ORGANISMUSMODELL
- eine Chance optimaler Lebensgestaltung in der Zukunft? -

Lothar Schulze
Kommunikationszentrum für Zukunfts- und Friedensforschung in Hannover GmbH

ein Beitrag zur Internationalen Arbeitstagung
"Bedingungen des Lebens in der Zukunft und die Folgen für die Erziehung",
Technische Universität Berlin, 23. - 26.11.1978
TUB-DOKUMENTATION aktuell 6/1978


1. "Organismusmodell" - Überblick und Einschränkung

Das Organismusmodell (Schulze 1975) basiert auf der Vorstellung unserer Welt als vernetztes System im Sinne von Frederic Vester (1976 u. 1978), wobei die Grundregeln hier nicht näher behandelt werden können. Wegen der Vernetzung sind die Weltprobleme schwer beherrschbar. Durch das hier vorgestellte Modell soll eine teilweise Entkoppelung und dadurch bessere Steuerungsfähigkeit erreicht werden.

Das Modell will zunächst eine "geistige" Entkoppelung zwischen wesentlichen Problemen in unserem System erreichen, Problemen, die immer wieder dazu führen, daß die Wirtschaft und ihr Wachstum im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen.

Die meisten Menschen arbeiten nicht, weil ihnen die Arbeit Spaß macht, sondern weil Arbeitsplatz und Lebenserhaltung (mehr im Sinne eines angemessenen Lebensstandards) eng miteinander verknüpft sind. Da der "technische Fortschritt" den Anteil der menschlichen Arbeit am einzelnen Produkt vermindert, muß mehr produziert werden, wenn die Zahl der Arbeitsplätze erhalten bleiben soll. - Der andere Weg, nämlich Herabsetzung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich, wird aus vielerlei Gründen ausgeschlossen. - Es ist unmöglich, hier alle Kopplungen aufzuzeigen, die verhindern, daß mit bestmöglichem Einsatz von Technik eine Wirtschaft entsteht, die auf die gesamten Weltprobleme Rücksicht nimmt.

Im Organismusmodell werden zunächst, wie später ausführlich dargelegt wird, Versorgung und Entfaltung getrennt, um der Wirtschaft die Funktion des zentralen Knotens zu nehmen. Die Existenz des einzelnen muß unabhängig von der Menge an Arbeit gesichert sein und der Wunsch nach immer mehr materiellen Gütern beträchtlich im Bewußtsein der Menschen in den Industrieländern zurückgedrängt werden.

Das tatsächliche System, das so vielleicht entstehen könnte, wird sicher nicht so stark entkoppelt, wie es in der Abstraktion erscheint und wie es beim menschlichen Organismus - auf den Bezug genommen wird - auch nicht gegeben ist; denn zur reinen Lebenserhaltung wäre es z.B. nicht nötig, daß uns das Essen schmeckt.

Es mag sein, daß das Organismusmodell auch einige Elemente enthält, die einen unerwünschten Zwang bedingen. Es hat aber keinen Sinn, nach einer Idealwelt zu suchen, die aus der derzeitigen Welt heraus nicht mehr zu erreichen ist. Unser Entscheidungsspielraum ist begrenzt und wird immer enger, je länger wir die Lösung wichtiger Probleme verzögern.

Jedes höher organisierte System funktioniert nicht ohne Kontrolle, also auch nicht ohne Einschränkung der Freiheit der Teilsysteme. Dabei ist es wichtig, zu verhindern, daß das Kontrollsystem entartet.

2. Ständiges Wachstum als Gefahr

Der Grund für die Gefahr, in der die Menschen sich befinden, ist das ständig expandierende menschliche System in einer begrenzten Welt. Vester (1978) schreibt: "Wenn wir das nächste Mal von Wachstum hören, so sollten wir daran denken: Wir haben nur diesen einen Planeten. Und der wächst nicht mit." (S. 37)

Sicher waren wir froh, daß uns unser Wirtschaftssystem soviel mehr Möglichkeiten zu einer angenehmeren Lebensführung geschaffen hat. Der entscheidende Fehler dieses Systems ist aber, daß es auf Wachstum programmiert ist, bzw. daß es nur mit diesem Programm funktioniert, so daß es bald an seine natürlichen Grenzen kommen wird. Auch noch heute wird größeres Wirtschaftswachstum als Allheilmittel gefordert. Dies ist eine konservative Betrachtungsweise und doch führte sie - weil sie nämlich die Wachstumsraten möglichst groß zu halten suchte - zur größten "Systemveränderung", wenn man die ganze Welt als System betrachtet, die sich durch den raschen technischen und besonders auch den medizinischen Aufschwung ganz beträchtlich verändert hat.

Wer in "Systemveränderung" ein Reizwort sieht, denkt meist nur an gesellschaftliche Änderungen. Diese können jedoch nicht einfach aus dem Gesamtsystem herausgegriffen und so betrachtet werden, als ob sie ohne Rücksicht auf das übrige System möglich seien. Vester (1976, S. 15) weist darauf hin, daß biologische Organisationsformen von der Dichte der Individuen im System abhängig sind. Als Beispiel wählt er Amöbe und Schleimpilz und zeigt, daß bei zunehmender Dichte andere Organisationsformen, die die Freiheit des Individuums einschränken, erforderlich werden, wenn das System noch funktionieren soll. Auch im Bereich der Wirtschaft wissen wir, daß ein Familienbetrieb anders organisiert werden muß, als ein Klein-, Mittel- oder Großbetrieb. Doch für das politische System will man es oft nicht einsehen.

Eine weitere Gefahr liegt im ständigen Bevölkerungswachstum, vor allem in den Entwicklungsländern. Dabei könnte man auf diesem Erdball besser leben, wenn sich nicht so viele Menschen in die vorhandenen Güter teilen müßten. Es ist kaum verständlich, warum das meist nicht begriffen wird.

Die Situation wird noch dadurch verschärft, daß auch die materiellen Ansprüche ständig wachsen und zwar nicht nur da, wo die Menschen heute im Elend leben - deren Ansprüche also berechtigt wären - sondern gerade dort, wo bereits Überfluß vorhanden ist.

Unsere Welt krankt - um es in einem Wort zu sagen - an der Wachstumsideologie.

3. Die Lebensbedingungen der Zukunft hängen von unserem Verhalten heute ab

Die Bedingungen des Lebens in der Zukunft werden nicht nur anders sein, sondern sie werden es auch für andere Menschen sein. Je mehr Lebensgüter wir heute verbrauchen, desto schwerer werden sie es morgen haben. Deshalb ist es wichtig, daß wir uns mit dem Problem beschäftigen und uns die Frage vorlegen, was wir heute tun dürfen bzw. nicht dürfen, damit morgen noch eine Welt existiert, in der Menschen sinnvoll leben können. Wir müssen also heute denkbar machen, was morgen Realität sein soll.

Ist das aber richtig? - Dürfen wir späteren Generationen vorschreiben, wie sie morgen zu leben haben? Sie werden anderes als wir für wichtig halten. Deshalb sollten sie möglichst viel Freiheit zur eigenen Lebensgestaltung haben. Das heißt, unsere Welt zwar so schnell wie möglich überlebensfähig zu machen, das aber so zu tun, daß für die zukünftige Gestaltung möglichst viel Spielraum bleibt.

4. Die Lebensbedingungen der Zukunft müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen

Zu den ganz dringend zu lösenden Problemen gehört die Sicherstellung eines Mindestlebensstandards, ohne den die Menschen nicht existieren können. Sie brauchen also z.B. Luft zum Atmen, Nahrung, Unterkunft und eine biologisch relativ heile Umwelt. Die Grundbedürfnisse werden auch im Bariloche-Modell (Herrera, Scolnik u.a. 1977) als vordringlich hingestellt. Will man diese Aufgabe weltweit lösen, so wird die Zahl der möglichen Zukunftsmodelle schon beträchtlich eingeschränkt.

Weiter hängt die Variationsbreite möglicher Zukünfte auch entscheidend von der Bevölkerungszahl ab, wobei gilt, daß bei einer größeren Zahl von Menschen die Beschränkung größer ist als bei einer geringeren.

Folgende Voraussetzungen sollte ein Zukunftsmodell erfüllen:

1. muß es die materielle Existenz der Menschen auf möglichst lange Zeit sichern. Wenn die Vorräte begrenzt sind, kommt es also sehr darauf an, daß das System nicht nur geregelt wird (z.B. durch das freie Spiel der Kräfte), sondern daß dabei auch ein möglichst hoher Wirkungsgrad erzielt wird, damit die kostbaren Stoffe nicht unnötig verschwendet werden.

2. muß das System stationär funktionieren, d.h., daß es unter den Bedingungen, für die es konstruiert ist, arbeiten soll. Es muß aber auch anpassungsfähig sein, also auch dann noch funktionieren, wenn sich diese im Laufe der Zeit ändern.

3. muß ein stetiger Übergang aus unserem heutigen System möglich sein. Jede gewaltsame Änderung birgt die Gefahr, daß unser schon jetzt äußerst empfindliches System dadurch völlig außer Kontrolle gerät und nur über eine große Katastrophe mit Dezimierung der Bevölkerung eine Stabilisierung zu erreichen ist.

4. muß das Modell so konstruiert sein, daß es den Menschen möglich ist, darin zu leben. Man sollte diese Forderung aber noch verstärken und fordern, daß es nicht nur den Menschen möglich sein soll, darin zu leben, sondern daß das System auch "menschlich" sein soll, so daß es ihnen ein Höchstmaß an Lebenserfüllung bietet.

5. soll es möglichst viel Freiheit zur Weiterentwicklung lassen. Diese Forderung ist besonders deswegen wichtig, weil es kaum möglich sein dürfte, heute das ideale System für morgen zu finden. Alles, was wir versuchen, wird nur Stückwerk sein. Wir müssen jederzeit in der Lage sein, schlechte Stücke zu entfernen und durch bessere zu, ersetzen.

5. Die Bedingungen des Lebens werden auch von den späteren Generationen bestimmt

Wenn es um Bedingungen des Lebens in der Zukunft geht, müssen wir bereit sein, unser derzeitiges Gesellschafts- und Wirtschaftssystem in Frage zu stellen. Natürlich haben wir bestimmte Vorstellungen von einer Welt, wie wir sie wünschen. Aber unser eigenes Leben ist begrenzt. Auch unsere Kinder und unsere Enkel, die wir vielleicht noch kennen, werden einmal diesen Erdball wieder verlassen haben. Und auch dann wird es hoffentlich noch Menschen geben, die einigermaßen gesichert leben wollen. Wir müssen uns von der Vorstellung frei machen, daß diese Menschen, die wir im Prinzip nicht kennen können, und nie kennen werden, grundsätzlich genauso leben wollen, wie wir es heute gewohnt sind und für gut halten. Auch vor unserer Zeit hat es ganz andere gesellschaftliche Verhältnisse gegeben. Vermutlich hätten die Menschen des Mittelalters ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, wie wir es heute haben, für völlig unmöglich gehalten und die Auffassung vertreten, daß eine solche Änderung niemals zugelassen werden dürfe. Stimmen wir dem heute noch zu? - Wenn wir die Veränderungen für die Vergangenheit aber akzeptieren, müssen wir das auch für die Zukunft zugestehen.

6. Die Natur als Vorbild für das Organismusmodell

Vester (1976, S. 21) schreibt, daß wir von einer Firma lernen sollen, die in vier Milliarden Jahren nicht pleite gemacht hat. Er meint damit die Natur und fordert biokybernetisches Denken. Die Natur zeigt uns tatsächlich, daß sie über diese Zeit mit allen Problemen fertiggeworden ist. Ihre Gesetze sind allerdings andere als sie in unserer künstlichen Menschenwelt gelten.

Versuchen wir also von der Natur zu lernen und betrachten wir, wie ein Lebewesen - z.B. unser menschlicher Organismus - funktioniert. Wir stellen fest, daß wir Organe haben, die der Versorgung im weitesten Sinne dienen. (Ernährungssystem, Blutkreislauf, Atmung usw.) Dieses Versorgungssystem arbeitet vollautomatisch. Versuche, es von außen zu stören, führen zu einer Reaktion, die auf die Wiederherstellung der Normwerte hinwirkt. Auf diese Weise funktioniert unser Organismus außerordentlich "wirtschaftlich".

Wir besitzen aber auch andere Organe, die wir willkürlich benutzen können, so z.B. unsere Gliedmaßen, Augen, Ohren, Geruchssinn und vor allem auch unser Gehirn. Diese Organe dienen der Entfaltung. Wir können sie bewußt nach unseren Wünschen einsetzen, allerdings nur - und das ist wichtig - innerhalb bestimmter Grenzen. So können wir z.B. nicht mit dem Tempo eines l00-m-Läufers einen Marathon-Lauf durchstehen. Werden diese Grenzen beachtet, so können wir uns innerhalb dieser frei entfalten und zwar besonders deshalb, weil die Organe, die der Versorgung dienen, ohne unser Zutun so hervorragend arbeiten. Wir denken gar nicht darüber nach, daß es einen Organismus ohne automatisierte Versorgung geben könnte.

7. Das freie Spiel der Kräfte versagt

Unser derzeitiges Wirtschafts- und Gesellschaftssystem arbeitet nicht nach diesem Schema. Das Regelprinzip des freien Marktes ist zu grob und zu verschwenderisch und funktioniert nur bei ständigem Wachstum. Trotzdem gilt es als Tabuverletzung, wenn es infrage gestellt wird. Daß wir die Versorgung viel zu sehr als Lebensinhalt bzw. als Lebensaufgabe sehen, ist eine wesentliche Ursache dafür. Wir erkennen nicht, daß doch die Wirtschaft nur die menschlichen Bedürfnisse befriedigen, aber nicht Selbstzweck sein sollte. Sie produziert aber nicht das, was wir brauchen und nicht in der Menge, in der es benötigt wird.

Wenn spätere Generationen aber auch noch Energie und Rohstoffe zur Verfügung haben sollen, dürfen wir nicht immer mehr, sondern nur noch den tatsächlichen Bedarf produzieren und müssen dafür sorgen, daß die Rohstoffe möglichst immer wieder in den Kreislauf zurückgehen. Das läßt sich nach den bisherigen Regeln des "freien Spiels der Kräfte" sicher nicht erreichen. Es läßt sich aber auch nicht mittels eines starren Schemas erreichen, wie es vielleicht Technokraten aufbauen würden.

8. Versorgung nach dem Vorbild der Natur

Ein System, das sich den sich ständig ändernden Bedingungen anpaßt, ist das Organismusmodell. Die gleichen Organe erfüllen beim Vorbild nämlich unterschiedliche Programme, wenn es sich um schnelles Wachstum beim Kind, um Reifung beim Jugendlichen oder um Lebenserhaltung ohne weiteres Wachstum beim Erwachsenen handelt. Sollten wir also nicht versuchen, daraus zu lernen, gerade weil dies System auch ohne Wachstum funktioniert und anpassungsfähig ist? Wenn wir uns - einmal als Extrem gedacht - auf den Standpunkt stellen, daß die Versorgung nur dazu dient, uns eine weitestmögliche Entfaltung in unserem Leben zu gestatten, so kann diese Versorgung nicht Selbstzweck, sondern nur Hilfsmittel sein.

Deshalb verfolgt das Organismusmodell folgendes Ziel: Es soll mit möglichst geringem Rohstoff- und Energieverbrauch und möglichst geringer Umweltbelastung die Lebensbedürfnisse befriedigen und dies mit möglichst geringem menschlichen Arbeitseinsatz erreichen, so daß den Menschen mehr Zeit für andere Bedürfnisse bleibt.

Hierzu wäre eine "Versorgungswelt" zu konstruieren, die dem Versorgungssystem in unserem Körper entspricht. Folgende Regeln würden gelten:

1. Es besteht ein Recht auf allgemeine Versorgung.

2. Jeder Arbeitsfähige muß zur Sicherung der Versorgung seinen Beitrag leisten.

3. Durch optimalen Einsatz technischer Mittel wird unter größtmöglicher Schonung von Rohstoff- und Energiequellen die Versorgung gesichert.

4. Die Produktion richtet sich nach den wirklichen und nicht durch Werbung eingeredeten Bedürfnissen und nach der Rohstoff- und Energielage. Sie wird durch konsequenten Computereinsatz optimiert.

5. Jeder muß im Rahmen der Tätigkeit für Versorgungsaufgaben Einschränkungen der Freiheit in Kauf nehmen. Als Ausgleich hierfür wird angestrebt, die Einsatzzeit ständig herabzusetzen.

6. Spezielle Regeln sollen dafür sorgen, daß persönliche Wünsche bei der Versorgung mit größtmöglicher Gerechtigkeit befriedigt werden können.

9. Lebensbereich der Entfaltung

Neben dieser Versorgungswelt besteht der Bereich der "Entfaltungswelt", die Zeit, in der das Leben möglichst zwangfrei gestaltet werden kann. Hier hat also - analog dem menschlichen Organismus - innerhalb bestimmter Grenzen die Regel zu gelten: "Soviel Freiheit wie möglich!"

Es ist noch zu bemerken, daß das Organismusmodell kein voll übereinstimmendes Bild des menschlichen Organismus darstellt, da im Organismus alle Zellen "unfrei" sind, - also zentralen Steuerungsfunktionen unterliegen - während die Übertragung bedeutet, daß der einzelne nur gebunden ist, wenn er seinen Arbeitsanteil zur Versorgung beisteuert, aber "frei" in der übrigen Zeit.

Es kann hier kaum auf die Einzelheiten des Modells eingegangen werden. Es stellt einen Diskussionsentwurf dar, kein vollständiges Konzept. (Weitere Ideen hierzu siehe bei Dettmer, Götsch, Göttling, Mäkeler, Schulze u. Voigt (1976))

10. Das "ARE-Geld"

Wie kann ein solches Modell gesteuert werden? - Da gäbe es zunächst eine Grundregel, die lautet, daß jeder für seine Arbeit eine Entlohnung bekommt, die dem Wert seiner Arbeitsleistung entspricht, daß aber auch jedem Menschen, unabhängig von seiner Arbeitsleistung, ein gewisser, zum Leben ausreichender Grundbetrag gezahlt wird. (Siehe auch Alcock, 1971, S. 97-111) (Mit dem Grundbetrag sollte eine allgemeine Arbeitsverpflichtung verbunden sein, auf die, je nach Bedarf, zurückgegriffen würde.) Dadurch wird eine Entkoppelung zwischen Lebenserhaltung und Arbeit erreicht.

Darüber hinaus bekommt jeder Mensch noch eine regelmäßige Zuteilung von Anrechten auf Rohstoffe bzw. Energieträger. Da diese aber das "Kapital" der gesamten Menschheit darstellen, darf hier das Anrecht nicht unterschiedlich sein. (Diesen Gedanken hatten wir im Prinzip bereits im Krieg beim Karten- bzw. Bezugsscheinsystem.)

Man könnte versuchen, eine Art "mehrdimensionales Geld" einzuführen, das man als "ARE-Geld" bezeichnen könnte. (A = Arbeit, R = Rohstoffe, E = Energieträger) Der Physiker mag sagen, daß Arbeit und Energie dasselbe seien. Hier ist aber etwas anderes damit gemeint. Unter Arbeit wird der Gleichwert für die menschliche Arbeitsleistung (geistig oder körperlich) verstanden, der im wesentlichen unabhängig von der Zufuhr von Energieträgern (Nahrung) ist.

ARE-Geld


Das ARE-Geld stellt einen dreidimensionalen Vektor dar, hat also eine Arbeits- eine Rohstoff- und eine Energiekomponente. Für die Addition gelten die Regeln der Vektorrechnung. In der Praxis gäbe es drei Sorten von Geldscheinen (z.B. statt DM: AM, RM und EM) bzw. die Konten dafür. Die drei Wertmaßstäbe können nicht gegeneinander getauscht werden. Es gibt also keinen Wechselkurs zwischen ihnen, genausowenig, wie man in der Physik eine Länge durch eine Masse oder durch eine Zeit ersetzen kann. Schwarzmarktgeschäfte dieser Art müßten auf jeden Fall unterbunden werden.

Das Kartensystem des Krieges differenzierte sehr stark. Es gab Brot-, Fleisch-, Fett-, Nährmittelmarken usw. Dadurch war das System sehr starr. Man muß versuchen, durch geeignete (variable) Bewertung der einzelnen Rohstoffanteile dafür zu sorgen, daß bei möglichst freier Entscheidung des Einzelnen der Verbrauch im gewünschten Sinne beeinflußt wird. Man muß also feststellen, mit welchen Faktoren die verschiedenen Rohstoffe oder Energieträger belegt werden müssen. Ist ein Rohstoff häufiger vorhanden als ein anderer, so bekommt er einen niedrigeren Beiwert. Benötigt er zur Gewinnung mehr Energie, so wird in dem Bereich ein höherer Wert eingesetzt. Die Tabelle soll das Prinzip mit völlig fiktiven Werten zeigen.

Tabelle: Fiktive Vektorkomponenten des ARE-Geldes für Eisen, Aluminium und Stahl (kein Edelstahl)

Menge [kg] .. Stoff ......... AM ... RM ... EM ...
1 Eisen 1 1 1
1 Aluminium 1 0,33 3,33
1 Stahl 1,3 1 1,7


Es läßt sich sicher mit Computer für jedes Einzelerzeugnis ermitteln, welche Rohstoff-, Energie- und Arbeitskomponenten für einen Artikel einzusetzen sind, wenn bestimmte Grundregeln für eine Rohstoff- und Energiestrategie aufgestellt werden.

Jeder Mensch bekäme also monatlich "dreidimensionales Geld" derart, daß die A-Komponente einen festen Grundbetrag und einen von der Arbeitsleistung abhängigen Zusatzbetrag enthält. Die R- und E-Komponenten wären für alle gleich. Beim Kauf von Bedarfsgütern werden Energie und Rohstoffe mit in Rechnung gestellt und beim Verschrotten mehr oder weniger Rohstoff- und Energiewerte wieder gutgeschrieben, wenn man sich bemüht, eine rohstoff- und energiesparende Wiederverwertung zu ermöglichen.

Der Vorschlag sieht kompliziert aus und könnte noch komplizierter werden, wenn man eine vierte Dimension des Geldes, nämlich eine Umweltbelastungskomponente, zusätzlich einführte. Die Aufgabe ist aber mit Kleinstcomputer mit Hilfe der Mikroelektronik einfach zu lösen.

11. Soviel Freiheit wie möglich

In der Entfaltungswelt gilt der Grundsatz: "Soviel Freiheit wie möglich!" Einschränkungen ergeben sich zwangsläufig da, wo die Betätigung mit Rohstoff- und Energieverbrauch verbunden ist. Außerdem ist selbstverständlich auf die Mitmenschen Rücksicht zu nehmen. Vieles, was für das wirkliche Menschsein wichtig ist, braucht wenig Energie und Rohstoffe, somit sind da kaum Grenzen gesetzt. Fahrten, - z.B. in den Urlaub - benötigen Energie. Bahn und Bus allerdings weniger als das eigene Auto. Hier dürfte also ein Umdenken einsetzen. Man kann aber wählen, ob man eine größere Reise mit der Bahn oder eine kleinere Reise mit dem Auto vorzieht oder ob man vielleicht das Energieanrecht und damit den Aktionsradius im Urlaub dadurch vergrößern kann, daß man sich die kleine Mühe macht, Bierflaschen nur für Bier zu verwenden und dann heil wieder zurückzugeben und somit Energieanrechte zurückzubekommen, oder ob man weiterhin so verschwenderisch sein will, Einwegflaschen einfach wegzuwerfen.

Das mehrdimensionale Geld hat den Vorteil, daß es dem einzelnen viele Wahlmöglichkeiten läßt, die Entscheidungen aber in die richtige Richtung lenkt. Sonnenenergie müßte z.B. einen geringeren E-Wert haben als Energie aus fossilen Brennstoffen. Dann wird zwangsläufig: die Sonnenenergieentwicklung gefördert. Das ARE-Geld wirkt auch im Sinne einer Entkopplung der Systeme, da definitionsgemäß die Komponenten voneinander unabhängig sind.

Eine Entkoppelung - darauf sei hier noch einmal besonders hingewiesen - ist aber nur in den Bereichen des Gesamtsystems möglich, die vom Menschen konstruiert, also nicht naturgesetzlich festgelegt sind. Kopplungen können auch nützlich sein, wenn man das System durchschaut und geeigneten Gebrauch von ihnen macht. Dann kann man nämlich mit kleinen Änderungen in einem Bereich gewünschte große in anderen Bereichen erzielen.

Heute wird aber vielfach der Fehler gemacht, daß man in naturgesetzlich festgelegten Bereichen Änderungen versucht und enttäuscht ist, wenn man nichts erreicht, während andererseits den Wirtschaftsgesetzen fast der Status von Naturgesetzen zuerkannt wird. Hier darf also nichts geändert werden, obwohl möglicherweise nur eine Entkoppelung im Wirtschaftssystem die Lösung der Probleme erlaubt. Es würde das gesamte Versorgungssystem besser steuerbar und brauchte nicht auf Wachstum programmiert zu sein.

Viele Fragen bleiben in dieser kurzen Darstellung sicher unbeantwortet. Manches Problem müßte erst noch gelöst werden. Deshalb kann auch die Frage, ob das Organismusmodell eine Chance für optimale Lebensgestaltung in der Zukunft sein kann, noch nicht abschließend beantwortet werden.

Literatur:

Alcock, N.Z., The emperor's new clothes, Oakville, Ontario, Canada, CPRI Press, 1971
Dettmer, B., Götsch, W., Göttling, H., Mäkeler, E., Schulze, L., Voigt, H., Modelle für die Zukunft - Zwischenbericht einer Volkshochschul-Arbeitsgruppe, Information - Zukunfts- und Friedensforschung, 1975, 11, 191-200
Herrera, A.O., Scolnik, H.D. u.a., Grenzen des Elends, Frankfurt, S. Fischer, 1977
Schulze, L., Strategien zum Überleben, Information - Zukunfts- und Friedensforschung, 1975, 11, 107-108
Vester, F., Ballungsgebiete in der Krise, Stuttgart, dva, 1976
Vester, F., Unsere Welt - ein vernetztes System, (Ausstellungskatalog), Stuttgart, Klett-Cotta, 1978


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