ZWIEDENKEN, eine Gefahr für den Frieden

Aktuelle Betrachtungen im Jahre "1 vor ORWELL"
(aus BLICKPUNKT ZUKUNFT, 3, Ausgabe 7, Mai 1983)

Vorbemerkung: Dieser Beitrag stammt aus dem Jahre 1983. Er sollte aber auch heute noch unsere Beachtung finden. Die Gefahr des Kernwaffenkrieges wird uns gerade jetzt durch die Probleme mit dem Iran deutlich. Weiterhin habe ich in manchen meiner schriftlichen Äußerungen auf Orwells Gedanken zum ZWIEDENKEN hingewiesen, häufiger von 'Gedankenverbrechen' und 'Verbrechenstop' gesprochen. Weiter dürften auch die Überlegungen zu einer besseren Demokratie interessant sein.


Gut ist böse- böse ist gut
Drohung bedeutet Friedensliebe
Überlegenheit ist Gleichgewicht
Aufrüstung bringt Abrüstung
Unsicherheit ist Sicherheit

Orwells berühmter Roman, den er 1948 schrieb, spielt im Jahre 1984, wobei Orwell einräumt, daß man das Datum nicht so genau wissen könne, da im Machtblock OZEANIEN die Geschichte ständig gefälscht wird. Heute leben wir also im Jahre "1 vor ORWELL". Es mag manchen oberflächlichen Leser beruhigen, daß zumindest die materiellen Bedingungen unseres Lebens erheblich besser sind, als Orwell sie annimmt. Wir leben auch glücklicherweise nicht in solch grausamer Diktatur mit Folter und totaler Überwachung durch Televisoren.

Wer allerdings das, was Orwell schildert, nicht als ein reales Bild sondern als Symbol auffaßt, findet auch schon heute bei uns manches, das uns an die Orwellsche Welt erinnert. In diesem Beitrag will ich aber nicht versuchen, alle Parallelen zwischen unserer Welt und der aus Orwells Roman aufzuzeigen, sondern mich nur mit einer Gruppe von Begriffen befassen, von denen der eine - das ZWIEDENKEN - allerdings eine zentrale Rolle spielt. Ich will darstellen, daß auch bei uns das Zwiedenken bereits verbreitet ist - und zwar schon seit längerer Zeit - und will versuchen, deutlich zu machen, welche Gefahr für den Frieden daraus erwächst.

Dem Hauptziel, das die Menschheit heute verfolgen muß - nämlich den Fortbestand des Lebens auf dieser Erde zu sichern - wäre allerdings wenig gedient, wenn ich nur die Gefahren einer falschen Denkweise aufzeigte und nicht auch nach besseren Wegen in die Zukunft fragte. Deshalb will ich mich u.a. auch mit Jonathan Schells Buch "Das Schicksal der Erde" beschäftigen (Piper Verlag, München, 1982, DM 19,80). Der Rahmen des Themas ZWIEDENKEN muß dann gesprengt werden. Das WEITERDENKEN wird eine Rolle spielen, bei dem es weniger auf eine vollständige wissenschaftliche Theorie als auf den Einsatz des gesunden Menschenverstandes ankommt.

Was versteht Orwell unter Zwiedenken?

Das ZWIEDENKEN ist mit zwei weiteren Begriffen der sogenannten NEUSPRACHE verbunden, die wir ebenfalls kennen müssen. Es sind dies VERBRECHENSTOP und SCHWARZ- WEISS.

Das Denkgebäude, dem sie zugehören, wird im Roman zweimal aufgebaut. Einmal werden die Begriffe von Winston Smith erläutert und ein zweites Mal in "Goldsteins Buch", von dem zwei Kapitel abgedruckt sind. Hier werden die Überlegungen von Winston Smith bestätigt. Es lohnt sich durchaus, alle Äußerungen aus dem Roman zu kennen; denn sie tauchen in Variationen auf. Im Rahmen dieses Aufsatzes muß ich die Zitate jedoch beschränken. Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ullstein-Taschenbuchausgabe Nr. 3253, 1982, DM 7,80.

Verschaffen wir uns zunächst einen Überblick: Charakteristisch für das Zwiedenken sind die drei Wahlsprüche der Partei:


Krieg bedeutet Frieden
Freiheit ist Sklaverei
Unwissenheit ist Stärke


Aber auch die Namen der vier Ministerien, unter die der gesamte Regierungsapparat aufgeteilt ist, können als Beispiel dafür stehen:

Eine wesentliche Aufgabe des WAHRHEITSMINISTERIUMS ist die fortlaufende Geschichtsfälschung, mit der auch Winston Smith, die Hauptperson in Orwells Roman, beschäftigt ist.

Das FRIEDENSMINISTERIUM (siehe auch S. 199f) ist für die Führung des Krieges zuständig, den es in OZEANIEN immer gibt.

Das MINISTERIUM für LIEBE sorgt für "Gesetz und Ordnung". Ihm untersteht die GEDANKENPOLIZEI. In seinen Mauern finden die Folterungen statt.

Als viertes Ministerium befaßt sich das MINISTERIUM für ÜBERFLUSS mit den Rationierungen, die wegen der Knappheit der wichtigsten Lebensgüter immer wieder nötig sind.

Das Zwiedenken ist, wie erwähnt, ein Begriff der Neusprache, deren Wortschatz und Regeln so gestaltet sind, daß falsche Gedanken - im Sinne der Parteidoktrin - gar nicht ausgedrückt werden können. Neben der VERWANDLUNG der VERGANGENHEIT (Geschichtsfälschung) gehört es zu den heiligen politischen Grundsätzen der Partei. Abweichungen sind GEDANKENVERBRECHEN, die schlimmsten Verbrechen in OZEANIEN. Sie ziehen nicht den Tod nach sich. Sie sind bereits der Tod, wie Winston Smith es ausdrückt. Doch davor schützt normalerweise VERBRECHENSTOP (S. 195)

"VERBRECHENSTOP bedeutet die Fähigkeit, gleichsam instinktiv auf der Schwelle jedes gefährlichen Gedankens haltzumachen. Es schließt die Gabe ein, ähnliche Umschreibungen nicht zu verstehen, außerstande zu sein, logische Irrtümer zu erkennen, die einfachsten Argumente mißzuverstehen, wenn sie engsozfeindlich (ENGSOZ = die Ideologie von OZEANIEN ) sind und von jedem Gedankengang gelangweilt oder abgestoßen zu werden, der in eine ketzerische Richtung führen könnte. VERBRECHENSTOP bedeutet, kurz gesagt, schützende Dummheit." Der zweite Begriff ist SCHWARZWEISS, zu dem wir folgende Erläuterung finden (S. 196):

"Wie so viele Neusprachworte hat dieses Wort zwei einander widersprechende Bedeutungen. Einem Gegner gegenüber angewandt, bedeutet es die Gewohnheit, im Widerspruch zu den offenkundigen Tatsachen unverschämt zu behaupten, schwarz sei weiß. Einem Parteimitglied gegenüber angewandt, bedeutet es eine redliche Bereitschaft, zu sagen, schwarz sei weiß, wenn es die Parteidisziplin erfordert. Aber es bedeutet auch die Fähigkeit zu glauben, daß schwarz gleich weiß ist, und darüber hinaus zu wissen, daß schwarz weiß ist, und zu vergessen daß man jemals das Gegenteil geglaubt hat. Das verlangt eine ständige Änderung der Vergangenheit, die durch das Denkverfahren ermöglicht wird, das in Wirklichkeit alles übrige einschließt und in der Neusprache als ZWIEDENKEN bekannt ist."

Hierüber schreibt Orwell (S. 34f):
"Zu wissen und nicht zu wissen, sich des vollständigen Vertrauens seiner Hörer bewußt zu sein während man sorgfältig konstruierte Lügen erzählte, gleichzeitig zwei einander ausschließende Meinungen aufrechtzuerhalten, zu wissen, daß sie einander widersprachen, und an beide zu glauben; die Logik gegen die Logik ins Feld zu führen; die Moral zu verwerfen, während man sie für sich in Anspruch nahm zu glauben Demokratie sei unmöglich, die Partei jedoch die Hüterin der Demokratie; zu vergessen, was zu vergessen von einem gefordert wurde, um es sich dann, wenn man es brauchte, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, und es hierauf erneut prompt wieder zu vergessen; und vor allem, dem Verfahren selbst gegenüber wiederum das gleiche Verfahren anzuwenden. Das war die äußerste Spitzfindigkeit: bewußt die Unbewußtheit vorzuschieben und dann noch einmal sich des eben vollzogenen Hypnoseaktes nicht bewußt zu werden. Allein schon das Verständnis des Wortes ZWIEDENKEN setzte eine doppelbödige Denkweise voraus."

An anderer Stelle lesen wir noch dazu (S. 76):
"Nicht nur der Wert der Erfahrung, sondern überhaupt das Vorhandensein einer gegebenen Wirklichkeit wurde von der Philosophie der Partei stillschweigend geleugnet. Die größte aller Ketzereien war der gesunde Menschenverstand."

Gewissermaßen als Fazit schreibt Orwell (S. 200):
"Wenn die Gleichheit der Menschen für immer vermieden werden soll - wenn die Oberen wie wir sie genannt haben, dauernd ihren Platz behaupten sollen -, dann muß die vorherrschende Geistesverfassung staatlich beaufsichtigter Irrsinn sein."

Wo finden wir ZWIEDENKEN heute?

Die Zitate zeigen, daß Zwiedenken einerseits ein bewußter Vorgang ist; zum anderen sind auch bei uns die Menschen so daran gewöhnt, daß sie gar nicht merken, wenn sie es anwenden. Ich will versuchen, einige Beispiele hierfür aufzuzeigen, wobei die Aufdeckung in Orwells Staat als GEDANKENVERBRECHEN geahndet würde. - Warum wagen es aber auch bei uns viele nicht, die Dinge beim Namen zu nennen?

Zwiedenken findet sich nicht nur in einem Staat oder in einem Machtblock. Wahrscheinlich lassen sich für alle Beispiele, die wir bei uns finden, die entsprechenden im Ostblock aufzeigen. Wenn wir aber die Gefahren des Zwiedenkens vermindern wollen, dürfen wir unser Fehlverhalten nicht mit dem der anderen Seite rechtfertigen wollen.

Gut ist böse- böse ist gut

Allgemein gilt das Gebot: Du sollst an der Wahrhaftigkeit der Politiker Deiner Regierung nicht zweifeln denn das wäre Nestbeschmutzung. - Es gilt aber auch: In der Politik ist lügen erlaubt, wenn es um die Sache geht. - Doch nicht nur die bewußte Lüge (SCHWARZWEISS) sondern auch die unterschiedliche Bewertung machen gut zu böse und böse zu gut:

Die USA prangern das militärische Engagement der Sowjets in Afghanistan an, wo die Rechte der Bevölkerung mit Füßen getreten werden. Gleichzeitig unterstützen sie die diktatorischen Regimes in Mittelamerika, bei denen Mord und Menschenrechtsverletzungen ebenfalls an der Tagesordnung sind.

Bei der Sowjetunion zeigt sich das Zwiedenken ebenso, indem sie ihr Engagement in Afghanistan rechtfertigt und das der USA in Mittelamerika verurteilt.

Die DDR lobt die 'Friedenskämpfer' in der Bundesrepublik und geht scharf gegen die Friedensbewegung in ihrem eigenen Staat vor. Bei uns ist es umgekehrt. Nur sind die Folgen nicht so massiv. Zur Abschreckung beginnt man, für den Polizeieinsatz bei Demonstrationen zu kassieren.

Es gilt auch für beide Seiten, daß die eigenen Atomraketen für gut angesehen werden, da sie nur der Verteidigung dienen sollen, während die "bösen" der Gegenseite für einen Angriff vorgesehen seien.

Jede der beiden Großmächte maßt sich an - als Vertreterin des Guten auf dieser Erde - im Namen des höheren Zieles Dinge tun zu dürfen, die anderen verboten sind und als unmoralisch gelten - z.B. die Produktion von Plutonium für Waffen. Wer die "Gesammelten Tiergeschichten" von Manfred Kyber kennt, wird da wohl an den "Oberaffen" erinnert, der all das darf, was er den anderen verboten hat; denn, wenn er es tut so tut er es amtlich; denn er ist der Oberaffe. - Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder heute existierenden Institutionen sind allerdings rein zufällig, denn Manfred Kyber ist schon 50 Jahre tot.

Für die Großmächte gilt immer noch die Regel: Macht geht vor Recht! - Es wird nur immer wieder versucht, als Recht zu interpretieren, was man auf Grund der Macht durchgesetzt hat. Viele andere Staaten machen es den Großmächten nach. Wo bleibt hier der Grundsatz: Vor dem Gesetz sind alle gleich?

Typisches Zwiedenken zeigt sich auch im folgenden: Wir behaupten: Die Regierung der Vereinigten Staaten sei trotz einiger kleiner Fehler - Repräsentant eines Staatswesens, das als Hüterin der Menschenrechte anzusehen sei, vor allem von Freiheit und Menschenwürde.

Die Regierung der Sowjetunion dagegen gilt im Westen als Ausgeburt des Bösen, die Freiheit und Menschenwürde mit Füßen tritt, die versucht, die Welt unter ihre Herrschaft zu bringen. Die Regierungen der UdSSR und ihrer Verbündeten werden also als moralisch minderwertiger eingeschätzt als die der USA und ihrer Verbündeten.

Beide Blöcke sind hochgerüstet. Im Grunde weiß jede Seite, daß es mit der Rüstung nicht so weitergehen kann. Die USA verlangen aber von den Sowjets, daß sie Vorleistungen erbringen, um zu beweisen, daß sie es ehrlich meinen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ist die Sowjetunion moralisch so minderwertig, dann können wir nicht erwarten, daß sie den ersten Schritt tut. Wenn man aber die Abrüstung an eine Bedingung knüpft, die der andere nicht erfüllen kann sollte man lieber ehrlich sagen, daß man sie selbst nicht will.

Täte dagegen die Sowjetunion einen ersten Schritt, so wäre das eine moralisch höherstehende Leistung, als wir sie uns selbst zumuten wollen. Da aber nach unserem feststehenden Urteil die Sowjets schlecht sind, kann eine solche Vorleistung nur eine Finte sein, und wir dürfen uns nicht darauf einlassen.

Drohung bedeutet Friedensliebe

Jeder Politiker betont seine Friedensliebe. Jedoch gehen die Vorstellungen, wie man den Frieden sichern kann, weit auseinander. Bei den Militärs und den meisten Politikern der großen Parteien baut man auf die Politik der Stärke, also auf eine Politik, wie sie von den Großmächten praktiziert wird. Sicher will keine von ihnen die Kernwaffen bewußt einsetzen; denn sie wissen, daß dies den Untergang bedeutet. Man glaubt aber, daß man mit der Drohung der eigenen Militärmacht den Gegner von politischer Erpressung und kriegerischen Handlungen abschrecken könne und nimmt die Gefahr der Katastrophe in Kauf.

Wer die Drohung abschwächt, gefährdet dieses System. Deshalb sieht man in Friedensdemonstranten und Kriegsdienstverweigerern die größte Gefahr für den Frieden. Bei solcher Argumentation scheint es sogar glaubhaft daß Präsident Reagan in der Steigerung des Rüstungsetats um 14% eine ebenso große Steigerung seiner Friedensliebe sieht. Um dies nachzuvollziehen, muß man allerdings ein geübter Zwiedenker sein.

Solche bringen es auch fertig, gleichzeitig zu behaupten, daß sie militärisch überlegen seien - um die Abschreckung glaubhaft zu machen - und unterlegen - um weitere Mittel für die Rüstung bewilligt zu bekommen.

Überlegenheit ist Gleichgewicht

Das sogenannte Gleichgewicht der Abschreckung versucht man durch "Raketenzählen" zu prüfen, obwohl jeder weiß daß dies nicht möglich ist, weil die Systeme zu unterschiedlich sind. Selbst, wenn man eine technische Vergleichsbasis gefunden hätte, spielt immer noch - wie beim Schachspiel - die geostrategische Lage des Landes eine Rolle. Diese ist für die UdSSR, die USA und Europa völlig verschieden.

Da nie genau gesagt werden kann, wie ein möglicher Krieg verlaufen würde, versucht jeder, für seine Strategie und für seine technischen Möglichkeiten ein beachtliches Plus herauszuholen, wenn er behauptet, daß jetzt Gleichgewicht herrsche. Genau dies ist auch bei den Verhandlungen um die Mittelstreckenraketen festzustellen. - Genaugenommen scheinen mir Planungen über einen möglichen Atomkriegsverlauf ebenso irrsinnig, als wenn ein zum Tode Verurteilter Überlegungen anstellt durch welche Straßen er zur Hinrichtungsstätte gefahren werden möchte.

Doch noch eine Bemerkung zum Gleichgewicht: Wie würde man die Lage beurteilen, wenn die UdSSR so viele Raketen, wie England sie hat, z.B. an die Tschechoslowakei geben würde und so viele, wie Frankreich hat, z.B. an Bulgarien, und wenn sie dann über den Rest der SS 20 mit dem Ziel einer "Null-Lösung" mit den USA verhandelte. - Gewiß sind die Machtverhältnisse nicht spiegelbildlich gleich, so daß ein solches Gedankenspiel anfechtbar ist. Wer wollte aber ernsthaft glauben, daß ein Atomkrieg möglich sei, bei dem Frankreich und England auf westlicher Seite nicht beteiligt wären und ihre Grenzen gegen den radioaktiven fall- out hermetisch abdichten könnten.

Aufrüstung bringt Abrüstung

Vor einiger Zeit wurde im Fernsehen ein Ausschnitt aus einem 1959 aufgenommenen Interview mit Konrad Adenauer gezeigt. Es ging um das Problem der Abrüstung. Auch er betonte, daß er sie wolle. Sie habe aber nur Aussicht auf Erfolg, wenn vorher ein "Gleichgewicht" erreicht sei. Wie bereits gezeigt, wird dieses aber von beiden Seiten unterschiedlich beurteilt. Jeder meint auch, nur aus der "Position der Stärke" heraus den anderen zur Abrüstung veranlassen zu können. Also wird aufgerüstet. Inzwischen sind seit dem Adenauerinterview fast 25 Jahre vergangen. Wir sind der Abrüstung keinen Schritt näher gekommen. Im Gegenteil - die Rüstung ist gewaltig angestiegen.

Oberflächlich betrachtet, könnte die sogenannte 'Nachrüstung' als ein kleiner Schritt in die richtige Richtung angesehen werden, da erst verhandelt werden soll. Kann man aber an ein ehrliches Interesse am Erfolg glauben, wenn beide Seiten zu Führern der Verhandlungsdelegationen Personen bestellt haben, die als am wenigsten kompromißbereit gelten? - Wo ist der Abrüstungswille zu erkennen, wenn gleichzeitig die Rüstungsausgaben gewaltig gesteigert werden und Präsident Reagan sagt, daß er den USA wieder eine Vormachtstellung geben wolle?

Unsicherheit ist Sicherheit

Alles das, was uns Politiker und Militärs an Waffen die besser als Massenvernichtungsmittel zu bezeichnen wären - hinstellen, soll der Sicherheit dienen. Diese Systeme können aber jederzeit durch Fehleinschätzung der Lage, durch technische Fehler, durch eine "Verkettung unglücklicher Umstände" oder auch bewußt zur Funktion gebracht werden. Diese "Sicherheit" scheint mir eine Karikatur, die ich neulich sah, am besten zu verdeutlichen: Es war unser Globus abgebildet. Die USA und die UdSSR - dargestellt durch je einen Soldaten - hatten Raketen hoch übereinander getürmt und balancierten darauf, um sich die Hand zu reichen. Kann man sich sicher fühlen, wenn man auf einem labil aufgetürmten Haufen von Raketen steht? Man kann sich ja nicht einmal gegen Störungen durch Dritte schützen! Und wenn unsere Schutzvorrichtungen versagen, kann das System die ganze Welt vernichten.

Die Schöpfer dieser "Weltuntergangsmaschinen" sprechen auch noch von Verteidigung. Wie werden Hamburg und die Bundesrepublik verteidigt, wenn Hamburg von einer Atomrakete getroffen wird? Es ist doch völlig gleichgültig, aus welcher Richtung die Vernichtung kommt! Wer denkt normal? - Wer sich sicher oder wer sich unsicher fühlt?

Warum gefährdet ZWIEDENKEN den Frieden?

Die Gefährdung des Friedens durch das Zwiedenken wurde wohl schon an den genannten Beispielen erkennbar. Hier will ich versuchen, dies noch etwas deutlicher zu machen: Es handelt sich darum, daß Fakten unterschiedlich gesehen und bewertet werden, je nachdem, ob sie sich auf das eigene Land (oder den eigenen Block) beziehen oder auf den möglichen Gegner. Zu begrüßen wäre es, wenn man sich dabei bemühte, die Probleme aus der Perspektive des anderen zu erkennen. Dann wäre nämlich ein gegenseitiges Verstehen denkbar. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Fakten der jeweils anderen Seite werden aus der eigenen Perspektive und zusätzlich noch über einen Zerrspiegel betrachtet.

Der amerikanische Psychiater Jerome D. Frank hat bereits im Jahre 1959 in der Zeitschrift "Atomzeitalter" (Heft 2, S. 13f) über die "Psychopathologie des Wettrüstens" geschrieben. In dem Beitrag vergleicht er das Verhalten von Nationen - mit gewissen Vorbehalten - mit dem Verhalten von Geisteskranken. So lesen wir z.B.: "Die UdSSR und die USA gründen wie paranoide Menschen ihre Außenpolitik auf die Voraussetzung, daß der andere sofort angreifen würde, wenn er glaubt, es wagen zu können. Also verhalten sich beide so, daß der Angriff in der Tat immer wahrscheinlicher wird."

Als Ursache werden zwei Verhaltensmuster genannt, die in der Psychiatrie 'Verdrängung' und 'Wiederholungszwang' heißen. Frank schreibt: "Der Begriff 'Verdrängung' bezeichnet den Versuch des Patienten, eine Bedrohung durch Leugnung abzutun. Allgemein ist es selbstverständlich so, daß jeder Mensch glaubt, er persönlich würde auch einen Atomkrieg ungeschoren überstehen und er also nicht zu den statistischen Millionen von Opfern zählen."

So finden wir das typische Zwiedenken im folgenden: Auf der einen Seite wird dem besorgten Bürger mit einer schon seherisch anmutenden Überzeugungskraft von Politikern eingeredet, daß es keinen Atomkrieg geben werde. Die einzige Gefahr für den Frieden seien die Friedensdemonstranten. (Verdrängung) - Zum anderen wird mit großem Engagement an der technischen Perfektionierung von Waffensystemen gearbeitet, die nur der Abschreckung dienen dürfen. Ihr wirklicher Einsatz bedeutete den Untergang. - Für die Abschreckung hätten aber erheblich billigere Attrappen die gleiche Wirkung, wenn sie nur für echt gehalten würden. - Doch immer mehr echte Raketen werden produziert. Frank nennt solches Verhalten den 'Wiederholungszwang':

"Noch beunruhigender als die Neigung, die Existenz des Problems als nicht existent darzustellen, die Gefahren des atomaren Wettrüstens zu verdrängen ist die Tatsache, daß die Gefahr dadurch gelöst werden soll, daß man sie verstärkt. ....... Der Patient klammert sich an die falschen Lösungen des Problems, weil er fürchtet irgend etwas aufzugeben. Je ängstlicher, desto starrer. Je bedrohlicher das Wettrüsten, desto fanatischer werden neue Vernichtungsmittel entwickelt und produziert, desto unfähiger scheint man für Alternativen zu sein."

Das Rezept der Abschreckung setzt eine Teufelsspirale in Gang, aus der ein Ausbrechen sehr schwer ist: Angst verursacht weitere Rüstung, und diese erhöht die Kriegsgefahr. Das führt wieder zu verstärkter Angst usw. Mit der Abschreckung hofft man dabei, den Ausbruch eines Krieges auf jeder Stufe der Rüstung verhindern zu können. Abschreckung muß aber glaubwürdig sein, wenn sie wirken soll. Man muß also bereit sein, notfalls die Zerstörung unseres Erdballs auch einzuleiten.

Unter der Voraussetzung, daß das Bedienungspersonal für die Atomraketen nicht wahnsinnig ist, dürfte das aber nur unter zwei Voraussetzungen denkbar sein: Einmal muß man ein Feindbild schaffen, das so furchtbar ist, daß man mit einigermaßen ruhigem Gewissen die Ausrottung einleiten kann. Zum anderen muß man glauben, daß für das eigene Volk eine Chance zum Überleben vorhanden sei. Sowohl in Bezug auf das Feindbild als auch auf die Bewertung der Kernwaffenwirkung finden wir also das typische Zwiedenken, indem wir die gleichen Fakten in Bezug auf den möglichen Gegner anders bewerten als auf uns selbst. Zum Zwiedenken gehört aber auch, daß man die falschen Einschätzungen der Fakten schließlich auch glaubt. Dies erhöht die Gefahr noch weiter und zwar besonders in Verbindung mit den 'Fortschritten' der Technik. Die Raketen werden immer schneller und ihre Treffsicherheit immer größer.

Dean Babst, Alex Dely und David Kreiger von der Bertrand-Russell- Gesellschaft, USA weisen in einem Papier vom 20.1.83, das schnellstens in aller Welt verbreitet werden soll, auf folgendes hin:

1. benötigen in Europa stationierte Mittelstreckenraketen 6 Minuten, um ihr Ziel zu erreichen.

2. haben die Senatoren Gary Hart und Barry Goldwater 1980 festgestellt, daß es in einem Zeitraum von 18 Monaten in den USA 151 Fehlalarme gegeben hat, wovon einer 6 Minuten dauerte. Wenn es den Sowjets ebenso geht, wäre im Durchschnitt alle 9 Monate mit einem Fehlalarm von 6 Minuten Dauer zu rechnen.

3. Da die Pershing II und die SS 20 beide landgestützt und von hoher Treffgenauigkeit sind, müssen sie als Abwehr abgeschossen sein, bevor sie vom Gegner in ihren Silos zerstört wurden. D.h. die Entscheidung über Krieg oder Nichtkrieg muß innerhalb der 6 Minuten fallen. Die Ursache kann dabei ein Fehler am Radar oder am Computer sein.

Alan Newcombe vom Friedensforschungsinstitut Dundas, Kanada, schreibt deshalb in seinem Begleitschreiben vom 5.2.83: "Der Feind ist nicht mehr die andere Seite. Der Feind ist ganz eindeutig das Waffensystem - Radargeräte und Computer - auf beiden Seiten"

Kann man sich vorstellen, daß die Verantwortlichen in der Lage sind, in weniger als 6 Minuten eine Entscheidung zu fällen, die vielleicht noch einmal das Leben rettet? - Wenn sie das könnten, muß die Frage erlaubt sein, warum dann nicht Abrüstungskonferenzen in weniger als einem Tag zum Ziele kommen?

Natürlich ist es ein GEDANKENVERBRECHEN, dies so deutlich zu sagen. Die meisten sind durch VERBRECHENSTOP davor geschützt. Wenn wir aber für das Leben auf dieser Erde noch eine Chance haben wollen, so gilt es, dieser Denkweisen von OZEANIEN entschieden zu entsagen.

WEITERDENKEN statt ZWIEDENKEN

Wenn wir eine sicherere Lösung anstreben, müssen wir auf das Zwiedenken verzichten und uns für das Weiterdenken entscheiden. ZWIEDENKEN gründet auf Mißtrauen Haß und Willen zur Macht. - WEITERDENKEN muß auf Vertrauen, Liebe und Ehrfurcht vor allem Leben aufgebaut sein. Zunächst müssen wir versuchen, die Probleme in ihren wahren Dimensionen zu erkennen. Jeder Einzelne von uns sieht nicht nur die Gegenstände in der Umwelt sondern auch die Probleme zwangsläufig perspektivisch verzerrt - und zwar räumlich und zeitlich. Der Gegenspieler hat eine andere Blickrichtung und sieht deshalb auch unterschiedliche Größenverhältnisse. Wenn aber Aussicht auf Einigung bestehen soll, müssen die Kontrahenten es fertigbringen, das Bild zu entzerren. Noch besser wäre es, wenn jeder zusätzlich in der Lage wäre, das Problem aus der Perspektive des anderen zu sehen, wenn sich also die Amerikaner vorstellen könnten, wie die Sowjets technisch besser entwickelte Waffensysteme empfinden, die von den USA und deren Verbündeten gegen sie gerichtet sind, und mit denen auch unsere Soldaten kämpfen würden, Soldaten eines Volkes, dem es im letzten Weltkrieg gelang, fast bis nach Moskau vorzustoßen.

Andererseits müssen die Sowjets einsehen, daß für die Mehrheit der Menschen im Westen die SS-20-Raketen immer in Zusammenhang mit der Drohung einer kommunistischen Weltrevolution gesehen werden.

Es scheint kaum möglich, zu einer stabileren Welt zu gelangen, solange die meisten Menschen glauben, daß nur zwei Gesellschaftsformen, nämlich die des Kapitalismus und die des Sozialismus möglich seien. Das, was wirklich auf dem Spiel steht, liegt bei der Mehrheit außerhalb des Denkvermögens. Daß dies sich ändern kann, ist u.a. ein Verdienst von Jonathan Schells Buch "Das Schicksal der Erde".

Ein Staat der Gräser und Insekten

Im ersten Kapitel 'Ein Staat der Gräser und Insekten' stellt Schell die wesentlichsten Tatsachen zusammen, die heute über die Kernwaffen und ihre Wirkungen bekannt sind. Dabei wird deutlich, daß es sich nicht um eine 'Weiterentwicklung der Artillerie' handelt, wie Konrad Adenauer es einmal ausdrückte, sondern daß bei einem möglichen Kernwaffenkrieg die Vernichtung des Lebens - oder zumindest des höherentwickelten Lebens nicht ausgeschlossen werden kann.

Damit befindet sich die heute lebende Menschheit in einer Situation, die es niemals vorher gegeben hat. Seit den Anfängen der Entwicklung des Lebens auf der Erde sind zwar immer wieder Verzweigungen dieser Entwicklung abgebrochen worden - z.B. das Aussterben der Saurier - doch sind die anderen ähnlich weit entwickelten Lebensformen erhalten geblieben. Ein Rückschlag bis zu den primitivsten Formen ist nach allen bisherigen Erkenntnissen nie eingetreten.

Diese Tatsache zwingt uns dazu, die Regeln für unser Zusammenleben und für unseren Umgang mit der Natur neu zu fassen. - Jeder weiß heute, daß man zum Führen eines Kraftfahrzeugs einen Führerschein braucht. Dieser setzt die Kenntnis der Verkehreregeln voraus. Je schneller und größer das Fahrzeug ist, je mehr Schaden es also anrichten kann, desto gründlicher muß die Ausbildung sein, desto mehr spielt auch die charakterliche Eignung eine Rolle. Wer um seines schnelleren Fortkommens willen die Gefährdung anderer in Kauf nimmt, ist zum Führen eines Kraftfahrzeugs ungeeignet. Diese Erkenntnis wird auch konsequent gehandhabt, obwohl die Zahl der möglichen Toten durch einen Verkehrsunfall die Zahl von 100 kaum erreichen dürfte.

Wenn Politiker ihr hohes Amt übernehmen, so kann ihr Fehlverhalten zum Auslöschen allen Lebens führen. Wer prüft ihre charakterliche Eignung? - Wir wählen unsere politischen Führungskräfte aus unserer Mitte. Die meisten von uns dürften mit den Aufgaben eines Spitzenpolitikers überfordert sein. Es gibt aber kein Anzeichen dafür, daß eine Auslese in Richtung auf die ungeheuer großen charakterlichen Anforderungen erfolgt. Im Gegenteil hat gerade der Typ des 'Machtmenschen', der jedoch in solcher Position ein Sicherheitsrisiko darstellt, die größten Chancen, gewählt zu werden.

Der Zweite Tod

Jonathan Schell nennt das, was uns ggf. bevorsteht, den 'Zweiten Tod'. Ihm widmet er sein 2. Kapitel, das ich für das wichtigste halte. Bereits im Wissen um die Möglichkeiten der Kernenergie sieht er den Ausgangspunkt zur Selbstvernichtung der Menschheit und argumentiert überzeugend, daß man ja alles spaltbare Material beseitigen könnte. Trotzdem bliebe man in der Lage, immer wieder neues zu produzieren. Er glaubt, daß der Mensch wohl kaum fähig sei, sich die vollständige Vernichtung vorzustellen - also einen toten Weltkörper, auf dem kein Lebewesen irgendein Geschehen beobachten könnte.

Man kann dieses Buch nur mit großer Ergriffenheit lesen. Zitate ersetzen die Lektüre nicht. Schell versucht, auf verschiedene Weise zu erklären, daß der Zweite Tod - auch wenn er nur die Menschheit beträfe - mehr bedeutet als der Tod eines Menschen oder auch aller Menschen, da er auch noch den Verlust aller zukünftigen Menschheitsgenerationen zu Folge hat.

Erschütternd wird das in den Schlußsätzen dieses Kapitels gesagt (S. Z01f):"Die Alternative ist, uns der absoluten und ewigen Finsternis auszuliefern: einer Finsternis, in der es keine Nation, keine Gesellschaft keine Ideologie, keine Zivilisation mehr geben wird; in der nie wieder ein Kind geboren wird, nie wieder Menschen auf der Erde erscheinen werden und sich niemand daran erinnern wird, daß es sie je gab."

4 Milliarden Jahre Entwicklung am Ende?

Ich will versuchen, das, was geschehen könnte, noch von einer anderen Richtung zu beleuchten: Das geschätzte Alter unserer Erde von 4 Milliarden Jahren ist im Vergleich zu unserer Lebensspanne für keinen recht vorstellbar. Wenn wir nun annehmen, es gäbe außerhalb unserer Erde ein Lebewesen, dessen Leben sehr viel langsamer abläuft als unseres, so könnte es uns wie mit einem extremen Zeitraffer betrachten. Damit wäre es uns vielleicht möglich, eine gewisse Vorstellung zu bekommen. (Die Zeiteinheiten dieses Lebewesens sind im Folgenden mit der Vorsilbe 'Groß-' versehen, um sie von unseren zu unterscheiden.)

Nehmen wir also an, daß dieses Lebewesen 30 Jahre unserer Zeitrechnung so wahrnähme wie wir 10 Sekunden, also als 10 Großsekunden, dann entspräche 1 Großjahr bei ihm ziemlich genau 100 Millionen Jahren in unserer Zeitrechnung. Wir hätten also einen Zeitraffer mit dem Verhältnis 1:100 000 000. Die gesamte Erdentwicklung wäre also für dieses Lebewesen in 40 Großjahren abgelaufen. Das Leben eines Menschen dauerte bei ihm 20 - 30 Großsekunden.*)

Wie hätte nun dieses Lebewesen 40 Großjahre Erdgeschichte erlebt? - Erst in den letzten 10 Großtagen hätte es die Entwicklung der Menschheit verfolgen können, die Industrialisierung in der letzten Großminute. Und dann muß es erleben, daß in den letzten 10 Großsekunden diese Menschheit verrückt spielt, daß Lebewesen, deren Lebensdauer nur 20 - 30 Großsekunden währt, meinen, mit ihren Problemen nicht fertigwerden zu können und deshalb sich anschicken, all das zu vernichten, was in mehreren Großjahrzehnten entstanden ist. - Was anderes als 'Wahnsinn!' könnte denn dieses außerirdische Wesen dazu ausrufen?

Dem eigenen Leben einen Sinn geben

Sind Menschen überhaupt in der Lage, in dieser weiten zeitlichen Perpektive zu denken? - Wird auch mein Versuch, den Unterschied in den Dimensionen besser erfaßbar zu machen, scheitern? - Können Menschen ihr eigenes Leben außer acht lassen, um sich am Schicksal des Ganzen zu orientieren? - Wer das bezweifelt, verkennt, daß der Verzicht auf das eigene Lebensrecht zugunsten eines 'höheren Zieles' besonders in den Kriegen immer wieder gefordert und auch erbracht wurde. "Deutschland muß leben - und wenn wir sterben müssen!" - Dieses Wort wurde von uns im letzten Krieg zwar nicht jubelnd hinausgeschrien, aber doch als 'Ehernes Gesetz des Lebens' angenommen.

Heute sind die Menschen im Durchschnitt mehr auf ihr eigenes Ich ausgerichtet. Das Schlagwort von der 'Selbstverwirklichung' mag dafur als Beispiel stehen. Wenn wir uns dabei aber nicht als ein kleines Teilchen im Weltgetriebe erkennen, zu dessen Funktionieren wir beitragen müssen, so ist dies eine bedenkliche Entwicklung.

Wer sich den Grenzen seines eigenen Lebens bewußt nähert, weil er z.B. an einer unheilbaren Krankheit leidet, beginnt häufig nach dem Sinn seines Lebens zu suchen. Oft muß er feststellen, daß all das, was ihm als seine individuelle Lebensgestaltung so wichtig schien, nun sinnlos wirkt, wenn er keinen Bezug zum allgemeinen Fluß des Lebens findet.

Die Sinnlosigkeit des eigenen Lebens - wenn alles Leben durch unser Versagen zuende geht - versucht auch Jonathan Schell in dem Kapitel 'Der Zweite Tod' deutlich zu machen. Wenn wir versagen, sind aber auch Hunderte von Millionen Jahren erdgeschichtlicher Entwickluhg ihres Sinnes beraubt.

Wer dem entgegenhält, daß unsere Sonne irgendwann in der Zukunft auch erlöschen werde, so daß dann auch jeder Sinn des Lebens fraglich würde, sieht nicht, daß es für uns Menschen unmöglich ist, in so großen Zeiträumen vorauszudenken. - Der Sinn des Lebens in Milliarden von Jahren wird das ewige Rätsel der Schöpfung bleiben. Beim Erlöschen unserer Sonne handelt es sich um eine natürliche Entwicklung, während ein schnelles Ende jetzt unsere alleinige Schuld wäre. Es gibt nichts in unserer Welt, das diesen Untergang rechtfertigen könnte

Menschengesetze sind keine Naturgesetze

Wenn wir dem Leben eine Chance geben wollen, müssen wir uns von einigen Klischeevorstellungen befreien. Nicht die Naturgesetze sind es, die uns bedrohen, sondern die von Menschen gemachten, denen wir eine absolute Gültigkeit wie die der Naturgesetze zuschreiben. Auch unser Grundgesetz z.B. ist kein Naturgesetz. Es hat die Aufgabe, menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Wenn infolge der Änderung von anderen bestimmenden Faktoren aus einigen Artikeln eine Gefahr entstehen sollte, so müssen sie geändert werden. Das ist auch ausdrücklich erlaubt - und oft genug geschehen -, wenn dafür die notwendige Mehrheit gefunden wird. Durch Aufklärung der Wähler müßte das erreicht werden.

Man spricht heute von den 'Vätern des Grundgesetzes' in einer Ehrfurcht, als ob für sie das Unfehlbarkeitsdogma gelte. Es waren Menschen wie wir alle, die damals nach einer neuen Ordnung suchten. Sie haben sich sehr bemüht und auch Wertvolles zustandegebracht. Wie unsere Welt aber heute aussieht, konnten sie damals nicht wissen. Im wesentlichen bemühten sie sich, ein 'neues Weimar' zu verhindern.

Heute lautet aber die Frage: Wie bringen wir die notwendige weltweite Perspektive in der Politik zum Tragen? Wie verhindern wir, daß Einzelinteressen vor das Gesamtinteresse treten? - Wahrscheinlich brauchen wir außer den Grundrechten auch eine 'Grundpflichten-Deklaration', die am besten von der UNO verbindlich für alle Welt eingeführt werden sollte. Sie müßte jeden verpflichten, sich so zu verhalten, daß der Bestand des Lebens auf der Erde nicht in Gefahr gerät. (Siehe auch meinen Beitrag: "Das Grundgesetz zur Sicherung des Lebens")

Neuen Gedanken eine Chance geben

Zu allen Zeiten hat es VORDENKER gegeben, die von ihren Zeitgenossen nicht verstanden oder gar verlacht wurden. Erst später stsllte sich heraus, daß sie recht hatten. Beispiele von heute sind u.a. die Fehlentwicklung der Kernenergie und viele Probleme des Umweltschutzes. Heute haben wir aber nicht mehr viel Zeit, um falsche Wege noch korrigieren zu können. Deshalb dürfen neue Denkweisen nicht beiseitegeschoben, belächelt oder bekämpft werden. Vielmehr müssen sie von möglichst vielen geprüft und aufgenommen werden, wenn sie in die richtige Richtung weisen. 'Heilige Kühe' darf es dabei nicht geben.

Eln Beispiel will ich hier noch aufführen. Ich weiß zwar auch keine Lösung des Problems, aber ohne die Frage bewußt zu machen, wird es nie eine Antwort geben. Es geht um ein neues Verständnis von Demokratie.

Gegenüber von Monarchien, Diktaturen und ähnlichen Regierungsformen stellt die Demokratie einen beachtlichen Fortschritt dar. Ihr Grundgedanke ist, daß die von den Regierungsentscheidungen Betroffenen an der Entscheidungsfindung in 'geeigneter Weise' mitwirken sollen. Die Meinungen gehen allerdings bei der Frage auseinander, welches die 'geeignete Weise' sei. In den einzelnen Verfaseungen ist das sehr unterschiedlich festgelegt.

Da gibt es z.B. in der Schweiz noch nicht einmal das volle Wahlrecht für Frauen. Bei unserer Parlamentarischen Demokratie wählen wir etwa alle 4 Jahre Vertreter einzelner Parteien in der Hoffnung, daß diese dann in der Zwischenzeit immer den Weg finden den wir auch für richtig halten. Andere Verfassungen räumen dem Volksentscheid bei wichtigen Fragen mehr Einfluß ein. Die Grünen wollen die 'Basisdemokratie'. Ihre 'Basis' sind jedoch auch nur ihre Parteimitglieder oder die, die gerade zur Versammlung erschienen sind, nicht die Wähler. Aber selbst für den Fall, daß man ein Verfahren fände, alle Wahlberechtigten mitentscheiden zu lassen, wären noch längst nicht alle Betroffenen am Willensbildungsprozeß beteiligt. Da fehlten z.B. noch die Kinder.

Viele Entscheidungen militärischer und auch nichtmilitärischer Art wirken aber nicht nur auf die lebenden Menschen, sondern auch auf die, die später einmal geboren werden sollen und auch auf alle Tiere und Pflanzen, die ja auch ein Lebensrecht auf der Erde haben. Ein Slogan wie "Frösche würden Grün wählen!" mag heute noch absurd erscheinen, und auch zu späteren Zeiten wird kein Mensch die Stimmrechtsübertragungen der Regenwürmer vorweisen können. Wer aber einmal in dieser Richtung denkt, wird vielleicht begreifen, warum gerade 'Grüne' Gruppierungen ihren Anliegen mehr Gewicht geben wollen, als der Zahl ihrer Wähler entspricht - weil sie sich nämlich als Sprecher für die Rechte des Lebens auf unserer Erde fühlen.

Doch nicht nur das heutige und das zukünftige Leben ist von unseren Entscheidungen betroffen, sondern auch das vergangene. Wem das noch nicht klargeworden ist, der möge bei Jonathan Schell das Kapitel 'Der Zweite Tod' lesen.

In einer idealen Demokratie müßten alle Betroffenen bei der Willensbildung vertreten sein. Das wären aber alle Lebewesen vom Beginn bis zum Ende der Welt. Unter dieser Voraussetzung wäre jede noch so große Gruppe von lebenden Menschen, die ihre Interessen vertreten will, verschwindend klein, und ihr prozentualer Stimmanteil ginge - mathematisch ausgedrückt - gegen Null. Durch diesen viel kleineren Stimmenanteil würde das Übergewicht kurzfristiger Interessen gegenüber den raum- und zeitübergreifenden auf ein vertretbares Maß zurückgeschraubt. Eine Demokratie, die das ganz leistet, dürfte allerdings nicht zu erreichen sein.

Wie soll man aber einer Lösung wenigstens näherkommen? Dies scheint mir nicht unmöglich zu sein, wenn wir uns vor Augen halten, daß wir ja auch heute die Entscheidungen durch Delegierte treffen lassen, indem wir eine Partei oder einen Kandidaten wählen. Delegierte, die nicht nur ihre Gruppeninteressen, sondern die von Generationen von Lebewesen vertreten, hätten einen beachtlichen Stimmanteil. Wir brauchen also Abgeordnete, die sich mit gutem Recht als Delegierte für die Interessen des Lebens bezeichnen könnten. Als einen guten Anfang in dieser Richtung sehe ich z.B. heute die Menschen von Greenpeace.

Es ist wohl noch ein weiter Weg, bis diese Vorstellungen Allgemeingut geworden sind, und wir haben so wenig Zeit. Wenn wir die neue Demokratie schaffen wollen, brauchen wir Vertrauen - auch gegenüber dem Anderedenkenden -, Liebe zu allen Mitgeschöpfen und Ehrfurcht vor dem Leben überhaupt. Dazu dürften die 'Machtmenschen' nicht fähig sein. Wenn wir uns aber von der Machtpolitik abkehren, gehen wir selbstverständlich ein Risiko ein - für uns persönlich und auch für unser Gemeinwesen. Es ist aber bestimmt kleiner als das, welches die Menschheit heute in einer vom atomaren Untergang bedrohten Welt bereits auf sich nehmen muß.

Wieviel Zeit bleibt uns noch? - ZWIEDENKEN sollte von 1948 bis 1984 Utopie sein. Es ist schon viel früher Realität geworden. Können wir damit rechnen, daß sich das WEITERDENKEN rechtzeitig durchsetzt? - Es gibt hoffnungsvolle Ansätze bei der Jugend. Jeder sollte so schnell wie möglich bei sich selbst anfangen; denn es ist sicher richtig, was Fritz Puhl in den 50er Jahren einmal in einem Adventshörspiel schrieb:

"Warte nur auf die andern! Dann ändert die Welt sich nie!"


Anmerkung:
*) Es ist übrigens auch in unserer Zeitrechnung vorstellbar, daß Lebewesen mit einer Lebensdauer von 20 - 30 Sekunden ein 'vollständiges Leben' haben können. wenn sie nämlich mit der Geschwindigkeit eines Großcomputers denken, so hätten sie in 20 Sekunden ca. 270 Millionen 'Gedanken'. Die gleiche Zahl schafften wir in 60 Jahren, wenn wir alle 7 Sekunden einen Gedanken faßten.


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