Schicksalsberg Mount St. Helens

Leseprobe (kurze Auszüge)

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Erste Tagebuchnotizen (Seite 19)
Deutschland, Sommer 1980

Wir haben den ersten Schock nach der Katastrophe überwunden und sind nun - mein Kätzchen und ich - völlig allein, nachdem wir von unserem letzten Kameraden aus unserer Welt Abschied genommen haben. Er starb, weil für ihn dieses Unglück zu schwer war. Wir sind völlig allein in einer fremden Welt, die zu retten wir ausgezogen waren. Warum mußte uns das Schicksal so hart treffen? Waren wir zu vermessen, als wir uns einbildeten, wir könnten mit unseren Fähigkeiten diesen wundervollen Planeten 'Erde' vor dem Verderben bewahren? Sollen alle Strapazen, die wir dafür auf uns genommen haben, soll der endgültige Abschied von unseren Freunden daheim umsonst gewesen sein?

Meine Kameraden und deren Frauen sind tot, aber ich lebe zusammen mit meinem Kätzchen, und solange ich lebe, will ich versuchen, mein möglichstes zu geben, um vielleicht doch noch Erfolg zu haben. Vielleicht finde ich hier, in der Bundesrepublik Deutschland, genügend Unterstützung für meine Aufgabe. Der erste Monat in diesem Land hat mir einige Hoffnung gegeben.

Mit diesen Tagebuchaufzeichnungen, Gesprächsprotokollen und Materialien, die ich sammeln werde, wende ich mich an die Menschen dieser Erde in der Hoffnung, daß es ihnen vielleicht hilft, wenn sie auf diese Weise ihre Probleme aus der Sicht eines Menschen aus einer anderen Welt betrachten lernen. Möglicherweise erkennen sie dann, daß es noch einen Ausweg aus ihrer bedrohlichen Situation gibt, wenn sie wirklich einmal mit dem 'Umdenken', von dem sie so viel reden, ernst machen.

Zunächst will ich etwas über unsere Expedition und die Gründe für ihr Scheitern berichten. Ich beschränke mich dabei auf das Wesentliche; denn nur das ist im Rahmen meiner Aufgabe und für die Menschen hier wichtig. - Und, wenn ich in Zukunft von den 'Menschen' spreche, meine ich immer die Bewohner dieser Erde und nicht uns, die wir ihnen doch so ähnlich sind. .............................................................. (Seite 24) Dieses Wissen wird aber nicht Allgemeingut. Ich möchte sagen, daß ein allgemeines Desinteresse vorhanden ist, oder daß der Wunsch besteht, die Probleme zu verdrängen. Auf der einen Seite wird hier vom 'mündigen Bürger' gesprochen, der wohl wisse, wie er in den politischen Fragen zu entscheiden habe. Auf der anderen Seite stelle ich immer wieder fest, daß sich diese gleichen Bürger überhaupt keine Gedanken über ihre Verantwortung für die langfristigen Folgen ihrer Entscheidungen machen. Sie wissen es auch gar nicht. Nur relativ wenige lesen die vielen Bücher und Zeitschriften, aus denen man lernen kann, welche Gefahren bestehen.

Die älteren Menschen glauben an die Wirksamkeit der herkömmlichen Methoden in der Politik. Ich habe immer wieder bemerkt, daß sie ganz verständnislos, ja gar entsetzt sind, wenn die Jungen ihnen sagen, daß sie kein Interesse an immer mehr Wachstum haben, daß sie Angst vor der Zukunft haben, daß sie sich durch die 'Abschreckung' mit Atomraketen nicht geschützt fühlen, daß sie keine Kinder haben wollen, weil sie meinen, daß sie es nicht verantworten können, ihnen eine unwirtliche Welt zu hinterlassen.

Viele ältere Menschen kennen verschiedene Tabus im Denken. Da gibt es Formeln, die einfach als gegeben hingenommen werden, ohne daß gefragt wird, ob sie noch Sinn haben, oder welchen Sinn sie noch haben.

Ich habe zufällig gehört, daß der deutsche Philosoph Hegel einmal behauptet haben soll: "Es gibt 7 Planeten!" - Man habe ihm geantwortet: "Dem widersprechen die Tatsachen." - Es waren nämlich schon weitere Planeten entdeckt worden. Darauf soll Hegel geantwortet haben: "Umso schlimmer für die Tatsachen!"

So ähnlich verfahren diese älteren Menschen heute mit Begriffen wie 'Wirtschaftswachstum', 'Fortschritt', 'Freie Marktwirtschaft' usw. In ihren Gehirnen existieren Denkblockaden, die der englische Schriftsteller George Orwell in seinem 1948 erschienenen Roman "1984" mit 'Verbrechenstop' bezeichnet. Sie vermeiden ängstlich, an Punkten weiterzudenken, an denen ihnen deutlich werden könnte, daß ihr jetziger Weg in eine Sackgasse führt.

Da gibt es auch ein Märchen von Hans-Christian Andersen mit dem Titel "Des Kaisers neue Kleider", in dem auch gezeigt wird, wie Menschen - aus Furcht, als dumm oder für ihr Amt ungeeignet erkannt zu werden - behaupten, daß sie Kleider sehen können, die der Kaiser gar nicht anhat. Der kanadische Physiker und Friedensforscher Norman Alcock hat die Einstellung der meisten Menschen zur Rüstung mit dem Verhalten in Andersens Märchen verglichen. Die Parallelen sind verblüffend. ..................................... (Seite 27) Ich werde also versuchen, durch Gespräche und durch diese Aufzeichnungen den Menschen 'Denkanstöße' zu geben, ihnen zu zeigen, daß viele Probleme und auch die Lösungsmöglichkeiten ganz anders aussehen, wenn man sie als 'Außerirdischer' betrachtet, wenn man sie also nicht so sehr als die eigenen Probleme sieht. (Dabei werde ich mich natürlich nicht als 'Außerirdischer' zu erkennen geben. Die Menschen werden es erst merken, wenn sie nach meinem Tode diese Materialien finden.) Vielleicht ist es für diese Vorgehensweise sogar ein Glück, daß mir das im Computer gespeicherte Wissen unserer Welt - wegen der Katastrophe - nicht mehr zur Verfügung steht, sondern daß ich mich nur auf meine Erinnerung und auf unsere andere Art zu denken stützen muß. Wenn ich mit unseren fertigen Lösungen aufwarten könnte, wären diese so phantastisch, daß die Menschen sie doch nicht begreifen würden. Sie kämen dann auch nicht zu dem so notwendigen 'Umdenken', das ihnen allein weiterhelfen kann. Ich sagte es schon: 'Hilfe zur Selbsthilfe' ist die einzige Chance für mich, wenigstens einen Teil unserer Aufgabe noch zu erfüllen, und mein Kätzchen wird mich dabei unterstützen. ....................................


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