Weiterdenken

zuerst veröffentlicht in der Jubiläumsanthologie 'Die Unendlichkeit der Gedanken' des Verlages Haag + Herchen, S. 475 - 507, 2001 (Fertigstellung: 17.06.2001)

Bertolt Brecht läßt im Schauspiel "Leben des Galilei" den alten Galilei folgendes sagen: "Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, daß euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte."

Damals war es wohl der Gedanke an die Gefahren der Kernwaffen, der Brecht zu dieser Einschätzung führte. Sie sind heute keinesfalls beseitigt, sondern nur verdrängt wie viele andere auch, die in unserem täglichen Leben entstehen. Das Schlimme ist, daß uns diese oft als große Errungenschaften vorgeführt werden, weil sie uns ein leichteres und besseres Leben ermöglichen sollen. Z.B.: In der Sendung 'nano' in 3sat werden häufig Spekulationen über Entwicklungen bis zum Jahre 2025 dargestellt. Dabei wird völlig außer acht gelassen, daß - wenn sie Wirklichkeit würden - nur ein kleiner Teil der Menschen in den Industrienationen davon profitieren könnte. Es wird aber auch nicht die Frage gestellt, ob diese Entwicklungen denn wünschenswert und der Natur insgesamt dienlich sind.

Täglich können wir in den Medien Nachrichten finden, die keinesfalls auf eine glückliche Entwicklung der Erde hinweisen. Von den meisten Menschen werden sie nicht beachtet und auch nicht als bedrohlich angesehen. Es gibt nur relativ wenige, die darüber nachdenken, was wirklich die Folgen von oftmals gepriesenen Entwicklungen sein können. Wer aber weiterdenkt - und das soll hier geschehen - kommt an der Frage nicht vorbei, wohin uns unser Fortschrittsglaube führt, wenn wir den Weg so weitergehen wie bisher.

Es ist nicht möglich, alle miteinander stark vernetzten Problemfelder in einer kurzen Abhandlung darzustellen. In meinem Buch "Unternehmen DELPHIN gescheitert - Es kommt jetzt auf uns alle an! - Notizen und Gespräche über Gegenwart und Zukunft unseres Planeten" werden sie ausführlicher behandelt, und es wird sicher manches deutlicher. (Siehe hierzu die Besprechung am Schluß dieses Beitrages) Ich will hier nur einige herausgreifen, die heute unbedingt ins rechte Licht gerückt werden müssen, weil sie unsere 'Schöne Neue Welt' infrage stellen. - So wird zunächst vieles negativ erscheinen, doch will ich auch Mut machen, jede Chance zur Änderung zu nutzen, damit wir und die nach uns kommenden Generationen weiterhin - und glücklicher als heute - auf dem wunderschönen Planeten Erde leben können.



Für die derzeitige Entwicklung unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems sind einige Schlagworte und technische Systeme charakteristisch. Sie werden immer wieder positiv dargestellt. Da haben wir einmal die 'Globalisierung'. Die 'Global Players' - die weltweit handelnden Herren der Wirtschaft - steigen zu den wahren Machthabern auf und sind durch keine demokratische Institution legitimiert und nicht mehr zu kontrollieren. Der Maßstab für ihr Handeln ist der 'Shareholder Value', also die Frage, auf welche Weise der Aktienkurs in die Höhe getrieben werden kann. Ob dabei durch die 'Freisetzung von Arbeitskräften' viele Menschen ins Unglück gestürzt werden, spielt bei ihnen keine Rolle. Der 'Kleine Mann' ist in diesem System nur als Konsument von Interesse. Und auch als Kreditnehmer füllt er durch seine Zinsen die Kassen der Banken.

Das Internet - häufig in Verbindung mit dem Handy - wird uns durch die Medien geradezu aufgedrängt. Immer wieder finden wir Hinweise, daß mehr Informationen zu den angesprochenen Themen im Internet zu finden seien. Doch, brauchen wir sie wirklich? - Wieviel Zeit kostet uns das 'Surfen'? Die Suche ist meist nicht zielgerichtet, wenn es sich nicht gerade um die Nutzung für eine wissenschaftliche Arbeit handelt. Wir lernen hier etwas und da etwas, auch in wunderschönen Details. Dabei vergeuden wir die Zeit, die wir nutzen könnten, um den Zustand der Welt, die die Menschen so in Unordnung gebracht haben, wieder zu bessern. Dazu brauchen wir allerdings die Kenntnis von Zusammenhängen.

In Milliarden von Jahren hat sich der Planet Erde so entwickelt, daß er immer kompliziertere Lebensformen tragen konnte. Das Leben hat selbst dazu beigetragen, daß z.B. aus einer lebensfeindlichen Atmosphäre eine Lufthülle entstand, die der derzeitigen Lebenswelt zuträglich ist. Und diese sorgt dafür, daß es so bleiben könnte, wenn nicht die Menschen alles durcheinander brächten. Ein Beispiel: Vor Millionen von Jahren gab es - im Vergleich zu heute - zu viel Kohlenstoff in der Atmosphäre. Über den Weg einer Fülle von Pflanzen und Tieren wurden Speicher angelegt, um die Lebensbedingungen zu verbessern. Heute nutzen wir diese in Form von Kohle und Erdöl. - Gegen eine behutsame Nutzung wäre nichts einzuwenden; denn damit würde das Ökosystem Erde fertig. Da wir aber in wenigen Jahrzehnten das verbrennen, was in Millionen von Jahren gespeichert wurde, ist wohl eine Katastrophe kaum mehr aufzuhalten.

Die Entwicklung des Lebens ist sehr langsam vorangekommen. Durch Versuch und Irrtum entstanden ganz verschiedene Formen, die im Zusammenhang mit allen anderen ihre Tauglichkeit erweisen mußten. Wegen der sehr vielen komplizierten Zusammenhänge, die wir keineswegs durchschauen, benötigt die Prüfung aber viel Zeit. - Vor wenigen Jahren ist es nun den Biologen gelungen, einen etwas tieferen Einblick in die Erbsubstanz zu bekommen. Jetzt glauben sie zu wissen, wo bestimmte Eigenschaften verborgen sind und wie man an deren Stelle andere einschleusen kann. Die Zeit der 'Zweiten Schöpfung' scheint gekommen zu sein. - Mir taucht eher das Schreckensbild des 'Zauberlehrlings' auf.

Und noch etwas stimmt nicht in unserer Welt: Verfolgen wir die Nachrichten, so hören wir auf der einen Seite von erstaunlichen Fortschritten in Wissenschaft und Technik. Das voll computergesteuerte Haus soll demnächst Standard werden. Wir brauchen nicht mehr in den Supermarkt zu gehen oder auf die Bank. Alles können wir mit dem Handy erledigen, soweit es nicht Automaten für uns tun. - Ein ungeheurer Reichtum für jeden von uns wird uns versprochen. - Auf der anderen Seite finden wir in weiten Teilen der Welt und auch bei uns Armut größten Ausmaßes. Krankheiten wie Aids breiten sich aus, weil Aufklärung und Medikamente nicht bezahlbar sind. Kriege und Bürgerkriege sind u.a. auch die Folge von mangelnden Bildungsmöglichkeiten. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander.



Woran liegt es, daß es zu dieser Entwicklung gekommen ist? - Meines Erachtens tragen 'Einstellungsfehler' jedes einzelnen Menschen zur übrigen Welt wesentlich dazu bei: Früher galt ein Grundsatz, den wir sogar noch unter Hitler gelernt haben: "Gemeinnutz geht vor Eigennutz!" Nach 1945 brach jedoch der Gedanke von der grenzenlosen Freiheit durch. Jeder soll versuchen sich selbst zu verwirklichen. Maßstab (auch bei Wahlentscheidungen) ist der vermeintliche eigene Vorteil. "Dem Starken gehört die Welt! Der Schwache hat Pech gehabt!" - "Soll ich meines Bruders Hüter sein?" - Die egozentrische Weltbetrachtung gilt heute als normal. Wer weiter denkt, gilt als weich und rückständig, wie einer, der in dieser Welt keine Chance hat.

Zwangsläufig ist damit verbunden, daß als Zeitmaßstab für die Beurteilung von Entwicklungen die eigene Lebensspanne gilt. Die Gefahr langfristiger Klimaänderungen wird ebenso ignoriert wie die Frage wie spätere Generationen mit unserem Atommüll fertig werden. So darf heute die Politik zur Lösung kurzfristiger Probleme 'das Tafelsilber verkaufen', nämlich fast grenzenlos privatisieren und damit zukünftigen Politikern immer mehr Einflußmöglichkeiten nehmen. Die Zahl derer, die an spätere Generationen und weltweit denken, ist relativ gering.

Ein weiterer Fehler ist die 'ideologische Brille', durch die sehr viele und vor allem auch die einflußreichen Mitmenschen ihr Umfeld betrachten. Oft wird nicht geprüft, ob irgendein Vorschlag gut ist und uns weiterführen könnte. Die Tatsache z.B., daß er 'aus der linken Ecke' - oder aus irgendeiner anderen, die uns nicht genehm ist - kommt, macht ihn der Diskussion unwürdig. - Die Naziverbrechen an den Juden hindern uns heute noch, das Problem der Israelis und Palästinenser unparteiisch zu sehen und z.B. auch deutlich zu machen, daß die Politik von Scharon keineswegs die Politik des Guten ist, der gegen das Böse der Palästinenser kämpft. - Gute und Böse gibt es auf beiden Seiten. - Schließlich hat Scharon selbst im September 2000 durch seine Provokation auf dem Tempelberg zur Verschärfung der Gegensätze maßgeblich beigetragen.



Ziel dieses Beitrages ist es, weiterzudenken, als es allgemein geschieht und vor allem auch die vielen Zusammenhänge, die Vernetzungen im Weltsystem, zu erkennen. Wenn dies aber einen Einfluß auf den Gang der Geschichte haben soll, müssen wir den Mut haben, Tabus zu durchbrechen, wie ich es eben mit meinen Bemerkungen zum Problem der Israelis getan habe.

1948 schrieb George Orwell seinen utopischen Roman "1984", in dem er den Menschen eine Welt vorstellte, die uns grauenhaft erscheint. 1984 hatten wir Gelegenheit zu prüfen, wie viel davon Wirklichkeit geworden ist. Ich habe bereits 1983 einen Aufsatz für die Zeitschrift "Blickpunkt Zukunft" mit dem Titel "'Zwiedenken' - eine Gefahr für den Frieden! - Aktuelle Betrachtungen im Jahre '1 vor Orwell'" verfaßt1 und das Thema später in meinem Buch noch einmal aufgegriffen. Das Kapitel heißt da: "'Zwiedenken' - nicht nur bei Orwell". -

Wenn man den Roman oberflächlich betrachtet, scheint unsere Welt weit von der Diktatur entfernt zu sein, von der Orwell berichtet. Doch gerade an dem Begriff des 'Zwiedenkens' und weiteren Begriffen, die damit zusammenhängen, wie 'Verbrechenstop' und vor allem dem des 'Gedankenverbrechens', läßt sich zeigen, daß die Realität heute gar nicht so weit vom 'Orwellstaat' entfernt ist, wenn man von den harten Konsequenzen bei Orwell einmal absieht.

Es ist sicher lohnend, sich mit der Problematik ausführlich zu beschäftigen. Doch dafür reicht hier der Platz nicht. Ich muß auf mein Buch verweisen, in dem auch zu vielen anderen Themen, mit denen wir uns hier beschäftigen, ausführlichere und ergänzende Betrachtungen zu finden sind.

Ich will versuchen, wenigstens einen Überblick zu geben: Die genannten Begriffe gehören zu der sogenannten 'Neusprache', deren Wortschatz und Regeln so gestaltet sind, daß falsche Gedanken - im Sinne der Parteidoktrin - gar nicht ausgedrückt werden können. Neben der 'Verwandlung der Vergangenheit' - wir würden dazu Geschichtsfälschung sagen - gehört das 'Zwiedenken' zu den heiligen politischen Grundsätzen der Partei. Abweichungen nennt man 'Gedankenverbrechen'. Das sind die schlimmsten Verbrechen, die man im Orwellstaat 'Ozeanien' kennt. Doch davor schützt normalerweise 'Verbrechenstop'.- Er wird im Roman wie folgt beschrieben: "'Verbrechenstop' bedeutet die Fähigkeit, gleichsam instinktiv auf der Schwelle jedes gefährlichen Gedankens halt zu machen. Es schließt die Gabe ein, ähnliche Umschreibungen nicht zu verstehen, außerstande zu sein, logische Irrtümer zu erkennen, die einfachsten Argumente mißzuverstehen, wenn sie engsozfeindlich sind (Engsoz wird die Ideologie Ozeaniens genannt.), und von jedem Gedankengang gelangweilt oder abgestoßen zu werden, der in eine ketzerische Richtung führen könnte. 'Verbrechenstop' bedeutet, kurz gesagt, schützende Dummheit." - Schützt uns nicht auch 'Verbrechenstop' z.B. davor, Zweifel am derzeitigen Wirtschaftssystem anzumelden? - Begehe ich 'Gedankenverbrechen', wenn ich es tue?

Was aber versteht Orwell unter 'Zwiedenken'? - Im Roman wird es sehr schwer verständlich dargestellt. Die wesentliche Aussage ist, daß wir die gleichen Fakten oder Handlungsweisen unterschiedlich bewerten, je nachdem, ob sie von uns oder von der Gegenseite ins Feld geführt werden. - Mangel an Demokratie wird auch heute noch Ländern des Ostens vorgeworfen. - Wie steht es aber z.B. mit wirklicher Demokratie in den USA, wenn bei der Präsidentenwahl nicht der der Sieger ist, der die meisten Stimmen hat, sondern Bush Präsident wird, weil in dem von seinem Bruder geführten Staat Florida das Nachzählen der Stimmen durch unbegreifliche Entscheidungen der Gerichte verhindert wird? - Und weiter hat die jüngste Geschichte immer wieder gezeigt, daß Diktaturen auch im Westen akzeptiert wurden, wenn sie als Gegengewicht zum 'drohenden Kommunismus' aufgefaßt werden konnten. - 'Zwiedenken' ist einerseits ein bewußter Vorgang. Doch zum anderen sind auch bei uns die Menschen so daran gewöhnt, daß sie gar nicht merken, wenn sie es anwenden. - In meinem Buch habe ich mehrere Beispiele gebracht, die das hier Gesagte noch untermauern.

Noch ein weiteres Zitat scheint mir sehr gut auf unsere gegenwärtige Situation zuzutreffen: "Nicht nur der Wert der Erfahrung, sondern überhaupt das Vorhandensein einer gegebenen Wirklichkeit wurde von der Philosophie der Partei stillschweigend geleugnet. Die größte aller Ketzereien war der gesunde Menschenverstand." - Wer offenen Ohres das Weltgeschehen verfolgt, findet wohl täglich Beispiele, - ob in der Politik, in der Werbung und anderswo - bei denen der gesunde Menschenverstand auf der Strecke bleibt. -

Viele unserer - vor allem der jüngeren - Mitmenschen sehen in unserer Zeit die der 'Spaßgesellschaft'. Kann es aber das Ziel sein 'Spaß zu haben'? - Im vergangenen Jahr fand in Hannover die EXPO 2000 statt. Ihr Motto war 'Mensch, Natur, Technik'. Sie sollte neue Wege zeigen, wie wir mit den vielen weltweiten Problemen fertigwerden könnten. Davon ist leider relativ wenig vermittelt worden. Viele gute Vorschläge waren nur schwer zu finden. - Anfang Juni dieses Jahres wurde die Erinnerung gefeiert. Da waren es aber keine Kongresse oder ähnliche Veranstaltungen, auf denen z.B. erörtert wurde, welche positiven Anstöße der EXPO bereits Wirkung zeigten, sondern es wurde an die Partyveranstaltungen, an den Spaß, erinnert. - Spaß ist nichts Negatives. Lebensfreude fördert Gesundheit und Tatkraft. Negativ ist nur die Verdrängung der Probleme, für die wir alle Verantwortung tragen, wenn der 'Spaß' zum Hauptziel wird.

Stellen wir uns also den Problemen, die weltweit gelöst werden müssen! Bekennen wir uns zu unserer Mitverantwortung! - Wie wir uns entscheiden, hat ggf. Einfluß auf viele Ereignisse in der Welt. Denken wir z.B. an die angestrebte Agrarwende. Sie kann nur durchgesetzt werden, wenn möglichst viele nicht nur darüber reden, sondern auch für biologisch einwandfreie Lebensmittel mehr Geld ausgeben. - Das gleiche gilt auch für den Strom aus regenerierbaren Quellen (Solarenergie, Windenergie, Biomasse und weitere örtliche Möglichkeiten). - Es ist bedauerlich, daß es z.B. in Hannover, einer Großstadt mit mehr als 500.000 Einwohnern, z.Zt. nur ca. 3.000 Kunden gibt, die nicht nur zugestimmt haben, daß man für 'Naturstrom' bereit sein müsse, einen höheren Preis zu zahlen, sondern es auch tun.2



Wir benötigen eine Perspektive in der Betrachtung der Weltprobleme, die über das Durchschnittsdenken sowohl räumlich, zeitlich als auch ideologisch weit hinausgeht. Ich möchte sie mit 'Weltallperspektive' bezeichnen. Wir sollten uns vorstellen, wie wohl Menschen, die auf einem weit entfernten Himmelskörper leben und die von unseren Vorstellungen keine Ahnung haben, unsere Probleme sehen würden, die also nicht durch Tabus eingeengt sind.3 - Dabei werden wahrscheinlich mehr Fragen aufgeworfen werden, als Antworten zu finden sind. Doch, um diese schließlich zu finden, müssen zunächst Fragen - und zwar die richtigen Fragen (auch das ist schon eine Kunst) - gestellt werden. - Für die Richtung kann uns ein Ausspruch von Albert Einstein Hinweise geben: "Man kann die Probleme nicht mit den Denkweisen lösen, die zu ihnen geführt haben!" - Stellen wir also mutig eine wesentliche Frage:

"Ist unser derzeitiges Wirtschaftssystem mit seiner Ausrichtung auf Wachstum, Globalisierung und Gewinnmaximierung in der Lage, seine Ziele ohne weitere Zerstörung des weltweiten Ökosystems zu erreichen?" - Wenn es uns im Vorfeld durch relativ einfache Betrachtungen gelingt, nachzuweisen, daß es keine Lösung geben kann, so brauchen wir gar nicht nach weiteren Einzelheiten zu suchen.

Motor unserer Wirtschaft ist das Wirtschaftswachstum. Hohe Wachstumsraten werden uns immer wieder als positive Entwicklung dargestellt. Wer darf es wagen, daran zu zweifeln? - Dagegen hat Frederic Vester in seiner Wanderausstellung 'Unsere Welt - ein vernetztes System' einen wesentlichen Satz eindringlich begreifbar gemacht: "Wenn wir das nächste Mal von Wachstum reden, so sollten wir daran denken: Wir haben nur diesen einen Planeten, und der wächst nicht mit!" - Wenn wir von einem prozentualen Wachstum sprechen, so bedeutet das 'exponentielles Wachstum'. Das führt aber sehr schnell über alle Grenzen. 2% Wachstum im Jahr bedeutet, daß in ca. 35 Jahren im Durchschnitt alles verdoppelt sein wird und zwar nicht nur das, was uns vielleicht positiv erscheint, sondern auch die damit verbundenen negativen Auswirkungen auf die natürliche Umwelt und auch die Ausbeutung der Rohstoffquellen.

Die Natur reagiert darauf aber nicht unbedingt linear. Eine Verdoppelung des Schadstoffausstoßes kann möglicherweise zu Klimaveränderungen führen, die wir heute noch nicht ahnen können. Bei diesen Überlegungen spielt die sogenannte Chaostheorie eine Rolle. Sie betont die Unvorhersagbarkeit von Entwicklungen in vernetzten Systemen. Und ein solches ist unsere Welt in allen Bereichen. Niemand kann sagen, was geschehen wird, wenn wir dies oder das heute einleiten. - Um die Gefahr einer Katastrophe zu mindern, ist die beste Strategie, möglichst vorsichtig zu agieren.

Daraus ist zu schließen: Das Wirtschaftssystem auf die Ideologie des ständigen Wachstums aufzubauen, führt früher odere später zur Katastrophe. - So kommt jetzt die Frage: Würde es denn ohne Wachstum, dem sogenannten 'Nullwachstum' funktionieren?

Wir brauchen doch nur gelegentlich das Börsengeschehen zu verfolgen. In steigenden Aktienkursen liegen die Gewinne der Aktionäre. Da reagiert die Börse mit Kurseinbrüchen, wenn die Wachstumsprognose nach unten korrigiert werden muß. Wenn die Aktienbesitzer zufriedengestellt werden sollen, ist ein möglichst großes Wachstum des Betriebes und seiner Produktion nötig. Jeder Betrieb versucht, sich zu behaupten, indem er wächst. Wenn er das allein nicht schafft, gibt es Fusionen oder friedliche oder feindliche Übernahmen. Die Tendenz zur Globalisierung ist eingeleitet. - Wichtig ist dabei auch, daß das eingesetzte Kapital durch die Verzinsung ebenfalls wächst. Die geforderte kapitalgestützte zweite Rente kann auch nur funktionieren, wenn wir an der Wachstumsideologie festhalten. Wenn es also einmal wegen der Erfordernisse des weltweiten Ökosystems zum notwendigen 'Nullwachstum' kommen sollte, wäre das für unser derzeitiges Wirtschaftssystem eine Katastrophe. - Doch, wie könnten wir etwas ändern, wenn uns durch die Globalisierung immer mächtigere Gruppen gegenüberstehen? Sie agieren in allen Erdteilen und sind mit ihren Geschäften nicht mehr zu kontrollieren. Die Finanzen werden so in Umlauf gebracht, daß anscheinend nirgends Gewinne zu verbuchen und damit Steuern zu zahlen sind. Die Großen werden also immer reicher, während die kleinen Firmen zu einer solchen Politik nicht in der Lage sind und deshalb bald das 'Futter' für die Großen werden können.

Die Politik ist gegen ein solches Wirtschaftssystem machtlos. Wenn etwas durchgestzt werden soll, das für die Allgemeinheit notwendig, aber für den Konzern ungünstig ist, wird mit Abwanderung und dem Verlust von Arbeitsplätzen gedroht. Die 'Freisetzung von Arbeitskräften' ist ein Totschlagargument, mit dem jede Besserung - z.B. auch bei den Umweltschutzauflagen - verhindert werden kann.

Für unser Wirtschaftssystem ist es nötig, möglichst viel möglichst billig zu produzieren und, um die Wirtschaft anzukurbeln, für neue Produkte neuen Bedarf zu wecken. Alles ist heute unverzichtbar, sei es der Roller oder das Handy, für das immer mehr Funktionen entwickelt werden. - Wer sich dagegen wehrt, wird belächelt. - Produziert wird in Billiglohnländern. Da bleibt mancher in Deutschland auf der Strecke. Der hat aber die Gelegenheit, sein Geld durch Börsenspekulation ohne eigene Arbeitsleistung zu vermehren. Die Risiken werden meist verharmlost, so daß es oft ein böses Erwachen gibt, wenn die Kurse in vermeintlichen Wachstumsbranchen plötzlich absacken. - Kursgewinne sind häufig mit Entlassungen in den Betrieben verbunden. Wer macht sich beim Aktienkauf wirklich klar, daß er seine Gewinne möglicherweise dadurch erkauft, daß seine Kollegen 'freigesetzt' und damit ins Unglück gestoßen werden? - Heute heiß es: Der Mensch hat sich den Erfordernissen der Wirtschaft anzupassen, auch z.B. durch mehr Flexibilität in Bezug auf den Arbeitsplatz. - Was macht er dann mit seinem Eigenheim?

Das System der arbeitsteiligen Wirtschaft hat sich im Verlauf von Jahrtausenden Menschheitsgeschichte entwickelt. Dabei sollte diese für den Menschen da sein, sollte ihm das Leben erleichtern. - Heute hat aber das Wirtschaftssystem Vorrang, und der Mensch hat sich dem anzupassen. Welch ein Widersinn! - Die Arbeitsteilung sollte aber auch dazu führen, daß jeder nach seinen Fähigkeiten zum Wohlergehen aller beitragen konnte. Man sah sich eingebunden in die Gemeinschaft. Charakteristisch war der Ausgleich. - Heute versucht jeder - wenn er der derzeitigen Ideologie anhängt - auf Kosten anonymer anderer möglichst reich zu werden. Das System fördert die Ungleichheit, den skrupellosen Egoismus.



Man könnte glauben, das Internet wäre in der Lage, diesem Egoismus entgegenzusteuern. Es ist möglich, weltweit zu kommunizieren, E-mails zu versenden, Freundschaften zu schließen. - Es sind schöne Bilder, die uns von der jungen weltweiten Gemeinde der Computer- und Internetnutzer übermittelt werden. Bald nimmt uns der Computer alles ab. Er weiß z.B., wann Butter im Kühlschrank fehlt und bestellt sie. Wir sind in der Lage, alles über das Internet einzukaufen und auch unsere Bankgeschäfte abzuwickeln. Wir können uns aber auch weltweit über das politische Geschehen informieren, lesen, was z.B. im Weißen Haus in Washington diskutiert wird.

Wo bleibt bei einem solchen Leben die oft zitierte Kreativität? - Wie entwickeln sich die nötige Vielfalt und individuelle Fähigkeiten? - Wir sitzen vor unserem Computer, der bald ein Teil unserer Selbst sein soll, surfen durch alle Welt, merken nicht, wie unsere Beine allmählich zu 'Gehwarzen' degenerieren und merken auch nicht, daß unser Nachbar oder die Nachbarin krank und einsam sind und dringend unsere Hilfe brauchen. Wir fragen uns auch nicht, was eigentlich der Internetanschluß in vielen Entwicklungsländern soll, bei Menschen, deren größte Sorge es ist, ihre Familie satt zu machen. - Die Industrienationen machen das Geschäft, nicht die armen Länder.

Die Wurzeln von Computer und Internet sind gut. Doch mehr und mehr stellen wir fest, daß wir häufig faule Früchte ernten. Wir merken meist nicht, daß mit dieser Technik große Gefahren verbunden sind. Die modernen Computer sind 'benutzerfreundlich', sind also leicht zu bedienen und zeigen uns dabei nicht, welche komplizierten Programme ablaufen müssen, damit der Computer uns Arbeit abnehmen kann. - Irgendjemand hat einmal gesagt: "Der Computer ist ein Vollidiot, der nur mit zwei Fingern rechnen kann, das aber wahnsinnig schnell." - Erst die Handlungsanweisung für diesen 'Idioten', also das Programm, befähigt ihn, uns ein wertvoller Helfer zu sein. - Doch Programme können Fehler enthalten. Sie enthalten sie bestimmt, wenn wir es häufig auch nicht merken. Moderne Programme benötigen meist viele Megabyte Speicherplatz, d.h. sie enthalten mehrere Millionen Zeichen. Ein normales Buch mag vielleicht auf 500.000 Zeichen kommen. - Gibt es Bücher ohne Druckfehler? - Es ist also zunächst das menschliche Versagen der Programmierer, das die Computernutzung riskant macht.

Mittels Computerprogrammen werden u.a. Kernkraftwerke gesteuert. Im Normalbetrieb werden nur bestimmte Teile des Programms durchlaufen. Für Sonderfälle, also besonders für Gefahren, gibt es Verzweigungen, Schleifen. Es ist denkbar, daß sie auch in Ordnung sind; denn der Computer prüft auch selbst die Programme auf mögliche Fehler. Er kann aber nicht die erfassen, die in der Computerlogik richtig, aber vom Sinn des Programms her falsch sind. Es kann sein, daß ein gefährlicher Fehler nur dann auftritt, wenn eine Kombination von Schleifen durchlaufen wird. Doch sämtliche möglichen Kombinationen lassen sich bei der Programmentwicklung nicht überprüfen. Die große Katastrophe, der Super-Gau kann also aus einer Verkoppelung von einfachen Störfällen entstehen. - Vielleicht kann der Unfall noch durch den Übergang auf Handsteuerung vermieden werden. - Menschliches Versagen ist aber auch beim Bedienungspersonal nicht auszuschließen. Möglicherweise hat man deshalb das Programm so konstruiert, daß menschliches Eingreifen verhindert wird. Was dann? - Selbstverständlich bemüht man sich, solche Fälle zu vermeiden. Sie sind aber nicht auszuschließen.

Die gleichen Betrachtungen kann man für den militärischen Computereinsatz anstellen. Das, was uns vor der Vernichtung schützen soll, kann gerade zur Vernichtung führen. Ich erinnere mich an ein schon älteres spannendes Buch von Burdick und Wheeler mit dem Titel 'Feuer wird vom Himmel fallen'4, bei dem in Bezug auf einen 'Krieg durch Zufall' ein ähnliches Szenario vorgeführt wurde. Von einem bestimmten Punkt an wirkten alle Maßnahmen, die man zur Verhinderung eines Zufallskrieges vorgesehen hatte, in der entgegengesetzten Richtung, und die Katastrophe war nicht mehr aufzuhalten.

Heute sind es zusätzlich noch die Computerviren, die manchmal nur Ärger, aber eben auch eine große Gefahr darstellen können. Weltweit arbeiten sehr viele Menschen daran, die Programme dagegen sicher zu machen. Es ist ein Kampf der Gehirne im Verborgenen. Wer Sieger bleiben wird, steht noch nicht fest. Johannes Mario Simmel hat sich in seinem 1999 erschienenen Roman 'Liebe ist die letzte Brücke' äußerst spannend mit dem Problem des Virenterrors befaßt.5

Das Internet wurde zunächst für den schnellen Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse geschaffen. Wenn es nur dafür genutzt werden soll, ist das jedoch sehr teuer. Also mußte man viele Menschen dafür interessieren, die damit Geld verdienen können. Und dieses Geldverdienen steht jetzt an erster Stelle und prägt den Charakter des Systems. Äußerst nüzliche Informationen werden dann nebenbei transportiert. Das hat zur Folge, daß wir mit Daten überfüttert werden, aber keine Möglichkeit haben zu prüfen, welche davon seriös und hilfreich sind. Der amerikanische Wissenschaftler Clifford Stoll, der selbst die Entwicklung des Internet für den Wissenschaftsaustausch vorangetrieben hat, nimmt in seinem Buch: "Die Wüste Internet - Geisterfahrten auf der Datenautobahn"6 das Internet spannend und kritisch unter die Lupe.

Wir verlassen uns immer mehr auf die Steuerung unserer technischen Geräte durch Computer im weitesten Sinne. Wer weiß denn, wo überall solche Schaltkreise verborgen sind. Selbst die quarzgesteuerte mechanische Uhr enthält einen. Wieviel ist in den Autos verborgen?

Eine Gasheizung oder Ölheizung arbeitet nicht mehr, wenn nur der Strom ausfällt. Was steht uns bevor, wenn Computerschaltkreise in großem Umfang versagen? Anläßlich des Jahreswechsels von 1999 auf 2000 wurden uns Katastrophenszenarios vorgestellt, die glücklicherweise damals nicht Realität wurden. - Computerviren könnten den Zusammenbruch vieler Systeme bewirken. Die technische Welt der Industrienationen ist dafür empfindlicher als die gröberen Strukturen der sogenannten Entwicklungsländer.

1982 haben Reinhard Breuer und Hans Lechleitner (Breuer ist Astrophysiker und Lechleitner Wissenschaftsjournalist.) in ihrem Buch "Der lautlose Schlag"7 auf eine weitere Gefahr hingewiesen. Wegen der Kürze zitiere ich den Klappentext: "Das Buch, von dem sich das Pentagon wünscht, daß es nie erscheinen möge. - Seit Jahren schon wird in Denkfabriken und Behörden über eine neue Strategie nachgedacht - über den 'lautlosen Schlag'. Doch, will man Auskünfte über den 'lautlosen Schlag', hüllen sich die Behörden in Stillschweigen oder geben ausweichende Antworten. Was ist der 'lautlose Schlag? - Ein Nebeneffekt jeder in großer Höhe gezündeten Kernwaffe - der EMP (elektromagnetischer Puls) kann jede technologische Gesellschaft schachmatt setzen, ohne weitere Schäden durch Hitze, Druck, Strahlung oder Fallout anzurichten. Mit diesem Buch liegt die erste Dokumentation über dieses Phänomen vor. Sie spricht aus, worüber amtliche Stellen am liebsten den Mantel des Schweigens breiten möchten - weil durch den EMP in 0st und West das gegenseitige Aufrechnen von Atomsprengköpfen überflüssig wird." - Damals gab es dazu auch einen Fernsehbericht. - Trotzdem wissen nur wenige davon. Vermutlich hat man sich sehr bemüht, daß diese Möglichkeit des Kernwaffeneinsatzes geheim bleiben sollte.



Breiter wird heute die Gentechnologie diskutiert. Was kann der gebildete Laie davon verstehen? - Dieser Bereich der Biologie ist sehr vielschichtig und weckt verständlicherweise Ängste, weil nicht klar ist, wie weit die Forschung sinnvoll ist und wo die Gefahren überwiegen. Meine Skepsis gründet sich vor allem auf die Feststellung, daß nicht unabhängige Hochschulforschung im Mittelpunkt steht, sondern daß das Gewinnstreben der Wirtschaft die Arbeit vorantreibt. Es wird angestrebt, das Leben möglichst weitgehend patentieren zu können. Würde man das verhindern, so könnte die Forschung in ruhigen, gesunden Bahnen laufen.

Aber auch dann würde noch manches geschehen, was äußerst bedenklich ist. Es sind meist junge Wissenschaftler, die uns ganz ernsthaft im Fernsehen erklären, was in den nächsten Jahrzehnten geschaffen werden könne. Sie fühlen sich Gott nahe und in der Lage, die 'Fehler', die seinerzeit bei der Schöpfung der Welt unterlaufen sind, korrigieren zu können. - Es ist für uns schon schwer, eine Fremdsprache in ihren Feinheiten zu verstehen, und es können dabei peinliche Mißverständnisse unterlaufen. Wieviel verstehen wir denn heute von der viel komplizierteren Sprache der Gene? Das Leben ist doch mehr als ein umfangreicher Baukasten, bei dem man der Phantasie freien Lauf lassen kann. - Was verstehen wir denn wirklich? - Wir können z.B. eine Symphonie Beethovens einer Klanganalyse unterziehen. Wir können aber nicht sagen, warum sie einen Menschen gewaltig anspricht und einen anderen nicht. Fragen über Fragen!

Und dann glauben einige, sie könnten den perfekten Menschen bauen. - Wann ist ein Mensch perfekt? - Wenn wir glauben, ihn zu haben, wie geht er mit seinen Mitmenschen, mit der Natur um? - Wie bereits erwähnt, hat sich die Natur für die Entwicklungen viel Zeit gelassen. Alles spielt auf wundervolle Weise zusammen. Es steckt sehr viel Intelligenz in der Schöpfung. Kann man das in wenigen Jahren übertrumpfen, nur weil man in der Lage ist, mit unserer Wissenschaft einige wenige Details zu verstehen? - Ich glaube, wir können durchaus von Größenwahn sprechen.

Viele gentechnische Arbeiten haben Ziele, die nicht so weitgesteckt sind. Am wenigsten Schaden können wohl die anrichten, die bei dem einzelnen Lebewesen bleiben, also nicht weiter vererbt werden. Hier sind auf medizinischem Gebiet eine Menge nützlicher Anwendungen denkbar.

Geht es darum, die gentechnischen Veränderungen vererbbar zu machen, wie z.B. in der Pflanzenzüchtung, so kommen wir zu manchen Bedenken. Da ist einmal die Frage, was passiert, wenn diese neuen Sorten in die Natur entlassen werden, mit Wechselwirkungen zu anderen Pflanzen. Wie wirken sie auf Mensch und Tier als die Nutzer dieser neuen Nahrung? Es muß aber auch gefragt werden, wie sich dann die Monopolstellung des Saatgutbetriebes auswirkt, vielleicht in Zusammenhang mit bestimmten Pflanzenschutzmitteln, die dann speziell dazu gehören. Wie wirkt sich aber auch die Verarmung an Arten aus, wenn die neue Sorte allein weiter angebaut wird und dann Änderungen in der Umwelt eintreten, die für diese Züchtung nicht mehr optimal sind?

Viel Streit gibt es aber bei der Frage, wie weit an menschlichen Embryonen geforscht und manipuliert werden darf. Der Schutz des Lebens ist ein hohes Ziel. Dürfen wir aber so differenzieren, daß wir um das Lebensrecht eines Zellhaufens von vielleicht 8 Zellen - den Beginn menschlichen Lebens - ringen, es aber hinnehmen, daß Tausende bereits lebende Kinder täglich verhungern? - Und was ist mit den Millionen von Ermordeten in den Kriegen? - Darf ich Waffen bauen, wissend, daß ich damit immer wieder Kriege ermögliche? - Heißt das 5. Gebot: "Du sollst nicht töten mit Ausnahme von Millionen im Kriege oder von Tausenden durch den Vorrang des schnellen Straßenverkehrs?" - Was ist aber auch mit den Millionen von Schweinen und Rindern, die 'zur Marktbereinigung' vernichtet werden? - Hier sehe ich die Schieflage der Ethik unserer Tage. Kommt sie daher, daß wir als 'Ebenbilder Gottes' diesen Abstand zu klein, den zu der übrigen Lebenswelt aber zu groß sehen? Dürfen wir mit unseren Mitgeschöpfen, den Tieren so umgehen? - Als Haustiere sind sie oft sehr vertrauensvoll zu uns. Wir vergelten dies durch Brutalität und unwürdige Haltungsbedingungen.

Wie ehrlich ist unser Einsatz für den Schutz menschlichen Lebens, für die Menschenwürde? - Wir können bei einer künstlichen Befruchtung in einem Zellhaufen von 8 Zellen prüfen, ob das entstehende Lebewesen einen Erbschaden hat und dann ggf. auf die Einpflanzung des Embryos verzichten. - Ist das schlimmer, als wenn wir uns für "Freie Fahrt für freie Bürger!" statt für eine sinnvolle Tempobegrenzung entscheiden und die Zahl der möglichen Verkehrstoten dadurch erhöhen? - Ist es schlimmer, als wenn wir wegen des 'Shareholder Value', also der Höhe der Aktienkurse, Arbeitskräfte entlassen, die dann möglicherweise in ihrer ausweglosen Lage ihrem Leben ein Ende setzen? - Albert Schweitzer forderte die Ehrfurcht vor allem Leben. Ich unterstütze diese Einstellung auch heute noch, möchte aber mehr differenzieren. Wann beginnt dieses schützenswerte Leben wirklich? Geschieht dies mit der Ausbildung von Nervenzellen und ihren Verbindungen, also vielleicht erst mit der Ausbildung von Spuren eines 'Bewußtseins'? -



Die Probleme der Gentechnologie zeigen uns, daß schnelle Entscheidungen und Änderungen im Bereich der belebten Natur äußerst gefährlich sind. Und doch bemüht man sich, die Entwicklung noch schneller voranzutreiben. Prof. Peter Glotz sieht die Beschleunigung als Charakteristikum unserer Zeit und begrüßt sie. Zwei Drittel der Menschen rechnet er zu den 'Beschleunigern', ein Drittel zu den 'Entschleunigern', die in unserem System auf der Strecke bleiben. - Aber, wem rennen wir denn nach? - Bemühen wir uns, mit größter Intensität dafür zu sorgen, daß Not und Elend in der Welt verschwinden? - Bemühen wir uns um eine gerechtere Weltodnung? - Entziehen wir Kriegen und Bürgerkriegen schellstens den Waffennachschub? - Nein, wir bringen Entwicklungen voran, von denen wir nicht wissen, was die langfristigen Folgen sein werden. Das begann schon nach dem Einsatz der ersten Atomwaffen mit der 'friedlichen Nutzung der Kernenergie'. Milliarden wurden in die Entwicklung gesteckt, unbekannte Mengen radioaktiver Abfälle erzeugt. Und keiner weiß, - auch heute noch nicht - wie man sie über Jahrhunderte, geschweige denn Jahrhunderttausende sicher verwahren kann.

Die Chemieindustrie bringt immer neue Stoffe hervor, schleußt sie auch in die Nahrungskette oder kann es nicht verhindern. Keiner weiß, wie sie langfristig wirken. Wir sprechen ganz richtig von 'Nahrungskette'. Aber viele sind sich nicht bewußt, was das bedeutet. Eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied. Fällt eins aus, wirkt das auch auf die Folgeglieder. Forscher, die sich heute um die Erhaltung aussterbender Arten bemühen, wissen, daß es z.B. nicht reicht, im Brutkasten geschlüpfte Störche in die Freiheit zu entlassen, wenn dort keine Feuchtwiesen mit der geeigneten Nahrung zu finden sind. - Manche Vögel können wegen der Veränderung der Umweltbedingungen nur Eier mit zu dünner Schale legen, die sie dann nicht ausbrüten können. - Wissen wir, ob wir nicht bereits so viel Giftstoffe in unserem Körper haben, daß dadurch bald die Zeugungsfähigkeit verhindert wird. Das kann sehr schnell um sich greifen, und die Natur hätte dann nach ihrer Methode die Entwicklung wieder in vernünftige Bahnen gebracht. Ohne die Störung durch Menschen könnte wieder ein gesundes Fließgleichgewicht entstehen.

Vernünftige Autofahrer wissen, daß sie nur so schnell fahren dürfen, daß der Bremsweg noch innerhalb des zu überblickenden Straßenabschnitts liegt. 'Beschleuniger' mißachten das und gefährden damit nicht nur sich, sondern auch andere. Im Bereich der technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen bleibt diese Lehre häufig unbeachtet. Bildlich gesprochen starten wir gewissermaßen Flugzeuge, für die die Landebahn noch nicht gebaut oder unbekannt ist.

Wäre es da nicht besser, sich den 'Entschleunigern' zuzurechnen, die sich bemühen, mit den Veränderungen in dem Bereich zu bleiben, der noch einigermaßen überschaubar ist. Auch das ist schon nicht leicht, vielleicht sogar unmöglich, weil die möglichen Folgen von Entwicklungen in der Natur sich oft nur sehr spät zeigen. Je vorsichtiger wir da sind, desto mehr Chancen haben wir, daß wir im Rahmen dessen bleiben, was die Natur ausregeln kann; denn sie ist sehr 'fehlerfreundlich'. Sie nimmt uns kleinere Fehler nicht übel. Sonst hätten wir die Erde als Lebensraum schon längst zerstört. Wir sollten uns aber nicht darauf verlassen. Wir müssen an den Effekt des 'Umkippens' denken. Wir können ein Glas etwas zur Seite kippen, und es wird beim Loslassen wieder auf seinem Boden stehen. Überschreiten wir aber einen bestimmten Kippwinkel, so fällt es um. Wie weit wir gehen dürfen, läßt sich genau bestimmen. - Bei den stark vernetzten Systemen in der Natur wissen wir es nicht. Wir wissen z.B. nicht, ob die starken Abweichungen, die wir im Wettergeschehen der letzten Jahre beobachten, bereits ein Umkippen des Systems einleiten oder ob es nur vorübergehende größere Schwankungen sind. Die Weigerung Präsident Bushs, das Klimaschutzprogramm anzuerkennen, ist jedenfalls - vorsichtig ausgedrückt - nicht zu verantworten.



Nicht zu verantworten ist aber auch die Politik der Gewalt, die vor kriegerischen Handlungen nicht zurückschreckt, wenn es darum geht, politische oder wirtschaftliche Ziele durchzusetzen. Auch, um angeblich Leid zu begrenzen, wird erheblich mehr Leid erzeugt. Es ist immer schwer, fundiert zu sagen: "Was wäre gewesen oder geworden, wenn ..." Eine verläßliche Antwort verbietet schon die Chaostheorie. Auch über einen anderen Verlauf des Balkankonflikts läßt sich nur vage spekulieren. Und keinem, der der eigenen Spekulation entgegensteht, kann man sagen, daß er mit seiner Bewertung falsch liege. Vielleicht kann man aber einen 'Bereich des Möglichen' abstecken, in dem man z.B. das Leid im Zusammenhang mit verschiedenen Handlungsinitiativen aufzeigt - vielleicht noch in Abhängigkeit von der Zeit und der Größe des betroffenen Bereiches. Dann möchte ich annehmen, daß es doch Möglichkeiten gab, die geringeres Leid in einem kleineren Gebiet produziert hätten, als es durch das Einmischen der Nato geschehen ist und noch geschieht.

Im Namen des Guten, auch im Namen des Christentums, ist im Laufe der Geschichte unermeßlich viel Blut vergossen worden. Noch heute wird die Lehre vom 'gerechten Krieg' vertreten. Auch ich habe, als ich im November 1939 als Kriegsfreiwilliger Soldat wurde, geglaubt, daß dieser Krieg notwendig sei, daß ich für eine gute Sache eintrete. Erst nach dem Zusammenbruch des Hitlerreiches habe ich den Irrtum eingesehen und im Laufe meines Lebens die Konsequenzen gezogen. - In mehreren Sendereihen im Fernsehen wird z.Zt. versucht, das Hitlerreich und den 2. Weltkrieg aufzuarbeiten. Ich bin meist nicht sehr glücklich über diese Sendungen; denn ich frage mich, was wohl der daraus mitnimmt, der damals noch nicht geboren oder zu jung war. Ist es nicht die Annahme: "Die Generation unserer Väter waren meist schlimme Menschen. Wir sind heute anders. Uns kann so etwas nicht wieder passieren." - Es ist so leicht, auch heute junge Leute zu treuen Gefolgsleuten von Diktatoren zu machen. Da denke ich nicht nur an die Neonazis.

Wir sollten uns davor hüten, das, was damals möglich war, als einmalig anzusehen. Ich erinnere mich an ein Fersehspiel des ZDF aus den USA, in dem gezeigt wurde, wie ein Lehrer seine Schüler in einem Experiment sehr schnell zu Nazis machte. - In einer Unterrichtsstunde über das 'Dritte Reich' und den Zweiten Weltkrieg wurde ein Film über die Grausamkeiten der Nazis in den Konzentrationslagern vorgeführt. Da hatten die Schüler die Frage gestellt, was das denn damals für Menschen waren, die zu so abscheulichen Verbrechen fähig waren oder sie zumindest duldeten.8 Die Handlung des Fernsehspiels war nicht frei erfunden. Sie geht zurück auf die Erfahrungen mit einer Highschoolklasse in Palo Alto, Californien, im April 1967, wie im Nachspann zu lesen war. - Das Experiment ging sehr einfach. Der Lehrer impfte den Schülern Schlagworte als 'Werte' ein und prägte sie auf sich selbst als 'Führerpersönlichkeit'. Das Experiment nahm beängstigende Formen an. Zweifler wurden nicht nur gemieden, sondern sogar bedroht. Die Lehrerschaft mußte schon fürchten, das Ganze nicht mehr in den Griff zu bekommen. Schließlich sollte der Führer der Gesamtbewegung in den USA vor den Schülern in einer großen Versammlung sprechen. - Statt eines Menschen am Rednerpult erschien auf den Fernsehgeräten Hitler vor einer großen versammelten Menge von Deutschen, die ihm zujubelten. - Der Schock für die Schüler war groß. -

Es ist leider so, daß man so etwas bei uns nur in den Dritten Fernsehprogrammen oder zu sehr später Stunde sieht. Die Programmdirektoren können zu Recht darauf hinweisen, daß nur wenige so etwas sehen wollen. 'Verdrängung' ist ein beliebtes Mittel, sich das Leben einfacher zu machen. Wir dürfen ihr keinen Raum geben.

Der amerikanische Forscher Milgram hat durch ein ebenfalls sehr bedrückendes Experiment gezeigt, daß die meisten Menschen dazu zu bringen sind, auf Befehl andere Menschen zu quälen - sogar bis zum Tode. Ich las 1977 darüber und erinnere mich nur an folgendes:

In seinem 'Wissenschaftlichen Experiment' sollte angeblich geprüft werden, ob Schüler durch Bestrafung bei Fehlern zu einem besseren Lernen zu bringen seien. - So erzählte man es jedenfalls den Versuchspersonen, die man sich beliebig von der Straße engagierte. Die Versuchspersonen waren die 'Lehrer'. Ihre Schüler konnten sie nicht sehen. Sie waren nur mit Mikrophon und Lautsprecher miteinander verbunden. Angeblich saß der 'Schüler' - ein Schauspieler - auf einer Art 'Elektrischem Stuhl'. Jedenfalls sagte man den Versuchspersonen, daß Elektroden an seinen Körper angelegt seien. Bei jedem Fehler sollte der 'Lehrer' ihm einen Spannungsstoß versetzen. Die Spannung sei bei jeder Wiederholung des Fehlers zu steigern, wobei die Obergrenze im tödlichen Bereich lag. Der Schauspieler schrie, jammerte und flehte, je nachdem, welche Spannung ihm sein Kontrollinstrument anzeigte. Wenn aber der Lehrer stockte, die 'Bestrafung' auszuführen, sagte der Versuchsleiter nur zu ihm: "Machen Sie weiter! - Sie gefährden das Ergebnis der wissenschaftlichen Arbeit, wenn Sie nicht weitermachen!"

Das Ergebnis des Versuchs war bedrückend: - Nur sehr wenige weigerten sich, die Spannungsstöße bis auf die tödlichen Werte zu steigern, wenn es im 'Interesse der Wissenschaft' nötig schien. Man hat das Experiment sowohl in den USA als auch in der Bundesrepublik durchgeführt. In beiden Ländern hat es etwa die gleiche geringe Prozentzahl von Verweigerern gegeben. - Sind wir also alle zu KZ-Aufsehern geeignet? -

Das, was wir fast täglich über kriegerische Konflikte erfahren, überzeugt mich nicht davon, daß die heute lebenden Menschen aus dem 2. Weltkrieg gelernt haben und besser geworden sind. Vor allem ist die Rüstungsindustrie bedeutend stärker geworden und sorgt dafür, daß die Kämpfe nicht aufhören. Man darf wohl nicht fragen, welche Politiker, um der Arbeitsplätze willen, dieses Vorgehen im Geheimen noch unterstützen, auch wenn sie die Friedensliebe öffentlich preisen.



Wenn unser Weiterdenken nur zu der Erkenntnis führt, daß die Welt doch einem baldigen Ende entgegengeht, so hätten wir uns die Zeit sparen können. - Wir brauchen die Hoffnung, daß wir noch einen Weg aus den Gefahren finden. Der erfordert aber Einsatz. Da hilft das Konsumieren von Fernsehkrimis oder der Besuch von Diskotheken nichts. Es hilft aber auch nicht das immer wieder gehörte Argument: "Was kann ich als Einzelner schon tun? - Die da oben machen doch, was sie wollen!" Vor vielen Jahren las ich am Hafen von Flensburg auf einer großen Tafel ein chinesisches Sprichwort: "Der Mann, der den Berg versetzte, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen." - Fangen wir an!

Wir haben nicht mehr viel Zeit für eine einschneidende Wende in der Politik. Je später sie einsetzt, desto weniger dürfte von unseren Zielen einer möglichst großen Freiheit des Einzelnen zu verwirklichen sein. - Wollen wir unsere Kinder und Enkel dafür büßen lassen, daß wir zu träge waren, das Ruder rechtzeitig herumzureißen? - Es ist wichtig festzustellen, daß es eine grenzenlose Freiheit nicht geben kann und auch nie gegeben hat. Nietzsche machte sich im 'Zarathustra' darüber Gedanken: Er sagt: "Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und nicht, daß du einem Joche entronnen bist. .... Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge künden: frei wozu?"9 Nutzen wir also unsere Freiheit in vielfältiger Weise, indem wir zum Wohle aller das zu tun versuchen, was unseren Fähigkeiten entspricht. Dazu sollten wir über den Sinn unseres Lebens nachdenken. Es wird für jeden von uns einmal die Zeit kommen, in der wir erkennen, daß es kaum von Bedeutung ist, ob wir reich oder arm sind. Ja nicht einmal die Frage, ob wir gesund oder krank sind, spielt dann noch eine Rolle. Was werden wir uns dann fragen? - Gilt heute und auch in dieser Situation noch: "Macht Euch die Erde untertan!"? - Nein, die letzte Frage lautet: "Was hast Du getan als Dank dafür, daß Du auf diesem wunderschönen Planeten leben durftest? - Hast Du nur empfangen oder auch gegeben?" - Dann kann nichts mehr nachgeholt werden. Deshalb müssen wir uns heute einsetzen.

Es gilt zu erkennen, wie die Menschen in der gesamten Natur eingefügt sind. Der englische Kybernetiker James Lovelock stellte 1979 die 'Gaia-Hypothese' vor10. - Gaia ist in der griechischen Mythologie die 'Mutter Erde'. Nach Lovelocks Hypothese wäre die Erde selbst als ein Organismus anzusehen, bei dem alle Organe, die kleinen wie die großen, richtig zusammenwirken müssen, damit er am Leben bleibt. Und nur, wenn er am Leben bleibt, werden die Menschen, als ein Teil davon, auch leben können. Unsere Folgerung muß deshalb sein, daß der Schutz unserer Umwelt vor allen anderen Forderungen zu stehen hat. In diesem Bereich kann jeder schon in seinem individuellen Umfeld anfangen. Er kann sich z.B. auch fragen, wieviel er das eigene Auto benötigt oder ob er vielleicht auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen kann.

Wir müssen wach sein gegenüber allem, was uns durch Nachrichten oder Werbung übermittelt wird und lieber auf mehr Bescheidenheit zusteuern. Mein Hochschullehrer in Physik betonte immer wieder: "Für den Physiker ist nichts selbstverständlich!" Das sollte auch für alle gelten. Hören wir doch genau hin, was uns die vermeintlich Allwissenden täglich an Widersprüchen auftischen. Fragen wir sie doch, wie das funktionieren soll, wie es mit unserer Forderung einer gerechten Welt, die alles Leben einschließt, zu verwirklichen wäre. Unterstützen wir Gruppen, die sich für unsere Ziele einsetzen! - Jeder von uns kann mehr erreichen als er glaubt, wenn er nur will und die richtige Einstellung zu seinem Leben hat.

Ich rechne mich zu den Reichen auf der Welt. Doch dieser Reichtum läßt sich nicht mit dem Taschenrechner ermitteln und auch nicht kaufen. Ich habe kein Haus, keinen Grundbesitz. Ich habe auch keine Wertpapiere und nur ein bescheidenes Sparkonto. - Und doch bin ich reich; denn ich habe viele Freunde und Menschen gleichen Sinnes um mich. Ich meine aber, nur die können solche Freundschaft als Reichtum empfinden, die ein Leben des 'Seins' verfolgen, nicht des 'Habens', das leider für so viele die Grundeinstellung ist.

Die Welten des 'Habens' und die des 'Seins' verhalten sich ähnlich wie Welt und Antiwelt in der Physik . Sie schließen sich jedoch im Gegensatz dazu nicht aus. Wir sind 'Wanderer zwischen beiden Welten', (so heißt ein Buch von Walter Flex aus dem ersten Weltkrieg), müssen auch in der Welt des 'Habens' leben, sollten uns allerdings mehr der von mir so bezeichneten 'Antiwelt des Seins' zuneigen. - Für die 'Welt des Habens' ist charakteristisch der Besitz: Wenn ich Besitz weggebe, werde ich ärmer. Für die 'Antiwelt des Seins' sind Liebe, Freundschaft, Zuneigung die charakteristischen Begriffe: Je mehr ich davon gebe, desto reicher werde ich.

Vielleicht stört manchen, daß ich den Begriff 'Antiwelt' benutze. Gefühlsmäßig verbinden wir damit meist etwas Negatives. Doch in der Physik ist ein charakteristisches Teilchen unserer Welt das negative Elektron, während in der Antiwelt das Positron, also ein positiv geladenes Teilchen, die gleiche Funktion übernimmt. Ich sehe die 'Welt des Habens' als die schlechtere an, weil sie uns alle die Probleme bringt, die wir zu lösen versuchen. Und die 'Antiwelt des Seins' hilft uns dazu, Lösungen zu finden, ist also, wie das Positron in der Physik, etwas Positives. - Es gibt den Begriff 'Glück' in beiden Welten, aber mit unterschiedlicher Bedeutung: Z.B. habe ich Glück, ein Auto gewonnen zu haben, aber: Ich bin glücklich, Freunde und eine Frau um mich zu haben.

Vieles müßte noch viel tiefer ausgefüllt werden. Dazu reicht dieser Beitrag nicht. Ich muß auf mein Buch verweisen und möchte mit den (leicht variierten) Schlußworten aus meinem Buch abschließen:

Auf der Fahrt zum Mond - vom Weltenraum aus gesehen - haben die Astronauten einen einmaligen Anblick von der Erde gehabt - eine einsame blaue Kugel in der Unendlichkeit des Alls. Und winzig klein waren sie in ihrer Kapsel. Sie alle haben ein anderes Bild von der Welt mit nach Hause gebracht, als sie es vorher hatten. - Und, wenn wir noch in der Lage sind, unsere Umwelt mit all unseren Sinnen aufzunehmen, können auch wir uns dem wunderbaren Gefühl nicht entziehen, das eine schöne Landschaft auf uns ausübt. Die meisten Menschen streben in ihrer Freizeit doch nicht in das Gewühl einer Großstadt, sondern in die freie Natur. - Die Brandung des Meeres, das Rauschen der Blätter in einem Laubwald, das Reh mit einem Kitz auf einer Lichtung, ein Sonnenuntergang, das bleiche Licht des Vollmonds - all das können Erlebnisse sein, die wir - ebenso wie die Liebe - nicht in unseren Erinnerungen missen möchten. - All das ist so gewaltig - und doch so zerbrechlich, wenn die Menschen unachtsam damit umgehen.

Gemessen am Alter der Erde dürfen wir nur eine winzige Zeitspanne auf ihr zu Gast sein. Die sollen wir freudig genießen, uns aber auch wie Gäste benehmen, die daran denken, daß auch noch andere ähnliches Glück empfinden möchten.

Ohne den Einfluß des Menschen hat sich der Planet Erde in einer wundervollen Weise entwickelt. Es hat auch Katastrophen größten Ausmaßes gegeben, durch die aber auch wieder Neues entstanden ist. - Der Mensch hat diese Harmonie zerstört. Er muß, soweit es noch geht, das natürliche Gleichgewicht wiederherstellen. Wir haben gesehen, daß diese Aufgabe so groß ist, daß wir verzweifeln könnten. Wir werden sehr viel Kraft und Ausdauer benötigen. -

Trotz dieser großen Aufgabe brauchen wir aber auch Bescheidenheit in Bezug auf unsere Möglichkeiten; denn die Chaostheorie mahnt uns, daß wir auch damit rechnen müssen, daß wir - bei allem guten Willen - durch unser Handeln genau das Gegenteil von dem bewirken könnten, was unser Ziel ist. -

In diesem Spannungsfeld zwischen der Größe der Aufgabe und unseren bescheidenen Möglichkeiten müssen wir uns einsetzen. Da heißt es natürlich, unseren gesamten Verstand zu nutzen. Aber der muß ein Ziel sehen: Das Herz, die Liebe zur gesamten Schöpfung soll ihm Richtschnur sein.

Was Liebe wirklich ist, können wir wohl kaum mit dem Verstand erfassen. Wir sollten aber ihre Kraft nicht unterschätzen. - Sie spielt bei uns Menschen eine ganz entscheidende Rolle. - Wer irgendwann in seinem Leben einmal wahre Liebe empfunden hat, weiß wie mächtig sie sein kann. Da werden Dinge geschafft, die vorher unmöglich schienen. - Und solche Stärke, das Unmögliche zu erreichen, brauchen wir, wenn wir Chancen bei der Erfüllung unserer Aufgabe haben wollen. Wir brauchen also die Liebe - das Herz.

Doch diese Liebe muß weit über die Gattenliebe oder die zu den Kindern, zu Freunden usw. hinausgehen. Sie muß sich auf die gesamte Schöpfung beziehen. - Und zur Liebe gehört - auch das wissen wir - das Verzeihenkönnen, damit es möglich wird, den Kriegen ein Ende zu bereiten.

Ich möchte es in die Welt hinausschreien: Menschen, setzt euren gesamten Verstand ein - aber auf das eine Ziel ausgerichtet, die Welt vor dem Verderben zu bewahren! - Laßt euch vom Herzen leiten, das hoffentlich nicht aus Stein sondern von der Liebe ausgefüllt ist! Laßt euch von der umfassenden Liebe leiten; denn nur, wenn wir die ganze Welt umarmen möchten, werden wir - auch gegen alle Widerstände - die Kraft finden, die nötig ist, um eine Wendung zu einer besseren Zukunft zu bewirken. Setzt euch ein mit Freude, die euch in der 'Antiwelt des Seins' leicht zufallen wird.

Und allen Lesern möchte ich noch eines mit auf den Weg geben: Denkt daran, daß manchmal nur eine winzige Schneeflocke fehlt, um einen Ast abbrechen zu lassen. - Glaubt nicht, daß ihr allein das Schicksal der Erde wenden könntet. Aber glaubt, daß ihr vielleicht erreichen könnt, daß sich die 'Waage von Gut und Böse' zum Guten neigt. Vielleicht fehlt da nur ein winziges Gewicht. - Ihr seid nicht allein bei diesem Bemühen. Die Zahl der Mitstreiter wächst. Lernt es zu ertragen, wenn man euch als 'bemitleidenswerte Idealisten ohne Realitätssinn' belächelt. - Glaubt an die Macht der Liebe, die auch mir immer wieder hilft, meinen Weg zu gehen! Das Eis muß brechen. ......

Die Europäische Union hat als Hymne den Schlußchor aus Beethovens Neunter Symphonie gewählt. - Es ist Schillers Ode 'An die Freude'. Der Text und die Musik können uns den Mut geben, den wir brauchen. Freude und Liebe können uns aufrichten. Es ist wohl kaum schöner auszudrücken, welcher Gedanke uns leiten soll:


"Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!"

- - - - - - - - -


Anmerkungen
1) 'Blickpunkt Zukunft' 3 Ausgabe 7, Mai 1983, S. 2 - 6
2) 'energie & service' Das Magazin für Kunden der Stadtwerke Hannover AG, Nr. 02, Mai 2001, S. 2
3) Ich habe diese Methode aus dem gleichen Grunde in meinem bereits erwähnten Buch angewandt.
4) Burdick, Eugene und Harvey Wheeler: Feuer wird vom Himmel fallen, Roman, Rütten + Loening Verlag, München, 1962
5) als Taschenbuch bei Knaur im Jahr 2000 erschienen (Nr. 61824, DM 18,90)
6) Fischer Taschenbuch 1998 (Nr. 13850, DM 16,90)
7) Meyster Verlag, München
8) Rhue, Morton, Die Welle, Otto Maier Verlag, Ravensburg, 1984 (auch als Ravensburger Taschenbuch Nr. 1501) - Die Fernsehsendung des ZDF hatte den gleichen Titel.
9) "Vom Wege des Schaffenden"
10) Lutz, Rüdiger, (Hrsg.) Sanfte Alternativen - Ein Öko-Log-Buch, Beltz Verlag, Weinheim, 1981, S. 15


Klicken Sie auf Home, wenn Sie links keine Navigation sehen: Zur Homepage: 
www.zukunft-frieden-schulze.de 
Zukunft und Frieden als Lebensaufgabe