Zum Beispiel: 'Titanic'

(Auszug)

17.02.81

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DELPHIN: Ich danke euch für die Einladung und teile eure Freude. - Heute sollten wir versuchen, einige Dinge zu klären, die in dem Vortrag vor einer Woche nicht deutlich geworden sind.

Mechthild: Da wäre meines Erachtens erst einmal etwas zu dem Begriff 'Zukunftsforschung' zu sagen. Kann man denn überhaupt die Zukunft - also das, was noch nicht existiert - erforschen? - Tun es vielleicht die Astrologen? - Sind überhaupt einige Dinge als sicher vorherzusagen?

Werner: Für einiges mag das schon gehen. - Wenn du dich auf einen Zweig eines Baumes setzt und zwischen dir und dem Stamm an dem Zweig sägst, dann kann ich mit Sicherheit vorhersagen, daß du herunterfallen wirst.

DELPHIN: Da haben wir aber schon eine Einschränkung. Du sagtest: Wenn ..., dann ... Deine Aussage gilt also nur unter der Bedingung, daß Mechthild den Fehler nicht rechtzeitig einsieht. Wenn sie auf dich hört, wird sie lieber von einer Leiter aus weitersägen. - Die Studien des 'Club of Rome' - "Die Grenzen des Wachstums" und "Menschheit am Wendepunkt" z.B. - beruhen doch auf solchen 'Wenn-dann-Aussagen'. - Es wird eine Entwicklung vorhergesagt unter der Annahme, daß an einigen Grundbeziehungen nichts geändert wird. Die Entwicklung würde unter diesen Voraussetzungen zu katastrophalen Folgen führen. - Der Zweck dieser Vorhersage ist es aber, das Verhalten der Menschen so zu ändern, daß die Katastrophe nicht eintritt. - Wenn wir Glück haben, wird also die Prophezeihung widerlegt werden.

Mechthild: Dann müßte man wohl diese Verhaltensänderung bei der Vorhersage als Korrekturfaktor mit berücksichtigen, um zu einer stimmenden Aussage zu kommen.

DELPHIN: Leider funktioniert das auch nicht. - Überlegt doch einmal, wodurch es zu der Verhaltensänderung kommen könnte. - Das machen die Menschen doch nicht von selbst. Nur durch die Warnung vor einer Katastrophe kann man vielleicht etwas bewegen.

Werner: Da hast du recht. Es gibt im Alltag genug Beispiele dafür, aber auch dafür, daß die meisten Menschen Warnungen nicht wahrhaben wollen. Die Gefahren der Kernenergie und die Luftverschmutzung fallen mir da ein. Wird auf eine gefährliche Entwicklung hingewiesen, so wird erst einmal eine Kommission geschaffen, die dann zu dem Ergebnis kommt, daß die Aussagen noch nicht eindeutig seien, daß man deshalb weiterforschen müsse, ehe man schwerwiegende Eingriffe, die die Wirtschaft belasten, verantworten könne. So bekommt die Forschung wieder Geld, und wertvolle Zeit verstreicht.

DELPHIN: Genau da liegt die Schwierigkeit für Voraussagen zukünftiger Entwicklungen. Wir müssen die Konsequenzen hart genug darstellen, aber auch nicht übertreiben, damit die beharrenden Kräfte keine Angriffspunkte finden.

Werner: Was wird aber die Konsequenz für den 'Zukunftsforscher' sein? - Wenn die vorhergesagte Katastrophe eintritt, ist sowieso alles zu spät. - Wenn er aber durch seinen Einsatz eine Änderung erreicht, wird man ihm vorhalten, daß er sich geirrt habe, und keiner wird nachweisen können, daß die Wende zum Besseren auf seine Warnungen zurückzuführen war.

DELPHIN: Die Folge ist also, daß er niemals Dank für seinen Einsatz erwarten kann. - Da muß ihm sein Gefühl, etwas Wesentliches getan zu haben, genügend Befriedigung geben. - Übrigens ist es auch sehr schwer, sagen zu können, was die richtige Entscheidung zu einem bestimmten Zeitpunkt sein muß. Denkt nur an den Autoverkehr. Bei einem drohenden Zusammenstoß kann Gas geben manchmal das Unglück vermeiden. Manchmal - und wahrscheinlich öfter - ist Bremsen die bessere Wahl. -

Und dann müssen wir auch bei unserer Wortwahl manche Ausdrücke überprüfen. - Wer ist denn heute 'konservativ'? - Die sogenannten Konservativen wollen alles so lassen wie bisher und damit auch die Wachstumsraten. - Gerade dadurch aber bewirken sie z.B. auch die gefährlichen Veränderungen, die die Katastrophe heraufbeschwören. Da ist der, der fortschrittlicher denkt und die Zusammenhänge besser durchschaut, also deshalb die Veränderung - auch an unserem System - will, der wahre 'Konservative'.

Mechthild: Wir reden von der Möglichkeit, durch Warnungen eine Entwicklung zum Besseren zu wenden, um damit eine Katastrophe zu vermeiden. Viele äußern aber die Auffassung, daß es für eine Änderung bereits zu spät sei, daß die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten sei. Wenn das zuträfe, hätten wir doch ein Beispiel dafür, daß bestimmte Entwicklungen - in Richtung auf eine Katastrophe - doch vorhersagbar sind.

DELPHIN: Natürlich müssen wir solche Betrachtungen mit einbeziehen. Als Beispiel sehe ich da den Untergang der Titanic im Jahre 1912 - das Luxusschiff, das auf einen Eisberg lief und mit mehr als 1500 Passagieren sank. Nur wenige wurden gerettet. Damit kann man manches deutlich machen.

Mechthild: Da bin ich aber neugierig. - Ich habe ein spannendes Buch darüber gelesen, und es gab wohl sogar einige Filme, die die Katastrophe darstellten.

DELPHIN: Wir kennen uns ja erst seit kurzem. Deshalb wird es euch vielleicht überraschen, daß ich 'rein zufällig' - so sage ich immer - einiges Material zu unserem Thema mitgebracht habe. - Es hat da nämlich einmal eine Tonbildschau gegeben. Sie nannte sich "Experimente für den Frieden". Darin diskutieren in einem Rollenspiel ein Wissenschaftler mit Namen Walter mit Richard, der mehr rechts orientiert ist, mit Ulla, die eher linke Ansichten vertritt und mit Vera, die ein Bindeglied verkörpert. Die sprechen da u.a. auch über die Titanic-Katastrophe. - Ich darf euch wohl die passende kurze Stelle einmal vorlesen.
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Werner: Das, was du da vorgelesen hast, zeigt schon recht deutlich die wichtigsten Probleme als Parallelen zur Titanic- Katastrophe. - Siehst du aber einen Ansatzpunkt, wie wir weiterkommen könnten?

DELPHIN: Das dürfte tatsächlich sehr schwer sein. - Ich bin da vor einiger Zeit noch auf weitere Parallelen gestoßen, die uns alles noch schwerer machen.

Ich hörte einiges über die Seeamtsverhandlung, die nach dem Untergang der Titanic stattgefunden hat. Bemerkenswert war, daß niemandem ein Verstoß gegen ein Gesetz vorgeworfen werden konnte. Es war nicht vorgeschrieben, daß die Leute im Ausguck ein Fernglas haben mußten. Es waren sogar mehr Plätze in den Rettungsbooten vorhanden, als vorgeschrieben war. - Es wurde allerdings nicht verlangt, daß es für alle Plätze geben müsse; denn man glaubte ja an die Unsinkbarkeit des Schiffes. - Die Plätze in den Booten sind möglicherweise zunächst gar nicht ausgenutzt worden; denn offenbar sind die meisten Zwischendeckpassagiere wegen sozialer Schranken nicht rechtzeitig oder gar nicht auf das Bootsdeck gekommen. - Es gab übrigens auch keine Vorschrift, daß die Eisberge südlich umfahren und die Geschwindigkeit gemindert werden mußte. Auch hier war also der Schiffsführung kein Fehlverhalten im Sinne der Vorschriften vorzuwerfen.

Mechthild: War das Handeln deshalb richtig? - Es führte jedenfalls zur Katastrophe.

DELPHIN: Das keineswegs. Aber, wie gesagt, vor dem Gesetz hat sich keiner schuldig gemacht. - Heute sprechen wir häufig davon, daß - z.B. bei Einwänden gegen Kernkraftanlagen - keine gerichtsverwertbaren Fakten vorgebracht werden könnten, daß deshalb das Gericht nicht einschreiten könne. Da seht ihr wohl die Parallelen. -

Mechthild: Heute sieht es wirklich ähnlich aus: Das, was falsch läuft, ist - zum größten Teil zumindest - völlig im Rahmen der geltenden Gesetze. Und trotzdem ist es falsch. Wir haben aber keine Chance, mit Hilfe der Gerichte eine Änderung zu erwirken.

Werner: Wir hatten vorhin aber auch die Frage gestellt, ob es vielleicht schon zu spät sein könnte, um überhaupt noch eine Änderung zu erreichen. Ich denke da z.B. an die Klimaveränderung. Daß es so weit kommen könnte, wird immer wieder geleugnet.

DELPHIN: Ich glaube, wir haben nicht genügend Informationen und Kenntnis der Zusammenhänge, um für das einzelne Beispiel sagen zu können, ob ein Umschwenken noch möglich ist. - Das Grundsätzliche dazu können wir uns aber auch am Beispiel der Titanic deutlich machen.

Folgendes ist wichtig: Die Titanic war ein sehr großes Schiff. Sie fuhr mit hoher Geschwindigkeit, und der Eisberg war zum größten Teil unter Wasser, d.h. die Gefahr war bedeutend näher, als man annahm. - Die Frage ist nun: Kann eine Katastrophe verhindert werden oder nicht? - Wir könnten sagen, wir müssen das Schiff so schnell wie möglich stoppen. Das geht aber nur durch Umsteuern auf 'Volle Kraft rückwärts!' - Eine Bremse hat ein Schiff nicht. Auch, wenn das Manöver sehr schnell abläuft, stoppt das Schiff aber noch lange nicht; denn so ein großes Schiff hat auch eine sehr große Trägheit. - Zusätzlich könnten wir eine Kursänderung versuchen. Die größte Kraft dazu erreichen wir bei der großen Geschwindigkeit. Dann besteht aber vielleicht die Gefahr, daß das Ruder bricht und der Kurvenradius wird auch sehr groß.

Mechthild: Das verstehe ich noch nicht ganz. Wieso ist die größte Kraft bei hoher Geschwindigkeit vorhanden?

DELPHIN: Ich kann nicht in alle Einzelheiten der Physik gehen. Das Einfachste ist wohl, wenn du dir im Extremfall klar machst, daß ein Schiff, das keinen Antrieb hat, durch das Ruder auch nicht gedreht werden kann. Nur dadurch, daß Wasser gegen das Ruder strömt, entsteht eine Kraft, die das Schiff dreht. - Deshalb sind ja auch Schiffe immer in großer Gefahr, wenn die Maschine ausfällt.

Allgemein können wir sagen, daß es einen Bereich gibt, innerhalb dessen das Unglück durch keine Maßnahme mehr abgewendet werden kann. Die Ursache dafür ist im wesentlichen die 'Träge Masse', wie der Physiker sagen würde. Ein viel kleineres Schiff - also mit einer kleineren Masse - könnte durchaus noch in diesem Gefahrenbereich erfolgreich manövrieren.

Werner: Wie übertragen wir aber diese Erkenntnisse auf unsere Probleme? - Siehst du die Menschen als die 'Träge Masse' an? Auf dem Schiff gehörten sie auch dazu, waren aber im Vergleich zur Masse des Schiffes ganz unbedeutend.

DELPHIN: Bei unseren Problemen spielen sie eine größere Rolle. Auf der Titanic hätte man nicht viel überflüssiges bewegliches Material als Ballast abwerfen können, um die Trägheit zu vermindern. Wir aber könnten einiges in dieser Richtung tun. Dann müßten wir einige 'Heilige Kühe' schlachten. Ich denke z.B. an die Forderung "Freie Fahrt für freie Bürger!" - Wir könnten uns noch viele andere Beispiele dazu überlegen.

Genau wie bei der Titanic, die nicht nur aus dem Schiffsrumpf und den Menschen bestand, ist unsere Erde auch ein sehr kompliziertes System. D.h. es spielt sehr vieles zusammen. Kein Land allein kann doch nennenswert Einfluß auf die Wirtschaft nehmen. Wenn wir schärfere Umweltauflagen beschließen, wandert die Wirtschaft mit den bedenklichen Produkten eben aus. Für unseren gefährdeten Erdball ist damit nichts erreicht.

Werner: Dann müßte man also Vorschriften weltweit erlassen. Doch die UNO und andere Weltorganisationen schaffen gegenwärtig auch kaum etwas. Das mag daran liegen, daß solche große Organisationen eben auch eine große 'Träge Masse' haben.

Mechthild: Daß die Wirtschaft mit gefährlichen Produkten auswandert, betonen auch immer wieder unsere Politiker, um die Verantwortung anderen aufzubürden. - Muß und kann nicht aber jeder Einzelne doch etwas tun? - Wenn wir die Verantwortung immer wieder auf andere abschieben, kommt es doch nie zu einer Änderung! -

Mir fällt da gerade ein Zitat ein, das ich vor vielen Jahren einmal gelesen habe. Es stammt aus dem Buch des Arztes Bodo Manstein "Im Würgegriff des Fortschritts" von 1961. - Das muß ich euch vorlesen; denn es paßt genau hierher. - Ich werde es gleich finden. -
    "Es wird sich zeigen, ob es noch genügend freiheitliche und mutige Nothelfer gibt, die jetzt mit anpacken. Oft meint man, daß sie sich alle von ihren Berufen zu sehr absorbieren lassen, denn viele gute Ansätze sind praktisch gescheitert. Die brauchbaren Vorschläge für den Beginn einer Änderung haben fast alle den Fehler, daß sie 'Empfehlungen' an andere sind. Die Konsequenz des persönlichen Einsatzes fehlt. Es ist wie im Gleichnis Jesu vom großen Abendmahl. Alle haben irgendeine andere Entschuldigung, um ihr Fernbleiben zu bemänteln. Wir leben jedoch in einer Zeit, die nur gemeistert werden kann, wenn jedermann trotz seines Berufes, trotz seiner Familie, trotz seiner sonstigen Abhaltungen einen Teil seines Lebens dem gemeinsamen Wirken opfert - einem überpersönlichen allgemeinen Interesse. Es nutzt nichts, über die Trägheit und Gleichgültigkeit der anderen zu klagen. So schwer es ist, die Menschen aus ihrem Gebundensein an den Alltag aufzurütteln, man muß es versuchen und ihnen immer und immer wieder vor Augen führen, in welcher Gefährdung das Schiff Erde auf seiner Fahrt durch den Weltenraum schwebt. Man muß die Brandherde bezeichnen, sie selber tapfer angehen, wohl wissend, daß ohne genügend freiwillige und todesmutige Helfer die Fahrt kurz vor der Beendigung steht."
DELPHIN: Ich finde das Zitat an dieser Stelle unseres Gespräches ausgezeichnet. - Aber natürlich bleibt die Frage, ob es überhaupt noch die Chance gibt, dem Unheil auszuweichen. Mechthild: Wenn wir nicht damit rechnen könnten, noch eine Chance zu haben, wäre ja all unser Bemühen sinnlos. - Ich glaube, daß es vielleicht gut ist, daß wir nicht alle Zusammenhänge so sicher durchschauen können. - Wir können also nicht sagen, ob wir dem Eisberg schon zu nahe sind und unser Schiff zu träge. - So bleibt uns wenigstens die Hoffnung. ....................................................................


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