Welt des Habens - Antiwelt des Seins

(Leseprobe aus dem Schlußkapitel - S. 367 - 371)


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Barbara: Bis jetzt sind das aber alles nur Methoden. Wir müßten auch über die Inhalte sprechen. - Wie soll denn unser Umdenken, unsere neue Haltung aussehen?

DELPHIN: Gehen wir davon aus, daß es gelungen ist, in der Bevölkerung - und zwar möglichst nicht nur in Deutschland - die Bereitschaft zum Umdenken so stark zu machen, daß - ähnlich wie beim Umweltschutz - die Politiker nicht mehr daran vorbeikommen. Dann kämen wir tatsächlich zu der Frage, was denn die Inhalte des neuen Denkens sein, was also die Menschen von ihren Politikern fordern müssen. - Das muß übrigens schon jetzt angepackt werden; denn sonst könnten wir die Menschen ja gar nicht gewinnen. - Ich habe mir auch dazu einiges aufgeschrieben. Aber, ich sagte euch schon: Ich habe keine Patentrezepte! Deshalb sind auch das nur Ansätze.

    Es ist notwendig, der Wachstumsideologie abzuschwören und zu einem 'Raumschiffdenken' zu kommen, d.h. sich immer wieder vor Augen zu führen, daß die Erde nur begrenzte Vorräte hat und begrenzte Möglichkeiten bietet.

    Wir müssen uns von der 'Systemveränderung' als Horrorvision lösen. Unser System muß gewaltig geändert werden, wenn wir Erfolg haben wollen.

    Es gibt nicht nur die Wahl zwischen unserem derzeitigen System und dem kommunistischen, das sich z.Zt. ja auf dem Rückzug befindet.

    Völlig andere Ansätze dürfen nicht mehr als Utopie (ohne Realisierbarkeit) gesehen werden. Es sind Vorstellungen zu entwickeln, wie sie realisiert werden könnten.

    Wahlentscheidungen darf ich nicht danach treffen, wer mir den größten persönlichen Nutzen verspricht, sondern wer sich aufrafft, auch schmerzhafte Eingriffe zugunsten einer besseren Zukunft durchzuführen.

    Wir kommen - weltweit und auch in Deutschland - nur weiter, wenn wir lernen, zu einer Kooperation zu kommen - auch bei unterschiedlicher Interessenlage - wenn wir diese der Konkurrenz und der Konfrontation vorziehen.

    Da unsere Welt, wie Frederic Vester sagt, ein vernetztes System ist, helfen Lösungen von Einzelproblemen nicht. Geeignete Lösungen bringen dann gleich Verbesserungen auf verschiedenen Gebieten.

    Man darf 'Autoritäten' nicht glauben, wenn ihre Äußerungen darauf hinauslaufen, daß das Bestehende erhalten oder der Trend zum Schlechten sogar noch verstärkt wird.

    Man muß unterscheiden zwischen dem Grundwissen über die Zusammenhänge des Lebens auf der Erde, wie es z.B. heute noch die Indianer und andere Naturvölker haben, und möglichen Lösungen. - Grundwissen muß akzeptiert werden. - Der sollte Autorität haben, der das Grundwissen vertreten kann, aber bei den Lösungen zurückhaltend ist, vielleicht sogar an seinen Möglichkeiten etwas zweifelt.

    Wir brauchen auch die Bereitschaft zu einfacherem Leben. Das bedeutet nicht 'Zurück in die Steinzeit!', sondern z.B. dann und wann das Auto stehen zu lassen, nicht alles neue haben zu wollen, was man uns aufschwatzen will usw. - Mancher hat schon erkannt, daß durch einen solchen Schritt sein Leben inhaltsreicher geworden ist. - Es geht also darum, von der Lebensauffassung des 'Habens' zu der des 'Seins' umzuschwenken.

    Es gilt einzusehen, daß es keine absolute Freiheit geben kann. - Von meiner Vorstellung echter Freiheit haben wir ja schon gesprochen.

    Zu all dem sind ganz entscheidende Veränderungen in der Politik nötig. Die betreffen besonders das Wirtschaftssystem, die Steuern, das Geldsystem, das Bodenrecht, die sogenannte Verteidigungspolitik, unser Sozialsystem, die Stellung zur Dritten Welt und vieles andere mehr.

Das habe ich mir notiert. Es ist wohl bei weitem nicht alles. - Ihr dürft es ergänzen.

Heiner: Dazu mußt du uns schon deine Notizen dalassen. So schnell finden wir wohl nichts, was noch anzufügen wäre. - Aber sicher gibt es vieles.

Barbara: Ich bin etwas schockiert von der Fülle des Notwendigen. Wir - und vor allem du - haben unseren Verstand stark strapaziert, um Lösungswege oder besser -ansätze zu suchen. Und doch fühle ich mich unwohl, traue mir - und der Menschheit - nicht zu, all das zu verwirklichen. - Ihr mögt diese Haltung Kleinmut nennen. Ich habe aber das Gefühl, daß da noch etwas fehlt, daß es so nicht zu schaffen ist. -

DELPHIN: Das, was da fehlt, hast du, liebe Barbara, neulich schon selbst angeschnitten. - Ob es zu schaffen ist, die Erde vor dem Verderben zu bewahren, weiß ich nicht. - Möglicherweise haben die Menschen dazu zwar den Verstand, aber nicht die Fähigkeit. - Ich erinnere auch an die Chaostheorie. - Aber es fehlt tatsächlich noch etwas ganz Wesentliches.

Ich meine, wir sollten uns zu erinnern versuchen, was zwischen uns in den wenigen Tagen, in denen sich unsere Freundschaft entwickelte, abgelaufen ist. Denken wir an unser Kennenlernen, an die Gespräche am Strand und vor allem an die wunderschöne Fahrt zum Col de Bavella. - Es kommt mir da nicht so sehr auf die Äußerlichkeiten an, sondern auf das, was in unserer Gefühlswelt geschah. - Vielleicht finden wir dann eine Lösung.

Barbara: Hoffentlich gelingt uns das. Ich habe mir vor langer Zeit einmal ein kleines Gedicht eingeprägt, weil ich immer traurig darüber war, daß so wunderschöne Gedanken, die mir im Halbtraum zugefallen waren, das Erwachen nicht überlebten. Ich weiß nicht mehr, von wem es stammt:
    "Daß sich der Geist, der hoch zum Himmel türmte,
    am End ein armes Verslein niederschreibt,
    daß von dem Göttlichen, das uns durchstürmte,
    nur noch ein Häuflein Asche übrigbleibt,
    aus dem wir mühsam ein paar Funken schlagen,
    das ist so traurig über alles Sagen!"
Ich will mich aber bemühen, ehrlich meine Gefühle auszudrücken, auf der Vertrauensbasis, die zwischen uns entstanden ist.

DELPHIN: In der Nacht, nachdem ihr mir versprochen habt, mit mir zum Col de Bavella zu fahren, habe ich nicht viel Schlaf gefunden. Es ist mir einiges durch den Kopf gegangen, das mich so mit einem Glücksgefühl erfüllte, daß ich den Schlaf gar nicht vermißt habe. In dieser Nacht ist mir klargeworden, daß ich - trotz des traurigen Abschieds von meinem Kätzchen (seiner verstorbenen Frau) - zu den reichsten Menschen auf dieser Erde gehöre. Doch dieser Reichtum läßt sich nicht mit dem Taschenrechner ermitteln und auch nicht für Geld kaufen. Ich habe kein Haus, keinen Grundbesitz. Ich habe auch keine Wertpapiere und nur ein bescheidenes Sparkonto. - Und doch gehöre ich zu den reichsten Menschen; denn ich habe viele Freunde gewonnen, Freunde einmal, die ich als Helfer für meine Aufgabe ansehen kann und andere, die mir nur einfach geholfen haben, den Lebensalltag und den Verlust meines Kätzchens zu ertragen. - Wer ist sich bewußt, daß das ein Reichtum ist, der mit all dem Gold dieser Welt nicht aufzuwiegen ist? - Ich freue mich, daß ich gerade in euch solche Freunde gefunden habe.

Heiner: Die Reichen dieser Welt besitzen auch Freunde. Doch ich sehe schon einen Unterschied: Da sind einmal die aus ihren eigenen Reihen, mit denen sie ihre meist oberflächlichen Feste feiern und dann die anderen, die vorgeben, Freunde zu sein, um von dem Reichtum etwas abzubekommen.

DELPHIN: Beide Gruppen sind nicht die, die mir meinen Reichtum geben könnten.

Barbara: Ich meine, nur die können solche Freundschaft, wie du sie meinst, als Reichtum empfinden, die ein Leben des 'Seins' verfolgen, nicht des 'Habens', das leider für so viele die Grundeinstellung ist.

DELPHIN: Ich habe mich ja so gefreut, als ich am Strand hörte, daß ihr euch mit 'Haben oder Sein' von Erich Fromm beschäftigt habt. Ich weiß zwar aus dem Buch keine Einzelheiten mehr, habe mir dazu aber in jener Nacht eigene Gedanken gemacht:

Die Welten des 'Habens' und die des 'Seins' verhalten sich ähnlich wie Welt und Antiwelt in der Physik . Sie schließen sich jedoch im Gegensatz dazu nicht aus. Wir sind 'Wanderer zwischen beiden Welten', (so heißt ein Buch von Walter Flex aus dem ersten Weltkrieg), müssen auch in der Welt des 'Habens' leben, sollten uns allerdings mehr der 'Antiwelt des Seins' zuneigen.

Für die 'Welt des Habens' ist charakteristisch der Besitz: Wenn ich Besitz weggebe, werde ich ärmer. Die 'Welt des Habens' könnte wohl eher dem männlichen Charakter zugeordnet werden. Doch eindeutig ist das nicht.

Für die 'Antiwelt des Seins' sind Liebe, Freundschaft, Zuneigung die charakteristischen Begriffe: Je mehr ich davon gebe, desto reicher werde ich. Das scheint mir mehr dem weiblichen Charakter zu entsprechen.

Heiner: Ich weiß nicht, ob wir von 'Antiwelt' sprechen sollten. Gefühlsmäßig verbinden wir damit meist etwas Negatives.

DELPHIN: Vielleicht stört manchen, daß ich den Begriff 'Antiwelt' benutze. Doch in der Physik ist ein charakteristisches Teilchen unserer Welt das negative Elektron, während in der Antiwelt das Positron, also ein positiv geladenes Teilchen, die gleiche Funktion übernimmt. Ich sehe die 'Welt des Habens' als die schlechtere an, weil sie uns ja alle die Probleme bringt, die wir zu lösen versuchen. Und die 'Antiwelt des Seins' hilft uns dazu, ist also, wie das Positron in der Physik, etwas Positives.

Barbara: Das ist für mich eine völlig neue Perspektive. Ich will trotzdem versuchen, auch eigene Folgerungen daraus zu ziehen.

Als Krankenschwester muß ich oft das Ende von Menschen erleben. Und diesen Schritt gehen sie recht verschieden, wenn er nicht durch die 'Apparatemedizin' entmenschlicht wird. - Wenn wir den Tod in der 'Welt des Habens' und in der 'Antiwelt des Seins' vergleichen, so ist der Weg vom 'Haben' zum 'nicht mehr haben' hart und furchteinflößend. Der Weg vom 'Sein' zum 'nicht mehr sein' ist sanfter; denn es gibt eben beim 'Sein' nicht die scharfe, materielle an den Körper gebundene Grenze. Beethoven ist auch heute noch in seiner Musik, und dein Kätzchen lebt noch stark in deiner Erinnerung. Und für religiöse Menschen gibt der Glaube an ein besseres Jenseits den gleichen Trost.

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