wir die Produktivität noch beträchtlich steigern. Nur müßte diese Steigerung zur Lösung der sozialen Probleme und nicht für mehr Konsum bei der arbeitenden Bevölkerung eingesetzt werden. - Die Unternehmergewinne wollen wir hier einmal außer Betracht lassen.

Claudia: Letzten Endes läuft also die Rentendiskussion nur wieder auf die Verteilungsfrage hinaus. Und da scheiden sich die Geister - sogar in ein und derselben Person. - Solange ich jung bin, will ich für die Alten nicht soviel abgeben. Wenn ich dann alt bin, möchte ich eine möglichst gute Rente. - Wenn ich aber an unsere Gespräche über alternative Wirtschaftsformen denke, also auch an das 'Raumschiffdenken', glaube ich, daß es gar nicht so schwer sein dürfte, allen Menschen ein angenehmes Leben zu schaffen, wie es früher in der Großfamilie auch der Fall war.

Bernd: Wenn ich Rolf richtig verstanden habe, wird durch das private Versicherungssystem alles nur noch mehr verschleiert. - Beim sogenannten 'Generationenvertrag' zahlen ich und der Arbeitgeber in die Pflichtkasse einen bestimmten Prozentsatz des Einkommens, damit ich im Alter eine Rente bekomme. Mit dem heute eingezahlten Geld werden die Rentner unterhalten, die heute ihren Lebensabend genießen wollen. - Wenn dieser Satz vermindert werden soll, wird deren Rente natürlich kleiner. Dann kann ich aber später im Alter auch nicht so viel fordern. Ich muß also eine private Versicherung zusätzlich abschließen, um einen Ausgleich zu haben. Dann zahle ich das, was ich bei der Angestelltenversicherung spare, in die Privatkasse und sogar noch mehr; denn der Arbeitgeber ist dabei entlastet.

Rolf: Und was du dann im Rentenalter bekommst, hängt immer wieder davon ab, wie groß dann der Kuchen sein wird und wieviele Gäste sich darein teilen müssen. Unser Problem ist nicht, daß wir in Zukunft zu wenig 'Bäcker' haben werden, sondern daß die Zahl der 'Esser' zu groß ist. Der Ruf nach mehr Kindern in einer bereits übervölkerten Welt ist das falsche Signal. - Sollte sich für die Rente ein vorausberechenbarer Betrag ergeben, so sagt der noch nichts darüber, was du später einmal dafür haben wirst; denn es erfolgt - wegen des begrenzten Kuchens - die Regelung über die Preise. - Sowohl beim Staat als auch bei der Privatversicherung wird der Vorgang nur unterschiedlich verschleiert. Zaubern kann keiner. - Wenn wir aber auf das derzeitige Zinssystem verzichten wollen - wir hatten ja die guten Gründe dafür neulich schon besprochen - kann nur der 'Generationenvertrag' die richtige Lösung sein. - Auf Delphins Planeten war das überhaupt kein Problem, weil durch eine vernünftige Lebensführung für jeden genug zum Leben vorhanden war.

Der Fehler in unserer Gesellschaft - also hier auf der Erde - ist der, daß wir nie zufrieden sind und immer das, was wir durch Maschinenarbeit mehr produzieren, auch persönlich verbrauchen wollen. - Darauf hat Claudia ja schon hingewiesen. - Wir müßten dahin kommen, daß wir damit die allgemeinen Lebensverhältnisse verbessern. Eine solche Lebenshaltung würde alle glücklicher machen. - Wir sollten eben häufiger daran denken, daß wir von unserem 'Haben' einmal nichts mitnehmen können, wenn unser Aufenthalt auf der Erde zu Ende geht. - Mit unserem 'Sein' dagegen werden wir in der Erinnerung unserer Mitmenschen bleiben.


Klicken Sie auf Home, wenn Sie links keine Navigation sehen: Zur Homepage: 
www.zukunft-frieden-schulze.de 
Zukunft und Frieden als Lebensaufgabe