Eine andere Welt ist möglich!

(Fertigstellung: 20.01.2004)

Unter dieser Überschrift habe ich im Dezember 2003 - wie seit 1981- an meine Verwandten, Freunde und Bekannten Weihnachtsbriefe versandt. Doch dieser unterschied sich sehr von den vorhergehenden durch seine Länge. Bisher reichten 3 1/2 Seiten im DIN A5-Format. Nun habe ich aber mein 82. Lebensjahr vollendet und merke, daß es mir immer schwerer fällt, wesentliche Gedanken überzeugend niederzuschreiben. Ich weiß nicht, wie lange es mir noch gelingen wird. (Der genannte Weihnachtsbrief von 2003 hat einen Umfang von 12 Seiten DIN A5)

Ich frage mich aber auch, was einmal von dem, was ich seit 45 Jahren als meine Lebensaufgabe ansehe, übrigbleiben wird, mit welchen weiterreichenden Überlegungen ich noch dazu beitragen kann, daß die wundervolle Erde nicht in Kürze durch kurzsichtige und egoistische Politik in einem Chaos versinkt. Die Zeit drängt; denn es werden weltweit immer mehr Entscheidungen getroffen, die in die falsche Richtung gehen und immer schwerer rückgängig gemacht werden können. Unter dem Titel 'Agenda 2010' sind mit Änderungen - besonders im Renten- und Gesundheitssystem - Entwicklungen in Gang gesetzt worden, die uns die Frage aufdrängen: "Was wird von unserem Sozialstaat einmal übrigbleiben?" - Die überstürzt zum Jahreswechsel eingeführten Gesetze und die weltpolitische Situation veranlassen mich, in diesem Beitrag die Gedanken des Weihnachtsbriefes noch zu erweitern.

Zufällig konnte ich kürzlich wieder einmal in einer Fernsehdiskussion - u.a. mit Politikern - feststellen, daß bestimmte Aspekte unserer Probleme, die langfristig und weltweit von Bedeutung sind, überhaupt nicht zur Sprache kommen. Was mag die Ursache sein? - Liege ich so völlig falsch mit meinen Überlegungen? - Oder haben die, die ähnliche Vorstellungen haben, auch nicht genügend Möglichkeiten, in die öffentliche Diskussion zu kommen? - Oder ist die Macht derer, die dagegen sind, so groß, daß sie das immer wieder verhindern können?

Ich habe keine Patentrezepte! Ich will Denkanstöße geben, die mir vielleicht leichter fallen, weil ich mir angewöhnt habe, global zu denken oder mich gar gedanklich als 'Außerirdischer' zu fühlen1, der auf keine Tabus Rücksicht nehmen muß.

Ich habe Physik studiert. Da habe ich gelernt, die Probleme nicht nach den eigenen Wünschen oder Lehrmeinungen, sondern nach den Fakten zu bewerten. Ich werde also nicht zu irgendwelchen Aussagen kommen, weil die Denkrichtung etwa von Adam Smith oder Karl Marx vorgegeben wurde.

Wir geraten, wenn wir so weitermachen wie bisher, immer mehr in eine Sackgasse. Aber ich sage - mit den Leuten von Attac: "Eine andere Welt ist möglich!" - Dies ist auch der Leitgedanke des Sozialgipfels in Bombay Mitte Januar 2004. - Ich will versuchen einsichtig zu machen, daß Lösungen grundsätzlich möglich sind, wenn es gelingt, weltweit die Menschen dazu zu bringen, neue Wege zu gehen. - Ob das gelingen könnte, ist äußerst fraglich; denn die Überlegungen setzen ein vollständiges Umdenken voraus, das man in kleinen Gruppen vielleicht erreichen könnte. - Aber in der Welt? -

Es gibt allerdings dann eine kleine Chance, daß diese Wege begangen werden, wenn die Gefahr im 'Soweitermachen' überall erkennbar wird und Lösungsmöglichkeiten denkbar sind. Diese mögen zunächst utopisch erscheinen. Für viele bedeutet das, daß sie unerreichbar sind. Wir haben es jedoch in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder erlebt, daß scheinbar Unmögliches doch gelungen ist.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Flug zum Mond. Schon viele Jahre vor der Landung begann das Denkbarmachen. Es wurde überlegt, welche Bedingungen erfüllt werden müßten, damit der Flug eines Raumschiffes hin und zurück möglich wird. So kam man zum Mehrstufenprinzip, bei dem die nicht mehr benötigten Teile abgestoßen werden. Damit hatte man genaue Vorgaben, wie das System konstruiert werden mußte, damit der Erfolg wahrscheinlich und damit denkbar wird. Die Fortschritte in Raketen- und Computertechnik ermöglichten dann die Realisierung, für die das Apollo-Großprojekt in Gang gesetzt wurde.

Ich überschätze keinesfalls meine Möglichkeiten. Ich kann hier nicht mehr tun, als Denkrichtungen aufzuzeigen, vor denen andere zurückschrecken. - Ich las neulich in einem Interview mit Peter Ustinov ein Zitat von Kurt Tucholsky: "Alte Menschen sind gefährlich; denn sie fürchten sich nicht vor der Zukunft." - Das gilt wohl auch für mich. So werde ich wieder einmal Tabubrecher sein.

Priorität der Wirtschaft - die Wurzel der Fehlentwicklung

Die Ursachen für die heutigen weltweiten Probleme liegen meines Erachtens darin, daß die Wirtschaft, nicht - wie ursprünglich gedacht - die Dienerin des Menschen, sondern Herrscherin geworden ist. Bedauerlich ist, daß das von den meisten - gewissermaßen als (scheinbares) Naturgesetz - hingenommen wird. Durch die Globalisierung hat sie eine Macht bekommen, die kaum noch zu brechen ist. Diese Art der Globalisierung hat heute schon dazu geführt, daß weltweit kaum noch ein Politiker in der Lage ist, die sozialen Interessen seines Volkes durchzusetzen. 'Weltbank', 'Weltwährungsfond' und 'Welthandelsorganisation' (WTO) haben einen so positiven Klang, daß nur wenige merken, wie gefährlich diese Institutionen sind. - Sehr lesenswert ist hierzu das Buch von Jean Ziegler. Er war bis 1999 Schweizer Nationalrat und ist jetzt Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtskommission für Recht und Nahrung. Sein Buch heißt: "Die neuen Herrscher der Welt und ihre globalen Widersacher" (Bertelsmann-Verlag, 2003)

Ziegler schreibt: "Wie gelingt es den neuen Herrschern der Welt, sich an der Macht zu halten, wo doch die Unmoral, die sie leitet, und der Zynismus, der sie erfüllt, für niemanden zweifelhaft sind? Worauf beruht das Geheimnis ihrer Verführungskraft und ihrer Macht? Wie kann es sein, daß auf einem mit Reichtümern gesegneten Planeten Jahr für Jahr hunderte Millionen von Menschen Opfer von äußerster Armut, gewaltsamem Tod und Verzweiflung werden?"

Nach meiner Auffassung denken leider viel zu wenige über die Probleme so intensiv nach, daß sie diese Unmoral wirklich erkennen. Ist es das 'Nichtsehenwollen' - so, wie man es der Vorkriegsgeneration in Bezug auf Hitler vorgeworfen hat? - Ist es Gleichgültigkeit? - Es gilt zu erkennen: Wenn die Wirtschaft weiter in diese Richtung auf den 'Raubtier-Kapitalismus' läuft, werden wir die Welt zugrunde richten.

Bedingungen für eine nachhaltige Entwicklung

Ich kann, wie ich eingangs sagte, keine fertigen Lösungen der weltweiten Probleme anbieten. Ich kann nur andeuten, in welcher Richtung wir sie nach meiner Meinung finden könnten. Radikalität ist notwendig! Es geht nicht um kleine Änderungen z.B. im Steuersystem. Wir müssen uns fragen, ob wir nicht zu einer ganz anderen Lebensweise kommen müssen. Vieles, was uns jetzt schöne Gewohnheit ist, muß infrage gestellt werden. Ein ganz anderes Denken in Bezug auf unsere Mitmenschen und unsere Umwelt ist nötig. Wenn wir es nicht einleiten, werden es unsere Kinder und Enkel mit viel schmerzlicheren Erfahrungen tun müssen.

Meine Forderungen mögen - wie bereits gesagt - utopisch klingen, weltfremd. Aber wir müssen uns damit befassen. Also fragen wir uns, unter welchen Bedingungen langfristig die Existenz der Menschen gesichert werden kann. Meines Erachtens sind es hauptsächlich zwei:

1. Es muß weltweit allen Menschen ein erträgliches Leben ermöglicht werden, das nicht nur beim Existenzminimum liegt. Das heißt also, daß wir unser Denken 'globalisieren' müssen. Eine nachhaltige Lösung für die Bundesrepublik oder die EU oder die Industriestaaten allein kann es nicht geben.

2. Der Begriff 'Nachhaltigkeit' bedeutet aber auch, daß wir immer wieder fragen müssen, wie sich unsere Entscheidungen langfristig auswirken werden. Maßnahmen, die uns heute zwar Luft verschaffen, aber den Folgegenerationen neue Probleme aufbürden, sind nicht zulässig. Die Umwelt muß also so schonend behandelt werden, daß sie auch für viele spätere Generationen noch im Gleichgewicht ist.

Die Wirtschaft muß auch ohne Wachstum funktionieren.

Unser derzeitiges Wirtschaftssystem kann das nicht leisten; denn bei ihm ist ein ständiges Wachstum Voraussetzung. Soweit es sich dabei um materielle Dinge handelt, wird aber die Umwelt immer stärker belastet, werden die Rohstoff- und Energiequellen immer weiter ausgebeutet. Frederic Vester, der leider im November 2003 77jährig verstorben ist, hat in seiner ausgezeichneten Wanderausstellung "Unsere Welt, ein vernetztes System" einen ganz wichtigen Satz geprägt: "Wenn wir das nächste Mal von Wachstum reden, so sollten wir daran denken: Wir haben nur diesen einen Planeten, und der wächst nicht mit!" - Es frage sich ein jeder: "Was empfinde ich, wenn in den Medien wieder einmal Wachstumszahlen genannt werden, die vielleicht als zu niedrig bezeichnet werden?" - Uns werden politische Entscheidungen vorgestellt, die nur unter der Voraussetzung eines bestimmten Mindestwachstums funktionieren. Also müßten wir es anstreben! - Die Zeit ist aber längst vorbei, in der man unsere Wirtschaftsprobleme so lösen konnte.

Heute brauchen wir ein System, das auch ohne Wachstum funktioniert.

Die Wachstumsideologie ist nicht nur im kapitalistischen System zu finden. Auch der Marxismus baut darauf und kann deshalb nicht die Grundlage eines Umdenkens sein. - Ich meine, daß wir uns auf die Frühstadien menschlichen Wirtschaftens zurückbesinnen und die Welt als Ganzes betrachten müssen. Wir brauchen also eine sehr weite Perspektive und zwar räumlich, zeitlich und ideologisch. Die haben unsere derzeitigen Politiker und Wirtschaftslenker kaum. Der Grund liegt in unserem gesamten System, welches durch Eigennutzdenken geprägt ist. Adam Smith, auf den sich die Wirtschaftsführer immer noch berufen, meinte, daß jeder nur an seinen eigenen Vorteil denken müsse, dann würde es allen gut gehen.

Eigennutz durch Gemeinschaftsdenken ersetzen!

Dieses Wirtschaftssystem funktioniert nur bei möglichst großem Wirtschaftswachstum. Das Kapital ist der Motor, und dieses muß Zinsen bringen. Doch das Zins- und Zinseszinssystem ist nicht stabil. Es führt zu immer schnellerem (exponentiellem) Anstieg, den kein reales System beliebig lange mitmacht. Es macht die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher. Um die Wirtschaft in Schwung zu halten, muß immer mehr produziert werden. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob diese Produkte sinnvoll sind. Wozu brauchen wir z.B. das voll elektronisch gesteuerte Haus, wenn gleichzeitig täglich in den sogenannten Entwicklungsländern Tausende von Menschen verhungern.

Das Lebensrezept des 'Neo-Darwinismus' heißt heute: "Du mußt besser sein als die anderen! Nutze alle Chancen, Gewinne zu machen! Der Wettbewerb bringt uns voran! Der Schwächere mag zugrunde gehen! So ist es auch in der Natur!" - Wenn wir die Jugend auf diese Weise dazu erziehen, nur auf ihren eigenen Vorteil zu achten, wie es Adam Smith vorgab, wird in Zukunft das Chaos immer größer werden. Wir benötigen Lehrer, die - vielleicht auch gegen den Widerstand der meisten Eltern - den Kindern ein neues Gemeinschaftsdenken beibringen. Mit dem 'Neo-Darwinismus' geht die Menschheit dem Ende entgegen.

Das Gewinnstreben darf nicht länger Motivation für die Wirtschaftstätigkeit sein. Die Gegenthese zu Adam Smith muß lauten: Wenn jeder bei seinem Handeln auch an das Wohl der anderen denkt, wird es auch ihm zunehmend besser gehen.

'Raumschiffdenken' ist notwendig.

Entgegen den Ansichten, die die Wirtschaftswissenschaft verbreitet, gilt es zu erkennen: Die Wirtschaft gehorcht keinem Naturgesetz. Sie muß sich den Bedürfnissen der Menschen unterordnen, nicht umgekehrt. Das heißt: Sie muß so geführt werden, daß die Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden. Es ist nicht erforderlich, sondern meist schädlich, wenn neuer Bedarf geweckt wird, nur, damit das System am Laufen bleibt.

Die Erde ist als ein riesiges Raumschiff anzusehen, das mit dem auskommen muß, was es bei sich führt. Nur die Sonnenenergie versorgt es zusätzlich. Daraus ergeben sich die Anforderungen für ein nachhaltiges Wirtschaftssystem. Es werden genügend Science-Fiction-Filme gezeigt, so daß wir uns wohl in die Situation auf einem Raumschiff hineindenken könnten. - Vielleicht ist es aber einfacher, die Probleme und ihre Lösungsmöglichkeiten zu erfassen, wenn wir annehmen, daß ein größeres Schiff - vielleicht um 1800 - an einer einsamen Insel gestrandet ist und keine Verbindung zu der übrigen Welt besteht. Auch dann brauchen wir das, was ich als 'Raumschiffdenken' bezeichne. -

Man hat Menschen mit den verschiedensten Fähigkeiten. Außerdem hat man Werkzeuge und Material vom Schiff. Es muß also das Überleben organisiert werden. Alle wissen, daß sie das nur gemeinsam schaffen können. In so einem Falle nützt Geld zunächst nichts. Man wird untersuchen, was noch an Lebensmitteln verfügbar ist, auf welche Weise neue geschaffen werden können. - Kommt man bis zur nächsten Ernte? - Was gibt es an tierischer Nahrung? Wild? Fische? - Womit kann man die Kleinkinder ernähren? - Die Lebensmittel müssen eingeteilt werden. Es darf aber das mögliche Saatgut nicht aufgegessen werden. Technische Einrichtungen sind nötig, um die Lebensumstände zu verbessern (für Ackerbau, Fischfang, Jagd, Unterkünfte usw.) - In den ersten Monaten wird man wahrscheinlich nur mit straffer Zuteilung der nötigen Arbeit die Probleme bewältigen können. Das, was man an Nahrung hat, wird gleichmäßig verteilt werden. Auch Unterkünfte, die Minimalanforderungen genügen, werden für alle geschaffen werden.

Wenn sich alles eingespielt haben wird und die Grundbedürfnisse befriedigt sind, werden sich die Schiffbrüchigen - jeder nach seinen Fähigkeiten - darüberhinaus mit der Produktion der verschiedensten Dinge beschäftigen, vielleicht auch Musik machen, die alle gerne hören. Dann beginnt der Tauschhandel, der aber auf Schwierigkeiten stößt, wie wir uns am Beispiel des Musikers klarmachen können, der nicht so einfach seine Kunst gegen praktische Gegenstände eintauschen kann. Deshalb wird man nun Geld einführen, das jedoch nur zur Vereinfachung des Tauschens dienen soll. Das ist solange gut, wie man das Geld wirklich nur als Tauschhilfsmittel und nicht als Ware ansieht, für die ein Preis, nämlich Zins, gezahlt werden muß.2

Soweit dürfte es, nicht nur auf der einsamen Insel, sondern auch auf unserem 'Raumschiff Erde' gutgehen, wenn das Gemeinschaftsdenken die Oberhand über das Gewinnstreben des Einzelnen bekommt. Diese Forderung könnte schon in relativ kurzer Zeit für die gesamte Erdbevölkerung überlebenswichtig werden.

Ein 'unmögliches' Szenario3

Stellen wir uns vor: Durch die vielen weltweiten Folgen von Fehlentscheidungen in Politik und Wirtschaft von heute ist es - vielleicht in 20 Jahren - zu chaotischen Zuständen gekommen. Jeder denkt nur an sich und versucht, auf Kosten der Mitbürger und der Umwelt, soviel wie möglich für sich und seine Familie zu raffen oder wenigstens das Überleben zu sichern. - Es wird von den Vereinten Nationen, die viel größere Macht haben als jetzt, der weltweite Notstand ausgerufen. Militärisch geschulte Leute übernehmen das Kommando. Private Interessen sind ihnen gleichgültig. Es geht nur darum, ein gerechtes Gesellschaftssystem zu schaffen, das die Bedürfnisse aller befriedigt und dabei die Umwelt weitestgehend schont. Privilegien auf irgendeinen persönlichen Besitz oder auf Patente gibt es nicht mehr. Die bisherigen Währungen werden abgeschafft und - wie bei der Währungsreform 1948 - ein 'Kopfgeld' in neuer Währung ausgegeben und Bezugsscheine eingeführt.

Dann wird weltweit Inventur gemacht, der sich niemand mit seinem Besitz und seinen persönlichen Fähigkeiten entziehen kann. Sämtliche Rohstoffe, Produktionsmittel und Ländereien kommen in die Verfügungsgewalt dieser 'Militärregierung'. Diese besteht aber nicht aus Menschen mit einem auf das Militärische beschränkten Horizont, sondern aus außerordentlich klugen Leuten, die nur nicht bereit sind, in herkömmlichen 'Denkgleisen' weiterzufahren.

Man wird feststellen: Es lassen sich genügend Lebensmittel für alle produzieren, wenn die landwirtschaftlichen Flächen sinnvoll genutzt werden und z.B. die Ernährung der Armen vor der Produktion von Hunde- und Katzenfutter für die Industrienationen Vorrang hat. Alte und Kranke können ohne Einschränkung ihres Lebensstandards mitversorgt werden. Langfristige Voraussetzung ist allerdings, daß die Bevölkerungszunahme gebremst und möglichst bald auf Null gebracht wird.

Die Industrie läßt sich so einsetzen und ggf. ihre Produktivität so steigern, daß alle Belange befriedigt werden können. Es geht allerdings darum, daß die Lebensbedürfnisse befriedigt werden und nicht immer wieder - mehr oder weniger unsinniger - Bedarf geweckt wird. Dazu lassen sich Regeln einführen, die dafür sorgen, daß der Umweltzerstörung Einhalt geboten wird. Ein nachhaltiges Wirtschaftssystem läßt sich so aufbauen.

Wenn die Intelligenz auf dieses eine Ziel ausgerichtet und die Konkurrenz ausgeschaltet wird, werden die Menschen erkennen, daß alles zusätzlich auch noch mit geringerem Arbeitsaufwand zu erreichen ist. Aus dem Gemeinschaftsgefühl heraus - nicht wegen des Gewinnstrebens - wird man die besten Problemlösungen vorschlagen, die sich dann durchsetzen.

"Wo bleibt dann aber der Fortschritt?" wird vielleicht gefragt. - Brauchen wir jedoch eine so rasante Entwicklung, die uns (die 'Beschleuniger') zu Sklaven der Wirtschaft macht? - Bertolt Brecht läßt in seinem Schauspiel "Leben des Galilei" den alten Galilei folgendes sagen: "Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, daß euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte." - Wenn die Entwicklung langsamer vorankommt, werden wir manchen Weg in eine Sackgasse vermeiden können.

Raumschiffdenken heißt, daß alle sich als Gemeinschaft fühlen und ihre Arbeitskraft und geistige Leistungsfähigkeit für das eine Ziel nutzen, nämlich das Raumschiff mit allem, was darin ist, aktions- und lebensfähig zu erhalten. Das Ansehen des Einzelnen wird nicht von seinem materiellen Besitz, sondern davon abhängen, wieviel er - seinen Fähigkeiten entsprechend - zu diesem Ziele beigetragen hat.

Wenn wir eine grundlegende Haltungsänderung der Menschen voraussetzen, muß dieses Szenario nicht unmöglich sein. Wir haben alle Mittel und Kenntnisse, um das realisieren zu können. Dabei dürfte, bei aller notwendigen Lenkung, auch noch genügend Spielraum für die Persönlichkeitsentfaltung bleiben.

Schauen wir auf die Natur, auf unseren Organismus. Es gibt Organe, deren Funktion wir nicht beeinflussen können, von deren richtigem Arbeiten aber unser Leben abhängt. - Denken wir an den Blutkreislauf, die Atmung, die Verdauung usw. - Diese dienen im weiteren Sinne der Versorgung unseres Körpers. Demgegenüber haben wir aber auch Organe, die wir - innerhalb bestimmter Grenzen - frei nach unseren Wünschen einsetzen können. Wir können z.B. mit hohem Tempo laufen, aber nicht beliebig lange. Diese Organe, zu denen auch weite Teile des Gehirns gehören, dienen unserer Entfaltung.

Wäre es für uns - als Passagiere des Raumschiffes Erde - nicht sinnvoll, wenn wir durch gründliche Planung unserer Versorgung sicherstellen könnten, daß wir dadurch im Bereich der Entfaltung möglichst große Spielräume bekämen? Mein Vorschlag lautet:

Soviel Planung wie nötig! - Soviel Freiheit wie möglich!

- Die Planwirtschaft der ehemaligen Ostblockländer ist keinesfalls als ein nachahmenswertes Beispiel zu sehen. Es kommt auf die Fähigkeiten der Planer und ihre Hilfsmittel an. Der Zusammenbau eines Autos mit der Beteiligung vieler Zulieferfirmen zeigt, was eine sinnvolle Planwirtschaft leisten kann. - Solche Überlegungen müssen ganz ideologiefrei erfolgen. Es geht einzig und allein darum, wie wir erreichen können, daß die Welt der Menschen gerechter funktioniert.4

Ich kenne mich nicht in der Geschichte der israelischen Kibbuzzim aus. Aber sie sind auch ein Beispiel für ein Zusammenleben des Miteinanders und nicht des marktwirtschftlichen Gegeneinander.

Die Natur kennt bei verschiedenen Tierarten die Ritualisierung zur Feststellung von Rangordnungen, um tödliche Kämpfe zu vermeiden. Es ist durchaus denkbar, daß die Menschheit auch zu dieser Lösung kommt und - an Stelle von Kriegen und gnadenlosen Konkurrenzkämpfen - sportliche Wettkämpfe auf körperlichem und geistigem Gebiet zur Regel macht.

Eine durch die Umstände - vielleicht in 20 Jahren - erzwungene Wende mag für viele als zu hart empfunden werden. Wenn wir eine sanftere wollen, müssen wir heute damit anfangen. Viele werden um ihre 'Freiheit' fürchten. Doch was ist Freiheit? - Die wahre Freiheit ist für mich, wenn ich aus Erkenntnis des Notwendigen aus eigenem Antrieb das Richtige tue.

Ein 'irrsinniges' Wirtschaftssystem

Ich habe zu zeigen versucht, daß eine Wirtschaft, die alle Menschen zufriedenstellen könnte, möglich wäre. Dann ist es doch widersinnig, daß - ausgerechnet mit 'wissenschaftlicher Untermauerung' - ein System geschaffen worden ist, das, wenn wir ehrlich sind, überall die Situation verschlechtert. (Natürlich gibt es Nutznießer, die da widersprechen.) Ist dann aber die Bezeichnung 'irrsinnig' für das derzeitige System zu hart? - Die Wirtschaftswissenschaftler stützen sich auf ein Axiom, eine Behauptung, die nicht bewiesen werden kann. Es ist die erwähnte These von Adam Smith. Viel leicht konnte man sie zu einer Zeit vertreten, als sich die Technik noch rasant entwickelte und niemand an Umweltschäden dachte. Jetzt befindet sich die Kurve der Wirtschaftsentwicklung aber ziemlich im Sättigungsbereich. Wir können uns aus Umweltgründen keine Verschwendung mehr leisten, die z.B. durch konkurrierende Entwicklungen zwangsläufig entsteht. Ich erinnere an die vielen Wälder, die täglich vernichtet und zu Papier verarbeitet werden, damit konkurrierende Firmen uns täglich in Werbebeilagen in der Presse Dinge aufschwatzen können, die wir nicht brauchen. Der größte Teil dieser Broschüren wandert doch gleich wieder ins Altpapier. Dies ist nur ein kleines Beispiel. Wir könnten beliebig viele und noch bedeutendere finden.

Die Fakten sind derzeit: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Die Zahl der Todesopfer durch Hunger, Gewalt und Verzweiflung beträgt, wie Jean Ziegler schreibt, jährlich Hunderte von Millionen. Wir nehmen das hin, kämpfen aber mit Erbitterung darum, daß bereits die befruchtete Eizelle Menschenwürde habe und nicht getötet werden dürfe.

Die Liste der Negativentwicklungen wäre sehr lang. - Was ich weiter aufzähle, kann nur beispielhaft sein:

Die Natur wird gnadenlos ausgebeutet und dabei Energie und Rohstoffe verschwendet. Umweltschutz wird ständig - zugunsten der Wirtschaft - mißachtet. Mit der Drohung des Verlustes von Arbeitplätzen erzwingt die Wirtschaft immer wieder politische Entscheidungen zu ihrem Vorteil, ohne daß die versprochenen Verbesserungen dann wirklich eintreten. Immer neue Produkte werden uns angepriesen, damit wir die gar nicht so alten wegwerfen. "Wachstum, Wachstum über alles!" lautet die derzeitige Globalisierungs-Welthymne. Bei uns gibt es immer mehr Arbeitslose, weil die Produktion in Asien billiger ist. Signale der Natur wegen der Störung des Gleichgewichts werden nicht nur mißachtet, sondern bewußt abgestritten.

Immer mehr Menschen fallen durch das soziale Netz. Der Bundeskanzler steigt voller Stolz medienwirksam in ein neues Kampfflugzeug, das pro Stück 100 Millionen Euro kostet. Es wird hoffentlich nicht eingesetzt, aber es sichert Arbeitsplätze. Die Menschen sollen bis zum 67. Lebensjahr arbeiten, obwohl nicht genügend Arbeit geboten werden kann. Es gäbe aber Arbeit - z.B. im Pflegebereich und in der Erziehung - doch diese kann nicht bezahlt werden.

Bei den neuen EU-Beitrittsländern - z.B. in Polen - wird ein Dilemma in der Landwirtschaft deutlich: Es gibt viele kleine Betriebe, deren Erhalt für die Infrastruktur des Landes außerordentlich wichtig ist. Doch sie können gegen die großen nicht konkurrieren, die durch den Beitritt die Marktchancen an sich reißen. - Den Bauern in Indien wird patentierte standardisierte Reissaat angeboten bzw. aufgezwungen nebst den dazugehörigen Schädlingsbekämpfungsmitteln. Der geerntete Reis ist aber nicht keimfähig, so daß für jede Aussaat neues Saatgut gekauft werden muß. Indien hat aber Hunderte von einheimischen Sorten, die sich in Jahrtausenden bewährt haben.

Da die 'Entwicklungsländer' meist verschuldet sind, kann man sie durch die Drohung des Entzugs weiterer Hilfe zur Durchführung von allen möglichen Maßnahmen zwingen, die nicht in ihrem Sinne sind. - Die USA erkaufen sich sogar ein bestimmtes Abstimmungsverhalten in der UNO oder die Zusicherung, daß sie - entgegen der UNO-Entschließung - keine amerikanischen Kriegsverbrecher an den Internationalen Strafgerichtshof ausliefern werden.

Krankenversicherung

Die derzeitigen Versuche, mit dem Krankenkassen- und Rentenproblem fertigzuwerden, laufen genau in die falsche Richtung. Der Krankenkassen-Pflichtbeitrag soll niedrig gehalten werden und wird in vielen Fällen deutlich höher, indem z.B. bei Betriebsrenten der volle Kassenbeitrag zu zahlen ist. Das nützt nur dem Arbeitgeber, der angeblich dann die Wirtschaft in Schwung bringt. Es wurde uns zugesagt, daß alles medizinisch Notwendige von den Kassen finanziert werde. Doch Brillen werden offenbar nicht als notwendig erachtet. Auch Medikamente, die nicht verschreibungspflichtig aber doch notwendig sind, muß der Kranke selbst zahlen - usw. - Um die Leistungsminderung der Pflichtkassen aufzufangen, soll sich dann der Arbeitnehmer privat zusätzlich versichern. Doch das wird nicht billiger, sondern teurer. Daß sich die Privatkassen um solche Verträge reißen, geschieht doch nicht aus Menschenliebe, sondern, weil sich die Kassen Gewinne versprechen. Diese sind - ohne Gegenleistung - vom Versicherten aufzubringen. Sein Beitrag wird also höher. - Völlig irrsinnig ist der Gedanke, der auch Diskussionsgegenstand war, daß für jede Person - ob arm oder reich - der gleiche Beitrag gezahlt werden soll. Der Arme kann das Geld nicht aufbringen und wird somit Bittsteller bei der Sozialhilfe. - Eine entwürdigende Zumutung! Es mag viele geben, die lieber hungern. Der Reiche dagegen zahlt den Beitrag 'aus der Portokasse'.

Die Entwicklung von Medikamenten hängt davon ab, ob 'ein Markt' dafür vorhanden ist. An Mitteln gegen sehr seltene Krankheiten wird nicht geforscht, weil 'sich das nicht rechnet'. Patente halten die Preise höher als es sein müßte, so daß den Armen und Ärmsten nicht geholfen werden kann. Sogar Abschnitte des menschlichen Erbguts werden patentiert. Patente gibt es aber auch für medizinische Geräte, die dafür sorgen, daß die Behandlungskosten hoch liegen. - Wilhelm Conrad Röntgen dagegen hat seine Entdeckung der Röntgenstrahlen nicht patentieren lassen.

Das Rentenproblem

Die 'Riesterrente' ist keine Lösung für die Altersversorgung. Sie ersetzt das Prinzip des Generationenvertrages durch eine Kapitalansparung, die darauf aufbaut, daß durch gute Verzinsung der Betrag stetig wächst. Auch um dieses Geschäft reißen sich die Versicherungen. - Aus reiner Menschenliebe? - Die hohe Verzinsung wird aber nur erwartet. Der garantierte Zins ist viel niedriger. - Da, wegen der anderen bereits genannten Probleme, die Wirtschaft im materiellen Bereich in Zukunft nicht mehr wachsen darf und auch die Zinsen gedrückt werden müssen, ist ein Rentenmodell, das sich auf Verzinsung von Kapital stützt, für nachhaltiges Wirtschaften unbrauchbar.

Der Generationenvertrag, bei dem alle nach ihrem Leistungsvermögen beteiligt werden müssen, ist die einzig sinnvolle Lösung. In einer Gesellschaft mit Gemeinschaftsgeist braucht es keine Kürzungen der Renten zu geben. Ich habe während meiner Berufstätigkeit den damaligen Rentnern die Rente mitfinanziert. Jetzt zahlen die derzeit in Lohn und Brot Stehenden meine Rente. Die Folgegeneration wird dann für ihre Renten aufkommen. - Es geht auch nicht um eine gewisse Geldsumme, sondern um die Frage, was man dafür kaufen kann. Das Ganze ist also ein Verteilungsproblem von dem, was zu einer bestimmten Zeit zur Verfügung steht. Niemand möchte im Alter in seinem Lebensstandard stark eingeschränkt werden. Bei vielen älteren Kulturen ist es selbstverständlich, daß das Vorhandene geteilt wird. Sollten wir nicht auch auf das egoistische Denken verzichten?5

Wegen der Umweltprobleme muß die Bevölkerungszahl begrenzt werden. Die Forderung nach mehr Kindern (die dann vielleicht arbeitslos sind) ist keine Lösung. Es kann nur das verteilt werden, was zur Verfügung steht. Gibt es mehr Menschen, so werden die Portionen kleiner. - Warum sollen nicht später einmal 50% des Erwirtschafteten in die Rentenkasse fließen, wenn die Produktivität pro Kopf entsprechend gesteigert wurde oder die Menschen erkennen, daß ein bescheidenerer Lebensstil dem Leben mehr Sinn gibt?

Eigenverantwortung

Eine Reihe von Politikern fordert mehr Eigenverantwortung des Einzelnen für sein Leben und seine Zukunft. Dabei wird so diskutiert, als ob alle Menschen hochgebildete Akademiker wären. Doch der 'kleine Mann' - häufig warmherziger als andere - ist oft nicht in der Lage, sich in unserem komplizierten System zurechtzufinden. - Diese Politiker fordern mehr Leistung. Aber 'Leistung' hat nur einen Wert als Leistung für die Gemeinschaft! Wer weit aufsteigen will, muß dagegen 'clever' sein. - Doch, was hat der 'clevere' Aktienspekulant geleistet? Mit Spekulation werden keine Werte geschaffen. Wer gewinnt, gewinnt auf Kosten anderer. - Viele, die auf der Strecke bleiben, wollen da möglicherweise einfach nicht mitmachen.

Demokratie nach amerikanischem Vorbild?

Heute hören wir immer wieder von Präsident Bush, daß alle Länder Demokratien werden müßten, wobei das amerikanische System als Vorbild hingestellt wird. Ich wage die Frage, ob es denn überhaupt ein Vorbild für Demokratie sein kann. - Im Gegensatz zur Bundesrepublik hat in den USA der Präsident eine erhebliche politische Macht. Deshalb ist ein demokratischer Wahlvorgang äußerst wichtig. Ist er demokratisch einwandfrei? Wie läuft die Wahl ab? -

In jeder Partei melden sich normalerweise mehrere Kandidaten für das Amt. Durch Vorwahlen in den einzelnen Staaten wird dann bestimmt, wer davon bei der Präsidentenwahl antreten soll. Diese laufen aber nach verschiedenen Regeln ab. In einem Staat entscheiden nur die eigenen Parteimitglieder. - Das wäre vernünftig. - In einem anderen können aber alle wählen. Dann können aber Wähler, die eigentlich für einen Präsidenten der Partei B sind, durch ihre Stimme für die Partei A dort einem Kandidaten zum Sieg verhelfen, der gegen ihren Wunschkandidaten von B keine Chance hat.

Schließlich gibt es dann für jede Partei einen Bewerber für das Präsidentenamt. Die Bevölkerung wählt nun aber nicht direkt einen der Anwärter. In jedem Staat werden 'Wahlmänner' gewählt, die jeweils auf ihren Kandidaten verpflichtet sind. Bei dieser entscheidenden Wahl der Wahlmänner gibt es meist eine recht geringe Wahlbeteiligung. So kann jemand Präsident werden, der letzten Endes nur von einer relativ kleinen Gruppe gewünscht wird. - Bei der letzten Präsidentenwahl gab es in Florida, wo der Bruder von Geoge W. Buch Gouverneur ist, Unstimmigkeiten, die den Verdacht von Wahlmanipulation nahelegen.

Wer hat überhaupt Chancen gewählt zu werden? - Das sind nur die, die genügend Geld für den Wahlkampf zusammenbringen können; denn der US-Wahlkampf ist eine sehr aufwendige Show. Das Geld kommt im wesentlichen aus der Wirtschaft, die dafür später Dankbarkeit erwartet. Also wird der zukünftige Präsident immer wieder dazu neigen, den Interessen der Reichen zu dienen. Es wäre also treffender, nicht von Demokratie, sondern von Plutokratie zu reden.

Ist eine wirkliche Demokratie möglich? - Wie könnte sie aussehen?6

Der frühere britische Ministerpräsident Winston Churchill hat einmal gesagt: "Die Demokratie ist die beste aller schlechten Staatsformen." Wie sie z.Zt. existiert, ist sie nicht optimal. - In unserer Parlamentarischen Demokratie wählen wir etwa alle 4 Jahre Vertreter einzelner Parteien, in der Hoffnung, daß sie in der Zwischenzeit für einen Weg eintreten, den wir auch für richtig halten. - Andere Verfassungen räumen dem Volksentscheid bei wichtigen Fragen mehr Einfluß ein. Doch auch dabei gibt es große Probleme. Es wäre z.B. denkbar, daß in einem Land ein Beschluß gefaßt wird, der langfristig Folgen haben könnte, die nicht bedacht wurden. Die Bevölkerung könnte also, ohne es zu wollen, im Extremfall die Ausrottung der Menschheit beschließen. - Nicht so drastisch, aber ebenso entscheidend, wären z.B. Beschlüsse zur Gentechnik.

Im Gegensatz zu autoritären Staatsformen sollten in der Demokratie alle, die durch bestimmte Entscheidungen betroffen wären, über diese mitbestimmen können. Aber selbst, wenn in den USA der Präsident durch ein sehr gutes demokratisches Verfahren gewählt würde, wäre das nicht gewährleistet; denn er kann Maßnahmen in Gang setzen, die nicht nur sein Volk betreffen, sondern auch weite Teile außerhalb der USA. - Das können wir in der derzeitigen Politik gut verfolgen.

Das ist aber noch nicht alles. Die Politik beeinflußt heute räumlich und zeitlich viel größere Bereiche als noch vor 100 Jahren. Da sind zunächst die Kinder, die mit den Folgen zurechtkommen müssen, aber auch noch viel spätere Generationen. Denken wir z.B. daran, daß radioaktive Abfälle der Kernreaktoren viele Jahrtausende noch gefährlich strahlen. Können wir garantieren, daß unsere Maßnahmen zur 'Endlagerung' so lange für Sicherheit sorgen werden? Unser Überleben hängt nicht davon ab, daß wir heute Kernenergie nutzen können. Wir kennen andere Wege und bürden doch den Folgegenerationen die Frage auf, wie sie sich vor den durch uns verursachten Gefahren schützen können. - Ich lasse den Einwand nicht gelten, daß doch z.B. schon die Römer für ihre luxuriösen Heizungen den Appenin abgeholzt haben und heute Italien mit den Folgeproblemen zurechtkommen müsse und es auch schafft. Die Römer wußten es damals nicht besser. Wir aber können es wissen, was wir anrichten.

Das Leben der Menschheit hängt aber auch von einer intakten Umwelt ab. Nach der Gaia-Hypothese7 müssen wir die gesamte Erde als einen Organismus betrachten, in dem alles zusammenspielt. In gewissem Umfang regelt Gaia - die 'Mutter Erde' - Fehlentwicklungen wieder aus, aber nicht, wenn unsere Eingriffe zu groß werden. - Ich erinnere an die drohende Klimakatastrophe. -

Kann die Demokratie solche Probleme lösen? - Wenn die Wähler heute gefragt werden, ob die Steuern herabgesetzt werden sollen, wird die Mehrheit mit 'Ja' antworten. Es interessiert sie nicht, wie unser Gemeinwesen dann seine Aufgaben bewältigen kann. Heute gilt bei den meisten Menschen nur das Eigeninteresse. Wir hören das Argument, daß schon immer spätere Generationen Auswege gefunden hätten. - Dicht am Abgrund finden wir aber keine Auswege mehr. - Völker, die der Natur noch näher stehen, verhalten sich da klüger.

Ich muß zugeben, daß ich nicht weiß, wie ein System aussehen müßte, das die Probleme meistern kann. Aber folgendes ist zunächst klar:

* Es muß ein Problembewußtsein geweckt werden, damit sich geeignete Menschen mit der Frage befassen.

* Solange wir nicht bereit sind, unser Eigeninteresse hinter den langfristigen Erfordernissen zurückzustellen, wird es keine Lösung geben.

* Wir brauchen, wie Robert Jungk einmal sagte, 'Advokaten der Zukunft'. Das sind Menschen, die die Belange derer vertreten, die sich nicht zu Wort melden können. Das wäre auch die gesamte Natur, das Lebensrecht aller Arten usw. Ihre Stimme müßte auch das richtige Gewicht in der Politik haben.

* Weder die 'Demokratie' der USA, noch unsere, noch irgendeine andere, die heute existiert, sind in der Lage diese Aufgaben zu erfüllen.

Gibt es Chancen zur Änderung?

Ich habe versucht, wesentliche Probleme zu zeigen und das, was alles in die falsche Richtung läuft. Die Politiker haben wegen der Wirtschaftsmacht der großen Konzerne kaum Möglichkeiten zum Umsteuern. Gibt es trotzdem Chancen, aus dem Dilemma herauszukommen? - Wie Jean Ziegler schreibt, gibt es in aller Welt - außer den vielen, die mitmachen im gegenseitigen Kampf um immer mehr materiellen Besitz - eine immer größer werdende Zahl von Menschen aus allen Gruppen, die sich dagegen stemmen. Durch das Internet haben sie die Möglichkeit außerordentlich schnell zu gemeinsamen Aktionen zusammenzufinden.

Attac gibt uns ein Beispiel.

Viele suchen nach neuen Ideen, die ihrem Leben Sinn geben können. Je mehr sich zusammenfinden, desto schneller wird die Zahl - ähnlich einem 'Schneeballsystem' - wachsen.

Was treibt aber die vielen Menschen in aller Welt, sich der Globalisierung durch den Raubtier-Kapitalismus entgegenzustellen? Wie ist es möglich, daß - wie jetzt in Bombay - sich mehr als Hunderttausend mit ganz verschiedenen Lebensauffassungen zusammenfinden, ihre Verschiedenheit außer Acht lassen, um nach diesem einen Ziel - der 'anderen Welt' - zu suchen? - Es muß sie etwas anderes treiben als die Dinge, die ich bisher aufgeführt habe. Die Welt, in der wir heute leben, wird vom 'Haben' regiert. Das, was zum Haben gehört, wird weniger, wenn ich etwas weggebe. Unser Gehirn ist aber auch fähig, sich vom 'Sein' leiten zu lassen. Wenn ich von dem, was ich im Sein besitze - Liebe, Freundschaft, Zuneigung u.ä. - etwas weggebe, werde ich reicher.8 - Die Menschen, die sich für diese 'andere Welt' einsetzen, lassen sich mehr vom Sein leiten, von der Liebe. Daraus gewinnen sie ihre Kraft.

Ob das reichen wird, weiß ich nicht. Doch es hat schon immer Utopien gegeben, die wahrgeworden sind, allerdings nicht, wenn ungeeignete Menschen das Heft in der Hand halten. Eine ähnliche Fehlentwicklung - wie die des Sozialismus im 20. Jahrhundert - darf es nicht geben. Da klaffte eine zu große Lücke zwischen dem guten Anspruch und der Wirklichkeit.

Meine Forderung, das Konkurrenzdenken weltweit durch Gemeinschaftsdenken zu ersetzen, wird den Neo-Darwinisten als völlig absurd erscheinen. Zeigt doch die Höherentwicklung des Lebens von den einfachsten Formen schließlich zum Menschen, daß sich immer wieder die Lebenstüchtigsten gegenüber den Schwächeren durchgesetzt haben. Dies müsse schließlich auch der Mensch anerkennen. Wenn immer wieder das Schwache geschützt werde, würde die Entwicklung zum Stillstand kommen und damit schließlich das Ende der Menschheit eingeleitet werden.

Wir haben genetisch bedingte Anlagen, die uns heute Probleme bereiten. Durch die gewaltige Entwicklung des Gehirns haben wir einmal die krankhafte Fähigkeit bekommen, unseren eigenen Lebensraum so zu verunstalten, daß wir unsere Lebensgrundlage zerstören. Die hohe Entwicklung des Gehirns gibt uns aber auch die Voraussetzung, dies zu erkennen und eine Lebensform zu entwickeln, die diesen Trieben entgegenwirkt.

Damit komme ich auf das zurück, was ich oben gesagt habe: Wir werden die Krise nur meistern, wenn wieder überall die Liebe die Oberhand gewinnt. Es ist nicht die Liebe zu uns selbst, sondern zu allen Menschen, zu Tieren und Pflanzen, zu dieser wundervollen Erde, auf der wir nur eine kurze Zeit zu Gast sein dürfen. Die Erde muß den heute Lebenden und auch den späteren Generationen ein erfülltes Leben ohne größere Not ermöglichen. -

Die Wandlung muß friedlich verlaufen.

Nur dann kann sie gelingen. Wir dürfen dabei nicht nur zusehen. Wir brauchen Kraft zum eigenen Einsatz und sollten darin den Sinn unseres Lebens erkennen. Der friedliche Weg zu einer gerechteren Welt ist ein wundervolles Ziel. Nicht im Krieg, sondern auf diesem Weg finden wir die wahren Helden.

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Anmerkungen

1. Ich kann in diesem Brief vieles nur kurz ansprechen. Mehr zu den Gedanken, die hier eine Rolle spielen, findet sich in meinem Buch: "'Unternehmen DELPHIN gescheitert - Es kommt jetzt auf uns alle an' - Notizen und Gespräche über Gegenwart und Zukunft unseres Planeten"

2. Ein leicht verständliches Buch hierzu ist von Prof. Margrit Kennedy: 'Geld ohne Zinsen und Inflation - ein Tauschmittel, das jedem dient.' - 1990 - 242 S. Es ist über den Verlag Humanwirtschaft, Humboldtstr. 108, 90459 Nürnberg zu beziehen. - 1994 erschien im Goldmann-Taschenbuchverlag, München eine überarbeitete und erweiterte Ausgabe. ISBN: 3-442-12341-0

3. Mehr hierzu in 'Unternehmen DELPHIN ...', Kap. 'Alternative Wirtschaftsformen' S. 264 - 284

4. 'Unternehmen DELPHIN ....', S. 277

5. Siehe auch 'Unternehmen DELPHIN ...', Kap. 'Rentendiskussion', S. 294 - 299

6. Siehe auch 'Unternehmen DELPHIN ...', S. 98 - 100

7. Mehr dazu in 'Unternehmen DELPHIN ...', S. 340

8. Mehr dazu in 'Unternehmen DELPHIN ...', S. 369 ff


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