Strategien zum Überleben

Leitartikel von Lothar Schulze
(INFORMATION Zukunfts- und Friedensforschung, Heft 3, 1975)

Das neue Buch von Herbert Gruhl "Ein Planet wird geplündert" 1) wird manchem, der es gründlich liest und nicht gleich voller Zorn beiseitelegt, die Ruhe rauben. Es steht nicht gut um unser "Raumschiff Erde" - Mangel an Rohstoffen und Energie - Hungertod - Kampf aller gegen alle - das ist es, was auf uns zukommen soll.

Gibt es noch einen Ausweg? - Mit welcher Strategie können wir die Krisenentwicklung zum Stehen bringen? - Wo bauen wir die Verteidigungslinie auf?

Erinnern wir uns an ein Beispiel, das vielleicht mancher im Urlaub beobachten konnte. Bauen wir im Bereich der Gezeiten am Meeresstrand einen Wall zu weit unten, so wird die Flut ihn unter Garantie überspülen. Unsere Arbeit war sinnlos. Bauen wir den Wall aber weit genug oben, so können wir Glück haben. Das heißt also, daß wir uns hinreichend weit zurückziehen, also einschränken müssen. Wollen wir aber zuviel aufgeben, so wird uns niemand folgen und es wird keine rechtzeitigen Maßnahmen gegen die Katastrophe geben. Auf jeden Fall verringern sich aber unsere Chancen noch weiter, wenn wir nicht zusammenarbeiten, sondern uns - wieder im Bild gesprochen - gegenseitig die Schaufeln und das Material zum Bauen wegnehmen.

In einer Situation wie Gruhl sie schildert, wird im freien Spiel der Kräfte nichts mehr gehen. Doch die meisten Menschen haben Angst vor einer Steuerung. Muß sie wirklich so bedrückend sein, wie sie uns immer dargestellt wird?

Sehen wir doch nur unseren Körper an. Er beherbergt Organe, auf deren Funktion wir mit unserem Willen keinerlei Einfluß haben. Zum Beispiel arbeiten Herz, Lunge, das Verdauungssystem usw. zur Versorgung und Sicherstellung des Lebens ohne unser Zutun nach Regeln, die im Laufe der Jahrmillionen optimiert wurden. Darüber hinaus können wir aber innerhalb der Grenzen unserer physischen und psychischen Leistungsfähigkeit frei handeln. Wir können unsere Gliedmaßen bewegen. Wir können sehen, hören, riechen, fühlen, denken, sprechen. Wir können uns frei entfalten.

Vielleicht würde es uns weiterhelfen, wenn wir die Menschheitsprobleme dadurch zu lösen suchen, daß wir die "Versorgungswelt" von der "Entfaltungswelt" unterscheiden? - Das würde bedeuten, daß wir versuchen, alles, was mit der Sicherstellung unserer Lebensbedürfnisse zusammenhängt, so rational wie möglich zu gestalten und dabei so sparsam wie möglich zu sein. Dann bliebe für die persönliche Entfaltung noch hinreichend Freiheit. Aber nur, wenn wir uns auf der einen Seite einschränken, können wir mehr Freiheit auf der anderen Seite gewinnen.

Sind das Hirngespinste hoffnungslos naiver Utopisten? - Wenn man liest, was Experten und Politiker 2) äußern, könnte man verzweifeln. Bleibt uns dann nur die Lösung des "Kampfes ums Überleben" einer Region gegen die andere? - Wenn wir uns von vornherein darauf einrichten, verstellen wir uns möglicherweise den Blick für bessere Lösungen.

Obwohl es höchste Zeit ist für einschneidende Maßnahmen zur Abwendung der Gefahr, so ist doch andererseits klar, daß, ganz gleich in welche Richtung wir gehen, eine Lösung nicht von heute auf morgen realisiert werden wird. Es wird also Zeit vergehen. Diese muß ganz dringend für einen intensiven "Denkprozeß" genutzt werden, der die Abkehr vom blinden Fortschrittsglauben ermöglicht. Der Denkprozeß muß die Vorstellungen aller Völker dieser Erde in ihren unterschiedlichen Entwicklungsständen berücksichtigen. Internationale Kooperation ist also erforderlich. Die UNO sollte ein "Internationales Jahr für Fragen der Zukunftsbewältigung" proklamieren. Durch großzügige Finanzierung muß dafür gesorgt werden, daß die Probleme in Teamarbeit angegangen werden können. Menschen, die bereit und in der Lage sind, gründlich und umfassend nachzudenken, müssen hierfür freigestellt werden. Für keine andere Aufgabe ist unser Geld besser angelegt.

Wenn eine solche Aktion Erfolg haben soll, dann müssen allerdings die richtigen Menschen gefunden werden. Sie müssen auch mit dem richtigen Werkzeug arbeiten und nicht mit Theorien aus längst vergangenen Epochen - sei es Adam Smith, sei es Karl Marx. Die große Gefahr scheint mir zu sein, daß die umfassende Lösung durch die "Sachkenntnis von Experten" zertrampelt werden könnte, von solchen, die nicht in der Lage sind, neue Perspektiven zu entwickeln, aber umso besser verstehen, sich in den Vordergrund zu schieben.

1) Siehe unser "Aktuelles Interview" und die Buchbesprechung auf Seite 160.
2) Siehe z. B. die Beiträge von Schlesinger (S.149) und Kissinger (S.137) in diesem Heft.


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