Die 'Wegwerferde' - Reparatur unwirtschaftlich

von Lothar Schulze
Leitartikel aus 'Information - Zukunfts- und Friedensforschung, 10, Heft 2, August 1974


Unter der Überschrift „Nützliche Bücherkiste" wird das Buch von Holger Heuseler „Der zweiten Erde auf der Spur" in einem Zeitungsausschnitt besprochen, den wir - leider ohne nähere Quellenangaben - von einem Mitglied aus Stuttgart erhielten.

Wir wissen nicht, wo die Schwerpunkte in diesem Buch, das sich mit der interplanetarischen Forschung befaßt, wirklich liegen. Bezeichnend für die Irrwege menschlichen Denkens ist aber das, was der Autor dieser Besprechung als wesentlich herausstellt:

Wir erfahren, daß man auf der Suche nach dem „Notausgang der Erde" sei und können lesen, daß der amerikanische Astrophysiker Carl Sagan vorschlägt, „die Venusatmosphäre mit mehreren tausend Tonnen Blaualgen zu impfen', um mit Hilfe dieser Einzeller Luftdruck und Temperatur zu verringern und erdähnliche Lebensbedingungen zu schaffen".

Diese Idee ist eine konsequente Steigerung der Mentalität unserer „Wegwerfgesellschaft". Sollten wir wirklich dahin kommen, daß wir unseren Erdball so verwirtschaften, daß er höheres Leben nicht mehr zu tragen vermag? Ist es dann zweckmäßiger, ihn zu verlassen, nachdem vorher die Venus bewohnbar gemacht wurde? Hat eine Kosten-Nutzen-Analyse vielleicht schon gezeigt, daß sich eine Reparatur dieser Erde nicht mehr lohnt? Ist es also wirtschaftlicher, die Venus als neuen Lebensraum zu erschließen?

Welch ein Irrsinn liegt in solchen Gedankengängen? Nur die höchstentwickelten Industrienationen wären in der Lage, ein so ungeheures technisches Programm auf die Beine zu stellen. *) Welche geistige Leistung gehörte dazu. Trotzdem dürfte es kaum möglich sein - wenn überhaupt - die Venus in der kurzen Zeit bewohnbar zu machen, in der wir unseren Erdball zu Grunde gerichtet haben werden, wenn wir nicht bald Konsequenzen aus den Erkenntnissen ziehen, die der Club of Rome und Wissenschaftler in aller Welt in den letzten Jahren gewonnen haben.

Es würde zu weit führen, hier alle die Schwierigkeiten zu durchdenken und anzuführen, die einem solchen Auswanderungsprogramm entgegenstehen. Einleuchtend ist wohl aber, daß Menschen, die sich zutrauen, ein solches Programm anzupacken, noch viel eher in der Lage sein müßten, den Planeten Erde bewohnbar zu halten und gerechte Lebensbedingungen für alle zu schaffen.

Hierzu sollten wir alle Fähigkeiten der Menschen einsetzen. Wir sollten uns nicht vor dieser Aufgabe drücken, indem wir vorgeben, nach dem „Notausgang der Erde" zu suchen. Seien wir also etwas zurückhaltender in der Beurteilung der Möglichkeiten des technischen Fortschritts. Machen wir uns klar, daß der Mensch in den großen Regelkreisen der Natur nur ein winziges Glied darstellt. Das bedeutet, daß wir lernen müssen, mit der Natur zu arbeiten, und daß wir nicht immer wieder versuchen sollten, sie zu überlisten.
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*) Da es mancher nicht glauben mag, seien hier einige Überschlagsrechnungen angeführt: Nehmen wir an, daß die Bevölkerungszahl wie bisher weiter anwächst. Dann hätten wir um die Jahrtausendwende ca. 7 Milliarden Menschen. Zu dieser Zeit würde die Erdbevölkerung täglich um ca. 400 000 Menschen zunehmen. Wollte man die Erde nicht evakuieren, sondern nur einen weiteren Zuwachs vermeiden, so müßte man also täglich 400 000 Menschen zur Venus bringen.

Rechnen wir mit einer mittleren Entfernung von 150 Mill. km zwischen Erde und Venus. Nehmen wir weiter an, man flöge nicht wie bisher energiesparend unter Ausnutzung der Schwerefelder von Erde und Venus, sondern mit einer ständigen Beschleunigung und dann wieder Abbremsung von 10 m/sec² (etwa Erdbeschleunigung), so brauchte man für einen Flug knapp 3 Tage. Man müßte also schon außergewöhnlich gut organisieren, wenn man Hin- und Rückflug einschließlich Be- und Entladen in 7 Tagen schaffen wollte.

Nehmen wir an, jedes Raumschiff faßte 1000 Passagiere, so müßten also täglich 400 starten. Da sie aber ca. 7 Tage unterwegs wären, brauchte man 7 x 400 = 2800 Raumschiffe, die ständig unterwegs wären, um nur den Bevölkerungszuwachs wegzubringen. Mit diesem Beispiel läßt sich allerdings auch ausrechnen, daß das Problem leichter zu lösen ist, wenn man dafür sorgt, daß die Zahl der Geburten die der Zahl der Sterbefälle nicht übersteigt Wenn nämlich die Erdbevölkerung nicht mehr wachsen würde, könnte man mit der gleichen Flotte von Raumschiffen in 48 Jahren die 7 Milliarden Menschen auf die Venus befördern.

Man lasse sich bei dieser Berechnung nicht täuschen. Um dem Vorwurf zu entgehen, ich würde zu schwarz sehen, habe ich technische Bedingungen zu Grunde gelegt, die man als „utopisch" bezeichnen muß, denn bis heute ist noch keine Möglichkeit bekannt, wie man über mehrere Tage eine konstante Beschleunigung von 10 m/sec² erreichen soll. Photonenraketen, die im Gespräch sind, erzielen nur geringe Beschleunigungen über große Zeiträume. Würde man also nicht so schnell fliegen können, brauchten wir also statt Tagen Monate, so wären dann vielleicht 100 000 oder noch mehr solcher Raumschiffe nötig.


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