Interstellarer Entwicklungsdienst leitet
Notprogramm "Erde" ein -
Ist der Planet "Erde" noch zu retten?

(Auszug aus einem Bericht der galaktischen Inspektionsgruppe des Interstellaren Entwicklungsdienstes (INSTED).)

Von Günther Frisch

Betr.: Zustände auf dem Planeten "Erde"


Auf unserer Inspektionsreise zum "Sonnensystem" haben wir auf dem Planeten "Erde" paradoxe, aber äußerst kritische Verhältnisse vorgefunden, die eine sehr schnelle Hilfe durch den "Interstellaren Entwicklungsdienst" geboten erscheinen lassen. Innerhalb weniger Jahrzehnte wird sich die Lage soweit zugespitzt haben, daß die Vernichtung von großen Teilen der "Menschheit" - wie sich die dortigen Bewohner nennen - wahrscheinlich wird. Je früher eine Änderung erreicht werden kann, desto weniger leidvoll dürfte die weitere Entwicklung werden.

Für uns war das, was wir sahen, sehr schwer zu begreifen; denn die Bewohner der Erde, die "Menschen", verfügen bereits über alles Einzelwissen, das nötig ist, um die Situation zu erkennen und die Krise zu meistern. Da sie sich aber nicht aus bestimmten Denkgleisen befreien können, bleibt der Erfolg aus. Einige versuchen es, neue Wege zu gehen, doch die hält man für Phantasten.

Es sind gerade die technologisch am weitesten fortgeschrittenen Staaten, die "Industrienationen", von denen die höchst gefährliche Entwicklung ausgeht. Die Überheblichkeit, mit der diese Länder ihre Lebensform als die einzig erstrebenswerte ansehen, erschwert eine Lösung der Probleme noch mehr. Das wird dieser Bericht noch zeigen.

Die Grenzen des Wachstums sind erreicht

Wir wollen zunächst die Situation schildern, wie wir sie auf der Erde vorfanden. Dabei werden wir versuchen, den uns inkonsequent erscheinenden Gedankengängen der Menschen möglichst zu folgen, was manches Mal sehr schwierig ist und auch nicht immer gelingt. Die wichtigsten Punkte seien zunächst schlagwortartig vorangestellt:

1. Zunehmende Bevölkerungszahl und damit Raumnot,

2. Vernichtung der natürlichen Umwelt durch Bauten und Monokulturen,

3. Raubbau an Rohstoffen - vor allem auch Verschwendung des lebensnotwendigen Sauerstoffs,

4. Verschwendung von Energieträgern,

5. Verschmutzung und Vergiftung der Umwelt - Zerstörung des natürlichen Gleichgewichts.

Wenn in den folgenden Ausführungen von geringen Einsichten der Menschen gesprochen wird, ist eine kleine Zahl von Wissenschaftlern auszunehmen, die schon wissen, worum es geht, deren Einfluß aber für eine Änderung nicht ausreicht.

Bis vor kurzem konnten die Menschen noch so handeln, als seien die Möglichkeiten ihrer Erde unbegrenzt. Wenn sie auch gelegentlich bei Raubbau bittere Erfahrungen machten (z.B. Verkarstung der Gebirge im Mittelmeerraum), erkannten nur wenige die Zusammenhänge. Man sah auch nicht ein, daß die Zunahme der Bevölkerungszahl durch die Verbesserung der ärztlichen Versorgung - ohne gleichzeitige Geburtenkontrolle - eine solche Beschleunigung erfahren mußte, daß die Tragfähigkeit des Planeten für Menschen bereits heute erreicht ist, besonders deswegen, weil sie auch anspruchsvoll sind und dadurch ein hoher Bedarf an Raum, Energie und Rohstoffen entsteht. Die meisten Menschen haben noch nicht bemerkt, wie weit ihre Lebensmöglichkeiten von der Erhaltung einer natürlichen Umwelt abhängen. Es gibt allerdings auch hier Wissenschaftler, die darauf hinwiesen (z. B. LIEBMANN, [1973]). Im allgemeinen verhält man sich aber so, als ob alles, was benötigt wird, in beliebiger Menge vorhanden sei und auch noch vorhanden wäre, wenn die Bevölkerungszahl in wenigen Jahrzehnten ein Vielfaches der jetzigen angenommen hat.

So werden immer mehr Straßen angelegt, Eigenheime gebaut und große Gebiete natürlicher Landschaft in Monokulturen verwandelt. Diese tragen ganz wesentlich zur Vernichtung des natürlichen Gleichgewichts bei (Staubstürme, Bodenerosion, Schädlingsbefall usw.).

Um die vermeintlichen Bedürfnisse der Menschen befriedigen zu können, werden bedenkenlos Rohstoffe abgebaut. Eine Wiederverwendung kennt man nur in geringem Umfange. Man glaubt, immer mehr produzieren zu müssen und benötigt hierzu auch immer mehr Energie. Diese gewinnt man aber nicht, wie bei uns üblich, aus der Strahlungsenergie des Zentralgestirns (Sonne), sondern aus Kohle, Erdöl und Erdgas. (Die Menschen benutzen außerdem auch Kernkraftwerke. Doch sind die Probleme, die damit verbunden sind, nicht geringer.) Bei Verbrennungsvorgängen werden beträchtliche Mengen Sauerstoff an den Kohlenstoff gebunden. So entzieht man dieses für die Existenz von Mensch und Tier wichtige Gas mehr und mehr der Atmosphere. Gleichzeitig vernichtet man große Teile der Pflanzendecke, so daß die Rückgewinnung des Sauerstoffs aus dem Kohlendioxyd vermindert wird. (In der Schweiz werden jährlich ca. 30 Millionen Tonnen Sauerstoff durch Photosynthese gewonnen, aber 44 Millionen Tonnen durch technische Verbrennungsprozesse verbraucht.) (zit. nach BASLER [1973] S. 85).

Man ist sich nicht bewußt, daß nur deshalb immer genug Sauerstoff zum Atmen da ist, weil die Natur selbst einen gewaltigen Wiederverwendungs-Kreislauf (recycling) in Gang hält, wobei 70% des verbrauchten Luftsauerstoffes durch das Phytoplankton der Weltmeere und 30% durch die Photosynthese der Wälder regeneriert werden. Was würde geschehen, wenn z.B. durch eine Schiffskatastrophe große Mengen von Unkrautvertilgungsmitteln (Herbiziden) ins Meer gelangten und dadurch das Phytoplankton ausfiele? (BRUCKMANN [1973] S. 172.)

Die gesamte Industrieproduktion, die auf Verbrauch eingestellt ist, führt zu einer starken Verschmutzung und Vergiftung der Umwelt. Man hat noch nicht verstanden, die Abfallstoffe in sinnvoller Weise wiederzuverwenden oder wenigstens darauf zu achten, daß sie für die natürliche Umwelt unschädlich sind. Nur wenige Menschen haben erkannt, daß es die Gebiete mit natürlicher Landschaft sind, die heute noch dafür sorgen, daß es nicht schon zu einer Katastrophe gekommen ist. Die gesamte Lebewelt hat die Fähigkeit, lebensbedrohende Störungen weitestgehend auszugleichen, aber nur dann, wenn diese ein bestimmtes Maß nicht überschritten haben. Dieser Zustand dürfte bald erreicht sein. (LIEBMANN [1973]. Die Vergiftung der Welt geschieht aber nicht nur durch Abfälle, sondern ganz planmäßig durch die völlig unverantwortliche Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und Herbiziden. Zwar ist man seit der aufsehenerregenden Veröffentlichung von Rachel CARSON [1962] etwas vorsichtiger geworden, die gesamte Tragweite des Problems des biologischen Gleichgewichts wird aber kaum gesehen. (CARSON [1962], S. 247 ff.)

Politik und Wirtschaft sind nicht angepaßt

Die Umweltsituation wird noch dadurch verschärft, daß die Menschen in sehr verschiedenen Zivilisationsstufen leben, wodurch auch die materiellen Güter sehr unterschiedlich verteilt sind. Die am weitesten fortgeschrittenen Staaten nennen sich, wie eingangs bereits erwähnt, "Industrienationen" und bezeichnen die, welche noch nicht soweit sind als "Entwicklungsländer". Innerhalb dieser Gruppen gibt es dann noch einen starken Ideologiengegensatz, der "Ost-West-Konflikt" oder "Konflikt zwischen Kapitalismus und Sozialismus" genannt wird und eine sinnvolle Lösung der Zukunftsprobleme ebenfalls erschwert.

Die Bedeutung der Lösung solcher Fragen wird nicht voll erfaßt. Die Forschungsmittel hierfür sind minimal gegenüber anderen Projekten, die als "Big Science"! als Großprojektforschung, bearbeitet werden. So baut man z.B. riesige Radioteleskope zur Erforschung des Weltalls und Teilchenbeschleuniger, die international errichtet und betrieben werden, weil sie sich ein Staat allein nicht leisten kann.

Die Menschen verdrängen offenbar die Gefahr, in der sie schweben, aus dem Bewußtsein. Sie hoffen, daß die Katastrophe während ihrer Lebenszeit noch nicht eintritt und interessieren sich kaum dafür, was in 100 Jahren sein wird. Trotzdem beteuern sie immer wieder, daß sie alles für ihre Kinder tun und hierfür große Opfer auf sich nähmen. Ihr Verhalten lehrt allerdings das Gegenteil. Jedenfalls sind sie nicht bereit, die Methoden, nach denen sie heute ihre Welt lenken, gründlich auf ihre Zweckmäßigkeit hin zu überprüfen.

Man arbeitet mit Wirtschaftssystemen, die nur geeignet sind, wenn keine Verknappung zu fürchten ist. Das gilt sowohl für das kapitalistische System als auch für die Planwirtschaft der kommunistischen Länder (Ostblock). So war es für uns verblüffend zu bemerken, daß die Studie des "Club of Rome" über "Die Grenzen des Wachstums" (MEADOWS 1972) aus dem kommunistischen Lager als "Mythos Null Wachstum" bezeichnet wird, der zu einem Verbrechen an der Menschheit zu werden drohe, wofür die kapitalistischen Länder die Alleinschuld trügen. (MILEJKOWSKI [1973])

Bei der sogenannten "Sozialen Marktwirtschaft" soll das Gewinnstreben des einzelnen als Motor des Fortschritts dienen. Jeder soll versuchen, in Konkurrenz zu anderen, soviel wie möglich für sich zu erarbeiten. Auf diese Weise glaubt man, daß es letzten Endes allen besser gehen werde. Es gelang auch tatsächlich, sehr großen Bevölkerungsgruppen den Zugang zu den technischen Errungenschaften zu verschaffen. Innerhalb weniger Jahre wurde in den Industrienationen z. B. der Kühlschrank vom Luxusartikel einiger Begüterter zum selbstverständlichen Gebrauchsgerät jedes einzelnen Haushaltes.

DieEntwicklung schoß dann aber über das gewünschte Ziel weit hinaus, und der höhere Lebensstandard erscheint nur noch als "Abfallprodukt" der "Konsumgesellschaft", die danach strebt, immer mehr zu verbrauchen, damit immer mehr produziert werden kann.

Das Bild einer in Überproduktion erstickenden Welt trifft jedoch nur für die Industrienationen zu und auch da nicht für jedermann. In den Entwicklungsländern ist der Lebensstandard bei weitem noch nicht so hoch und könnte durchaus beträchtlich verbessert werden. Nur besteht dabei die Gefahr, daß dann die Entwicklungsländer auch die Fehler der Industrienationen nachahmen.

Schwierigkeiten im Wesen der Menschen <

Wir können uns vorstellen, daß dieser Bericht zur Lage auf der Erde in unserer Heimat auf Unverständnis stößt. Wir müssen aber folgendes berücksichtigen:

1. daß es für einen Außenstehenden immer leichter ist, Fehlleistungen zu erkennen und

2. daß die Menschen Wesen sind, die nur zu einem kleinen Teil rational handeln, die also nicht wie wir "rationale" und " emotionale " Lebensbereiche strikt trennen.

Beim Versuch, ihnen zu helfen, sollten wir das nicht übersehen. Besondere Schwierigkeiten sind darauf zurückzuführen, daß es bei den Menschen an Urteilsfähigkeit mangelt. Stattdessen stößt man immer wieder auf Vorurteile. Man glaubt so fest an die Gültigkeit von Axiomen, daß es nicht darum geht zu prüfen, ob sie richtig sind, sondern zu beweisen, daß der, welcher an ihnen zweifelt, im Irrtum ist.

Weiter fiel uns auf, daß die Menschen zu Extrempositionen neigen, statt den "gesunden Mittelweg" zu suchen, anstelle einer sinnvollen Sachdiskussion gibt es oft widerwärtigen Ideologienstreit.

Die Erkenntnis, daß eine bestimmte Methode nicht in jedem Stadium der Entwicklung richtig sein muß, fällt den Menschen offenbar besonders schwer. Als es im Vergleich zum Bedarf noch ungeheure Rohstoffmengen gab, konnte man sich natürlich völlig anders verhalten. Heute gilt es, sich auf die knapper werdenden Vorräte einzustellen.

Die Menschen verlieren wegen ihres Hangs zum Extrem häufig den Blick für die Realitäten, auch in bezug auf die Freiheit. Was bei uns jeder einsieht, wollen sie nicht wahrhaben, nämlich, daß es in einem komplizierten Gesellschaftssystem, besonders bei hoher Bevölkerungsdichte, keine absolute Freiheit der eigenen Entfaltung geben kann. Können die Menschen eine zielgerichtete Freiheit lernen, die mehr ist, als das Abwerfen eines Jochs?

Wir glauben, daß man besonders in den westlichen Industrienationen eine bewußte und unbewußte Erziehung zum Egoismus hin betrieben hat, so daß es dem einzelnen schwerfällt, sich daraus zu befreien. - Bestenfalls hat er ein mitleidiges Lächeln für den "Idealisten".-

So mag uns manches im Verhalten der Menschen unverständlich sein, weil sich bei uns im Laufe vieler Generationen ein ganz anderes System entwickelt hat. Wir können ihnen aber keinesfalls helfen, wenn wir nicht ihre Schwierigkeiten erkennen und in unsere Überlegungen mit einbeziehen. Überheblichkeit ist keine geeignete Haltung für Interstellare Entwicklungshelfer.

Vergebliche Lösungsversuche der Menschen

Natürlich haben auch die Menschen selbst versucht, ihren Schwierigkeiten zu begegnen. Häufig sind aber die Ansätze falsch - jedenfalls für die derzeitige Situation und für die weitere Entwicklung. Das gilt besonders für die "Wachstumsideologie". Sie scheint fast alle Bürger der Industrienationen zu beherrschen und beruht auf alten Wirtschaftsregeln, die anzuzweifeln als Todsünde gilt. Man spricht von "Tabus".

Folgende Gedankengänge spielen dabei eine Rolle, die bei uns nur noch denen bekannt sind, die sich mit unserer Frühgeschichte befaßt haben:

Die Verteilung der Lebensgüter und Dienstleistungen wird durch "Geld" geregelt. Jeder Mensch braucht es deshalb zur Sicherung seiner Existenz. Im Normalfall bekommt er es nur, wenn er dafür arbeitet. Also muß er einen Arbeitsplatz haben. Das setzt die Produktion irgendwelcher Güter - seien sie nützlich oder unnütz - voraus. Gleichzeitig schreitet aber die Technologie fort, so daß immer weniger Arbeitskräfte für die gleiche Arbeit erforderlich sind. Um die Arbeitsplätze zu erhalten, muß daher die Produktion immer weiter gesteigert werden. Immer mehr unnütze und überflüssige Dinge werden also erzeugt. Und es werden Wünsche geweckt, um die Waren absetzen zu können. Schneller Verschleiß oder Ersatz wegen geänderter Mode sorgen ebenfalls für neuen Bedarf.

Eine zweite Fehleinschätzung ist die der Bevölkerungsentwicklung. Vielfach ist man sehr besorgt, wenn es einmal keinen Geburtenüberschuß gibt. Man sieht die Altersversorqung gefährdet, denn die Jüngeren müssen die Nichtarbeitsfähigen mitversorgen. Man meint, umso besser leben zu können, je mehr Junge für einen Alten aufkommen.

Da die Menschheit aber bereits ihre Rohstoffquellen bis zum Äußersten beansprucht hat, sollte sie schnellstens lernen, daß das Maß ihres Wohlstandes davon abhängt, wieviele sich in das Vorhandene teilen müssen. Je mehr Menschen also geboren werden, desto schlechter werden sie leben können. Der Unterhalt der Alten ist dagegen ein Problem, das durch die Verbesserung der Technologie leicht zu lösen ist.

Wir haben bereits erwähnt, daß die Menschen die wichtigsten Aufgaben aus dem Bewußtsein verdrängen. Das wird gefördert durch einen geradezu kindlichen Glauben an den Fortschritt. Hinweise auf die zunehmende Zuspitzung der Krise werden mit der Bemerkung beiseite geschoben, daß es bisher jede Generation geschafft habe, mit ihren Problemen fertig zu werden. Also würden es auch die kommenden können. Grenzen der Möglichkeiten schien es bisher nicht zu geben. Deshalb wird ihre Existenz gar nicht bewußt.

Merkwürdigerweise scheint den Menschen kaum der Gedanke zu kommen, daß ihnen wegen zu hoher Bevölkerungsdichte das Leben unerträglich werden könnte.- Abgesehen davon, daß dann auch zur Existenzsicherung der Raum nicht mehr ausreicht. - So ersinnt man riesige Anlagen, die das Leben noch ermöglichen sollen, wenn die natürliche Umwelt bereits der Technik zum Opfer gefallen ist. Wissenschaftler, die darauf hinweisen, daß der Mensch im ökologischen Gleichgewicht zur übrigen Lebewelt stehen müsse, finden wenig Gehör. (GOLDSMITH und ALLEN [1972]).

Nicht alle vertrauen der Technik so stark. Manche sehen gerade in ihr die Ursache aller Schwierigkeiten. Sie wollen die "Selbstverwirklichung" des Menschen ohne Einschränkung und glauben, daß eine Welt ohne "Herrschaft" möglich sei. Die gesamte Gesellschaft soll in kleine Gruppen aufgegliedert werden, die ihre Probleme selbst lösen, ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen. (Ansätze hierzu bei GOLDSMITH und ALLEN [1972].) Dabei wird das Problem der Dichte und der damit zwangsläufig verbundenen Koppelung übersehen. Voraussetzung für ein solches System wäre die Verringerung der Weltbevölkerung auf einen Bruchteil des jetzigen Wertes und eine generelle Einschränkung der materiellen Ansprüche.

Natürlich gibt es innerhalb der geschilderten extremen Auffassungen noch sehr viele Variationen von Lösungsvorschlägen. Das ist verständlich, da ja, wie bereits erwähnt, die Menschheit nicht als Ganzes gesehen werden kann. Doch daraus ergeben sich weitere Hindernisse.

Die Probleme der Menschen von außen gesehen

Die besonderen Schwierigkeiten bei den Menschen werden uns nur verständlich, wenn wir sie mit denen in weit zurückliegenden Zeiten unserer Geschichte vergleichen. Man spricht jetzt häufiger vom "Raumschiff Erde" und meint damit die Begrenzung der Möglichkeiten. Das ist bei uns schon seit einigen Jahrtausenden nichts Besonderes mehr. Wir merken es im Geschichtsunterricht, wie schwer sich unsere Kinder vorstellen können, daß es auch auf unserem Planeten einmal Verschwendung von Rohstoffen gegeben hat. Genau so wenig können sich wahrscheinlich die Menschen vorstellen, daß die Entwicklung in unserer Welt nicht stehenbleibt, daß hier jeder mit Freuden lebt, obwohl einige für uns selbstverständliche Regeln beachtet werden müssen.

Fragen wir unsere Schulkinder nach dem ersten Grundsatz des Lebens, so kommt ohne Zögern die Antwort: "Keine Generation darf die Lebensbedingungen auf unserem Planeten für die folgenden Generationen verschlechtern. Eine Verbesserung ist, soweit möglich, erwünscht." Genauso selbstverständlich hören wir das zweite Lebensgesetz: "Wir müssen dafür sorgen, daß unsere Zahl konstant bleibt, auf keinen Fall aber zunimmt. Eine Abnahme ist in gewissen Grenzen nicht bedenklich. Sie kann gegebenenfalls sogar erforderlich sein." Als drittes Lebensgesetz lernen unsere Kinder: "Die natürliche Umwelt mit ihren vielfältigen Lebewesen muß weitestgehend erhalten bleiben. Eingriffe sind nur mit größter Zurückhaltung und unter sorgfältigster Prüfung aller möglichen Folgen gestattet."

Fragen wir nach dem Gesetz der sauberen Umwelt, so hören wir, daß alle technischen Prozesse so laufen müssen, daß die Regenerationsfähigkeit der Natur durch die Abfallprodukte unserer Technik nicht überbeansprucht wird. Das ist jedoch nur noch eine Theorie, da wir inzwischen gelernt haben, die Materialien zum allergrößten Teil wiederzuverwenden.

Fragen die Kinder nach den Forderungen, die an unsere Wirtschaft gestellt werden, so erfahren sie, daß unsere Industrie soviel produzieren soll, wie benötigt wird, daß es aber nicht darauf ankommt, künstlich Bedarf zu wecken, sondern daß auf größte Haltbarkeit Wert zu legen ist.

Vielleicht sollten wir uns noch einmal vor Augen führen, wie wir damals zum Umdenken kamen. Heute erscheint es uns unbegreiflich, daß es erst der berühmten Simplizia, also einer Wissenschaftlerin, gelang, unsere Vorfahren von Zusammenhängen zu überzeugen, die eigentlich jeder hätte erkennen müssen. Auch bei uns wurde damals mehr verbraucht, als gut war. Frau Simplizia belegte mit vielen Beispielen, daß früher, als es noch Kriege gab, die Produktion vollständig umgestellt wurde. Es kam auf einmal nicht mehr darauf an, soviel wie möglich zu erzeugen, wenn es sich nicht um Waffen handelte. Rohstoffe und Arbeitskräfte mußten gespart werden, denn es schied ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung aus dem Produktionsprozeß aus, ohne deswegen den Lebensunterhalt zu verlieren. Sehr viele wurden nämlich für eine völlig unproduktive Tätigkeit - für das Soldatsein - bezahlt. Unsere Vorfahren hatten gar nicht bemerkt, daß sie in Kriegszeiten ein Wirtschaftssystem hatten, das funktionierte, ohne daß jeder im Arbeitsprozeß tätig war. Trotzdem war die Versorgung gesichert; denn man legte Wert darauf, daß die Dinge, die man erzeugte, ihren Zweck so gut wie möglich und so lange wie möglich, erfüllten. Frau Simplizia forderte, ein ähnliches System in der Friedenswirtschaft einzuführen. Man begegnete diesem Vorschlag mit allergrößter Zurückhaltung und suchte überall Trugschlüsse, konnte aber keine finden.

Genau wie heute auf dem Planeten "Erde" hatte man damals auch bei uns eine unglaubliche Fähigkeit, "am Problem vorbeizudiskutieren". Es ist nie ganz aufgeklärt worden, warum es so schwer war, unsere Vorfahren davon zu überzeugen, daß einfach der Ansatzpunkt revidiert werden müsse. Der Durchbruch wurde erzielt, als es Frau Simplizia gelang, überall kleine Gruppen zusammenzubringen, die - unabhängig von herrschenden Meinungen - sich die Frage zu beantworten suchten, was eigentlich notwendig sei für ein schönes und sinnvolles Leben und was nicht. So kam man zu völlig neuen Ausgangspositionen.

Den Menschen könnte man diese Neuorientierung vielleicht an der Entwicklung ihrer Geometrie klarmachen. In den Schulen lehrt man die nach dem Griechen Euklid genannte euklidische Geometrie. Einige Grundsätze werden als gegeben angenommen, z.B. daß die Winkelsumme im Dreieck gleich zwei rechten Winkeln ist. Auf solchen sogenannten Axiomen baut sich dann das in sich widerspruchsfreie Gebäude der Geometrie auf. Erst später wurde erkannt, daß auch eine Geometrie möglich ist, die nicht die Gültigkeit dieses genannten Axioms voraussetzt. Man kam zur sogenannten "Nichteuklidischen Geometrie".

Den Menschen von heute muß - wie damals uns - gezeigt werden, daß auch auf anderen Gebieten das, "nichteuklidische Denken" erforderlich ist. Überall sind die Voraussetzungen zu überprüfen und gegebenenfalls in Frage zu stellen. Tabus sollte es da nicht geben. Für die Menschen sind solche neuen Wege größtenteils noch außerhalb ihres Vorstellungsvermögens. Wenn sie vorankommen wollen, müssen sie den möglichen Erfolg vorher denkbar machen.

"Raumschiffdenken" erforderlich

Die neue Art, an die Probleme der Menschheit heranzugehen, könnte man folgerichtig mit "Raumschiffdenken" bezeichnen, da ja - genau wie beim Raumschiff - die Möglichkeiten der Erde begrenzt sind. Im "Raumschiff" käme man in Anlehnung an unsere "Grundgesetze des Lebens" etwa zu folgenden Regeln:

1. Keines Menschen Leben wird absichtlich gewaltsam ausgelöscht. Das heißt: Die Menschen sterben an Altersschwäche oder Krankheit, gelegentlich auch durch Unfall.

2. Kein Ehepaar darf beliebig viele Kinder haben. Die Zahl der Geburten richtet sich nach der Sterberate und nach der Raum-Rohstoff-Energie-Situation des Raumschiffes.

3. Da die technischen Einrichtungen des Raumschiffes so gut sind und noch ständig verbessert werden, hat nur ein Teil der Mitfahrer als Besatzung zu gelten. Auch die Besatzung hat viel Freizeit.

4. Die Produktion von Bedarfsgütern soll möglichst unter Aufarbeitung von Altmaterial erfolgen. Auf größtmögliche Haltbarkeit ist Wert zu legen. In Fällen, in denen eine kurze Lebensdauer enwünscht ist, soll auf möglichst energiesparende Aufbereitung geachtet werden.

5. Rohstoffvorräte, die praktisch nicht unbegrenzt vorhanden sind, dürfen nur in Notfällen angegriffen werden.

6. Der Energiebedarf soll den aus Sonnenenergie zu gewinnenden Betrag nicht überschreiten. Energiereserven dürfen nur in Notfällen angegriffen werden.

7. Jeder Insasse des Raumschiffes wird mit dem zum Leben Notwendigen versorgt.

8. Darüberhinaus hat er - je nach seiner Leistung - mehr oder weniger Anspruch auf Dinge, die das Leben, besonders in der Freizeit, auf dem Raumschiff angenehm machen.

9. Jedem Insassen des Raumschiffes steht ein vertretbares Maß an persönlicher Freiheit zu. Diese Freiheit kann umso größer sein, je weniger Raum-, Energie- und Rohstoffbedarf damit verbunden ist, je geringer die Umweltbelastung ist und je weniger durch die Ausübung dieses Freiheitsrechtes andere beeinträchtigt werden.

Diese Regeln aufzustellen, ist natürlich viel einfacher, als sie durchzusetzen, besonders, weil die einzelnen Völker in ihrer Entwicklung noch sehr unterschiedlich weit sind. Bis heute versucht der Einzelne, soviel wie möglich für sich zu gewinnen. In Zukunft werden die Menschen aber nur noch existieren können, wenn sie echte Kooperation üben, wobei jeder die berechtigten Interessen des anderen mitberücksichtigen muß.

Zur Zeit ist die Interessenlage nicht einheitlich. Die Industriearbeiter mißtrauen den Unternehmern. Aber Unternehmer und Arbeiter haben gemeinsame Interessen, wenn es darum geht, einen möglichst hohen Lebensstandard in ihrem Land zu erhalten und die Politik gegenüber den ärmeren Nationen darauf einzustellen. Jede Forderung auf Verzicht richtet sich an den anderen, nicht an den, der sie ausspricht.

Uns ist aufgefallen, daß zwar sehr viele Menschen in den Industrienationen wissen, daß in den Entwicklungsländern für schwere Arbeit Hungerlöhne gezahlt werden. Sie machen sich aber nicht klar - oder wollen es nicht wissen, daß alle Erzeugnisse, deren Ausgangsmaterial aus Entwicklungsländern stammt, erheblich teurer würden, wenn die Gewerkschaften nicht nur national, sondern international den Grundsatz "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" durchsetzen wollten.

Wir glauben, daß man nur dann eine Änderung der Verhältnisse herbeiführen kann, wenn die starke Koppelung zwischen den Lebenserhaltungsinteressen der Arbeiter und den Wachstumsinteressen der Wirtschaft, vermindert wird. Der Arbeiter darf nicht mehr fürchten müssen, daß seine Existenz bedroht sei, wenn gegebenenfalls sein Arbeitsplatz überflüssig wird. Die Menschen regeln die Verteilung ihrer Bedürfnisse durch Geld. Also muß ein Eingriff in das Geldsystem erfolgen.

Auf der Erde hat man schon darüber nachgedacht. So finden sich z.B. in einem Buch des kanadischen Physikers Dr. Norman ALCOCK [1972] mit dem Titel "Des Kaisers neue Kleider" Vorschläge über ein garantiertes jährliches Einkommen. Dieses soll unabhängig von der Arbeitsleistung zur Verfügung stehen. Darüberhinaus kann jeder nach seinen Möglichkeiten noch etwas dazuverdienen und somit seine Lebenshaltung verbessern. Geht das nicht, so soll dieses Grundeinkommen für ein gutes Leben ausreichen. Der Vorschlag funktioniert unter der Voraussetzung, daß die Menschen ihr Konsumdenken aufgeben und sich bewußt werden, daß "Qualität des Lebens" mehr bedeutet, als materiellen Wohlstand. (SWOBODA [1973].)

Wahrscheinlich muß man den Grundgedanken des garantierten jährlichen Einkommens noch etwas variieren, wenn hiermit eine sinnvolle Regelung möglich werden soll. Da es immer Arbeiten gibt, die im allgemeinen nicht gern getan werden, aber getan werden müssen, so könnte man hierfür das Grundgehalt zahlen. Jeder arbeitsfähige Mensch müßte also eine solche Arbeit in dem jeweils notwendigen Umfange ausführen. Da durch sparte man sich den Einsatz ausländischer Arbeitnehmer, die ein zusätzliches Problem darstellen. Diese Arbeit darf natürlich keinen in seinem Ansehen herabsetzen. Das gute Beispiel von Führungspersönlichkeiten könnte wesentlich sein. Die Förderung der Gesundheit durch solche Tätigkeit ist ebenfalls nicht zu übersehen. Mit Spezialarbeit kann man dann, wie bei Alcock, das Einkommen noch verbessern.

Schwierigkeiten der Transformation

Wenn der Interstellare Entwicklungsdienst diesen Bericht schon als Grundlage für das Hilfsprogramm ansehen sollte, so möchten wir eine ernste Warnung aussprechen. Ein zu unbekümmerter Export unserer Lebensformen könnte die Katastrophe auf der Erde noch beschleunigen.

Eine Gefahr entsteht möglicherweise schon dann, wenn die Menschen diesen Bericht lesen. Sollten nämlich einige meinen, man könne die Lebensgewohnheiten und die gesellschaftlichen Regeln, die sich auf unserem Planeten in Jahrtausenden eingespielt haben, einfach auf die Erde übertragen und das gewaltsam versuchen, so wäre die Selbstvernichtung der Menschheit durch Krieg denkbar. - Wenn wir auch zu der Anschauung gekommen sind, daß es unbedingt nötig ist, die Erdbewohner mit unserer Denkweise vertraut zu machen, so muß das doch sehr vorsichtig geschehen. Wir müßten sorgfältig prüfen, welche Schritte hierzu erforderlich sind; denn auf der Erde besteht immer die Gefahr, daß jede Idee vereinfacht und als allgemeingültig angesehen wird. Für die Durchsetzung von Ideologien, die so entstehen, werden Revolutionen gemacht, die mehr Schaden anrichten als sie nützen.

Man könnte sich natürlich fragen, ob es zweckmäßig wäre, eine größere Anzahl von Menschen zu uns zu bringen, um ihnen vorzuführen, daß es - außer den von ihnen für möglich gehaltenen kapitalistischen und sozialistischen Gesellschaftssystemen - auch noch ganz andere Formen der Organisation sinnvollen Zusammenlebens gibt. Vielleicht stoßen wir dabei aber auf die gleichen Schwierigkeiten, die den Industrienationen deutlich wurden, als sie Menschen aus den Entwicklungsländern zu sich kommen ließen, um ihnen modernes Denken und moderne Technik beizubringen. Wer sich umstellte, wollte oft gar nicht mehr ins Heimatiand zurückkehren. Wer zurückging, stellte Ansprüche, die nicht erfüllt werden konnten. Nur in seltenen Fällen hat man wirklich das erreicht, was man wollte.

Ein anderer Vorschlag wäre, eine größere Gruppe von Menschen selbst ein soziales Experiment machen zu lassen, wofür man ihnen ein bestimmtes Territorium zur Verfügung stellen müßte. Die Menschen kennen auch solche Versuche. Sie nennen sie "Hilfe zur Selbsthilfe". Allerdings dürfte in unserem Fall die Aufgabe sehr viel schwerer sein, da, wie bereits eingangs gesagt, die Industrienationen sich einbilden, die Spitze der Entwicklung zu halten. Es dürfte uns nicht leichtfallen, ihnen klarzumachen, daß sie von uns noch sehr viel lernen können.

In den Industrienationen ist übrigens eine Situation entstanden, die völlige Verwirrung hervorruft. Man weiß nicht mehr, wer als konservativ und wer als fortschrittlich zu gelten hat. Die Konservativen wollen, daß die Lebensverhältnisse so bleiben wie bisher. Sie versuchen es dadurch zu erreichen, daß sie das "System" erhalten, und erkennen dabei nicht, daß ihr "System" ja auch etwas Dynamisches darstellt und nichts Statisches. Was sie also erhalten, sind die Zuwachsraten und die Koppelungen im System. Aber gerade diese führen zu einer Entwicklung, welche die Katastrophe wahrscheinlich macht.

Die "Fortschrittlichen" nehmen demgegenüber eine Haltung ein, die eher eine überschnelle Entwicklung bremsen soll. Sie erkennen, daß dieses nur möglich ist, wenn einige Voraussetzungen, die im "System" verankert sind, beseitigt werden. Da die Menschen es lieben, irgendwelche Erkenntnisse gleich in Extreme zu treiben, wird aus der an und für sich richtigen Erkenntnis gleich wieder eine Ideologie, die man als "Systemüberwindung" bezeichnet, und die bei den "Konservativen" stärksten Widerstand hervorruft.

"Notprogramm Erde" erforderlich

Zusammenfassend möchten wir betonen, daß der Interstellare Entwicklungsdienst sehr schnell und mit aller Energie ein "Notprogramm Erde" einleiten sollte. Die notwendigen Maßnahmen sollten allerdings erst nach einer gründlichen Durcharbeitung des von unserer Expedition mitgebrachten Materials anlaufen.

Erfolg versprechen wir uns nur, wenn es uns gelingt, die Menschen selbst zur Mitarbeit zu gewinnen. Hierzu müssen sie ihr Denken in machtpolitischen Begriffen aufgeben und zu einer vorbehaltlosen Kooperation untereinander und mit uns bereit sein. Wege hierzu zu finden, scheint uns die vordringlichste Aufgabe zu sein.
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Literatur
Alcock, Norman Z. [1972]: The Emperor's New Clothes, CPRI Press, Oakvllle, Ontario.
Basler, Ernst [1973]: Strategie des Fortschritts, BLV Verlagsgesellschaft, Münehen (siehe auch die Buchbesprechung in diesem Heft).
Bruckmann, Gerhart [1973]: Die wissenschaftliche Analyse von Zukunftsfragen - Methoden in der Futurologie - Universitas Nr. 2/73, S.171 - 182, Stuttgart
Carson, Rachel [1962]: Der stumme Frühling, dtv - Taschenbuch Nr. 476, München 1966.
Goldsmith, Eduard und Robert Allen [1972]: Planspiel zum Überleben, dva informantiv, Stuttgart
Liebmann, Hans [1973]: Ein Planet wird unbewohnbar, R.Piper & Co.Verlag, München (siehe auch die Buchbesprechung In diesem Heft).
Meadows, Dennis [1972]: Die Grenzen des Wachstums, dva informativ, Stuttgart
Milejkowski, [1973]: Der neue Mythos vom Nullwachstum, in: Sowjetunion heute, 18. Jahrgang, Nr. 2/1973, S.12 - 14.
Swoboda, Helmut [1973]: Die Qualität des Lebens, dva informativ, Stuttgart (siehe auch die Buchbesprechung in diesem Heft].


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