GESUCHT: Ein zukunftsfähiges Wirtschaftssystem!

Fassung vom 14.12.05

Eine Zusammenfassung steht im Weihnachtsbrief von 2005


Vorbemerkung:

Zu diesem Beitrag möchte ich einiges vorwegschicken: Ich versuche, an die Probleme mit dem logischen Denken eines Naturwissenschaftlers heranzugehen. Ideologische Vorgaben gibt es nicht. (Auch nicht, wenn es gelegentlich so scheinen sollte.) Da ich im Hitlerreich aufgewachsen bin, war Karl Marx nicht meine Lektüre. Ich habe ihn auch später nicht gelesen. - Ich bin aber auch kein Wirtschaftswissenschaftler. Deshalb bin ich auch da nicht durch bestimmte Lehren eingeengt. Ich frage also, in einfachen Formulierungen eines naturwissenschaftlich gebildeten Menschen, nach dem, was nicht geht und nach dem, was vielleicht gehen könnte.

Wir müssen ein zukunftsfähiges Wirtschaftssystem denkbar machen. - Was benötigen wir? - Energie, Rohstoffe, Arbeitskräfte, Werkzeuge (Maschinen) - und eine grundsätzlich andere Einstellung zum Wirtschaftssystem. - Viele unserer Probleme sind schon in meinem Aufsatz vom 20.01.04 "Eine andere Welt ist möglich!" und in meinem Weihnachtsbrief von 2004 "Vor 32 Jahren: 'Die Grenzen des Wachstums' Eine andere Welt ist nötig!" (Internetadresse wie oben) behandelt worden. Ich stelle aber immer wieder fest, daß die Frage, ob wir mit unserer Wachstumsideologie und unserem Wirtschaftssystem überhaupt die Probleme lösen können, völlig tabu ist, obwohl es eine große Zahl von Veröffentlichungen dazu gibt. Deshalb muß ich hier das Thema noch einmal aufgreifen. - Ich sage also nichts Neues, sondern will mich in die Gruppe der Warner einreihen und durch eine andere Art der Darstellung versuchen, neue Mitstreiter zu finden. Im Alter von 84 Jahren ist es nicht mehr viel, was ich beitragen kann. Doch ich will mein Möglichstes tun.



Als ich im April 1996 auf einer Veranstaltung anläßlich des 10. Jahrestages der Atomkatastrophe von Tschernobyl in Bonn war, brachte einer der Redner, der Präsident von Eurosolar, Träger des Alternativen Nobelpreises und Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer (SPD), einen Witz:

Die Erde, auf dem Weg durch den Weltraum, trifft auf einen anderen Planeten. Der sagt zu ihr: "Sie sehen aber schlecht aus!" - Die Erde antwortet: "Mir geht es auch schlecht. Ich habe Homo sapiens (der lateinische Name für Menschen)." Darauf der andere Planet: "Trösten Sie sich - das geht vorüber!" -

Der Witz ist recht traurig, weil er im Grundgedanken wahr ist. - Der Mensch ist heute als die schlimmste Krankheit der Erde anzusehen. Er hat im Laufe seiner Entwicklung die Möglichkeit gewonnen, das äußerst empfindliche Gleichgewicht der Natur so durcheinander zu bringen, daß letzten Endes den Menschen jede Lebensmöglichkeit entzogen werden könnte. Die Erde als Ganzes wird dabei nicht zugrunde gehen. Sie wäre aber vom gefährlichsten Schädling befreit.

Ist das zu kraß dargestellt? - Es braucht gar nicht der Atomkrieg oder der biologische zu sein. Wissen wir, wie stark möglicherweise durch sorglosen Chemieeinsatz die Zeugungsfähigkeit der Menschen bereits herabgesetzt ist? - Vielleicht ist dann das Klonen die einzige Möglichkeit die Menschheit am Leben zu erhalten.

Wenn wir Verantwortungsbewußtsein besitzen und das mögliche Ende von Homo sapiens verhindern wollen, müssen wir uns fragen, was die Ursache für die gefährliche Entwicklung ist und wie wir das ändern können. - Es geht bei meinen Überlegungen nicht darum, was vielleicht morgen, also noch zu unseren Lebzeiten, sein könnte, sondern um das, was unsere Kinder, Enkel oder die späteren Generationen betrifft.

Das herrschende Wirtschaftssystem und seine Folgen

Wir stellen fest:
* Fast überall in der Welt herrscht das kapitalistische Wirtschaftssystem.

* Weltweit werden Einzelne oder Gruppen immer reicher, während am anderen Ende bittere Armut herrscht.

* Millionen von Menschen verhungern.

* Die Umwelt wird (oft unwiederherstellbar) geschädigt, Tiere und Pflanzenarten ausgerottet, Naturkatastrophen begünstigt oder sogar eingeleitet

* Der Klimawandel macht sich weltweit bemerkbar

* Weltweit gehen Energie- und Rohstoffquellen zunehmend schneller ihrem Ende entgegen.

* Auch in den reichen Industriestaaten wird die Zahl der Unterprivilegierten immer größer.

* Die Arbeitslosigkeit zerstört Hoffnung, Selbstwertgefühl und Lebensmut von vielen Millionen in aller Welt.

* Trotz Not und Elend nimmt die Bevölkerungszahl weltweit beträchtlich zu.

* Die Globalisierung der Wirtschaft führt dazu, daß nur noch eine Gruppe von Superreichen das Weltgeschehen bestimmen können. Die Politiker werden wegen der hohen Staatsverschuldung nur noch Erfüllungsgehilfen für diese Bestrebungen.

* Kriege in aller Welt verschlechtern die Lebensbedingungen der betroffenen Menschen.

* Die USA versuchen, durch ihre Weltmachtposition das Geschehen, die Wirtschafts- und Gesellschaftsform weltweit nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Dabei geschieht das nach den Interessen der Superreichen.

* Eine zunehmende Zahl von gründlich nachdenkenden Menschen erkennt, daß diese Entwicklung in die Katastrophe führen muß, daß 'die Natur die Menschen nicht mehr aushält'.

Wir brauchen für dieses System Wachstum.

Unser Wirtschaftssystem ist auf Wachstum ausgerichtet. Es wird als Voraussetzung für eine Besserung der Wirtschaftslage (Beseitigung der Arbeitslosigkeit, Wohlstand für alle usw.) immer wieder genannt. Mit unseren steigenden Ansprüchen entziehen wir aber nicht nur den Folgegenerationen Energieträger und Rohstoffe, sondern zerstören auch in großem Maße das Gleichgewicht der Natur. Die zunehmenden Wetterextreme könnten ein Beispiel dafür sein. Früher war der Kinderreichtum (bei hoher Sterblichkeitsrate) Voraussetzung dafür, daß die Alten in der Familie mitversorgt werden konnten. Heute soll die Funktion unseres Sozialsystems durch mehr Kinder gesichert werden. In diesem engen Blickwinkel der Diskussion scheint das auch sinnvoll zu sein. - Wir vergessen dabei aber, daß die Natur durch die steigenden Ansprüche jedes Einzelnen von uns immer mehr belastet wird. Bei geringer Bevölkerungsdichte mag das belanglos sein. Bei der derzeitigen Weltbevölkerungszahl und vor allem dann, wenn die Zahl der Menschen noch ansteigen soll, dürfte sich die Belastung der Natur jedoch bald zur Katastrophe ausweiten.

Bei den Angaben über das Wachstum (z.B. der Produktion) bezieht man sich immer auf die vorhergehende Periode, (z.B. 2% pro Jahr). Dann ist aber der nächste Ausgangsbetrag schon um 2% größer. Auf den beziehen wir wieder die 2%. In einer Kurve dargestellt wird der Anstieg immer steiler. Man nennt diese Kurve eine Exponentialkurve, wie sie auch der Zinseszinsrechnung zugrunde liegt. Sie hat die Eigenschaft, daß sie mit zunehmender Geschwindigkeit ins Unendliche strebt. Nach einer Faustformel bringt z.B. ein Wachstum von 2% pro Jahr eine Verdoppelung in ca. 35 Jahren. Wenn also die gesamte Wirtschaft um jährlich 2% wachsen soll, heißt das, daß es in 35 Jahren, also in etwa einer Generation von allem doppelt soviel geben wird, aber auch vom Rohstoff- und Energieverbrauch und damit wird auch die Umweltbelastung entsprechend steigen.

Wachstum wird immer wieder gefordert, aber ausgelassen, daß zum Wachstum - wie gezeigt - auch eine mathematische Funktion, die in der Wachstumskurve dargestellt wird, gehört. Diese ist - im Gegensatz zu den Wirtschaftstheorien - ein Naturgesetz und kann nicht durch Parlamentsbeschlüsse außer Kraft gesetzt werden.

Unsere Erde wächst nicht mit!

Unser Planet ist nicht unendlich groß. - Der leider viel zu früh verstorbene Leiter des Instituts für Biologie und Umwelt in München, Prof. Frederic Vester sagte dazu: "Wenn wir das nächste Mal von Wachstum reden, so sollten wir daran denken: Wir haben nur diesen einen Planeten, und der wächst nicht mit." - Im Mittelalter waren die Einflüsse des Menschen noch so klein, daß er nur in wenigen Fällen das natürliche Gleichgewicht zerstört hat. (Als Beispiel nenne ich das Abholzen des Appeningebirges für Heizzwecke durch die Römer.) Heute gibt es erheblich mehr Anzeichen für die Zerstörung des Gleichgewichts. Denken wir an die Klimaänderung durch den erhöhten CO2-Ausstoß oder an das Leerfischen der Meere, die Zerstörung der Korallenriffe, die Vergrößerung der Wüstenregionen durch den intensiven Tiefenwasserentzug für landwirtschaftliche Zwecke usw.

Die vom Menschen unbeeinflußte Natur hat Regelvorgänge entwickelt, die dafür sorgen, daß solche extremen Änderungen nicht eintreten können. Sie sorgt dafür, 'daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen'. Die für eine gewisse Zeit notwendige Wachstumskurve geht in die sogenannte Sättigungskurve über. D.h. der Zuwachs wird immer geringer, geht gegen Null.

Durch den zweiten Weltkrieg ist soviel zerstört worden, daß ein schnelles Wachstum der Wirtschaft notwendig war, um bald wieder normale Lebensverhältnisse herstellen zu können. Wir waren also in einer Notlage, verursacht durch die Hitlerdiktatur. Diese Periode ist aber längst vorbei. Bei unserer Stellung zur übrigen Lebewelt sind wir jetzt so weit, daß wir uns ein weiteres materielles Wachstum nicht mehr leisten können. Je später wir das einsehen und dann gegensteuern, desto schwieriger wird die Situation für die Folgegenerationen werden. Können wir das verantworten?

Es ist doch nicht mehr die blanke Not, der Kampf ums Überleben, der uns zwingt, auf Wachstumskurs zu bleiben. Es ist unser Streben nach übertriebenem Luxus, die Trägheit gegenüber neuen Ideen, deren Realisierung uns durchaus ein angenehmes Leben ermöglichen könnte. Wir wissen, daß eine Änderung der Politik nötig ist. Wir haben die derzeitige Situation herbeigeführt, tragen also auch die Verantwortung dafür. Wir dürfen die Lösung der Probleme nicht auf die Folgegenerationen verschieben, denn - wie bereits gesagt - je später das Umsteuern einsetzt, desto schwieriger wird es! Leicht könnte es zu spät sein.

Nachhaltigkeit ist erforderlich, wird aber nicht erreicht.

Es wird gefordert, daß wir 'nachhaltig' wirtschaften sollen. Das bedeutet, daß unsere Eingriffe in die Natur nur schwach sein dürfen, damit dadurch das natürliche Gleichgewicht nicht gestört wird. - Ich habe in diesem Zusammenhang häufig von 'Raumschiffdenken' gesprochen. Da diese 'Nachhaltigkeit' wohl nur angenähert erreicht werden kann, muß unbedingt jede Verschwendung von Energie und Rohstoffen vermieden werden.

Bei der Beobachtung des Weltgeschehens im Großen und im Kleinen verdichtet sich bei mir die Auffassung, daß unser derzeitiges System diese Bedingungen nicht erfüllen kann. Aber wie kann ich das beweisen? Unser Weltsystem ist so kompliziert vernetzt, daß eine vollständige Analyse kaum möglich sein dürfte. Ich bin von der Ausbildung her Physiker und als solcher stelle ich fest:

Wenn wir durch einfache Überlegungen oder Analysen der Fakten zeigen können, daß etwas grundsätzlich nicht gehen kann, so brauchen wir uns mit Lösungsversuchen gar nicht abzumühen. Hierzu habe ich schon vor Jahrzehnten in Vorträgen immer wieder ein Dia gezeigt ('Puzzlespiel') und folgendermaßen argumentiert:

Puzzlespiel


Wir sehen einen Haufen unregelmäßig großer und geformter Klötze, die in einen Kasten gepackt werden sollen. Normalerweise fangen die Spieler an, zu versuchen, das Problem durch Probieren zu lösen. - Ich dagegen argumentiere folgendermaßen: "Mir scheint der Haufen recht groß zu sein. Wenn es mir also möglich wäre, das Volumen der Klötze auf einfache Weise zu bestimmen, so könnte ich feststellen, ob das Volumen der Klötze größer, gleich oder kleiner als das Volumen des Kastens ist. Ist es kleiner oder gleich, so besteht die Möglichkeit, daß die Aufgabe zu lösen ist. Allerdings besteht keine Gewißheit; denn wir wissen ja nicht, ob die Klötze in ihrer Form zusammenpassen. Ist aber das Volumen der Klötze größer, so brauchen wir gar nicht erst anzufangen.

Unter den Klötzen befindet sich ein Quader, von dem ich das Volumen (Länge x Breite x Höhe) einfach bestimmen kann. Wenn ich dann noch mit einer Waage die Masse feststelle, so kann ich die Dichte berechnen. Wiege ich nun alle Klötze, so errechne ich mit Hilfe der Dichte leicht das Gesamtvolumen und bekomme damit die Antwort auf die Frage, ob unser Problem möglicherweise lösbar oder grundsätzlich nicht lösbar ist.

Ist unser Wirtschaftssystem zukunftsfähig?

Wie können wir nun mit dieser Methode feststellen, ob unser Wirtschaftssystem zukunftsfähig ist oder nicht? - Es reichen zwei Aussagen:

1. Ein System, bei dem materielles Wachstum Voraussetzung ist, kann wegen der zunehmenden Belastung der Erde und wegen der Tatsache, daß die Erde nicht unendlich groß ist, nicht zukunftsfähig sein.

2. Unser kapitalistisches marktwirtschaftliches System erfordert materielles Wachstum.

Daraus folgt unzweifelhaft:

Unser derzeitiges Wirtschaftssystem kann nicht zukunftsfähig sein. Es ist nach einem anderen System zu suchen.

Ich will die Funktion unseres derzeitigen Systems noch etwas näher darstellen: Nach welchen Regeln funktioniert es bzw. soll es funktionieren?

* Antrieb für mein Handeln ist der Eigennutz. Ich entscheide jeweils so, daß für mich, meine Familie, meine Firma, mein Land der höchste Gewinn herauskommt. Ich muß besser sein als die Konkurrenz. Wettbewerb belebt das Geschäft. Jeder ist für sein Schicksal eigenverantwortlich. Wettbewerb heißt aber auch: Wenn ich gewinne, verlieren andere.

* Nach Adam Smith (1723 - 1790) müßte dann bei einer solchen Einstellung durch die 'unsichtbare Hand des Marktes' Wohlstand für alle die Folge sein. (freie Marktwirtschaft)

Wie ich schon gezeigt habe, sieht jedoch der tatsächliche 'Erfolg' eines solchen Vorgehens anders aus. - Woran liegt das?

Jeder in diesem System tätige Mensch versucht etwas zu schaffen, mit dem er Gewinne machen kann. Beispiel hierfür wäre die Konkurrenz im Handel. Entweder kaufe ich das Benötigte bei dem einen Händler oder bei dem anderen. Einer wird also gewinnen, der andere verlieren. Will der andere aber auch mehr Gewinn haben, so muß mehr - möglicherweise etwas Neues - produziert und abgesetzt werden. Also ist Wirtschaftswachstum erforderlich. Das wird uns auch immer wieder gepredigt. Auf Wachstum kommt es an, ganz gleich, was produziert oder angeboten wird.

Natürlich können wir so weiterwirtschaften wie bisher, müssen uns aber dann im klaren sein, daß wir damit keine existenziellen Probleme lösen, sondern sie nur noch verschärfen. Was werden spätere Generationen über unsere Zeit sagen, wenn wir so handeln? - Es kann nicht mehr darum gehen, was wir uns aus ideellen Gründen wünschen, sondern, was machbar und verantwortbar ist.

Geht es anders?

Jeder Mensch wünscht sich Freiheit in seinen Entscheidungen. Die Politik versucht, ein System zu schaffen, das diese Wünsche möglichst erfüllt. Wie weit ist das aber möglich, wenn das Gleichgewicht in der Natur erhalten bleiben muß? Frederic Vester hat dazu ein Beispiel aus der Biologie aufgezeigt, nämlich Amöbe und Schleimpilz. Die Amöbe ist ein Einzeller. Jede Zelle funktioniert so, wie es für sie am besten ist. Durch Zellteilung werden es aber immer mehr Amöben. Der Platz wird enger - zu eng. Dann kommt es dazu, daß sich die einzelnen Zellen zu einem komplexen Gebilde zusammenschließen, dem Schleimpilz. Da hat dann jede einzelne Zelle ihre Selbständigkeit aufgegeben und muß im Zellverband arbeiten, wenn das Ganze bestehen soll. - Bei den Insekten können wir die Unterschiede zwischen einzeln und in Staaten lebenden Arten beobachten.

Nun wird niemand gern wie in einem 'Bienenstaat' leben wollen. Der Science- Fiction-Roman 'Schöne neue Welt' von Huxley dürfte abschreckend genug sein. Können wir aber weiter nach unseren Idealvorstellungen unser Leben gestalten wollen, wenn wir erkennen müssen, daß das früher oder später in die Katastrophe führt? - Frederic Vester sagte einmal dazu: "Wir sollten von einer Firma lernen, die in vier Milliarden Jahren nicht pleite gemacht hat." - Die vor Jahrtausenden lebenden Völker haben das gelernt, und nur so konnten sie überleben. Die äußeren Lebensbedingungen waren hart. Nur gemeinsam konnten sie - durch Jagen und Sammeln oder auch durch den einfachsten Ackerbau - genügend Nahrung erhalten. Der Einzelne mußte sich den Anforderungen der Gemeinschaft unterordnen, die harten Regeln beachten. Wer das nicht tat, wurde ausgestoßen, was wohl in den meisten Fällen einem Todesurteil gleichkam. Bei den Völkern, die auch heute noch 'näher an der Natur' leben, können wir die Überlebensregeln studieren. Sie halten sich daran. Sind sie wegen dieses 'Zwanges' weniger glücklich als wir? - Ich glaube, in vielen Fällen stellen wir eher das Gegenteil fest.

Es geht heute längerfristig um das Überleben der Menschheit. Was können wir dafür von der 'Firma Natur' lernen? - Suchen wir uns ein Beispiel aus dem Leben, z.B. uns selbst. Unser Körper besitzt verschiedene Organe, die unterschiedlich funktionieren. Da gibt es die vielen, die dafür sorgen, daß der Körper am Leben bleibt, ihn also mit dem Lebensnotwendigen versorgen. Ich nenne nur die Atmung, den Blutkreislauf, die Verdauung, die Infektionsabwehr usw. - Alle diese Organe werden in ihrer Vernetzung - ohne unser Zutun - optimal gesteuert. Wenn wir bewußt eingreifen, können wir Schaden anrichten. Ich möchte diese Organe als die der Versorgung bezeichnen.

Demgegenüber gibt es aber auch noch andere, die wir bewußt steuern können: Die Muskeln, die der Bewegung dienen, die Augen, die Ohren, den Tastsinn usw. Unter der Leitung bestimmter Gehirnareale können wir damit - innerhalb bestimmter Grenzen - unsere Persönlichkeit entfalten. - Grenzen gibt es, wenn wir z.B. versuchen, mit dem Tempo eines 100m-Läufers eine größere Strecke zu bewältigen.

Die 'Versorgung' läuft also in unserem Körper gesteuert, während wir für die 'Entfaltung' ein Höchstmaß an Freiheit genießen können. Auch im Leben der Menschheit sollten wir die Versorgung und die Entfaltung unterscheiden. Dann müssen wir feststellen, daß wir - im Gegensatz zu unserem jetzigen System - für die Versorgung eine optimal gesteuerte Wirtschaft benötigen, damit wir genügend Freiheit im Bereich der Entfaltung bekommen können und damit aber auch das Gleichgewicht in der Natur erhalten können. Ich sage: Soviel Lenkung wie nötig - soviel Freiheit wie möglich! Wir müssen uns doch immer wieder vor Augen führen:

Die Wirtschaft muß dem Wohle der Menschheit dienen, nicht umgekehrt!

Sie muß also so organisiert werden, daß sie diese Aufgabe erfüllen kann. - Diese Vorstellung widerspricht natürlich vollständig dem Neoliberalismus, der mit Hilfe der Globalisierung der Wirtschaft weltweit angestrebt wird und diese an den Ausgangspunkt der Überlegungen stellt. Doch aus der 'Firma Natur' lernen wir, daß es für bestimmte Bereiche besser ist, nicht alles dem 'freien Spiel der Kräfte' oder gar konkurrierenden Systemen zu überlassen, obwohl es - unter anderen Bedingungen - auch dafür Beispiele aus der Natur gibt. - (Mehr hierzu findet sich in meinem Buch 'Unternehmen DELPHIN gescheitert - Es kommt jetzt auf uns alle an! - Notizen und Gespräche über Gegenwart und Zukunft unseres Planeten' S. 276ff.)

Wenn wir die täglichen Nachrichten kritisch verfolgen, können wir ständig Beispiele für Fehlentwicklungen unseres kapitalistischen globalisierten Wirtschaftssystems finden. Dabei gibt es auch genug Möglichkeiten der freien Entfaltung unserer Persönlichkeit. Wenn wir allerdings 'Märkte erobern', gegen andere Gruppen 'konkurrieren', wird immer der Gesamtwirkungsgrad des globalen Wirtschaftssystems herabgesetzt, werden Energie und Rohstoffe vergeudet, die Umweltbelastung erhöht. In einem vernünftigen Wirtschaftssystem muß geleistete Arbeit bezahlt, aber keine 'Gewinne erwirtschaftet' also 'arbeitsloses Einkommen erzielt' werden. (Um Irrtümern vorzubeugen: Diese Feststellung bezieht sich nicht auf die durch die falsch laufende Wirtschaft erzwungenen Arbeitslosen, sondern auf die 'Anleger', deren Tätigkeit eher der eines Glücksspielers gleicht.) Arbeitsloses Einkommen wird aber auch mit dem Zinseszinssystem erzielt, das ebenfalls nach der Wachstumsfuktion funktioniert und immer schnellere Zuwächse des Kapitals bringt. - Doch das heutige Wirtschaftsdenken ist in den Grundzügen nicht neu. Es ist schon in der Bibel als 'Tanz ums Goldene Kalb' charakterisiert worden.

Das Modell, welches sich auf das Beispiel der 'Firma Natur' stützt, mag einleuchten. Man wird aber zu Recht einwenden, daß es weltweit nicht eingeführt werden kann, weil die Macht des derzeitigen Wirtschaftssystems und seiner Akteure viel zu groß ist, als daß ein Wandel erzeugt werden könnte. Solange das neue Denken in kleinem Kreise diskutiert wird, gilt die demokratische Freiheit. Wenn es aber an Macht gewinnt, wird es mit allen - auch kriminellen - Mitteln bekämpft werden. Wir können doch immer wieder die Ohnmacht der UN beobachten, wenn es in der Welt um mehr Gerechtigkeit für die ärmeren Völker geht. Da gibt es Konferenzen, die angeblich die Situation verbessern sollen. Doch in Wirklichkeit erhöhen sie noch weiter die Abhängigkeit vom kapitalistischen Wirtschaftssystem.

Gewaltanwendung für eine Änderung muß abgelehnt werden. Sie würde das Elend nur noch weiter erhöhen. - Es bleibt nur, das Denken über die Grundsatzfragen weltweit zu ändern. Wie das gehen soll, weiß ich nicht. Presse, Rundfunk und Fernsehen werden für solche Ideen weitestgehend blockiert. Das Internet dürfte noch die besten Möglichkeiten haben. Grundsätzlich müssen die Menschen erkennen, daß der Egoismus nicht weiterführt. Wir brauchen ein Denken des 'Wir'. - Wie kommen wir aber weiter? - Wie schaffen wir neue Denkstrukturen? - Wir haben am 1.1.2001 (nicht 2000) den Beginn des neuen Jahrtausends gefeiert, nicht den des letzten Jahrhunderts der Menschheit. Doch diese Gefahr besteht, wenn wir nicht erkennen wollen, daß wir nur gemeinsam - also miteinander und nicht in Konkurrenz gegeneinander - eine lebenswerte Welt erhalten können.

Die Zielvorgaben für eine nachhaltige Wirtschaft

Was muß die Wirtschaft leisten, wenn sie allen Menschen dienen und die Umwelt nicht schädigen soll? - Worauf müssen wir achten?

Wenn wir uns bei der Suche auf Deutschland oder auf die EU beschränken, werden wir scheitern; denn die Lösungen, die vielleicht für uns gut sind, schaden möglicherweise anderen Ländern. Um das zu vermeiden, müßte man sogenannte 'Randbedingungen' definieren, die dafür sorgen, daß ein Schaden außerhalb nicht eintritt.

Wenn wir aber eine globale Lösung suchen, haben wir das Problem nicht; denn die Erdkugel hat keinen Rand. (Das derzeitige Globalisierungskonzept beruht auf dem gleichen Grundgedanken.) Das erleichtert uns allerdings keinesfalls unsere Arbeit. Das Lebensumfeld und die Werte in den verschiedenen Regionen sind so unterschiedlich, daß es zunächst darauf ankäme, sich auf eine Grundrichtung zu einigen.

Ich bin in meinem Alter von 84 Jahren nicht mehr in der Lage, ein vollständiges Konzept auszuarbeiten. Das dürfte sowieso nur eine große Gruppe schaffen. Ich kann hier nur auf einiges hinweisen, was zu beachten wäre und will noch einmal einige Punkte zusammenstellen, die von einem neuen Wirtschaftssystem erfüllt werden müßten. Wir haben folgende Aufgaben:

1. Es ist allen Menschen eine lebenswerte Existenz zu sichern.

2. Das gilt auch für die Folgegenerationen.

3. Wir dürfen das Gleichgewicht in der Natur nicht stören und die Umweltbedingungen für Pflanzen und Tiere nicht verschlechtern.

4. Es ist falsch, den Menschen eine neue Ideologie aufzwingen zu wollen. Sie müssen selbst zur Einsicht kommen, daß die Richtungsänderung nötig ist und schließlich allen dient. Ein Denken des 'Wir' muß selbstverständlich werden.

5. Das neue Wirtschaftssystem muß auch ohne Wachstum funktionieren.


Das alles ist umso leichter zu realisieren, je kleiner die Bevölkerungszahl ist. Deshalb ist es äußerst wichtig, daß das Bevölkerungswachstum scharf gebremst und längerfristig auf Null gebracht wird.

'Raumschiffdenken' notwendig!

Ich habe versucht darzustellen, daß wir vom Wachstumsdenken (soweit es sich um materielles Wachstum handelt) Abschied nehmen müssen. Eine Haltung im Sinne von 'Nach uns die Sintflut!' akzeptiere ich nicht. Nötig ist ein 'Raumschiffdenken'. D.h. wir dürfen nicht von irgendeiner Wirtschaftstheorie ausgehen, sondern von der Aufgabe, die zu bewältigen ist. Ich habe sie oben in den 5 Punkten umrissen.

Wir können uns noch näher mit der Fragestellung und den möglichen Lösungen vertraut machen, wenn wir uns vorzustellen versuchen, welche Regeln in einem größeren Raumschiff, das mit einer großen Anzahl von Menschen jahrelang unterwegs ist, gelten müßten, damit ein solches Unternehmen erfolgreich durchgeführt werden könnte. - In Science-Fiction- Serien werden derlei Gedanken kaum berücksichtigt. In meinem Buch 'Unternehmen DELPHIN gescheitert. - Es kommt jetzt auf uns alle an! - Notizen und Gespräche über Gegenwart und Zukunft unseres Planeten' - 2. Auflage 2005 bei Books on Demand, Norderstedt, ISBN 3-8334- 2834-1, 25,00 EURO gehe ich dagegen gerade auf diese Fragen ein und habe Regeln für ein Raumschiffdenken genannt. Um das 'Raumschiffdenken' etwas einzuüben, will ich einige davon - auf unsere Erde als Raumschiff angepaßt - hier nennen und kommentieren:

1. Wir müssen dafür sorgen, daß die Weltbevölkerungszahl konstant bleibt, auf keinen Fall aber zunimmt. Eine Abnahme ist in gewissen Grenzen nicht bedenklich. Sie kann möglicherweise sogar erforderlich sein. - Im Raumschiff hieß das: Kein Ehepaar darf beliebig viele Kinder haben. Die Zahl der Geburten richtet sich nach der Sterberate und nach der Raum-Rohstoff-Energie-Umwelt-Situation des Raumschiffes. -

Auf der Erde hat China mit der Einkindehe die Konsequenzen gezogen. Doch eine solche Regelung wird angefeindet, weil die 'Freiheit des Einzelnen' höher bewertet wird. Bei uns wird z.Zt. nach mehr Kindern gerufen, weil diese Bevölkerungspolitik angeblich unser Rentensystem retten könne. Auf die Konsequenzen einer solchen Politik habe ich bereits hingewiesen.

2. Unsere Industrie soll soviel produzieren, wie benötigt wird. Es soll aber nicht künstlich Bedarf geweckt werden. - Diese Forderung sollte nicht nur auf dem Raumschiff, sondern auch hier einsichtig sein, widerspricht allerdings ganz und gar unserer 'Wachtumsideologie'. Das 'Wachstum unser ...' wird uns von fast allen Politikern täglich vorgebetet.

3. Die Produktion von Bedarfsgütern soll möglichst unter Aufarbeitung von Altmaterial erfolgen. Auf größtmögliche Haltbarkeit ist Wert zu legen. In den Fällen, in denen eine kurze Lebensdauer erwünscht ist, soll auf möglichst energiesparende Aufarbeitung geachtet werden.

Entgegen dieser Forderung bemüht man sich jedoch, wegen der 'Wachstumsideologie' die Güter möglichst kurzlebig zu gestalten. Wir sollen uns immer wieder neues anschaffen, und viele Waren werden absichtlich für eine kurze Lebensdauer konzipiert. Eine Reparatur ist meist unmöglich oder würde teurer sein als ein neues Stück. Eine Wiederaufarbeitung des Altmaterials konnte bisher nur in wenigen Bereichen gesetzlich vorgeschrieben werden.

4. In einer zukunftsfähigen Welt sollen - wie bereits dargelegt - zwar Bedürfnisse befriedigt, aber nicht immer wieder neuer Bedarf geweckt werden. Darüber hinaus sind unsere technischen Möglichkeiten so gewaltig, daß die Zahl derer, die in der Produktion beschäftigt sind, noch weiter sinken wird. Deshalb können wir auch in Zukunft keineswegs mit Vollbeschäftigung in der Produktion rechnen.

Wir müssen lernen, unser Leben mit anderen Schwerpunkten zu versehen. D.h. zum Beispiel, daß wir zwischen Bildung und Ausbildung unterscheiden müssen. Lebensbilder wie z.B. der akademisch gebildete Taxifahrer oder Lagerarbeiter wären dann durchaus normal und nicht Zeichen einer besonderen Notsituation. Es wäre aber auch denkbar, daß im Laufe des Lebens ganz unterschiedliche Positionen eingenommen werden können. Es gibt heute eine Unmenge von Aufgaben, die nicht erfüllt werden, weil sie nicht bezahlt werden können. Ich denke da z.B. an vieles, das zwischenmenschliche Beziehungen verbessern könnte. Das könnte im Pflegebereich sein, aber auch in Weiterbildungskursen, die so interessant zu gestalten wären, daß das Fernsehen mit seichten Programmen und Werbeunterbrechungen auf ein vernünftiges Maß zurückgedrängt würde. - Doch das ist nicht alles. Es gibt hierzu so viele Ideen, daß ich mir hier weitere Erörterungen sparen muß.

Schon 1887 hat der US-Amerikaner Edward Bellamy in seinem Roman 'Ein Rückblick aus dem Jahr 2000' (wir würden heute Science-Fiction dazu sagen) manche Gedanken dazu entwickelt. (Fischer Taschenbuch Verlag 1973)

5. Rohstoffe, die nicht 'unbegrenzt' vorhanden sind, dürften nur in Notfällen (in der Praxis in bescheidenem Umfange) benutzt werden. Da jedoch bei den meisten Produktionen die Aufarbeitung von Altmaterial teurer ist als der Einsatz von neuen Rohstoffen, verwendet man lieber neues Material. Man 'schöpft lieber aus dem Vollen', es sei denn, daß - wie bei Papier - die Verarbeitung von Altmaterial preisgünstig ist.

6. Der Energiebedarf soll den aus Sonnenenergie (im weitesten Sinne) zu gewinnenden Betrag nicht überschreiten. Fossile Energieträger dürfen nur in Notfällen angegriffen werden.

Gute Ansätze zu diesem Denken sind zwar vorhanden. - Die großen Energieerzeuger stützen sich jedoch auf Kohle, Erdgas, Erdöl und Kernbrennstoffe, und jeder versucht, so viel wie möglich für sich zu ergattern. Wir hören immer wieder: "Erneuerbare Energien sind zu teuer. Wenn sie erst einmal billig genug sind, läßt sich darüber reden." Erneuerbare Energien können aber nur billiger werden, wenn die Anlagen in sehr großer Zahl produziert werden können und wenn genügend Forschung dafür getrieben wird. Gerade das wollen die großen Energieversorger aber verhindern. Ich habe keine Zahlen. Wenn aber für die erneuerbaren Energien genauso viel öffentliche Mittel zur Verfügung gestellt würden wie seinerzeit für die Entwicklung der Kernenergie, wäre das Problem der Kosten wohl zu lösen.

7. Jeder Bürger der Erde wird - unabhängig von Rasse, Religion oder Weltanschauung - mit dem zum Leben Notwendigen versorgt.

D.h. daß wir - wie schon gesagt - zu einer gesellschaftlichen Haltung des 'Wir' kommen müssen. Die derzeitigen politischen Kräfte stärken dagegen zunehmend die Haltung des 'Ich'. (Stichwort: Selbstverantwortung)

8. Darüber hinaus hat jeder mehr oder weniger Anspruch auf Dinge, die das Leben - besonders in der Freizeit - angenehm machen. Jedem steht also ein vertretbares Maß an persönlicher Freiheit zu. Diese Freiheit kann umso größer sein, je weniger Raum-, Energie- und Rohstoffbedarf damit verbunden ist, je geringer die Umweltbelastung ist und je weniger durch die Ausübung dieses Freiheitsrechtes andere beeinträchtigt werden.

Daß diese Freiheit nicht absolut sein kann, wird heute kaum gesehen. In manchen Bereichen sind wir allerdings daran gewöhnt, wie z.B. bei den Verkehrsregeln. Aber auch auf diesem Gebiet gibt es viele, die meinen, daß Regeln für sie nicht gelten. Es kann bei Fahrten im Ausland immer wieder festgestellt werden, daß eine Geschwindigkeitsbegrenzung das Fahren sicherer und den Verkehrsfluß besser machen kann. Bei uns scheinen solche Betrachtungen bei den Gesetzgebern aber auf taube Ohren zu stoßen.

9. Keine Generation darf die Lebensbedingungen auf unserem Planeten für die folgenden Generationen verschlechtern. Eine Verbesserung ist, soweit wie möglich, erwünscht.

Auch dieses Denken ist z.Zt. kaum üblich, obwohl wir immer wieder sagen: "Wir tun alles für unsere Kinder!" - Das hieße ja, daß wir uns nach den bereits erörterten Regeln des 'Raumschiffdenkens' richten müßten.

10. Die natürliche Umwelt mit ihren vielfältigen Lebewesen muß weitestgehend erhalten bleiben. Eingriffe sind nur mit größter Zurückhaltung und unter sorgfältigster Prüfung aller möglichen Folgen gestattet.

Diese Forderung paßt gar nicht zu unserer Fortschrittsgläubigkeit und zu der Tatsache, daß in den Denkweisen vieler der Mensch über der Natur zu stehen scheint, daß in ihren Augen die Natur 'zu beherrschen' wäre. Demgegenüber steht das 'Gaia-Denken', das die gesamte Erde als einen Organismus ansieht, der nur funktionieren kann, wenn alle Teile - also auch die Menschen - richtig zusammenspielen. "Macht Euch die Erde untertan!" paßt also nicht zu dieser Denkweise.

11. Alle technischen Prozesse müssen so laufen, daß die Regenerationsfähigkeit der Natur durch die Abfallprodukte unserer Technik nicht überbeansprucht wird. Hier wird also die sogenannte 'Nachhaltigkeit' gefordert. Wo wird das aber heute schon durchgeführt? - Es sind wenige Ansätze vorhanden.

Oft wird heute zunächst zugegeben, daß solche Forderungen notwendig seien. Doch dann folgt dem 'Ja' das 'Aber' mit dem Hinweis auf die Arbeitsplätze. Erst müsse die Wirtschaft genügend Gewinne abwerfen. Dann könne man sich auch um die Belange der Umwelt und der ärmeren Länder kümmern. Wenn jemand bessere Lebensverhältnisse für alle fordert, wird das abfällig als 'Sozialromantik' abgetan. (DELPHIN S. 267 und 275)

Für ein großes Raumschiff kann man vielleicht solche Regeln aufstellen; denn es ist anzunehmen, daß die Teilnehmer an einer solchen Reise von ihrer Vorbildung her die Problematik ihrer Reise erkennen und sich darauf einstellen. Die Weltbevölkerung setzt sich jedoch aus sehr unterschiedlichen Gruppen zusammen, die über Jahrhunderte verschiedene Wege gegangen sind und deshalb auch keinesfalls ähnliche Weltbilder besitzen. Wie sollen sie zu gemeinsamen Anstrengungen gebracht werden? Sicher wäre es ganz falsch, zu vermuten, daß die Schwierigkeiten im Bereich der sogenannten Entwicklungsländer zu finden seien. Ich sehe sie eher bei den westlichen Industrienationen. Die Menschen hier hängen doch der Ansicht an, daß die besseren materiellen Verhältnisse ihr Verdienst seien und daß sie deshalb auch ein Recht hätten, diesen Vorsprung zu halten.

Doch wodurch wurde dieser Vorsprung geschaffen? - Vor Jahrzehnten sprach einmal ein Afrikaner in der Universität Hannover zu diesem Thema. Er wies darauf hin, daß z.B. im 19. Jahrhundert Afrika durch die Waren, die dort für Europa produziert wurden, einen erheblichen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufstieg bei uns beigetragen hätte und daß es selbstverständlich sein müsse, daß nun das starke Europa für Afrika die Gegenleistung erbringe. In der sogenannten Kolonialzeit wurden die besten Böden für die Exportprodukte genommen. Zur Nahrungsmittelproduktion für die einheimische Bevölkerung mußten die weniger ertragreichen genügen.

Und wie ist es heute? - Den Weltmarktpreis für die Waren aus den Entwicklungsländern bestimmen die Industrienationen und halten ihn niedrig. Den Preis für technische Produkte aus den Industrienationen, die in den Entwicklungsländern benötigt werden, bestimmen ebenfalls die Industrienationen und halten ihn hoch. - Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander.

Wir sollten auch bei uns die Besitzverhältnisse etwas kritischer betrachten. Was kann ein Mensch denn als seinen Besitz betrachten? Wie sieht es mit einem Erbe aus, vor allem, wenn es sich um Grund und Boden handelt? - Wenn ein Kaiser einem Grafen Land als Lehen gegeben hat, woher hatte der Kaiser denn das Recht auf das Land? Haben wir nicht auch in der Schule von 'Raubrittern' gehört?

Ich will keinem heute Lebenden eine Vergangenheit vorwerfen, für die er nichts kann. Wenn wir jedoch zu positiven Änderungen kommen wollen, müssen wir uns aber bereit machen, die Probleme aus einer anderen Perspektive zu sehen und uns auch außerhalb unserer eigenen Wünsche zu stellen. Dabei müssen wir bei uns selbst anfangen. Eines muß uns bei der Suche nach einem neuen Weg immer vor Augen stehen: Wir steuern falsch, wenn wir nicht erkennen: Wir dürfen nicht alles, was wir können!

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Ansätze für einen richtigen Weg

Ich sagte schon, daß ich den richtigen Weg nicht kenne. Doch einige Hinweise, wie wir auf ihn kommen können, will ich doch geben. Das Hauptziel muß sein, eine Bewußtseinsänderung zum 'Wir' hin bei möglichst vielen zu erreichen.

* Ich erwähnte schon eingangs, daß ich im Hitlerreich aufgewachsen bin. Nicht alles, was uns unter diesem - im Grunde verbrecherischen - Regime beigebracht worden ist, war falsch. So las ich in dem Buch aus dem 1. Weltkrieg 'Wanderer zwischen beiden Welten' von Walter Flex u.a.: "Es ist nicht damit getan, sittliche Forderungen aufzustellen, sondern man muß sie an sich vollstrecken, um ihnen Leben zu geben!" - Dieser Satz ist mir zu einem Leitwort für mein weiteres Leben geworden. - D.h. also, daß wir nicht nur über eine neue Haltung reden dürfen, sondern auch, soweit wie irgend möglich, danach handeln müssen. Wenn wir z.B. zugeben, daß der Staat erhebliche Mittel benötigt, um die Lenkungsfunktionen allmählich erfüllen zu können, dürfen wir nicht Nein sagen, wenn Steuererhöhungen unseren eigenen Geldbeutel treffen.

* Vor vielen Jahren las ich auf einer großen Tafel im Flensburger Hafengebiet ein chinesisches Sprichwort: "Der Mann, der den Berg versetzte, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen." Ein weiteres lautet: "Jeder Weg von 1000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt." - Wenn wir uns dann noch die Erkenntnisse der 'Chaostheorie' zu eigen machen, die u.a. feststellt, daß eine große Änderung auch durch eine ganz kleine ausgelöst werden kann, so sollte uns das genügend Kraft und Mut geben, auch gegen die 'herrschende Meinung' den Weg zu einer sinnvoll gelenkten Wirtschaft zu propagieren.

* Noch ein Wort ist mir zu diesem Aufgabengebiet eingefallen: In einem Adventsspiel, das vor Jahrzehnten im Rundfunk gesendet wurde, prägte der Autor - Fritz Puhl - den Satz: "Warte nur auf die andern, dann ändert die Welt sich nie!"

Was will ich damit sagen? - Ich weiß nicht, wie gegen die derzeit Mächtigen in der Welt ein anderes Wirtschaftssystem geschaffen werden kann. Doch ganz vorn steht die Forderung:

Wir müssen ein anderes System denkbar machen.

Ist es überhaupt denkbar? So viele Fakten scheinen mit unseren Anforderungen unvereinbar zu sein. Die Globalisierung ist mit der Konzentration wirtschaftlicher Macht schon sehr weit fortgeschritten. Der Bildungsstand und die religiöse und ethische Einstellung der Menschen ist weltweit sehr unterschiedlich. Nur relativ wenige fühlen sich als Weltbürger. Fast überall sind Personen führend, die Einzelinteressen verfolgen, seien es nationale, wirtschaftliche oder religiöse usw. Es sind eher Menschen des aggressiven Typs, Machtmenschen. Sie haben meist wenig Interesse, andere Blickrichtungen ebenfalls zu verfolgen und diese in das Handeln einzubeziehen. Im Zusammenwirken mit anderen suchen sie nicht die vernünftigste Haltung, sondern pokern, um möglichst viel ihrer eigenen Ziele durchzusetzen. Sie treten sehr bestimmt auf. Durch ihre Redekunst gelingt es ihnen, bei den Zuhörern Zustimmung zu ihrer Meinung zu erhalten, ohne daß die Angesprochenen Anstalten machen, das Gehörte zu hinterfragen.

Leider fügen sich auch die meisten Medien der 'herrschenden Meinung'. - Im Fernsehen geht es um Einschaltquoten. 'Brot und Spiele' - das war schon im Altertum die wirksame Methode, um Menschen möglichst kritiklos zu machen. Da sieht man eben heute lieber Fußball, Krimis, Quizsendungen oder Talkshows als solche, die sachlich über brennende Probleme informieren. Talkshows gehören keinesfalls dazu; denn da werden fundierte Einwendungen häufig durch Dazwischenreden abgewürgt.

Die Inhaber wirtschaftlicher Macht können die Verbreitung von Informationen, die ihnen mißliebig sind, unterbinden, indem sie mit dem Entzug von Werbeaufträgen drohen, die für die meisten Medien lebensnotwendig sind. - Mir ist aber unerklärlich, warum die öffentlich- rechtlichen Sender auf die 'Einschaltquoten' schielen, da doch ihre Arbeit durch Beiträge aller finanziert wird. Früher gab es mutigere Sendungen. Natürlich kann es dann immer noch geschehen, daß die meisten Fernsehzuschauer auf eine parallel laufende 'spannende' Sendung umschalten, wenn der öffentlich-rechtliche Sender ihr Gehirn zu sehr beanspruchen würde.

Wer also von unseren Mitmenschen nicht aktiv nach besseren und nicht ideologisch gefärbten Informationen sucht, hat kaum Chancen sie zu bekommen.

Auf der einen Seite ist also die Chance sehr klein, gegen ein solches Geflecht von Wiederständen, die Menschheit zu grundsätzlich anderen Denkstrukturen zu bewegen. Andererseits stehen wir unter einem ungeheuren Zeitdruck, da, wie bereits gesagt, eine Änderung zu späterer Zeit immer schwieriger wird.

Eine Aussicht besteht aber nur, wenn wir die Ansätze für den richtigen Weg schaffen. Weltweit sind es wohl schon sehr viel mehr Engagierte, als wir denken, die sich darum bemühen. Keiner und keine Gruppe kann es allein. Und doch ist jeder gefordert, sich einzusetzen. Wir brauchen möglichst viele Kenntnisse, aber auch die Liebe, die alles umfaßt. Das ist die Liebe zu allen Menschen, zur gesamten Lebewelt, zur Natur, zu unserem wunderschönen Planeten Erde, auf dem wir nur eine kurze Zeit zu Gast sein dürfen. Als Gäste müssen wir sie pfleglich behandeln, damit auch die nach uns Kommenden glücklich sein können. Reihen wir uns ein in die Gruppe derer, die sich einsetzen, denen das allgemeine Wohl mehr ist als das eigene!

Der Anfang ist am schwersten. Aus der Physik weiß ich - und das mag wohl auch im soziologischen Bereich gelten: Die Haftreibung ist größer als die Gleitreibung. D.h. Es ist schwer, aus einer festgefahrenen Situation herauszukommen. Wenn wir eine Sache aber erst einmal etwas in Bewegung gebracht haben, wird es dann immer leichter sie zu beschleunigen. Das sollte uns Mut machen. Denken wir an den 'Schmetterlingseffekt' in der Chaostheorie! Vielleicht fehlt nur noch unser Einsatz. Halten wir uns immer wieder vor Augen:

Wir brauchen dringend ein zukunftsfähiges Wirtschaftssystem!


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