'Die Insel' - Alternative Wirtschaftsformen - 2. Gespräch

Leseprobe

10.03.96

Claudia: Unser Gespräch, das wir vor fast zwei Jahren bei deinem letzten Besuch führten, ist mir noch in guter Erinnerung. Wir unterhielten uns über die Mängel in unserem Wirtschaftssystem und arbeiteten gemeinsam an einer Regierungserklärung für eine rot-grüne Koalition, die ja dann leider nicht zustande kam. Gebessert hat sich bisher nichts. Es ist eher alles noch schlimmer geworden. Ich könnte mir vorstellen, daß bei zukünftigen Wahlkämpfen jeweils für die Kandidaten der anderen Partei geworben würde, da jeder lieber in der Opposition bleiben oder dorthin gehen möchte. Es ist leichter, zu kritisieren als Wege aus der verfahrenen Situation zu finden. Das Arbeitslosenproblem, die Staatsverschuldung und die anstehenden Landtagswahlen trüben den Blick für die langfristigen Probleme.

Bernd: Und, ihr werdet sehen, der 'mündige Bürger' wählt wieder die, die den niedrigsten Steuersatz versprechen. - Ob sie das Versprechen halten, ist dann eine andere Sache. - Da sieht es wohl recht trübe aus für unsere Vorstellungen, die wir damals für eine andere Art zu wirtschaften entwickelt haben.

Ulla: In Krisenzeiten hält sich jeder lieber an das, was er kennt und fürchtet, daß es durch Experimente eher noch schlimmer werden könnte. Soweit ich weiß, war der Slogan "Keine Experimente!" schon ein Kennzeichen der Adenauerzeit.

Rolf: Da ist mir Einstein doch lieber, der einmal gesagt hat: "Man kann die Probleme nicht mit den Denkweisen lösen, die zu ihnen geführt haben!" - Wir drehen uns im Kreise, wenn wir das nicht endlich begreifen wollen.

Ulla: Sind wir denn aber auch nur einen Schritt weitergekommen? - Es wird ja sogar die Ökologische Steuerreform auf Eis gelegt, weil man fürchtet, daß sie Arbeitsplätze kostet. Ich habe nicht erkennen können, daß sich da irgendetwas bewegt hätte.

Claudia: Ganz so trübe sieht es meines Erachtens aber doch nicht aus. - Ich kann mich erinnern, daß Ende Oktober 1994 eine Fernsehsendung in einem Dritten Programm gezeigt wurde, in der auch alternative Wirtschaftsformen zur Sprache kamen. Ich habe das auch auf Video aufgezeichnet. - Wenn ihr wollt, kann ich es euch vorspielen.

Es wurde da z.B. auf den Modellversuch in Wörgl und auf eine ähnliche Aktion einer kleinen Gruppe in Berlin in unseren Tagen hingewiesen. - So ganz aus der Welt sind die Gedanken also nicht.

Rolf: Das sehe ich auch so. Es gibt sogar eine ganze Reihe von Versuchen kleinerer Gruppen in aller Welt, sich aus unserem derzeitigen Wirtschaftssystem auszuklinken. Ihr könnt es gerade jetzt in der neuesten Nummer der Zeitschrift 'Zukünfte' lesen. Man nennt sie Tauschringe oder LETS (Local Exchange and Trading Systems). Das fing 1983 in Kanada an. Die größten Gruppen haben wohl etwa 1500 Teilnehmer. In Deutschland soll es ca. 40 solche Gruppen geben, die nur selten mehr als 100 Mitglieder haben. - Das Hauptproblem besteht darin, daß meist Dienstleistungen zum Tausch angeboten werden, für die dann zu wenig Bedarf da ist. Der Umsatz in den Ringen ist also im Vergleich zum Gesamtbedarf gering.

Bernd: Offenbar haben also schon viele erkannt, daß es mit unserem derzeitigen Wirtschaftssystem nicht so weitergehen kann. Zins und Zinseszins führen zu einem Effekt, wie wir ihn in einer gesättigten Lösung beim Wachsen von Kristallen beobachten können: Die größten Kristalle wachsen immer schneller auf Kosten der kleinen. Beim Geld ist es ebenso.

Rolf: In der Zeitschrift 'Zukünfte' ist auch ein Artikel von Margrit Kennedy. Da erwähnt sie, daß nur 10% der Bevölkerung von dem Zinssystem profitieren. Man müsse schon mindestens 500.000 DM besitzen, damit das Vermögen ohne Arbeit wirklich wächst. - Und bei der gewaltigen Verschuldung der Bundesrepublik frage ich mich manchmal, wem sie eigentlich gehört, wenn sie einmal zwangsversteigert würde. - Das ist natürlich nicht so ernst gemeint. Fest steht aber, daß die Politik gegen die Interessen der Konzerne immer weniger ausrichten kann.

Claudia: Und Bund, Länder und Gemeinden verkaufen ihr Tafelsilber, um die Schulden zu senken. Sie geben immer mehr Institutionen in private Hände und zwar gerade solche, mit denen sie erstens noch Gewinne machen und zweitens Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung nehmen könnten. - Man sollte es nicht glauben. Ich habe aber erst kürzlich gehört, daß Heinrich von Stephan, der erste Reichspostmeister des Kaiserreiches, das ja durchaus kein Sozialstaat war, darauf hingewiesen hat, daß die Post soziale Aufgaben zu erfüllen habe und nicht in erster Linie gewinnorientiert sein dürfe. - Heute hören wir das Gegenteil.

Ulla: Was wollt ihr da auch ausrichten? - Die, die die Macht haben, das System zu ändern, wollen es nicht, weil sie davon profitieren. Und die, die es wollen, weil es ihnen schadet, haben nicht die Macht zur Änderung. - So geht es eben zu auf der Welt! - Es sei denn, es käme zu einer großen Revolution. - Aber würde die eine Besserung bringen? - Die Geschichte lehrt doch meist das Gegenteil. - Rolf, siehst du einen Ausweg?

Rolf: Versuchen wir, uns etwas mehr Klarheit zu verschaffen. Bisher haben wir im Problem herumgestochert. Wir stellen fest:

* Die beste Lösung wäre es, wenn das neue zinslose Wirtschaftssystem, zusammen mit einer ökologischen Steuerreform und einer Bodenreform in einem Zuge weltweit eingeführt werden könnte. Doch das ist völlig utopisch. Da müßte schon vorher der Weltstaat existieren.

* Dann bleibt nur eines: Wir müssen im kleinen beginnen und hoffen, daß die Reform dann immer weiter um sich greift. - Zu überlegen, wie diese Strategie zu organisieren wäre, muß jetzt unsere Aufgabe sein.

Ulla: Wir haben doch gehört, daß es schon viele Gruppen gibt. Aber die Wirkung ist gering. Da kommen wir so auch nicht weiter.

Bernd: So allgemein können wir das wohl nicht abtun. Rolf sagte doch. Es muß die richtige Strategie sein. Daran hapert es eben noch. - Vielleicht können wir etwas mehr über die Versuche der verschiedenen Gruppen erfahren, damit wir dann erkennen, was da noch nicht richtig läuft.

Claudia: Wenn ich die Dinge richtig einschätze, gibt es da Gruppen, die in gewisser Weise 'zu radikal' sind. Sie probieren konsequent 'das einfache Leben'. - Das ist natürlich anzuerkennen. Aber die wenigsten Menschen möchten durch so ein Nadelöhr gehen und meiden deshalb den Kontakt zu solchen Bemühungen. Vielfach wird auch durch ein Verhalten der Gruppen mitglieder, das nur das Anderssein zeigen soll, aber nichts mit der Sache zu tun hat, die Ausgrenzung vergrößert.

Rolf: Du hast recht. - Wenn eine Gruppe mit einem Experiment Erfolg haben will, darf sie sich nicht ausgrenzen, sondern muß überall da, wo es möglich ist, sich genau wie die anderen verhalten. Dann wird man nämlich sagen: "Das sind doch allgemein ganz vernünftige Menschen!" - Die Mormonen z.B. - in Salt Lake City - sind ganz clevere Geschäftsleute und treten auch als solche auf. Man sieht ihnen die andere Religionszugehörigkeit nicht an. - Dagegen bemühen sich die islamischen Fundamentalisten, schon durch Auftreten und Kleidung zu zeigen, daß sie etwas Besonderes sind.

Claudia: Rolf erwähnte ja schon, daß vielfach das Tauschangebot in den Gruppen zu eng begrenzt ist. Es werden meist Arbeiten angeboten, die nur zweitrangig sind und von den anderen Gruppenangehörigen kaum benötigt werden. Die gegenseitige Selbsthilfe beim 'Häuslebau' ist dagegen ein Beispiel, wie es in einem begrenzten Bereich funktionieren könnte. Dieser Bereich ist aber im Vergleich zum gesamten Leben eben auch viel zu eng.

Ulla: Etwas anderes ist mir noch aufgefallen: Bei vielen Gruppen, die ein anderes Leben probieren wollen, wird nicht der gesamte Lebensbereich abgedeckt. Eine jede Gruppe müßte soviel erwirtschaften, daß Kinder, Alte und Kranke mit versorgt werden können und daß auch der Staat Steuern bekommt; denn diese Gruppen leben ja in einer Struktur, die von der Gesamtbevölkerung aufgebaut und erhalten wird. Denken wir z.B. an Straßen, Polizei und Feuerwehr. Wenn das nicht erreicht wird, wird man von der Allgemeinheit immer wieder hören: "Die machen ein Experiment auf unsere Kosten!"

Bernd:
Wenn ein solches Experiment Erfolg haben sollte, müßten schon größere Produktionsbetriebe und vor allem auch Landwirtschaft und Betriebe der Nahrungsmittelverarbeitung mit eingeschlossen sein. Dann gerät man aber schon in eine Größenordnung, die kaum am Anfang erreicht werden kann. Das Dilemma ist also: Erst, wenn ein Experiment groß genug ist, kann gezeigt werden, ob es funktioniert. Diese Größe ist aber am Anfang nicht zu erreichen! - Da sitzen wir also fest.

Rolf: Ich glaube, daß ich da einen Ausweg sehe. Ihr müßtet aber helfen, ihn in den Einzelheiten auszuarbeiten. -

Warum können wir die nötige Größe nicht erreichen? - Weil da schon zuviel Kapital im Spiel ist. - Bei meiner Idee müssen wir nur verschiedene Dinge, die es bereits gibt, in geschickter Weise zusammenfügen und den Spieltrieb gerade der Jüngeren für eine gute Sache umlenken. Meines Wissens hatte ich in unserem Gespräch vor fast zwei Jahren das Beispiel der Schiffbrüchigen auf einer einsamen Insel gebracht. Ich möchte deshalb unser Experiment 'Die Insel' nennen. - Ich halte zwar nicht viel von Multimedia, wie es heute propagiert wird. Was nützt es denn, wenn ich mir als Einzelner per 'Datenautobahn' Informationen aus dem Weißen Haus in Washington beschaffen kann und es trotzdem nicht gelingt, die Probleme in der richtigen Perspektive zu sehen und Lösungen zu finden. - Es gibt aber auch sinnvolle Möglichkeiten. Und eine davon will ich versuchen hier einzuführen.

Die Revolution, die Ulla für nötig hält, findet da gewissermaßen im Computer statt. Sie kostet nur unsere geistige Anstrengung und Rechenzeit, aber kein Blut.

Ulla: Wie soll das dann gehen?

Rolf: Berufsschüler lernen häufig in sogenannten Scheinfirmen, in denen zwar alle geschäftlichen Vorgänge ablaufen, aber weder etwas produziert, noch wirklich Geld umgesetzt wird. Ich schlage vor, wir lassen auch unser Experiment 'Die Insel' als solche Scheinfirma laufen. Das hat den Vorteil, daß uns das keiner verbieten kann. Wir arbeiten nicht mit 'Falschgeld', was manche behaupten könnten, wenn wir wirklich 'Neutrales Geld' in irgendeiner Form einführen würden. Und wir hinterziehen auch keine Steuern.

Bernd: Die Idee finde ich gut. Wir könnten dann auch von vorhandenen Erfahrungen profitieren. - Wenn wir uns vor Augen führen, wo heute überall im Wirtschaftsbereich der Computer eingesetzt wird, so vermute ich, daß es schon alle Programme gibt, mit denen wir arbeiten müßten. Sie müssen nur auf unsere speziellen Wünsche angepaßt werden. Ich denke z.B. daran, daß in den Supermärkten die automatischen Kassen nicht nur die Preise registrieren, sondern gleichzeitig die Warenkontrolle ermöglichen. - Konzerne, die viele verschiedene Firmen kontrollieren, dürften Programme nutzen, die ihnen die Übersicht verschaffen, was wo im eigenen Bereich am besten produziert werden kann und was als Auftrag an eine Zulieferfirma gegeben werden muß.

Rolf: Ja, solche Fragestellungen kommen auch bei unserem Experiment vor. Die 'Insel' ist ein geschlossenes System mit Außenkontakten. Innerhalb des Systems gilt das 'Neutrale Geld', im Außenkontakt in beiden Richtungen die DM - natürlich als 'Spielgeld'.

Claudia: Das wären ja ähnliche Verhältnisse wie in einem Land mit schwacher Währung, das für den Import und Export in US$ rechnet. Da versucht allerdings jeder, harte Währung zu erwerben. Die wollen wir jedoch reduzieren.

Ulla: Hoffentlich machen wir da nicht die gleichen schlimmen Erfahrungen wie früher die DDR!

Rolf: Da seht ihr deutlich, worauf es ankommt. - Wir sprachen schon vorhin darüber. - Das Experiment kann nur gelingen, wenn die Binnenwirtschaft so stark ist, daß sie exportieren kann, um die nicht selbst erzeugten Produkte dann importieren zu können. Außerdem müssen wir dafür sorgen, daß das 'Neutrale Geld' gern genommen wird, daß also kein Hang zur 'Harten DM' besteht. - Vielleicht muß das für den Anfang in den Spielregeln festgeschrieben werden. Doch später sollte es 'der Markt' bringen. - Und noch eines - Ulla sagte es schon: Die 'Insel' muß auch Steuern zahlen.

Bernd: Wenn ich deinen Plan richtig verstanden habe, brauchen wir eine Anzahl von Teilnehmern mit den verschiedensten Fähigkeiten bzw. Berufen, die - im Spiel - versuchen, eine 'Inselwirtschaft' aufzubauen, die möglichst weitgehend sich selbst versorgen kann, damit der Austausch mit der Außenwelt gering bleibt. Jeder sollte also seine speziellen Kenntnisse einsetzen und dabei nicht unbedingt in dem Beruf - spielerisch - arbeiten, den er in Wirklichkeit ausübt. - Wie hoch schätzt du die nötige Zahl der Teilnehmer?

Rolf: Das ist schwer zu sagen. Vermutlich werden wir sehr klein anfangen. Das ist allerdings der Vorteil eines Spiels, das über das Internet läuft, daß dann immer mehr Teilnehmer dazukommen können, für deren Teilnahme dann natürlich Spielregeln aufgestellt werden müssen.
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Bernd: Im Grunde kommt es also darauf an, daß wir auf einen Teil des Erwirtschafteten verzichten, um damit neues produzieren zu können.

Claudia: Das ist das gleiche, was ein Bauer tut, bzw. früher getan hat, wenn er einen Teil der Ernte nicht verbraucht, sondern als Saatgut wieder einsetzt.

Ulla: Das könnte aber ein sehr mühsamer Beginn sein. Leichter ginge es, wenn wir die Produktionsmittel in größerer Menge von außen kaufen könnten. Dann bleibt uns aber nichts anderes übrig, als direkt oder indirekt die Zinsbelastungen in Kauf zu nehmen.

Rolf: Und das müßten wir eben von Fall zu Fall abwägen. - Unser Modell soll ja mit Außenkontakten laufen, sonst können wir nicht nachweisen, daß später einmal in der realen Welt ein Übergang funktionieren würde.

Ich kann es vielleicht so sagen: Wir müssen uns eine Lebensweise angewöhnen, bei der wir unsere Produktionsleistung in geringerem Maße als bisher in den Verbrauch stecken. Wir sollten bereit sein, mehr in Produktionsmittel und Dienstleistungen zu investieren. - Unser derzeitiges Wirtschaftssystem tut durch Werbung alles, um uns diesen Weg möglichst zu verbauen. - Es gilt einen Dritten Weg zu suchen, der weder den Kapitalismus noch den Kommunismus zum Vorbild nimmt. - Vielleicht lohnt es sich, dazu wieder einmal das Buch von E.F. Schumacher in die Hand zu nehmen, das 1974 veröffentlicht wurde und Technik und Wirtschaft nach Menschenmaß jenseits des Wachstums forderte. Den Titel können wir als hoffnungs vollen Abschluß unseres Gespräches sehen. Er lautet:

Es geht auch anders!


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