Die Revolution findet im Computer statt

von Günther Frisch (Pseudonym von Lothar Schulze)
Leitartikel aus der Zeitschrift 'Information - Zukunfts- und Friedensforschung,
Heft 4, 1974


Das neue Weltmodell von Pestel und Mesarovic gestattet uns - im Gegensatz zu dem vergleichsweise starren Modell von Meadows - eigene Annahmen über mögliche Entwicklungen in der Form von sogenannten Szenarios einzugeben. Der Computer sagt uns dann, was unter Berücksichtigung aller sonstigen - nicht durch unser Szenario beeinflußten - Fakten die Konsequenzen sein können. Die Welt wird in zehn Regionen aufgeteilt, in denen wiederum die einzelnen Problembereiche wie Wirtschaft, Rohstoffe, Bevölkerung usw. gewissermaßen als Bausteine vorhanden sind und je nach Problemstellung kombiniert werden können. Wir können also die möglichen Menschheitskatastrophen am Computer durchspielen - oder auch die Rettung der Menschheit - wenigstens für die nächsten 50 Jahre. Die verschiedenen Strategien hierfür können wir erproben. Sind es konventionelle Methoden, sind es beängstigend neue? - Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen. Die Revolution findet nur im Computer statt. Keinem Menschen wird dabei ein Haar gekrümmt. Auch die 500 Millionen Kinder, die nach einem Szenario der Autoren in Südasien mehr sterben müssen, wenn effektive Maßnahmen zur Bevölkerungsbeschränkung erst 1995 statt 1975 wirksam werden, sind zunächst nur durch eine schön geschwungene Kurve dargestellt.

Der Computer hat uns aber die Unschuld genommen. Bisher konnten wir traurig sein über die großen Hungerkatastrophen in dieser Welt. Wir konnten auch echte Opfer bringen für "Brot für die Welt", im übrigen aber uns sagen, daß wir es im Großen ja nicht ändern können, daß es offenbar unabwendbares Schicksal sei.

Doch jetzt können wir viele Strategien in verhältnismäßig kurzer Zeit erproben. Wir können das große Sterben mindern, ehe es Realität geworden ist. Einige Erkenntnisse sind bereits veröffentlicht. Noch ist aber die Frage nicht gestellt: Geht es viel besser, wenn wir das Problem ganz anders anpacken?

Das Buch "Menschheit am Wendepunkt" enthält sehr viele mutige Worte. Hierfür sei den Verfassern besonderer Dank gesagt. Darf es aber, wie auf Seite 94 zu lesen ist, zweifelhaft bleiben, ob eine total gesteuerte Wirtschaft die Krisen bewältigen könnte? Vielleicht sehen die im Jahr 2025 noch Überlebenden eine "Optimierungswirtschaft" *), die der "Kriegswirtschaft" ähnelt, als ihre einzige Chance an. Vielleicht wird dies aber auch nicht funktionieren - immerhin können wir es prüfen.

Fragen wir unser Computer-Modell doch einmal, welche Möglichkeiten es dann noch gibt im Jahre 2025 - oder 25 Jahre früher - oder gar 50 Jahre früher?

Haben wir Angst, es könnte sich bei solchen "Spielereien" zeigen, daß noch viel bessere Wege möglich sind, den heute Lebenden und unseren Nachkommen Leid und allzu frühen Tod zu ersparen, wenn wir z. B. innerhalb der nächsten 10 Jahre zu einer Änderung kommen, die von uns vielleicht nicht einmal ein schlechteres Leben, sondern nur ein anderes (ja vielleicht in Hinblick auf höhere Werte sogar ein besseres) Leben verlangt. Was hindert uns daran, solche Szenarios zu entwerfen und durchzuspielen? - Haben wir Angst davor, zu den Konsequenzen dann doch nicht die Kraft zu haben? Erscheinen uns dann im Traum vor unserem Gewissen - die vielen Hunderte von Millionen Menschen, die in Elend und Hoffnungslosigkeit leben werden, die ein zu früher Tod dahinraffen wird - und wir können dann nicht mehr sagen: Wir haben keine Lösung gewußt.

Die Methoden für eine Simulation der Weltprobleme im Computer sind von Pestel, Mesarovic und ihren Mitarbeitern geschaffen worden. Auch viele andere Wissenschaftler in dieser Welt geben uns die Werkzeuge in die Hand.

Wenn wir sie nicht nutzen und nicht bereit sind, wenigstens im Gedankenexperiment auch Grenzen zu überschreiten, die mit Tabus belegt sind, laden wir als Wissende große Schuld auf uns; denn noch kann die Revolution im Computer stattfinden. Sie kostet nur unsere geistige Anstrengung und Rechenzeit, aber kein Blut. Unsere Welt ist Milliarden Jahre alt. Sie sollte auch noch sehr lange Zeit dem Menschen eine Heimat sein. Dann muß aber jede Generation ihr gesamtes Wissen nutzen, um den Folgegenerationen gesunde Lebensbedingungen zu hinterlassen.

Doch Schreiben ist eins, Handeln ein anderes. Ich glaube, wir brauchen in der nächsten Zeit viel Mut zu diesem Handeln, damit es von uns dereinst nicht heißen wird:
- Gewogen und zu leicht befunden!
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*) Unter "Optimierungswirtschaft" in diesem Sinne wäre die Aufgabe zu verstehen, mit einem Minimum an Arbeitskraft, Rohstoff- und Energieverbrauch bei geringstmöglichem Eingriff in das Gleichgewicht der Natur die lebensnotwendigen Güter zu produzieren und gerecht - nicht unbedingt gleichmäßig - zu verteilen. Diese lebensnotwendigen Güter sollen dann mehr Gebrauchs- statt Verbrauchsgüter sein. Hierfür werden die Arbeitskräfte eingesetzt, die tatsächlich benötigt werden. Die restlichen beschäftigt man dann nicht - wie im Kriege an Tötungsmaschinen, sondern z. B. mit "Verschönerungsarbeiten", worunter hier Arbeiten verstanden werden, bei denen nur unwesentliche Mengen von Rohstoffen und Energieträgern verbraucht werden. Der "Kostenfaktor" würde bei diesem System durch dirigistische Maßnahmen ausgeschaltet.


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