Technik und Sicherheit

Überlegungen im Jahre 1 nach Harrisburg
von Günther Frisch (Pseudonym von Lothar Schulze)
INFORMATION - Zukunfts- und Friedensforschung, 1978, S. 123 - 126

"Wenige wissen, wie viel man wissen muß, um zu wissen, wie wenig man weiß."

Am 31. März erreichte uns die Nachricht, daß im Atomkraftwerk Harrisburg der "SuperGAU" möglich sei. Am gleichen Tag wurde jedoch bei der Abschlußveranstaltung der Demonstration gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben mitgeteilt, daß beim Hearing der Fachleute in Hannover diese mögliche Katastrophe kaum Einfluß auf die Diskussion gehabt habe. Dies erinnerte mich an den Roman von Burdick und Wheeler "Feuer wird vom Himmel fallen", der sich mit der Möglichkeit eines Atomkrieges durch Zufall beschäftigt.1

Der Roman ist deswegen so spannend, weil er - ineinander geschachtelt - die Geschehnisse an verschiedenen Schauplätzen schildert. Einmal wird auf einer Veranstaltung in den unterirdischen Räumen des Pentagon vorgetragen, daß die Sicherheitseinrichtungen gegen einen Krieg durch Zufall so gut seien, daß der Krieg nicht stattfinden könne. Zu gleicher Zeit ist aber dieser Zufall bereits eingetreten. Die Amerikaner haben den "Fail-Safe" überschritten, den Sicherheitspunkt, der den Alarmzustand vom Kriege trennt.

Eine Bomberstaffel ist mit Wasserstoffbomben auf dem Flug nach Moskau. Alles, was zur Sicherheit gegen den Krieg durch Zufall dienen sollte, wirkt nun in entgegengesetzter Richtung, so daß dieser Krieg kaum noch zu vermeiden ist.

Auf dem Hearing in Hannover diskutierte man weiter, wie gut die Sicherheitseinrichtungen seien, während am 1. April der zuständige Sprecher aus den USA mitteilte, daß sich die Wissenschaftler vor einer völlig neuen Situation sähen, da sich die Möglichkeit der Bildung einer Wasserstoff-Gasblase nie bei den Computerberechnungen, auf die die Konstruktion eines Kernreaktors aufgebaut wird, ergeben habe.

Auf dem Gorleben-Hearing ging man zur Tagesordnung, zur Detaildiskussion, über. Ist es aber sinnvoll, im Detail fortzufahren, wenn die Argumentationsgrundlage - nämlich die der Vertretbarkeit von Kernenergieanlagen an sich - fragwürdig geworden ist?

Der Unfall von Harrisburg zwingt uns, konsequent über die Sicherheit unserer technischen Großsysteme ganz allgemein nachzudenken. Kommt es irgendwann zu einem schweren Unfall im technischen Bereich, der eigentlich nicht hätte stattfinden dürfen, wird meist als Entschuldigung vorgebracht, daß eine Verkettung unglücklicher Umstände dazu geführt habe; denn man hat das System so ausgelegt, daß jede denkbare Störung eines Teilsystems allein nicht zur Katastrophe führen kann.

Wenn es sich um eine Verkettung von Störungen handelt, fühlen sich Konstrukteure und Betreiber technischer Anlagen entlastet. Sicher bemüht man sich auch hier, doch kann man tatsächlich nicht alle Möglichkeiten überschauen und zwar prinzipiell nicht. Es ist das gleiche Problem wie beim Schachspiel: 32 Figuren (im Laufe des Spiels dann weniger) können auf 64 Feldern bewegt werden. Hieraus ergeben sich so viele mögliche Spielverläufe, daß es auch dem größten Computer unmöglich ist, auch nur einen nennenswerten Teil davon durchzuspielen.

Alle technischen Großsysteme bestehen aus sehr vielen Teilsystemen, in denen etwas falsch laufen kann. Fehlerquellen liegen zum Teil auch außerhalb des technischen Bereiches. Der Mensch und unvorhersehbare Naturereignisse z.B. spielen dabei eine wesentliche Rolle. Natürlich gibt es schlechte Systeme und auch bessere, bei denen man die Auswirkung von Störungen vermindert. Die Ingenieure geben sich wohl auch große Mühe. Daß sie ihr System nicht gegen jede "Verkettung unglücklicher Umstände" sicher machen können, kann man ihnen nicht vorwerfen; denn man kann nicht verlangen, was unmöglich ist. Dann muß man allerdings die Frage stellen, unter welchen Voraussetzungen überhaupt noch solche technischen Großsysteme zu verantworten sind. Die Antwort hängt sicher davon ab, wie groß die Bedrohung des Lebens an sich bei einem Versagen werden kann.

Häufig wird auch menschliches Versagen als Ursache einer Katastrophe angeführt. Eingriffe des Bedienungspersonals vergrößern möglicherweise einen Fehler. Geschieht dies woanders, so heißt es, daß dies bei uns nicht vorkommen könne. Fehlbedienung sei ausgeschlossen. Sicher ist ein Kontrollsystem notwendig, das zum Beispiel die Einschaltung eines Reaktors verhindert, wenn nicht alle Einzelsysteme - also auch alle Ventile - in der richtigen Stellung stehen. Ist es aber richtig, einen Reaktor so zu bauen, daß der Mensch bei Störungen überhaupt nicht mehr eingreifen kann? Wir hätten einen Roboter, der seinem Herrn nicht mehr gehorcht. Wie ist es aber dann, wenn möglicherweise das Programm, das zu seiner Konstruktion nötig war, falsch war? - Man wird hier an Goethes Zauberlehrling oder auch an den genannten Roman von Burdick und Wheeler erinnert. - Vielleicht glauben wir zu sehr an die Sicherheit von Computerberechnungen. Der Computer arbeitet aber nach Programmen, die wir ihm eingeben. Im Laufe der Zeit werden solche Programme immer wieder im Detail korrigiert. Geschieht dies häufiger, so kann die Sicherheit des Gesamtprogramms abnehmen, weil es schwer ist, alle Konsequenzen der Korrektur auf das Gesamtprogramm zu testen. Für die Computerprogramme gilt also im Grunde das gleiche, was vorher über technische Großsysteme gesagt wurde.

Der Roman von Burdick und Wheeler zeigt darüber hinaus, daß wir uns auch beim System der Abschreckung keineswegs so sicher fühlen dürfen, sondern mit den gleichen Schwierigkeiten rechnen müssen. Nicht ohne Grund bemühen sich die Großmächte, dem weiteren Wettrüsten einen Riegel vorzuschieben.

"Unsere Welt - ein vernetztes System" heißt eine Ausstellung von Frederic Vester. Sie will zum vernetzten Denken hinführen. Mancher meint, daß das, was auf dieser Ausstellung gezeigt wird, viel zu trivial sei. Die Praxis zeigt aber, daß gerade bei Problemen, von denen das Leben von Millionen Menschen abhängt, dieses vernetzte Denken offenbar nicht in der richtigen Weise praktiziert wird. Wie ist es sonst möglich, daß man im Genehmigungsverfahren von Kernenergieanlagen das Hauptgutachten in Teilgutachten aufspaltet und diese so bearbeiten läßt, daß nur gerichtsverwertbare Aussagen darin Platz haben dürfen. Jedes Teilsystem mag für sich in Ordnung sein. Trotzdem ist - wie gezeigt wurde - die große Katastrophe durch die "Verkettung unglücklicher Umstände" möglich. Die Annahmen, die dazu führen können, werden aber nicht als "gerichtsverwertbar" angesehen. Der Unfall von Harrisburg zwingt uns also, das Gesamtproblem der Sicherheit großtechnischer Anlagen noch einmal neu zu überdenken. Ein Kriterium für die Verantwortbarkeit muß sein, welche langfristigen Folgen auch über unsere eigene Lebensspanne hinaus ein solches Projekt haben kann.

Es gelingt uns nicht, alle möglichen Folgen von Unfällen mit radioaktiven Stoffen vorherzusehen. Vor allem wissen wir nicht, wie spätere Generationen mit den Abfallstoffen umgehen werden. Deshalb muß hier einfach davon ausgegangen werden, wie viel solches Material in die Welt gebracht wird. Bei unserer derzeitigen Art, mit Kernenergie umzugehen, sind die Mengen radioaktiver Substanz im Vergleich zur natürlichen Radioaktivität derartig groß, daß es eigentlich nur noch einen Weg für diese Abfälle geben dürfte: man müßte sie sicher zur Sonne schießen können.

Die Frage nach der Notwendigkeit oderVertretbarkeit von Kernenergieanlagen wird im allgemeinen falsch gestellt, indem man nach den Folgen für unser Wirtschaftssystem fragt. Spätere Generationen werden dies als Argument nicht anerkennen. Man müßte die Frage stellen: Ist das Überleben der Menschheit bei Verzicht auf Kernenergie gefährdet? - Nur, wenn diese Frage nen sein bejaht werden könnte, wäre meines Erachtens das Risiko vertretbar, wie auch der Todkranke das letzte Operationsrisiko auf sich nimmt, wenn er dadurch noch eine kleine Chance des Weiterlebens bekommt.

Bei allen Argumentationen, die darunter liegen, meine ich, daß der weitere Einsatz von Kernenergie nicht zu rechtfertigen ist; denn wir als Industrienation sind durchaus in der Lage, auch in kurzer Zeit andere technische Systeme zu entwickeln, wenn eine Notwendigkeit uns dazu zwingt. Je früher wir anfangen, desto größer ist die Chance, auf dem Weltmarkt mit diesen neuen Technologien eine Führungsrolle zu erlangen.

Energieeinsparung kann uns die dafür nötige Zeit schaffen. Kein Politiker kann heute noch sagen, er habe von den Gefahren nicht gewußt. Je früher wir einen neuen Weg beschreiten, desto vorteilhafter wird es für uns und spätere Generationen sein.

Wir alle wohnen in Harrisburg!

Anmerkungen:
1) Burdick und Wheeler: "Feuer wird vom Himmel fallen", Rütten & Loening Verlag, München (1962).


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