Planstellen für das Jahr 3000

von Günther Frisch (Pseudonym von Lothar Schulze)
Leitartikel aus 'Information - Zukunfts- und Friedensforschung, 13, Heft 1/2, Juni 1977


Die Bundesrepublik Deutschland ist in bezug auf das Bruttosozialprodukt pro Kopf eines der reichsten Länder der Erde. Trotzdem bereitet uns die Arbeitslosigkeit großes Kopfzerbrechen, und die Regierung unternimmt viel, um sie zu mindern.

Auch das Energieprogramm soll neue Arbeitsplätze schaffen bzw. die vorhandenen sichern helfen. Dabei wird von den Vertretern der Energieversorgungsunternehmen nicht mehr so oft wie früher behauptet, daß es ohne Kernenergie gar nicht gehe, sondern daß diese billiger sei als Energie aus Kohlekraftwerken. Das soll auch dann zutreffen, wenn der Uranpreis weiter steigt und verschärfte Sicherheitsauflagen Bau und Unterhaltung der Kernkraftwerke verteuern.

Es sollen hier nicht alle Aspekte des Für und Wider der Kernenergie erörtert werden, doch gibt es einige Argumente, die so schwerwiegend sind, daß, wenn wir sie akzeptieren, das Kernenergiekonzept infrage gestellt wird. Wie sieht es zunächst mit der Arbeitsplatzsicherung aus? Keinesfalls besteht ein logischer Zusammenhang zwischen Energiebereitstellung und Arbeitsplätzen. Wenn neue Bedürfnisse geweckt werden und dadurch die Produktion sich erhöht, können mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Genausogut können aber auch durch mehr Energie und Rationalisierungsmaßnahmen andere Arbeitsplätze beseitigt werden. Es dürfte beides geschehen. Was überwiegt, hängt von anderen Kriterien ab, nicht von der Frage, ob wir Kernenergie erzeugen wollen oder nicht.

Wie steht es aber mit den Wirtschaftlichkeitsberechnungen? Es kann hier keine vollständige Kosten-Nutzen-Analyse vorgelegt werden. Sie ist auch noch nie von einem Betreiber von Kernenergieanlagen vorgelegt worden, weil das ganz einfach unmöglich ist.

Schon bei einem Kohlekraftwerk ist das nicht einfach. Wenn aber später das Werk stillgelegt und abgebaut wird, kann man einen Schlußstrich ziehen. Wir können dann sagen, was die Kilowattstunde gekostet hat. Allerdings läßt sich die Tatsache nicht in Geldwert ausdrücken, daß wir das Kapital, das allen Menschen gehört auch allen späteren Generationen nämlich die fossilen Brennstoffe um einen beträchtlichen Teil vermindert haben. Nun gut, die Menschheit ist eben wieder etwas ärmer geworden!

Bisher war es das Bemühen eines guten Familienvaters, den Kindern mehr zu hinterlassen, als er selbst von seinen Eltern geerbt hatte. Schulden zu vererben, weckt keine guten Gefühle bei den Hinterbliebenen. Der Rückgriff auf das Kapital dieser Erde (Energie, Rohstoffe, ökologisches Gleichgewicht) bedeutet aber letztlich das gleiche. Es muß zugegeben werden, daß wir uns heute in Sachzwängen befinden, die eine kurzfristige und grundlegende Änderung der Situation verhindern. Zu einer Milderung können wir aber beitragen.

Ziehen wir also mit diesen Einschränkungen einen Schlußstrich unter die Bilanz der Kohleenergie!

Bei der Kernenergie können wir diesen Schlußstrich nicht ziehen; denn selbst, wenn wir nach einer Betriebszeit von vielleicht 30 Jahren das Werk abbauen können, bleibt doch noch der radioaktive Abfall. Aber schon der Abbau des Werkes dürfte wegen der Radioaktivität sehr schwierig werden. Existieren hierüber Angaben in Sicherheitsberichten?

Mit der Produktion des radioaktiven Abfalls schaffen wir heute aber Planstellen für das Jahr 3000 und weiters Jahrtausende, oder - härter ausgedrückt - wir machen Menschen späterer Generationen zu unseren Sklaven, die dann arbeiten müssen, damit wir uns unseren Wohlstand leisten können, ohne daß sie selbst Vorteile davon haben.

Unsere Kosten-Nutzen-Analyse müssen wir nämlich immer weiter verlängern. So steht z.B. für das Jahr 3000 wie in den Jahren vorher und nachher auf der Kostenseite unter anderem: "Gehalt für Personal zur Bewachung radioaktiver Abfälle des 20.Jahrhunderts" und auf der Nutzenseite steht: "Kein Nutzen!"; denn es ist kaum vorstellbar, daß das, was unsere Wohlstandsgesellschaft heute schafft und das nur zu einer auf Wachstum ausgerichteten Lebensform paßt, als 'ewiger Wert' anzusehen ist. Nur dann könnte dieses Erbe in der Welt des Jahres 3000, in der das Wachstum keine Rolle mehr spielen wird, in der Nutzenspalte eingetragen werden, um unsere Schuld gegenüber der Nachwelt zu verringern.

Wohlgemerkt heißt es heute kaum noch, daß es ohne Kernenergie nicht gehe, sondern nur, daß sie billiger sei. Wir handeln also nicht aus schicksalhaftem Zwang, sondern verlagern bewußt oder unbewußt die Kosten, die zur erheblichen Verteuerung der Kernenergie führen, auf unsere Erben, die uns dafür nicht mehr zur Rechenschaft ziehen können. Nur in den Geschichtsbüchern dürfte wenig Schmeichelhaftes über uns zu finden sein.

Mancher mag solche Argumentationen für absurd halten, spätere Generationen aber bestimmt nicht. Wir haben es einfach noch nicht gelernt, daß wir nicht nur für unsere leiblichen Kinder, sondern auch für Menschen in viel größerem zeitlichen Abstand verantwortlich sind, wenn unsere Maßnahmen die Welt für solche Zeiträume verändern. Auch die Menschen des Altertums haben Wüsten geschaffen. Sie überblickten aber die Folgen ihres Handeln nicht. Unsere Schuld gegenüber der Nachwelt kann viel größer werden, da wir die Folgen in gewissem Umfang übersehen können.

Wer heute sein Ja für die Entwicklung der Kernenergie in der bisherigen Form abgeben will, möge sich im Gedankenexperiment prüfen, ob und mit welchen Argumenten er bereit wäre, seine Entscheidung vor einem Tribunal des Jahres 3000 zu rechtfertigen und welche davon dann noch Bestand haben dürften, auch, wenn die heutige Situation berücksichtigt würde. Hier steht der Inhalt Text Text


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