Seid fruchtbar und mehret euch!

von Lothar Schulze
Leitartikel aus 'Information - Zukunfts- und Friedensforschung, 10, Heft 3, Oktober 1974


Kommentare zum Verlauf und Ausgang der Weltbevölkerungskonferenz in Bukarest findet man überall. Warum also noch einmal das Thema aufgreifen? - Es sind doch vor allem die Entwicklungsländer, bei denen der Bevölkerungszuwachs bedenklich wird. In der Bundesrepublik übersteigt die Sterberate bereits die Geburtenrate. Das Gespenst eines aussterbenden Volkes wird uns bereits vor Augen geführt.

Man muß die Zahlen nüchtern sehen: Was wird erreicht, wenn die Weltbevölkerung sich nicht mehr mit 2 %/Jahr, sondern nur noch mit 1,7 %/Jahr vermehrt? - Sie wird sich dann nicht schon in 35 Jahren, sondern erst in 41 Jahren verdoppelt haben (Verzehnfacht in 135 Jahren statt in 115 Jahren).

"Seid fruchtbar und mehret euch!" - Nach diesem Bibelwort will man sich weiterhin in Südamerika richten. - Was können wir da schon tun? - „Soll ich meines Bruders Hüter sein? ..."

Für viele, gerade in Südamerika, ist die katholische Kirche noch die Institution, von der man Hinweise für die geeignete Lebensgestaltung erhofft. Doch das helfende Wort aus Rom bleibt aus. - Im Gegenteil - konsequent werden alle Methoden der Geburtenregelung abgelehnt.

Warum? - Weil ein Wort, das vor vielen tausend Jahren gesprochen wurde und das in einer mit Menschen zu dünn besiedelten Welt durchaus berechtigt war, heute noch gültig sein soll. Aber warum? - Weil Bibelworte ewig gültig sind! - Wann endet die Ewigkeit? - Sicher nicht in 41 Jahren. Sieben Milliarden Menschen (bei 1,7% jährlicher Zuwachsrate) kann der Erdball vielleicht noch ertragen. Endet sie im Jahre 2110, wenn vielleicht 35 Milliarden die Erde bevölkern werden oder erst im Jahre 2245? - Werden dann 350 Milliarden Menschen (100 für jeden heute lebenden) den 300. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges und damit den Beginn eines humanen Zeitalters feiern? - Doch Schluß mit dem Sarkasmus. Eines ist doch klar: Irgendwann vorher muß das Wachstum der Weltbevölkerung begrenzt werden, kann also das Bibelwort keine Gültigkeit mehr haben. Wenn wir das heute aber einsehen, haben wir die Aussagekraft bereits relativiert, kann also von ewiger Gültigkeit keine Rede mehr sein. - Dann muß aber auch die Frage erlaubt sein, warum es heute noch gültig sein soll. - Können mehr Menschen auf dieser Erde die Probleme besser bewältigen, die doch mit der Begrenzung unserer Möglichkeiten zusammenhängen, also Probleme des "Raumschiffes Erde" sind?

Der Schlüssel zur Lösung der Weltfragen liegt in der Bevölkerungszahl. Je niedriger diese bleibt, desto mehr Freiheit in der Entscheidung wird uns bei den anderen Aufgaben bleiben. Kein Kind, das wir nicht gezeugt haben, wird uns daraus einmal einen Vorwurf machen, wohl aber die, welche wir in eine Welt gesetzt haben, die eine so große Zahl nicht mehr zu tragen vermag. Die Menschen tun es ja auch nicht um der Kinder willen. Es geht um ihre Freude am Kind, um die Sicherung ihrer eigenen Altersversorgung, um Macht usw., wenn bei uns der Wunsch nach mehr Kindern laut wird.

Wir sagen, es sei alles nur ein Problem der Entwicklungsländer, mit dem wir nur deswegen zu tun haben, weil die Gefahr besteht, daß zu viele Menschen dort auch uns in den Industrienationen in Gefahr bringen könnten. -

Doch es ist auch unser Problem! - Es ist in verstärktem Maße unser Problem. - Wir haben uns nach dem Krieg gewundert, wenn irgendein junger Mensch zum Mörder wurde und wollten in unserem Hochmut nicht einsehen, daß vielleicht mancher den Unterschied zwischen dem "guten Töten" im Krieg und dem „bösen Töten" danach nicht finden konnte. Wir sind entsetzt über das Vordringen der Wüste in der Sahel-Zone, weil die Afrikaner - um ein höheres Einkommen zu haben - mehr Vieh als für das Gleichgewicht der Natur möglich ist, auf die Weiden bringen. - Doch sie haben wirklich guten Grund, ihr Überleben zu sichern, und sie sehen nicht ein, daß sie das Falsche tun.

Tun wir aber das Richtige, wenn wir unsere Flüsse zu Kloaken machen, wenn wir die reichen Fischfanggründe der Meere mit den modernsten technischen Mitteln leerfischen, wenn wir versuchen, soviel wie möglich der knapper werdenden Rohstoff- und Energievorräte - vor allem auch in den Entwicklungsländern - für uns nutzbar zu machen? - Für wieviel Unnützes, z. B. Chromzierleisten am Auto, werden die Rohstoffe verwendet! Woher nehmen wir das Recht? -Wir haben keinen Grund zum Hochmut. Wie groß ist die Schuld dessen, der eine Gefahr erkennt und nichts tut, um sie abzuwenden? Mit Entwicklungshilfe und „Brot für die Welt" kaufen wir uns von unserer Verantwortung nicht frei!

Das Atomzeitalter sollte uns gelehrt haben, daß Macht und Einfluß nicht mehr von der Zahl der Menschen, sondern von der Fähigkeit zur Problembewältigung abhängen. Wir sollten aber auch endlich wissen, daß es gar nicht mehr auf die Macht ankommt, sondern auf die weltweite Kooperation.

Die Einstellung zum Bevölkerungsproblem ist nur ein Symptom für die Haltung der Menschen zu ihrer Umwelt ganz allgemein. Die Entwicklungsländer sehen auf uns. Solange wir unser Handeln noch nach den Grundsätzen einer Machtpolitik ausrichten und den Anschein erwecken, daß ein direkter Zusammenhang zwischen der Zahl der Menschen und ihrer Macht gegeben sei, solange werden wir von Völkern, bei denen wir eine geringere Einsicht in die Probleme vermuten, auch keine Abkehr von dieser Art zu Denken erwarten können. Es wird dann der Verdacht nicht auszuräumen sein, daß die Industrienationen sich mit den Appellen an die Vernunft nur die Fortführung ihres Luxuslebens auf Kosten der Armen sichern wollen.


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