Besprechungen

Zu Hause in Hannover
Der Unbeirrbare
(Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 19.06.97 - von Juliane Kaune)

Nein, er glaubt nicht an kleine grüne Männchen, die uns auf der Erde besuchen kommen. Lothar Schulze lächelt. Mit der Frage hat er gerechnet. Der Physiker, Zukunfts- und Friedensforscher läßt Außerirdische auf der Erde landen, die die Menschheit wieder auf den rechten Weg bringen sollen - in einem Buch. "Ein Kunstgriff", erklärt er: "Science-Fiction, dachte ich, lesen die Leute eher als rein wissenschaftliche Abhandlungen." Für jeden verständlich habe er darstellen wollen, womit er sich seit 40 Jahren beschäftigt: mit Problemen und Möglichkeiten eines friedlichen, gerechten und verantwortungsvollen Zusammenlebens der Menschen.

Schulzes jetzt erschienenes Buch trägt den Titel "Unternehmen Delphin gescheitert. Es kommt jetzt auf uns alle an!" Leider verunglücken die Ufo-Insassen, nur einer bleibt übrig. Der versucht, die Mission auf eigene Faust fortzuführen. In Gesprächen, Tagebuchaufzeichnungen und Vorträgen gibt er sein Wissen preis. Doch Patentrezepte hat der Herr vom anderen Stern nicht parat. Er will nur Denkanstöße geben, handeln müssen die Menschen.

Eine Maxime, die sich auch sein geistiger Vater zu eigen gemacht hat. Es gehe ihm nicht darum, Dogmen aufzustellen, wie wir zu leben haben, sagt Schulze. Er wolle "in Frage stellen, um mögliche Veränderungen aufzuzeigen". Die Vorstellung etwa, ein uneingeschränktes Wachstum sichere den Wohlstand, greife zu kurz. Wertvolle Ressourcen würden verschwendet, die Ungleichheit zwischen Besitzenden und Mittellosen nehme zu. Schulzes Konsequenz: "Ein Wandel unseres Wirtschaftssystems darf kein Tabu sein." Es müsse ja nicht gleich der Kommunismus ausgerufen werden. Ihm gehe es um einen, "dritten Weg".

Nach anderen Wegen hat der heute 76jährige schon früh gesucht. Im Sommer 1956 fällt dem an der Universität Hannover frisch promovierten Physiker eine Broschüre zu Risiken und Gefahren der Kernenergie in die Hände. "Das war ein Schlüsselerlebnis", erinnert er sich. "Wer das weiß und schweigt, macht sich mitschuldig, habe ich spontan gedacht."

Fortan beschäftigt sich der damalige Mitarbeiter am Institut für Strahlen biologie intensiv mit Friedensfragen, organisiert Anfang der sechziger Jahre als hannoverscher Gruppenleiter die Ostermärsche der Atomwaffengegner. 1964 gründet er mit anderen Wissenschaftlern die "Gesellschaft zur Förderung von Zukunfts- und Friedensforschung", die bis Ende der siebziger Jahre eine eigene Zeitschrift herausbringt. 1973 wechselt Schulze ans politische Institut der Universität. Er publiziert in zahlreichen Fachblättern zu Themen wie Abrüstungs- und Dritte-Welt-Politik und wird Geschäftsführer eines Kommunikationszentrums für Friedensforschung mit Sitz in Hannover. 1984 nach der Eremitierung, wird er für sein Engagement als erster Deutscher mit dem Internationalen Lentz-Friedensforschungspreis ausgezeichnet.

Sein "dritter Weg", wie soll der aussehen? Ökologische Steuerreform, Förderung regenerativer Energien, Geldverkehr ohne Zinsen, sozial gerechte Verteilung des Eigentums - Schulze läßt Programme, die er für gangbar hält, wie Luftballons aufsteigen. Parteibrille und Elfenbeinturm: Allein auf Politiker und Wissenschaftler vertraut er nicht. Die Verantwortlichen müßten bereit sein, auf Menschen zu hören, "die nachdenklich sind".

Ein frommer Wunsch. Doch Schulze will die Hoffnung nicht aufgeben, "daß sich doch noch eine Änderung bewirken läßt" - vielleicht über eine kritische Nutzung der Medien, vielleicht über einen Zusammenschluß von Bürgerinitiativen. Eine Änderung wünscht er sich auch im Verhalten der Menschen. "Wir brauchen weniger Egoismus, mehr Mit- und Füreinander."

Der Wissenschaftler glaubt an die Vernunft des Menschen. Doch nicht nur an die. "Kopf und Herz, das gehört zusammen", sagt der unbeirrbare Idealist. Und dann fällt ein tragender Begriff: die Liebe. Vielleicht sei er ja altmodisch. Aber wenn ein Mensch erkenne, daß er kein Einzelkämpfer, sondern Teil eines großen Ganzen sei, müsse er doch große Gefühle für seine Umgebung und seine Mitmenschen entwickeln. In der Kirche, stellt Schulze klar, sei er aber nicht. Schon als junger Mann ist er ausgetreten. Ihm habe die Perspektive nicht gefallen. Einen Gott, der über allem steht, das passe mit seiner Vorstellung vom Universum nicht zusammen.

Die Existenz intelligenter Wesen auf anderen Planeten will der Physiker dagegen nicht ausschließen. "Vielleicht gibt es ja doch noch andere bewohnte Welten", sinniert er. Aber natürlich keine grünen Männchen, die uns auf der Erde besuchen kommen.


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