Den Frieden denkbar machen!

Vortrag: 'Den Frieden denkbar machen!'
(gleichzeitig Leseprobe aus dem Buch 'Unternehmen DELPHIN gescheitert ....')

27.09.85


Vorbemerkung

Dieser Text stammt aus meinem Buch "Unternehmen DELPHIN gescheitert. (S. 135 - 174) Ich habe Vorträge unter diesem Titel - mit etwa dem Grundgerüst, jeweils der Zeit und dem Hörerkreis angepaßt - mehrfach gehalten. Das Thema 'Den Frieden denkbar machen!' ist aber nirgendwo so ausfühlich abgedruckt worden. Deshalb habe ich diesen Vortrag unter dem Abschnitt 'Aufsätze' eingereiht. Er ist aber gleichzeitig auch 'Leseprobe'.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Freunde,

wenn ich zu Ihnen heute über die Probleme des Weltfriedens spreche, so werden Sie vermutlich erstaunt sein über die Art, wie ich an die Fragen herangehen werde. Ich verspreche mir aber eine größere Aufmerksamkeit, wenn Sie einmal sehen, daß man auch eine ganz andere Perspektive wählen kann. Ich versuche, Sie - für die Zeit meines Vortrages - von der eigenen Betroffenheit durch die vielen Alltagsprobleme zu lösen und Ihnen - wenigstens in manchen Passagen - zu zeigen, wie vielleicht ein außerirdischer Beobachter unsere Situation beurteilen könnte. Der Vorschlag, in diese Rolle zu schlüpfen, kam von einigen jungen Freunden, die mich auch gebeten haben, diesen Vortrag hier vor Ihnen zu halten. Ich will mich um diese Rolle bemühen, weiß aber nicht, ob ich sie immer durchhalten kann. Vor allem aber weiß ich keine Patentrezepte.

Zur Einstimmung auf unser Thema 'Den Frieden denkbar machen!' möchte ich Ihnen ein Gedicht von Eugen Roth zitieren:

    Ein Mensch hält Krieg und Not und Graus,
    Kurzum, ein Hundeleben aus,
    Und all das, sagt er, zu verhindern,
    Daß Gleiches drohe seinen Kindern.
    Besagte Kinder werden später
    Erwachsne Menschen, selber Väter
    Und halten Krieg und Not und Graus ...
    Wer denken kann, der lernt daraus.


Aber - haben wir daraus gelernt? - Immer wieder hören wir: "Kriege hat es immer gegeben!" und daraus die Folgerung: "Also wird es sie auch immer wieder geben!" - Wir halten den Frieden für undenkbar. - Ist er es wirklich? - Wenn es so ist, so müssen wir das ändern; denn nur, wenn wir den Frieden denkbar machen, können wir ihn auch erreichen. Ich will versuchen aufzuzeigen, wie der Frieden denkbar gemacht werden könnte. Doch vorher müssen wir uns dazu unsere Situation vor Augen führen.

Prof. Carl Friedrich von Weizsäcker sagte einmal: "Der Frieden ist die Lebensbedingung des Technischen Zeitalters." - 40 Jahre nach Ende des Krieges sieht es aber noch nicht so aus, als ob die Menschen das wirklich begriffen hätten. In allen Teilen der Welt gibt es Kriege. Die Supermächte bauen auf das fragwürdige System der gegenseitigen Abschreckung. Pessimisten erscheint die Situation der Menschheit aussichtslos. - Haben wir noch eine Chance, das drohende Unheil abzuwehren? -

Ich hätte mich nicht seit etwa 30 Jahren immer wieder mit diesen Fragen beschäftigt und sogar meinen Beruf als Physiker an den Nagel gehängt, wenn ich nicht wenigstens eine geringe Hoffnung hätte, daß es die Menschheit doch noch schaffen kann, dem Verderben durch einen Krieg zwischen den Supermächten zu entgehen. Ich habe aber kein Patentrezept für den Frieden. Und wer glaubt, eines zu haben, dem möchte ich mit William Faulkner sagen: "Wenige wissen, wie viel man wissen muß, um zu wissen, wie wenig man weiß."

1. Die großen Probleme unserer Zeit

Versuchen wir zunächst einmal, uns die großen Probleme unserer Zeit - also unsere Ausgangssituation - deutlich zu machen. Vieles davon wird Ihnen bekannt sein. Ich muß aber diese Basis meiner späteren Argumentationen wenigstens andeutungsweise aufzeigen.

Ernstzunehmende Politiker behaupten zwar heute nicht mehr - wie es Konrad Adenauer einmal tat - daß die Atomwaffen nur eine Weiterentwicklung der Artillerie seien. Es gibt aber eine Anzahl von Menschen in entscheidenden Positionen, die es für möglich halten, daß man unter gewissen Voraussetzungen - die dann zu schaffen wären - einen Kernwaffenkrieg gewinnen könne, in dem Sinne, daß es trotz aller großen Opfer möglich wäre, innerhalb einiger Jahrzehnte wieder einen Industriestaat aufzubauen, in dem man ähnlich wie heute leben könne. Es gibt gute Gründe, dieses für den unwahrscheinlichsten Ablauf eines Krieges zwischen den Supermächten zu halten. Dazu gehört, daß das Abschreckungssystem so aufgebaut ist, daß der Angegriffene nur dann noch eine Chance besitzt, seine Waffen einzusetzen, wenn er nicht zögert, dies zu tun. Ich will auf Einzelheiten hier nicht eingehen, weil ich dann für das Wesentliche meines Vortrages zu wenig Zeit hätte.

Die heutigen Massenvernichtungsmittel - dazu gehören neben den Atomwaffen auch die chemischen und biologischen Kampfmittel - bergen die Gefahr in sich, daß mit ihrem Einsatz nicht nur viele Millionen oder Milliarden von Menschen getötet werden, sondern, daß das Leben an sich auf dieser Erde aufhören könnte zu bestehen. Jonathan Schell hat in seinem Buch 'Das Schicksal der Erde' das Aussterben der Menschheit als den 'Zweiten Tod' bezeichnet. Am Schluß des Kapitels mit dieser Überschrift warnt er vor den Folgen, wenn wir es nicht schaffen, das Leben zu erhalten:

"... Die Alternative ist, uns der absoluten und ewigen Finsternis auszuliefern: einer Finsternis, in der es keine Nation, keine Gesellschaft, keine Ideologie, keine Zivilisation mehr geben wird; in der nie wieder ein Kind geboren wird, nie wieder Menschen auf der Erde erscheinen werden und sich niemand mehr daran erinnern wird, daß es sie je gab." Die Verantwortlichen kennen diese möglichen Folgen, glauben aber, daß sie durch die Abschreckung erreichen können, daß dieser Fall niemals eintritt. Die Kubakrise 1962 zeigt jedoch, daß selbst unter dem Präsidenten John F. Kennedy, der als besonnener galt als Päsident Reagan, die Menschheit sehr schnell an den Rand des Abgrundes gelangen konnte. Der Bruder des Präsidenten - Robert Kennedy -, der damals Justizminister war, hat über die Kubakrise ein Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel: '13 Tage - Wie die Welt beinahe unterging'. Dazu hat John Somerville, ein amerikanischer Soziologe, eine Einleitung geschrieben, aus der ich einige Sätze zitieren will:

"Erstens zeigt das Buch, ohne auch nur den geringsten Zweifel zu lassen, daß die Welt im Jahre 1962 beinahe unterging.

Zweitens zeigt es nicht nur, daß dies beinahe eintrat, sondern daß dies durch die wohlüberlegte Entscheidung einer Gruppe hochgebildeter Staatsmänner beinahe eintrat, die - wie sie selbst zugeben, - ganz bewußt damit rechneten, daß das Ende der Welt die wahrscheinlichste Folge der Entscheidung sein würde, die sie trotzdem trafen."
Daß es damals nicht zur Katastrophe kam, lag daran, daß Chruschtschow 'feige' war - oder war er verantwortungsbewußter? - Heute allerdings benutzt man die Tatsache, daß die Sowjetunion damals nachgab, als Beleg dafür, daß man ihr nur mit der nötigen Härte gegenübertreten müsse, um sie in die Schranken zu weisen. -

In Amerika (und vielleicht auch anderswo) wird manchmal von jungen Menschen, die mit ihrem Leben nichts mehr anzufangen wissen, das sogenannte 'Feiglingspiel' gespielt. Sie rasen mit ihren Autos genau aufeinander los, und wer zuerst ausweicht, hat verloren - aber vielleicht sein Leben gewonnen. - Darf man aber um die Existenz des Lebens auf dieser Erde das 'Feiglingspiel' spielen!? -

Es muß aber nicht unbedingt eine Art 'Feiglingspiel' sein, das zum Ende der Menschheit führen könnte. Der große Krieg wäre auch als Folge des Versagens der technsichen Sicherheitssysteme denkbar. Zwar glauben die Politiker der Großmächte, daß diese Systeme so zuverlässig seien, daß ein Krieg durch Zufall auszuschließen sei. Bekannt ist aber, daß es immer wieder Fehlalarme gibt und daß die Reaktionszeit - gerade bei den Mittelstreckenwaffen SS 20 und Pershing II - nur noch wenige Minuten beträgt, Zeiträume, in denen unmöglich der Mensch verantwortlich entscheiden kann. Die Flugzeit der Mittelstreckenraketen beträgt ca. 6 Minuten. Wenn es bei uns 8 Uhr morgens ist, ist in Amerika noch tiefe Nacht. Es ist wohl klar, daß man bei der Ortung eines Objekts nicht gleich den Präsidenten wecken wird, da ja zunächst nicht feststeht, ob es vielleicht ein Fehlalarm ist. Wenn er dann aus dem vielleicht tiefen Schlaf gerissen wird, kann er dann in 2 - 3 Minuten eine verantwortungsbewußte Entscheidung treffen? - So schnell arbeiten nur Computer. Unser Schicksal wird also von Computern und ihren möglichen Fehlern oder von Programmfehlern abhängig. - Es brechen aber auch schon junge Leute in gut gesicherte Computernetze ein. - Vielleicht ist es sogar der Unfug eines solchen 'Hackers' - so nennt man sie -, der die letzte Sicherung im System zerstört und die Katastrophe herbeiführt.

An dieser Situation ändert auch SDI - also das im Weltraum zu stationierende Abwehrsystem - nichts. Im Gegenteil dürfte es die Gefahr noch vergrößern. Nicht Abrüstung, sondern weitere Aufrüstung dürfte die Folge sein. 1984 wurden nach dem SIPRI-Jahrbuch des Schwedischen Friedensforschungsinstituts weltweit mehr als 800 Milliarden Dollar für Rüstung ausgegeben, Geld, das zur Lösung unseres zweiten Weltproblems dringend benötigt würde. Denn jeden Tag sterben ca. 100 000 Menschen an Hunger.

Man sollte meinen, daß uns der sogenannte Technische Fortschritt in die Lage versetzte, allen Menschen ein menschenwürdiges und hinreichend sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Das Gegenteil ist der Fall: Hunger und Elend nehmen weltweit mit der immer weiter steigenden Zahl von Menschen zu. Soweit die Industrienationen noch nicht davon betroffen sind, schafft dort die zunehmende Arbeitslosigkeit neue Armut.

Ein weiteres Problem ist die fortschreitende Umweltvernichtung, sei es, daß unsere Rohstoffbasis immer schmaler wird, sei es, daß Boden, Wasser und Luft immer weiter vergiftet werden, daß damit Tieren, Pflanzen und schließlich auch uns die Lebensgrundlage entzogen wird. Glücklicherweise nimmt wenigstens für diese Zusammenhänge das Bewußtsein stärker zu, als es beim Friedensproblem der Fall ist.

Die Lösung all dieser Probleme wird dadurch erschwert, daß unsere Welt in zwei große Machtblöcke - zwei große Ideologien - gespalten ist. Die einen sehen das Heilmittel in den Lehren des Kapitalismus, die anderen im Sozialismus. Beide Seiten vertreten dabei noch eine Kreuzzugsmentalität, indem sie meinen, sie müßten dem anderen mit ihrer Lehre das Heil bringen.

2. Die derzeitigen - den Problemen nicht angepaßten - Denkweisen

Ich will nun versuchen zu zeigen, daß unsere derzeitigen Denkweisen kaum zur Lösung unserer Lebensfragen beitragen können.

Warum scheint es den meisten Menschen fast unmöglich, eine Lösung für all diese Probleme zu finden? - Jeder will doch den Frieden. Die Verantwortlichen handeln aber so, daß ein großer Krieg immer wahrscheinlicher wird. Viele von uns wollen das nicht sehen. Sie reagieren mit 'Verdrängung', etwa wie ein Kind, daß sich die Bettdecke über den Kopf zieht, wenn es sich fürchtet. Allzugern nimmt man das, was von den Verantwortlichen zur Beruhigung gesagt wird, für bare Münze, glaubt z.B. an die Unfehlbarkeit von technischen Sicherheitssystemen, obwohl immer wieder Nachrichten aus aller Welt von deren Versagen berichten. Als Beispiel will ich nur an den Luftverkehr erinnern.

Ich sehe einen Hauptgrund für unsere Unfähigkeit, die Probleme zu lösen, darin, daß unsere Denkweisen ihnen nicht angepaßt sind. So wäre es z.B. unmöglich gewesen, eine Lehre der Physik aufzubauen, die all die Gesetze enthält, die wir heute kennen, aber die Behauptung beibehält, daß die Erde der Mittelpunkt der Welt sei. - Sie werden später erkennen, warum ich gerade dieses Beispiel wähle.

Ein wesentliches Verständigungsmittel der Menschen ist die Sprache. Man kann sich aber nur verstehen, wenn die Partner genau wissen, was gemeint ist. Wenn einer von WC spricht und der andere ein Wasserklosett nicht kennt und glaubt, daß es sich um die Waldkapelle handle, dann kommt die lustige Geschichte für feuchtfröhliche Stunden heraus, die Sie vielleicht auch kennen. Leider sind aber nur wenige Mißverständnisse dieser Art lustig und schon gar nicht in der Politik.

Viele unserer Begriffe benutzen wir so, als ob sie unveränderlich seien. - Im Urlaub habe ich spaßeshalber unseren Campingtisch in 'Baguette' (dem französischen Weißbrot) gemessen. Ich bekam jeden Morgen einen anderen Wert, aber nicht, weil sich der Tisch verändert hatte, sondern, weil mein Maßstab jeden Morgen neu vom Bäcker kam.

Sie mögen fragen, was dieser Unsinn hier soll. Aber - Hand aufs Herz - wie oft tun Sie ähnliches, allerdings ohne sich dessen bewußt zu sein? Da operieren wir z.B. mit den Begriffen 'Gut' und 'Böse' so, als ob wir genau wüßten, was gut oder böse ist und daß nur unsere Art der Beurteilung richtig sei. Da haben wir die 'gute' Katze, die die 'bösen' Mäuse fängt. - Wird die Maus die Katze auch als 'gut' ansehen? - Da sind die 'guten' Polizisten in Südafrika, die verhindern, daß die weiße Herrschaft im Chaos zugrunde geht. Oder sind es 'böse' Polizisten, die die Schwarzen umbringen, wenn sie um die Gleichberechtigung aller Menschen kämpfen? - Da sind die 'guten' Umweltschützer, die Tempo 100 fordern, um den Wald zu retten - oder sind sie 'böse', weil sie 'dem freien Bürger' seinen Anspruch auf 'freie Fahrt' nur mißgönnen, weil sie sich selbst nicht so schnelle Autos kaufen können?

Betrachten wir die Begriffe Bedrohung und Abschreckung. Da fühlt sich die Sowjetunion durch das SDI-System bedroht, weil es den Amerikanern, falls es funktionerte, die Möglichkeit gäbe, ihren Kreuzzug gegen den Kommunismus mit Einsatz von Kernwaffen durchzuführen, ohne daß die Sowjets zurückschlagen könnten. Die USA sehen aber darin nur die Abschreckung gegen einen möglichen Angriff der Sowjetunion, die dann keine Chance hätte, mit ihren Kernwaffen die Ziele zu erreichen.

Was ist Angriff? - Was Verteidigung? - (Man hat auch schon den Begriff 'Vorwärtsverteidigung' geprägt.) - Vor wenigen Wochen bin ich auf einen Ausschnitt aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 21.2.1968 gestoßen. Es ging um den Vietnamkrieg. Die Überschrift lautet: 'Zweifel in Washington an Johnsons Darstellung der Tonking Affäre'. Ich will die wesentlichen Sätze vortragen:

"... Nach Darstellung der Regierung Johnson waren damals vor der nordvietnamesischen Küste auf offener See US-Zerstörer angegriffen worden. Der Senatsausschuß will jetzt Berichte untersuchen, nach denen dieser Zwischenfall überhaupt nicht stattgefunden hat oder sich zumindest nicht so abspielte, wie es die Regierung seinerzeit darstellte. Der Zwischenfall wurde damals von Präsident Johnson zum Anlaß für die Auslösung des amerikanischen Luftkrieges gegen Nordvietnam genommen. Außerdem ließ sich Johnson seinerzeit vom US-Kongreß unter Berufung auf den Tonking-Zwischenfall die Ermächtigung zum uneingeschränkten Einsatz amerikanischer Truppenverbände in Südvietnam gegen den Vietcong geben."

Die Bundesrepublik darf niemals wieder einen Angriffskrieg führen. - Darüber ist man sich einig. - Wenn nun durch eine Eskalation Deutschland in den Vietnam-Krieg hineingezogen worden wäre, wäre das dann ein Angriffs- oder ein Verteidigungskrieg gewesen? - Schon Hitler hat 1939 'zurückgeschossen', um seinen Angriff auf Polen nicht als Angriff bezeichnen zu müssen.

Betrachten wir die Begriffe Überlegenheit und Gleichgewicht. Jede der beiden Großmächte behauptet, daß sie nur ein Kräftegleichgewicht wolle, daß z.Zt. aber der andere überlegen sei. Deshalb müsse man nachrüsten. Wie kann man das aber prüfen? Jede Seite besitzt andere Waffen. - Auch der Begriff 'Waffen' ist hier irreführend. Man sollte besser von Massenvernichtungsmitteln sprechen. - Die einen haben größere Sprengkraft, die anderen eine größere Treffsicherheit. Vielleicht sind auch die Reichweiten unterschiedlich. Oder die eine Seite hat mehr Abschußrampen auf dem Lande, die andere auf U-Booten. Dazu kommen verschiedene geostrategische Verhältnisse usw. usw. Wer kann also sagen, wann Gleichgewicht, wann Überlegenheit vorhanden sei. - Was strebt denn aber auch jede Seite an? - Wollen sie wirklich ein Gleichgewicht, bei dem ja dann am Ende eines Konfliktes theoretisch jeder gleich stark geschädigt wäre? Wenn also jemand überlebte, hätte man die gleichen Verhältnisse wie vor einem Krieg. Dann brauchte er gar nicht stattzufinden. - Man will also für den Ernstfall - der nie eintreten soll - Überlegenheit, damit man den Gegner 20 mal umbrigen kann, während man selbst nur 18 mal umgebracht wird.

Haben wir dann aber z.B. wenigstens für die Freiheit ein absolutes Maß? Wissen wir, in welchem Falle es Unterdrückung gibt? - Im Hitlerdeutschland, in allen anderen Diktaturen, aber auch in den anderen Ländern kann jeder sagen, was er denkt, soweit dies mit der Auffassung der Herrschenden übereinstimmt. Die Grenzen der Freiheit erkennt man erst, wenn man andere Ansichten äußert. - Ich möchte nicht mißverstanden werden. Ich weiß, daß die, die in den Ostblockländern gegen den Strom zu schwimmen vesuchen, es erheblich schwerer haben als wir. Man frage aber einmal westdeutsche Kommunisten, ob sie sich frei fühlen. Sie werden zwar nicht eingesperrt, aber diskriminiert und mit Berufsverboten belegt, während sie in Frankreich oder Italien dagegen keinesfalls so außerhalb der Gesellschaft stehen.

Wieviele Diktaturen werden von den USA unterstützt oder zumindest nicht bekämpft, weil sie antikommunistisch sind? - Haben wir schon einmal darüber nachgedacht, wieviel Unterdrückung es durch wirtschaftliche Macht gibt? - Das zeigt sich z.B. dann, wenn der größte Teil des Grundbesitzes in einem Land in den Händen von wenigen liegt, während die vielen anderen für einen Hungerlohn arbeiten müssen.

Da schließt sich fast von selbst die Frage von Recht und Unrecht an. Ist es Recht, wenn immer weniger Menschen immer mehr Grund und Boden besitzen, der doch nicht vermehrt werden kann? Ist es Recht, auch wenn es der Buchstabe besagt, einem alten Ehepaar das Häuschen zu nehmen, wenn man Eigenbedarf geltend machen kann? Ist es Recht, Kraftwerke zu bauen, für deren Energielieferung erst noch der Bedarf 'geweckt' werden muß, wenn damit immer mehr Energieträger verbraucht werden und die Umwelt immer stärker belastet wird? Ist es Unrecht, wenn Menschen dagegen aufstehen, obwohl eine Mehrheitsentscheidung für das Kraftwerk gefallen oder der gesetzlich vorgeschriebene Genehmigungsgang eingehalten worden ist?

Wo finden wir den Maßstab? - Welche Lebensansprüche darf ich stellen. Ist es mein gutes Recht, so leben zu können, wie ich möchte? - Was kann ich dafür, daß es den Afrikanern nicht so gut geht! Sie haben eben Pech gehabt, dort geboren zu sein! Dem Fleiß unserer Vorfahren verdanken wir, daß es uns heute so gut geht. Vielleicht waren die Afrikaner einfach immer zu faul! - Und die Arbeitslosen! - Die haben sich im Lebenskampf eben auch als die Schwächeren erwiesen. Sie sind dem Konkurrenzkampf zum Opfer gefallen. Und Konkurrenzkampf ist der Motor des Fortschritts, den wir für ein weiteres Wirtschaftswachstum brauchen. Nur dann wird es uns gelingen, mit den sozialen Spannungen fertig zu werden. Nur, wenn die Reichen viel mehr bekommen, können auch die Armen etwas mehr erhalten und werden zufrieden sein! - Ist dies die Gerechtigkeit, die wir suchen? -

So sind wir bei der Wachstumsideologie angelangt, die in West und Ost als Allheilmittel angesehen wird, obwohl doch jeder sehen müßte, daß auf einem begrenzten Planeten ein unendliches Wachstum nicht möglich ist. Frederic Vester hat es einmal so ausgedrückt: "Wenn wir das nächste Mal von Wachstum reden, so sollten wir daran denken: Wir haben nur diesen einen Planeten, und der wächst nicht mit!" Wer heute noch weiteres Wachstum will, muß sich darüber im klaren sein, daß er damit nicht nur die Lösung der Probleme vor sich herschiebt, sondern diese Lösung für die Nachfolgenden immer schwieriger, vielleicht sogar unmöglich macht.

3. Systemzwänge, die Änderungen erschweren oder unmöglich machen.

Ich will nun von den Systemzwängen sprechen, die uns Änderungen erschweren oder unmöglich machen. - Wir stehen vor der Aufgabe, sehr viele Änderungen durchführen zu müssen, für die es kein Patentrezept gibt. Es geht auch nicht darum, die Denkweise des Kapitalismus durch die des Marxismus zu ersetzen. Beide Systeme sind auf Wachstum programmiert. Es müssen viele neue Wege, gesucht, gefunden und auch durchgesetzt werden. Zur Zeit gibt es aber eine Reihe von sogenannten 'Sachzwängen', die dem entgegenstehen.

Eines dieser Probleme liegt bei den Politikern. Dabei betrachte ich zunächst nur die Verhältnisse bei uns. Der Ostblock hat aber die gleichen Schwierigkeiten, möglicherweise sogar verstärkt. Wie erfolgt denn die Auslese in den politischen Parteien? - Es hat doch der die Chance, an die Spitze zu kommen, der in den herkömmlichen Denkweisen schnelle Lösungen zu wissen vorgibt, der dazu ein großes Durchsetzungsvermögen besitzt und sich bemüht, die speziellen Interessen seiner Parteifreunde zu berücksichtigen, also z.B. mehr für die Arbeiter oder mehr für die mittelständischen Betriebe oder mehr zur Verringerung der Arbeitslosigkeit tut.

Wegen unserer Wahlperioden von 4 Jahren muß der Politiker an die Fragen denken, bei denen er bis zur nächsten Wahl Erfolge vorweisen kann. Das sind aber nicht die Probleme bzw. die Problemlösungen, die langfristig auch vorteilhaft sind. Das sieht man sehr gut an der Wachstumsideologie. In kurzen Zeiträumen lassen sich mit Wachstum manche Verhältnisse verbessern. Doch Wachstum schafft gleichzeitig neue Probleme, - z.B. Rohstoffmangel oder mehr Umweltbelastung - die langfristig die Lebensbedingungen verschlechtern.

Ein Beispiel für kurzfristig erfolgreiche Lösungen ist auch das Abschreckungsprinzip. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß es ohne die Drohung mit den Atomwaffen schon zu einen großen Krieg gekommen wäre. Die Abschreckung hat aber auch zum Wettrüsten geführt, wodurch die Gefahr einer verheerenden Katastrophe immer größer geworden ist. Um aber all das durchdenken zu können, braucht man viel Ruhe und Zeit. Die hat aber kein aktiver Politiker, der sich um die Alltagspolitik kümmern muß.

Es erlangen auch nicht unbedingt die edelsten Menschen die Macht, z.B. solche, die um der Gerechtigkeit willen bereit sind, Forderungen ihrer Seite zurückzuschrauben. Ellenbogenmenschen gelingt es eher, an die Spitze zu kommen. Wir sollten aber nicht über die mangelnde Qualifikation unserer Politiker für die Bewältigung der Zukunft klagen. Letzten Endes bekommt jede Gesellschaft die Führung, die sie verdient. Wenn wir andere Anforderungen stellten, wenn wir es honorierten, daß z.B. jemand ehrlich sagt: Ich weiß die Lösung noch nicht. Ich will aber versuchen, mir alle Informationen zu beschaffen, damit eine sinnvolle Lösung für alle, nicht nur für uns, möglich wird. - Dann hätten wir eher Menschen an der Spitze, denen wir vertrauen könnten.

Eine weitere Schwierigkeit liegt in unserem Wahlsystem. Die 5%-Hürde wurde mit Bedacht eingeführt, weil in der Weimarer Republik durch die vielen Splitterparteien eine stabile Regierung kaum möglich war. Diese Hürde machte es aber über viele Jahrzehnte unmöglich, daß eine neue Partei mit grundlegend anderen Vorstellungen ins Parlament einziehen konnte. Die Grünen haben es erstmals geschafft, weil hinreichend viele eine andere Politik wollten. Es gibt aber sehr viele Mitbürger, die den Einzug der Grünen ins Parlament nur mit Bedauern hinnehmen. Vieles, was bei den Grünen bemängelt wird, hat aber gerade seine Ursache in dieser hohen Hürde, und zwar aus folgendem Grunde: Um überhaupt genügend Wähler zu bekommen, mußte man alle gewinnen, die eine andere Politik wollten, wobei es weniger wichtig war, daß man sich in den Details einig war. So werden wichtige und weniger wichtige Probleme von den Grünen aufgegriffen, und es ist auch manches dabei, das, ohne weiterzuführen, nur böses Blut erzeugt. Darüberhinaus ist ein Teil der Grünen gar nicht an einer pragmatischen Lösung von Zukunftsproblemen interessiert, sondern hängt an Ideologien, wodurch Änderungen der Politik durch Mehrheitsentscheidungen unmöglich werden. Hätte die Hürde tiefer gelegen, so wären diese verschiedenen Richtungen nicht so vermischt worden.

Wenn wir versuchen wollen, ohne ideologische Vorbelastung nach Lösungen zu suchen, so kommen wir allerdings nicht an der Frage vorbei, ob unser demokratisches System der Mehrheitsentscheidungen überhaupt in der Lage ist, die Probleme zu bewältigen.

Wer glaubt, daß der häufige Einsatz von Volksabstimmungen die richtige Lösung sei, den muß ich auch enttäuschen. Einmal haben die schlechten Erfahrungen im Hitlerreich die vielen Manipulationsmöglichkeiten deutlich gemacht, zum anderen muß man sich fragen, ob denn die Bevölkerung eines Landes überhaupt die richtige Lösung bestimmen kann.

Der Grundgedanke der Demokratie ist doch der, daß nicht eine herrschende Oberschicht, sondern die von den Entscheidungen Betroffenen selbst an der Entscheidung mitwirken sollen. Das mag auch relativ lange so vertretbar gewesen sein. Viele Entscheidungen, die aber heute in einem Land - vor allem, wenn es sich um eine Industrienation handelt - getroffen werden, beeinflussen nicht nur das Leben der dortigen Bevölkerung, sondern auch das anderer Völker (ggf. auf der ganzen Welt). Von diesen Entscheidungen hängt nicht nur das Leben der Wahlberechtigten ab, sondern auch das der Kinder und späterer Generationen - möglicherweise weltweit. Weiter hängt aber auch das Leben von Pflanzen und Tieren als Arten, nicht nur als Einzelindividuen davon ab. Viele Tier- und Pflanzenarten sind bereits heute durch unser Handeln ausgestorben. - Wer hat das Recht, darüber zu entscheiden?

Der Einzelne beeinflußt die Entscheidungen aber nur wenig; denn wir haben eine repräsentative Demokratie. Der Bürger wählt alle 4 Jahre eine bestimmte Partei, die vielleicht zu den Tagesproblemen gerade so Stellung genommen hat, wie es dieser Wähler für richtig hält. Die weiteren Entscheidungen werden dann aber von Abgeordneten gefällt - und zwar auf den verschiedensten Gebieten. Wenn ich nun den Lösungsansatz einer Partei für das Arbeitslosenproblem für richtig halte, so bedeutet das doch nicht zwangsläufig, daß ich auch bei ihrer Rüstungspolitik zustimme. Ich muß hier zugeben, daß ich für das Problem der Entscheidungsfindung keine Lösung weiß. Wir müssen uns jedoch der Problematik bewußt werden und eine bessere Lösung suchen.

Welches ist aber der Maßstab für die Entscheidungen? - Ich möchte die heute vorherrschende Denkweise die Ptolemäische nennen. Der Grieche Ptolemäus aus dem Altertum Europäischer Geschichte sah die Erde im Mittelpunkt der Welt. Alle Himmelskörper - einschließlich der Fixsternsphäre - drehten sich um die Erde. Dem Ptolemäischen Weltbild entspricht für den Einzelnen und für die heute lebenden Gemeinschaften die Beurteilung der Weltprobleme aus der Perspektive der eigenen Bedürfnisse. Das Eigeninteresse wird als Richtschnur für Entscheidungen in den Vordergrund gestellt. Das kann - unterschiedlich - das Eigeninteresse des Einzelnen oder einer Gruppe - z.B. auch eines Staates - sein.

Noch etwas kommt hinzu, das die Lösung unserer Weltprobleme behindert. Der Psychiater nennt das bei seinen Patienten die Verdrängung und den Wiederholungszwang. Einmal verbannen die Menschen das, was sie bedroht, aus ihrem Bewußtsein und nennen die, die es ihnen vorhalten, um Änderungen zu errreichen, Unheilspropheten und Schwarzmaler. Zum anderen tun sie gerade das, was zur Bedrohung führt, in verstärktem Maße. Man kann z.B. von einer 'Teufelsspirale des Wettrüstens' reden: Angst erzeugt Rüstung. Die Rüstung erzeugt wachsende Kriegsgefahr. Diese wieder verstärkte Angst, als Folge davon verstärkte Rüstung und wieder verstärkte Kriegsgefahr usw.

4. Wege aus der Gefahr

Welche Wege führen uns aber aus der Gefahr, die der Menschheit droht? - Vielleicht hilft folgende Vorstellung, um uns unsere Situation deutlich zu machen: Wir befinden uns auf einer Eisscholle, die flußabwärts in wärmere Gewässer treibt. Noch können wir vielleicht ein festes Ufer erreichen. Später, wenn dann die Scholle geschmolzen sein wird, werden wir kaum noch eine Chance haben. Wir müssen uns also einer Gefahr - das Ufer doch nicht zu erreichen - aussetzen, um dem sicheren Ende zu entgehen. Jedes Zögern verringert unsere Chancen!

Der Krieg ist kein Sandkastenspiel - auch kein Gesellschaftsspiel, wie es als 'Fulda Gap' - ein Spiel mit der Annahme eines Atomkrieges in Deutschland - heute bereits im Handel sein soll. Es geht um Menschen. Es geht ums Leben überhaupt. Wir müssen deshalb in Zusammenhängen denken lernen! - 'Unsere Welt - ein vernetztes System' heißt eine hervorragende Ausstellung von Frederic Vester, die das deutlich macht, in der man die Probleme und die andere Denkweise im wahrsten Sinne des Wortes begreifen kann. Krisenmanagement zur Lösung von Einzelproblemen bringt höchstens kurzzeitig eine Besserung - verschafft uns vielleicht eine Gnadenfrist. Die Bilanz unserer derzeitigen Situation sieht nicht erfreulich aus. Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, den Frieden denkbar und damit möglich zu machen? - Bei dieser Frage werde ich immer wieder an eine alte Geschichte aus dem Orient erinnert, die ich schon als Kind gelesen habe:

Ein Kaufmann hatte 3 Söhne und 17 Kamele. In seinem Testament hatte er bestimmt, daß der älteste Sohn die Hälfte, der zweite 1/3 und der dritte 1/9 der Kamele erben sollte. Es sollten aber die Kamele nicht geschlachtet und zerteilt werden. Die Söhne waren völlig ratlos, als der Vater gestorben war. Da kam ein Scheich auf einem Kamel vorbei und sah die traurigen Brüder. Er fragte nach der Ursache und erfuhr von dem Problem. Er sagte: "Ich will euch helfen. Nehmt mein Kamel mit dazu und teilt dann."

Die Brüder taten es. Nun konnte der erste 9 Kamele bekommen, der zweite 6 und der dritte 2. Der Scheich aber nahm sein Kamel und ritt davon. Es war beim teilen übriggeblieben. - Wie war das möglich?

Der Scheich hatte - im Gegensatz zu den Brüdern - als Außenstehender den Kern des Problems erkannt. Während die Brüder nicht zu einer Lösung kamen, wie man die Hälfte von 17 Kamelen bekommen könnte, ohne eines zu zerteilen, hatte der Scheich ausgerechnet, daß 1/2 + 1/3 + 1/9 nicht 1, sondern nur 17/18 ergeben. So konnte er gewissermaßen sein Kamel als Katalysator dazugeben. Es blieb unverändert zurück, was bei einem Katalysator auch der Fall ist.

Sicher ist das Problem des Friedens nicht so einfach zu lösen. Aber vielleicht haben wir Chancen, wenn wir da auch andere als die gewohnten Wege gehen. Ich will nun versuchen, aus meiner Sicht als Naturwissenachaftler einige unkonventionelle Denkweisen vorzustellen:

Zunächst kommt es darauf an, die richtigen Fragen zu stellen. Nur dann kann man auch richtige Antworten erhalten. Mein Lehrer in Physik sagte immer: "Für den Physiker ist nichts selbstverständlich!" Das sollte aber für uns alle gelten. - Wie falsch wir häufig an Probleme herangehen, will ich Ihnen mit Hilfe eines Witzes erläutern, den sie vielleicht schon kennen:

Ein Betrunkener sucht etwas unter einer Laterne. Ein Polizist kommt hinzu und fragt ihn, was er denn suche. Er sagt: "meinen Hausschlüssel" - Der Polizist als Freund und Helfer beteiligt sich an der Suche, kann den Schlüssel aber auch nicht finden. Deshalb fragt er den Betrunkenen: "Haben Sie ihn denn hier verloren?" - Dieser antwortet: "Nein, da drüben!" - Darauf der Polizist: "Warum suchen Sie ihn dann hier?" - Worauf der Betrunkene antwortet: "Weil es hier hell ist!" -

Sie mögen darüber lachen. - Aber, fragen wir uns doch einmal, wie oft wir den gleichen Fehler machen! Wir suchen den Schlüssel zur Lösung eines Problems häufig da, 'wo es hell ist', nämlich auf dem Gebiet, auf dem wir zufällig etwas wissen, nicht aber dort, wo er wirklich zu finden ist.

Doch dort, wo der Schlüssel liegt, hilft auch nicht immer die beste Detailkenntnis, wie viele gern glauben. Ich habe ab und zu meinen Hörern eine Mikroaufnahme eines Fernsehschirms gezeigt. Da sieht man dann nur rote, grüne und blaue Punkte in unterschiedlicher Helligkeit. Niemand kann sich daraus das Gesamtbild vorstellen. - Aber Fernsehbilder enthalten noch andere Farben außer den drei genannten.Wie kommen die zustande? - Um das zu erkennen, müssen wir auf Erkenntnisschärfe verzichten, als das Bild unscharf einstellen. Dann sehen wir z.B. gelb und weitere Farben. Diese entstehen nämlich erst durch die Mischung aus den drei Grundfarben. - Zu lernen, wie daraus alle andern - übrigens auch bei Farbdrucken und Farbfotos - entstehen, mag recht beeindruckend sein. Doch, wenn wir vor dem Fernseher sitzen, interessiert uns das wohl nicht. Da wollen wir das gesamte Bild sehen und den Ablauf der Handlung. - Wer von den Millionen Fernsehzuschauern weiß das überhaupt, was ich Ihnen eben erklärte? - Sind sie deshalb zu dumm zum Fernsehen? - Nein, sie brauchen es nicht zu wissen, wenn sie den Fernseher benutzen. - Das gilt übrigens auch auf anderen Gebieten. Beispiele dafür gibt es genug. Was können wir aber aus solchen technischen Beispielen an Allgemeingültigem für unser Thema lernen? -

Früher haben die Menschen die Zusammenhänge besser erkannt oder erahnt, obwohl sie die Details nicht so gut analysieren konnten, wie es heute unseren Spezialisten möglich ist. Ich möchte Sie nur an den berühmten Brief des Indianerhäuptlings Seattle an den amerikanischen Präsidenten erinnern, in dem deutlich wird, daß die Indianer im letzten Jahrhundert - aber sicher auch schon viel früher - gewußt haben, wie sie als Menschen mit der übrigen Natur verwachsen sind und daß sie sie nicht ungestraft schädigen dürfen.

Viele unserer Probleme entstehen dadurch, daß wir unser Wissen zu sehr in Teilgebiete zerlegt haben, daß es nur wenige gibt, die noch die Zusammenhänge erkennen. Es müßte ein Netz der Wissenschaften geben. Doch das ist heute zerrissen. Jeder Wissenschaftler ist Spezialist auf einem sehr kleinen Teilgebiet. Er erkennt - wie so viele heute - kaum die Zusammenhänge zu anderen Gebieten, die zweifellos vorhanden sind. Das gilt auch für Bereiche, die sehr in unser Leben einschneiden. Deshalb kann eine Lösung, die auf einem Gebiet Erfolg verspricht, für ein anderes oder für das Ganze schädlich sein. Das können wir also nur herausfinden, wenn wir die verschiedenen Wissensgebiete wieder zusammenführen. Frederic Vester fordert deshalb ständig, daß wir wieder lernen müssen, vernetzt zu denken.

Demonstration vom Umkippen
Abb. 1 (links): Wenn der Quader nur soweit gekippt wird, daß sich der Schwerpunkt S noch links von der Kippkante, also innerhalb der ursprünglichen Quaderposition befindet, sorgt die Erdanziehungskraft K dafür, daß die tiefere Schwerpunktlage wieder erreicht wird.
Abb. 2 (rechts): Wird der Quader weiter gekippt, so daß sich der Schwerpunkt S rechts, also außerhalb der ursprünglichen Quaderposition befindet, so sorgt nun die gleiche Kraft K dafür, daß der Kippvorgang solange weiterläuft, bis der Quader flach auf dem Tisch liegt.


Was heute anders ist als früher, läßt sich recht gut mit dem Begriff des Umkippens erklären, wenn man das wirklich einmal vormacht. (Abb. 1 und 2) Ich stelle dazu meinen leeren Diakarton einmal senkrecht hin. - Ich könnte auch eine Flasche nehmen. - Wenn ich dem Karton einen kleinen Stoß gebe, geht er in seine Ausgangsstellung zurück. Dafür sorgt die Schwerkraft, die wir uns am Schwerpunkt angreifend denken können und die so wirkt, daß eine möglichst tiefe Schwerpunktlage erreicht wird. Das ist in diesem Falle die Ausgangslage. Kippe ich meinen Kasten aber so weit, daß der Schwerpunkt sich über die Kippkante hinausbewegt, dann geht der Karton nicht mehr zurück. Dann kippt er um. Dabei ist bemerkenswert, daß die gleiche physikalische Ursache - nämlich die Schwerkraft, die wieder am Schwerpunkt angreift - nun verhindert, daß der Ausgangszustand wieder erreicht werden kann. - Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis und eine Warnung an die, die sich bei den bedrohlichen Situationen heute damit zu beruhigen suchen, daß die Natur 'bisher alles immer wieder zurechtgerückt habe'. - Bildlich gesprochen, konnte der Mensch aber auch niemals zuvor den Schwerpunkt über die Kippkante hinaus bewegen. Das ist erst in unserer Zeit möglich geworden.

Puzzlespiel

Abb. 3 - Puzzle


Mit meinem nächsten Dia (Abb.3), einem Puzzlespiel, will ich erklären, wie man sinnvoll an die Lösung von Problemen herangeht und sich nicht mit Fragen aufhält, deren Lösung unmöglich ist. - Diese Denkweise wird später noch eine Rolle spielen, wenn ich vom 'Grundgesetz zur Sicherung des Lebens' reden werde. - Sie sehen einen Haufen Klötze und einen Kasten, in den sie hineingepackt werden sollen. - Wenn ich das Spiel hier hätte, würden nach meinem Vortrag vielleicht viele von Ihnen versuchen - und zwar durch Probieren - die Klötze richtig hineinzupacken. Wenn wir uns den großen Haufen Klötze aber auf dem Bild ansehen, können doch auch Zweifel kommen, ob die Aufgabe überhaupt lösbar ist, ob der Kasten nicht zu klein ist. - Ich würde versuchen, diese Frage zuerst zu beantworten. - Wie kann ich das aber auf einfache Weise tun? - Ich brauche dazu eine Waage, ein Zentimetermaß und einen Taschenrechner. Wir haben hier im Vordergrund einen Quader. Dessen Volumen können wir bestimmen, wenn wir die Seitenmaße miteinander multiplizieren. Wenn wir den Klotz dann auf die Waage legen, erhalten wir die Masse (der Laie sagt Gewicht). Aus der Division Masse/Volumen errechnen wir die Dichte des Materials (oder - laienmäßig - das spezifische Gewicht). Nun brauchen wir nur noch alle Klötze zusammen zu wiegen und die Gesamtmasse durch die Dichte zu teilen, um zum Gesamtvolumen zu kommen. Dann messen wir unseren Kasten aus und errechnen wie beim Quader seinen Rauminhalt. Nun können folgende Fälle eintreten:

* Entweder ist das Gesamtvolumen der Klötze größer als der Rauminhalt des Kastens. Dann ist unsere Aufgabe nicht lösbar. Wir brauchen uns also gar nicht weiter zu bemühen.

* Ist aber das Volumen der Klötze gleich oder kleiner als der Rauminhalt des Kastens, so haben wir eine Chance. Aber sicher ist das nicht; denn es kann ja sein, daß beim Einpacken Zwischenräume bleiben müssen. Die folgende Erkenntnis ist also wichtig: Wir können bei einem bestimmten Problem ggf. bestimmte Wege als 'unmöglich' ausschließen, aber bei anderen nicht sagen, ob sie wirklich gangbar sind. Dazu ein Beispiel:

Die Frage, die wir zu lösen haben, ist nicht die, wie Idealtypen von Menschen den Frieden organisieren, sondern ob und wie wir mit dem Menschen, wie er ist den Frieden erreichen können; denn der Versuch, eine Lösung des Friedensproblems zu finden, könnte von vornherein zum Scheitern verurteilt sein, wenn der Frieden absolut friedliche Menschen voraussetzte. Es gibt Analogieschlüsse, die hoffen lassen, daß das nicht so ist. Ich will das an der Akustischen Rückkopplung erläutern. Sie alle kennen die Fälle, in denen eine Verstärkeranlage in einem Saal plötzlich zu pfeifen anfängt.

akustische Rückkopplung

Abb. 4 - akustische Rückkopplung
In der Mikrophonposition 0 ist das System absolut stabil. Im Punkt 1 setzt das Rückkopplungspfeifen ein. Das Mikrophon wird noch bis zum Punkt 2 bewegt. Auf dem Rückweg hört das Pfeifen erst beim Punkt 3 wieder auf. (der Lautsprecher ist auf dem Bild wegen der besseren Erkennbarkeit verdreht gezeichnet.)


Ich habe hier auf dieser Schiene an dem einen Ende ein Mikrophon und am anderen Ende einen kleinen Lautsprecher aufgebaut. (Abb. 4) Sie sind über einen Verstärker miteinander verbunden. Die Töne, die das Mikrophon aufnimmt, werden vom Lautsprecher wieder in die Richtung auf das Mikrophon abgegeben und treffen also mit einer gewissen Intensität auch auf das Mikrophon. Trotzdem geschieht zunächst nichts Auffälliges, da ich den Verstärkungsgrad passend eingestellt habe. Jetzt nähere ich aber ganz langsam das Mikrophon dem Lautsprecher, so daß der vom Lautsprecher abgegebene Schall in immer größerer Intensität das Mikrophon erreicht. - Jetzt haben wir den Punkt erreicht, an dem das Pfeifen einsetzt. Ich werde ihn mit Kreide markieren und mein Mikrophon noch etwas weiterschieben. Nun ziehe ich das Mikrophon langsam wieder zurück, und wir stellen fest, daß der Pfeifton an der Position, an der er anfing, noch nicht wieder aufhört. Wir müssen das Mikrophon noch weiter zurück bewegen.

Was können wir daraus lernen? - Zwei Größen spielen hier eine Rolle. Die eine ist der sogenannte Kopplungsgrad, der angibt, wieviel Prozent der vom Lautsprecher abgestrahlten Energie auf das Mikrophon treffen, den habe ich durch die Verschiebung auf der Schiene regelbar gemacht, die zweite der Verstärkungsgrad unseres Verstärkers. Wenn z.B. 8% der Lautsprecherenergie auf das Mikrophon auftreffen und der Verstärkungsgrad 10 ist, so ist unser System völlig stabil; denn dann strahlt der Lautsprecher nur noch 8x10=80% der vorher abgegebenen Energie ab. Auch bei einem Verstärkungsgrad von 12 hätten wir noch Stabilität mit 96%, während ein Verstärkungsgrad von 13 zu 104% und damit zum Aufschaukeln, zum Pfeifen führt.

Auf das Problem des Friedens angewandt können wir sagen: Konflikte führen u.a. dann zu Kriegen, wenn die einem Volke zugefügte Unbill verstärkt zurückgegeben wird; denn wir können uns leicht vorstellen, daß sich dieser Vorgang immer weiter aufschaukelt, bis dann die Waffen sprechen. Wir brauchen aber nicht völlig friedlich zu sein, sondern müssen uns nur ein wenig zurückhalten, um diese Eskalation zu verhindern. - Eine Lehre, die für den Ehekrach genauso gilt wie für den Krieg.

Aber noch etwas lehrt uns das Beispiel: Wir sahen, daß nach dem Pfeifen der Kopplungsgrad noch weiter zurückgefahren werden mußte, um wieder Stabilität zu erreichen. D.h. es bedarf erheblich größerer Anstrengungen, einen bereits begonnenen Krieg wieder zu beenden, als nötig wäre, um den Beginn zu verhindern. - Ich möchte aber betonen, daß das, was ich Ihnen vorgeführt habe, Analogieschlüsse sind. Die Wirklichkeit ist erheblich komplizierter.

Stabilisierung an der Schwelle des Krieges

Abb. 5 - Stabilisierung an der Schwelle des Krieges


Auch die nächsten drei Dias (Abb. 5, 6 und 7) sollen zeigen, wie man die Aufgabe, die Welt im Frieden zu halten, sehen kann: Stellen wir uns vor, daß wir den Zustand eines Systems von zwei Staaten in Bezug auf Krieg oder Frieden durch eine Zahl angeben könnten. Der Nullpunkt wäre 'absolut friedlich'. Die 'Schwelle zum Krieg' könnten wir vielleicht mit 1 bezeichnen. Ich habe aber Zahlen weggelassen, da wir ja ein so einfaches Maßsystem gar nicht haben. Wir befinden uns relativ dicht an der 'Schwelle des Krieges'. - Ich habe durch die geschlängelte Linie am unteren Ende der senkrechten Achse angedeutet, daß der 'absolut friedliche' Zustand noch viel weiter weg liegt. - Im Laufe der Zeit schwankt der Zustand wie ein Pendel. Einmal sind wir friedlicher, dann wieder dichter am Krieg. Durch Krisenmanagement versuchen wir, die Schwankungen klein zu halten. Es gibt aber immer Kräfte, die auf eine Verstärkung hinarbeiten. Damit haben wir ein Regelsystem. Wir können fragen, wie groß die Regel-abweichung sein darf, damit die Schwelle des Krieges nicht überschritten werden kann.

Stabilisierung mit mehr Abstand

Abb. 6 - Stabilisierung mit mehr Abstand


Der Vergleich von Abb. 5 und 6 zeigt, daß sie umso größer sein darf, je weiter wir von der 'Schwelle des Krieges' weg sind. - Auch dies wäre an unserem Experiment mit Mikrophon und Lautsprecher zu zeigen, wenn wir noch einen automatischen Regler dazwischenschalteten. Doch das wäre vermutlich von Ihnen nicht mehr zu übersehen. -

Gefahr bei revolutionärer Änderung

Abb. 7 - Gefahr bei revolutionärer Änderung



Mit der Abb. 7 will ich zeigen, daß es auch gefährlich sein kann, wenn wir versuchen, durch eine schnelle - revolutionäre - Änderung das System in einen friedlicheren Zustand zu bringen. Wir haben dann eine schnelle Bewegung nach unten. Da es aber Kräfte gibt, die sich einer so schnellen Änderung widersetzen, kann eine ebenso schnelle Reaktion nach oben einsetzen, die vom Regelsystem nicht mehr beherrscht werden kann und nun gerade zum Überschreiten der Grenze zum Kriege führt. Bei einer langsameren Änderung bestünde diese Gefahr nicht. Dies wird leider von manchen Menschen, die eine Besserung wollen, die ihnen aber nicht schnell genug geht, übersehen.

Als Grunderkenntnis ist das, was ich Ihnen zu erläutern versuchte, sicher nützlich. Die Problematik ist aber in der realen Welt viel komplexer. Wenn man da eine Lösung versucht, stellt man fest, daß sehr viel Denkarbeit zu leisten ist.

1969 habe ich mich gefragt, wodurch der Mondflug möglich geworden war und kam u.a. zu dem Schluß, daß der entscheidende Schritt der war, daß man ein neues Prinzip, nämlich das Mehrstufenprinzip, gefunden hatte, durch das der Erfolg denkbar wurde. Dieser Durchbruch gelang schon etwa 10 Jahre vor dem ersten bemannten Mondflug. Allerdings reichte das Prinzip allein noch nicht zur Realisierung aus; denn damit war die Rakete in all ihren Einzelteilen noch lange nicht gebaut. Man mußte noch hinreichend wissenschaftliche Leistung in das Projekt investieren und benötigte dazu eine Teamarbeit zwischen den verschiedensten Disziplinen, wenn es gelingen sollte. Und das kostete sehr viel Geld. Für den Mondflug wurde es zur Verfügung gestellt. - Aber es fehlte damals und fehlt auch heute noch bei der Bewältigung der Aufgaben der Friedens- und Zukunftssicherung.

Wenn man nur 1% der Rüstungsausgaben in der Welt - wie schon erwähnt, waren es nach SIPRI 1984 etwa 800 Milliarden $ - für die Friedensforschung ausgeben würde, - so brauchte noch niemand der Militärs um seine militärische Stärke zu fürchten. Es könnten aber ca. 240 000 qualifizierte Menschen für die Friedensforschung eingesetzt werden. Sollte es nicht möglich sein, mit Hilfe der koordinierten Arbeit von fast 1/4 Million Menschen unsere Probleme zu lösen?

Warum funktioniert das aber nicht? - Es genügt bereits, wenn viel weniger Menschen darüber nachdenken. Dann kommen sie zu dem Ergebnis, daß sehr viel an den Systemen in West und Ost verändert werden müßte und zwar in Richtungen, die weder in die westliche noch in die östliche Ideologie passen. Also fürchtet man sich vor solchen Ergebnissen und verhindert, daß sie überhaupt diskutiert werden. Am gefragtesten sind Lösungen nach dem Prinzip: "Wasch' mir den Pelz, aber mach' mich nicht naß!" Die richtigen Lösungen allerdings gefallen vermutlich nicht einmal dem größten Teil der Grünen.

Einen wesentlichen Grund für die Schwierigkeiten liegt darin, daß die Interessen der meisten Menschen viel zu nahe liegen. - Es zeigt sich, daß sich sehr viele für die Familie und die kommende Woche interessieren. Ihr Arbeitsplatz und ihre Stadt im Zeitraum des laufenden Jahres ist vielleicht auch noch im Blickfeld. Aber schon bei den Steuern denkt man nur an den eigenen Geldbeutel, wie die Wahlergebnisse immer wieder bestätigen. Nur sehr wenige haben die gesamte Erde und die Lebensspanne der Kinder im Auge, wenn es um Entscheidungen geht, die vielleicht einige Einschränkungen von uns verlangen. Die Sichtweite der meisten Menschen ist also zu eng. Wir benötigen die Perspektive von außen wie die des Scheichs oder noch besser die eines 'Herrn vom anderen Stern'. -

perspektivische Verzerrung des Weltbildes

Abb. 8 - perspektivische Verzerrung des Weltbildes


Sehen wir uns das nächste Dia (Abb. 8) an: Ich habe zwei Püppchen auf eine Landkarte gestellt, die auf dem Tisch liegt. Die Püppchen sind gleich groß. Doch durch die perspektivische Verzerrung sehen wir das Püppchen in Deutschland größer als das in Südafrika. Ich behaupte: Alle Menschen sehen zunächst die Dinge und Probleme in ihrer Umwelt zwangsläufig perspektivisch verzerrt und zwar räumlich, zeitlich und ideologisch. Das, was näher liegt, sehen sie größer, das was weiter weg liegt, entsprechend kleiner. So sehen sie z.B. das Arbeitslosenproblem - oder gar ihre eigene Arbeitslosigkeit - sehr groß und rufen nach mehr Wirtschaftswachstum, um die Arbeitsplatzvernichtung durch die Roboter zu kompensieren. Dabei sehen sie nicht, daß, wenn die deutsche Industrie mehr exportiert, die Chancen anderer Länder, die vielleicht ärmer sind, verringert werden. Viele jammern über die große Zahl von 'Wirtschaftsflüchtlingen' und erkennen nicht, daß das eben auch eine Auswirkung dieser Politik ist. Die Regenwälder in den Tropen werden zum großen Teil abgeholzt, um die Schulden der ärmeren Länder bezahlen zu können.

Viele Menschen sehen auch nicht, daß immer mehr Produktion, die wir heute durchsetzen, zu Rohstoff-, Energie- und Umweltproblemen für die nachfolgenden Generationen führt. Ein ganz bedenkliches Beispiel ist ja der Umgang mit der Kernenergie und mit den radioaktiven Abfällen.

Die Astronauten, die zum Mond flogen, sahen zum ersten Male die gesamte Erde von außen als eine wunderschöne leuchtende Scheibe. Und wir sehen in klaren Nächten einen Teil des Sternhimmels, die Milchstraße, so, wie uns das nächste Dia einen Ausschnitt zeigt, (Abb. 9)

Ausschnitt aus der Milchstraße

Abb. 9 - Ausschnitt aus der Milchstraße


können uns damit aber kaum ein Bild von der Welt machen. Dazu brauchen wir Objekte, die außerhalb liegen, z.B. den Andromedanebel (Abb. 10).

Andromedanebel

Abb. 10 - Andromedanebel


Dadurch wurde klar, daß unser Milchstraßensystem auch ein solcher Spiralnebel ist. Als 'Insassen' des Systems konnten wir das nicht direkt erkennen. - Aus Weltallentfernung sieht man aber unsere kleinen Probleme auf der Erde nicht. - Im Milchstraßensystem gibt es keinen Ost - West - Konflikt, kein Nord - Süd - Gefälle. Wo sind wir, mit unserer kümmerlichen Lebenserwartung von vielleicht 80 Jahren? - Wenn wir Lösungen für unsere Konflikte suchen wollen, müssen wir aber erst einmal diesen Abstand gewinnen.

In meiner Jugend sah ich häufig ein Huhn, das vor einem Zaun immer hin und her lief und nicht auf die andere Seite kam, wo schönes Futter zu finden war. Der Zaun war aber nicht lang. Aus größerem Abstand hätte es das Ende sehen müssen. Diese Beobachtung brachte mir - wie Sie an meinen Ausführungen sehen - eine wichtige Erkenntnis.

Wenn wir aber Lösungen suchen, so müssen sie für alle akzeptabel sein, womit häufig auch ein gewisser Verzicht auf die Durchsetzung eigener Interessen verbunden ist. Gegenüber Kindern, denen wir klarmachen, daß sie ja das Pfefferkuchenherz, um das sie stritten, nun zertrampelt haben, nehmen wir manchmal die Haltung eines Außenstehenden ein, der die Dinge nüchterner sieht. Das könnte uns gegenüber 'Der Herr vom anderen Stern' sein. Da dieser zur Zeit nicht anwesend ist - nach Herrn von Däniken ist er vor vielen Tausend Jahren aber einmal dagewesen - müssen wir uns selbst bemühen, uns diese Perspektive von außen zu schaffen, damit der Friede denkbar wird.

Ich will nun versuchen, Ihnen am praktischen Beispiel die Anwendung der neuen Denkweise klarzumachen: Denken wir noch einmal an das Puzzlespiel. Wenn wir zeigen, daß etwas grundsätzlich nicht möglich ist, brauchen wir nicht länger zu probieren. Ich will zeigen, daß das 'Abschreckungsdenken', das auf der Idee eines Rüstungsgleichgewichts beruht, keine stabile Lösung haben kann. Bei den folgenden Dias (Abb. 11, 12, 13) über das Wettrüsten müssen Sie dazu noch an das denken, was ich über die zwangsläufig perpektivische Verzerrung gesagt habe. Sehen wir uns das erste Bild an: (Abb. 11)

Wettrüsten (Ausgangsposition)

Abb. 11 - Wettrüsten (Ausgangsposition)


Es taucht da der Begriff 'Denkradius' auf, den ich Ihnen erläutern muß. Erinnern Sie sich an das Bild mit der Landkarte und den beiden Püppchen (Abb. 8). Ich hatte dazu gesagt, daß das, was weiter weg ist, für uns nicht für so wichtig erachtet, also kleiner gesehen wird. Der 'Denkradius' ist gewissermaßen die Entfernung, in der wir ein Problem sehen. Deshalb ist der 'Denkradius' für eine Bedrohung durch einen möglichen Gegner kleiner als der, in dem wir unsere 'Abschreckungs'-Bedrohung des Gegners sehen. - D.h. wir sehen unsere Bedrohung durch ihn in geringerer Entfernung, also größer - als umgekehrt seine Bedrohung durch uns. - Hätten die USA und die SU die gleiche Zahl und Leistungsfähigkeit der Raketen - ich habe sie durch zwei gleich große Raketen dargestellt -, so stünden aus der Sicht der USA die sowjetischen Raketen im Denkradius näher als die eigenen. Deshalb würden sie also größer gesehen. Die USA glaubten also, daß ihre Abschreckung geringer sei als die Bedrohung der USA durch die SU und umgekehrt.

Wettrüsten (1. Steigerung)

Abb. 12 - Wettrüsten (1. Steigerung)


Im nächsten Bild (Abb. 12) wird gezeigt, was die Folge ist: Die USA müssen ihre Rüstung so weit erhöhen, daß die Abschreckung mit der Bedrohung zumindest gleich groß gesehen wird, und dafür ist der Sehwinkel maßgebend. - Da das aber nicht genau festgestellt werden kann, wird man - für das vermeintliche Gleichgewicht - der eigenen Rüstung noch einen 'geostrategi-schen Sicherheitszuschlag' geben. Aus der Sicht der USA wäre dann alles in Ordnung.

Wettrüsten - 2. Steigerung

Abb. 13 - Wettrüsten (2. Steigerung)


Die Sowjetunion sieht das aber anders (Abb. 13). Ich glaube, daß ich Ihnen das Bild nicht noch erläutern muß. Aber nun wären die USA wieder am Zuge. - Wenn diese Betrachtungsweise richtig ist, wäre ein 'Gleichgewicht' in der Abschreckung prinzipiell nicht erreichbar. Das Wettrüsten ginge immer weiter. - Jeder Versuch, das Problem auf diese Weise zu lösen, wäre nutzlos, wie ein zu kleiner Kasten beim Puzzlespiel.

Den Begriff 'Denkradius' kann ich aber auch bei der Bewertung von Handlungen benutzen, wenn ich jeweils nach Risiko und Nutzen frage. Als Beispiel will ich jetzt die Einschätzung eines möglichen Krieges mit Kernwaffen nehmen. Die Denkradien nenne ich: 'Das eigene Ich', die Familie, die Bundesrepublik, die Menschheit und die Erde. Also zunächst

'Das eigene Ich':

Das Risiko: Die Wahrscheinlichkeit des Todes durch Atomkrieg ist etwa in der gleichen Größenordnung wie der Tod durch Alter, Krankheit, Unfall usw. (abhängig vom Lebensalter) Ggf. gibt es weniger Qual.

Der Nutzen: Unser derzeitiges Wirtschafts- und Gesellschaftssystem bringt persönliche Vorteile. Wir sehen eine Bedrohung des materiell Erreichten durch Revolution oder Einverleibung in den sowjetischen Machtbereich. Die Abschreckung sichert uns gegen Versuche der Eroberung. Vielleicht haben wir auch noch unseren Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie, der bei einer Abrüstungspolitik gefährdet wäre. -

Fragen wir nun, wie es in der Familie aussieht:

Die Familie:

Das Risiko: Das Risiko aus der derzeitigen Politik ist für die Kinder größer, weil sie jünger sind. Dazu kommt noch eine größere Gefährdung durch die zunehmende Umweltbelastung und die Vernichtung bzw. Ausbeutung der Energie- und Rohstoffquellen. - Viele Umweltprobleme entstehen dabei nur wegen der Produktion von Rüstungsgütern, die aber nicht gebraucht werden sollen, wenn sie ihren Zweck der Abschreckung erfüllen.

Der Nutzen: Der Nutzen ist etwa der gleiche wie beim 'Eigenen Ich'.

Kommen wir nun zur Bundesrepublik:

Das Risiko: Die Vernichtung der gesamten Bevölkerung, also Auslöschen des gesamten Deutschen Volkes ist möglich.

Der Nutzen: Der Nutzen liegt in der Sicherung gegen eine mögliche Eroberung durch die Sowjets mit dem Verlust der Freiheit und in der Sicherung des bestehenden demokratischen Systems.

Wie sieht es dann bei der Menschheit aus?

Das Risiko: Die Vernichtung aller Menschen oder eines sehr großen Teils ist möglich - wegen der Ziele einer Minderheit, die die meisten nicht kennen. Was bedeutet für sie 'Freiheit'? Sie haben Hunger! Der Rüstungswahnsinn mordet schon heute, weil wir die Gelder dafür einsetzen und nicht für die Beseitigung der sozialen Probleme der Menschheit!

Der Nutzen: Einen Nutzen gibt es höchstens für eine anmaßende mächtige Minderheit. Die USA haben nur 5 % der Weltbevölkerung.

Und wie betrifft es die Erde?: (Wir könnten auch 'Welt' im herkömmlichen Sinne sagen, wenn wir andere Himmelskörper nicht mit einbeziehen.)

Das Risiko: Das Ende der Schöpfung ist möglich - der Abschluß einer Entwicklung von mehreren Milliarden Jahren.

Der Nutzen: Im Weltmaßstab ist kein Nutzen erkennbar.

Sie sehen also: Je mehr wir unseren Denkradius erweitern, desto irrsinniger erscheint uns die derzeitige Abschreckungspolitik.

Ich will noch an einem anderen drastischen Beispiel zeigen, wie unsinnig unsere Politik wird, wenn wir den Weltmaßstab anlegen, uns vielleicht in die Rolle eines außerirdischen Beobachters mit ganz anderem Zeitmaßstab versetzen. Ich gehe dabei von der Astrophysik aus:

Wer nicht weiß, wie unser Sonnensystem aufgebaut ist, kann durch Beobachtung bei einer Totalen Sonnenfinsternis feststellen, daß der Mond so groß wie die Sonne ist; denn er verdeckt ja die Sonne vollständig. Wer etwas mehr weiß, sagt, daß nur der Winkel gleich ist, unter dem wir Sonne und Mond sehen. Es sind 32 Winkelminuten. Der Sonnendurchmesser ist aber rund 400 mal so groß wie der Monddurchmesser. Dafür ist auch die Entfernung rund 400 mal so groß.

Noch größer ist der Unterschied der Massen der beiden Himmelskörper. Die Sonne hat das 27 Millionen-fache der Mondmasse. Diesen Wert sollten wir uns merken. Denn nun will ich Zeitdimensionen vergleichen.

Das Alter der Erde ist etwa 4 Milliarden Jahre. Der Marxismus ist weniger als 150 Jahre alt. D.h., daß das Alter der Erde etwa das 27 Millionen-fache des Alters des Marxismus beträgt. Dies ist ein unvorstellbarer Wert. Deshalb will ich näher heran gehen.

Die Menschheitsentwicklung können wir ca. 3 Millionen Jahre zurückverfolgen. Rechnen wir einmal ein Menschenleben mit 75 Jahren, so wäre ein Menschenleben 1/40.000 der Menschheitsentwicklung und der Marxismus mit weniger als 150 Jahren etwa 1/20.000.

Gehen wir noch weiter herunter in unserem Maßstab und vergleichen wir einen Schnupfen von ca. 7 Tagen mit dem Menschenleben von 75 Jahren, so können wir ausrechnen, daß dieser Schnupfen immerhin 1/4.000 des Menschenlebens dauert. Der Marxismus ist aber eine Angelegenheit der Menschheit und wird bei uns als eine ihrer Krankheiten angesehen. Er dauerte bisher nur 1/20.000 der Menschheitsentwicklung. Das ist im Vergleich zum Schnupfen des Einzelmenschen nur etwa ein Fünftel des Zeitverhältnisses. Kein Arzt darf ein Schnupfenmittel verordnen, das möglicherweise den Tod des Patienten zur Folge hat. Wir aber produzieren 'Marxismusabwehrmittel', die möglicherweise nicht nur den Tod der Menschheit, sondern das Ende alles höheren Lebens zur Folge haben könnten.

Wir befinden uns also in einer Sackgasse der Entwicklung. Es bleibt nur die Umkehr, auch, wenn sie gefährlich sein sollte. Es ist verständlich, daß sich viele Menschen lieber an den hergebrachten Denkweisen und Methoden festklammern. Unsere Situation ist vergleichbar mit einem Trapezakt im Zirkus. Der Artist darf sich nicht festklammern, sondern muß im richtigen Moment loslassen, wenn ihn sein Partner fangen soll. Ich will Ihnen einige 'Fänger' vorstellen. Es sind verblüffende Denkmodelle. Sie müssen aber Ihre alten Denkweisen loslassen, wenn Sie dahin folgen wollen:

Da hat z.B. der Physiker Rolf Kreibich, der frühere Präsident der Freien Universität Berlin, einmal vorgeschlagen, daß man Sicherheit auch durch 'Regierungsgeiseln' erreichen könnte. D.h. jeweils die Hälfte der Regierung einer Großmacht arbeitet auf dem Territorium der anderen. Die Personen werden in einem bestimmten Turnus ausgetauscht. Die notwendige Kommunikation ist heute kein Problem. Die Reisekosten sind im Vergleich zu den Rüstungsausgaben gering. Ein solches Verfahren vernichtet aber Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie und vor allem deren Gewinne.

Man könnte sich auch ein Verfahren zur Beschleunigung eines Erfolges von Friedensverhandlungen vorstellen und dazu folgende sehr humane Regel aufstellen. - Sie ist human, wenn man bedenkt, daß jeder Tag Krieg Hunderte oder Tausende oder noch mehr Tote bringt. - Wenn ein Verhandlungstag keinen Erfolg gebracht hat, wird um 24 Uhr durch ein Ziehungsgerät wie beim Zahlenlotto von jeder Seite eine Person aus der Delegation ausgelost, die beim Morgengrauen des nächsten Tages auf möglichst humane Weise hingerichtet wird. Sie mögen entsetzt sein, daß ich das als 'human' bezeichne. Bedenken Sie aber, daß am nächsten Tag, wenn der Krieg fortgesetzt wird, das 'Ziehungsgerät des Krieges' ja viel mehr Opfer bestimmt und zwar unter den vielen, die nichts dazu tun können, daß er ein Ende findet. Und keiner weiß, ob er diesmal unter ihnen ist.

Nun möchte ich fragen: Wie hätte ein Gipfeltreffen ausgesehen, wenn es in einem Hungerlager z.B. in Äthiopien stattgefunden hätte? Man hätte ein großes Zeltdach aufgestellt, damit man von jeder Seite hineinsehen könnte. Es wären ein großer Tisch und Stühle aufgestellt worden, und die Herren Reagan und Gorbatschow hätten sich mit ihren Delegationen dort getroffen. Jede Viertelstunde wären an einer Anzeigetafel zwei Sätze erschienen: "In dieser Viertelstunde wurden 23 Millionen $ für Rüstung ausgegeben!" und "In dieser Viertelstunde sind 1000 Menschen an Hunger gestorben!"

Am Abend hätte dann vor dem Zelt eine Pressekonferenz stattgefunden. In der Mitte hätten die vom Hunger gezeichneten Afrikaner gesessen, an den Rändern Pressevertreter, die die Rüstung kritisch betrachten und Dolmetscher für die Afrikaner. Die Pressevertreter hätten die Politiker gebeten, die Notwendigkeit ihrer Rüstungsanstrengungen vor diesem Zuhörerkreis verständlich zu machen und immer wieder bei ausweichenden Worten nachgebohrt. Hätten unsere Politiker dies ausgehalten? -

Diese Ideen mögen Ihnen zu phantastisch vorkommen. Sie haben aber den Vorteil, daß sie einfach und billig sind. Wenn man gründlich darüber nachdenkt, läßt sich die Argumentation so führen, daß sie zunächst den einfachen Menschen einleuchtet. Diese sollten dann die Politiker bei ihren meist hochtrabenden Worten packen. Man müßte also eine Stimmung in der Bevölkerung erzielen, die es den Verantwortlichen kaum möglich macht, solchen Friedensinitiativen auszuweichen. In der Umweltpolitik hat es ja schon auf diese Weise Fortschritte gegeben.

Wenn wir ein solches Denken aber wirklich durchsetzen wollen, brauchen wir meines Erachtens noch etwas anderes, nämlich die von mir so genannte 'Kopernikanische Wende in der Ethik'. - Ich sprach vorhin vom Ptolemäischen Weltbild und der dazugehörigen Denkweise, die den Menschen in den Mittelpunkt der Welt stellte. Wir finden sie heute wieder verstärkt; denn die Forderung 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz!' ist verdrängt durch die Auffassung, daß man immer nach seinen eigenen Bedürfnissen suchen und sie auch verwirklichen müsse. Sicher ist mit der Forderung 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz!' Mißbrauch getrieben worden. Die jetzige Haltung scheint mir aber noch gefährlicher zu sein.

Wenn unsere technischen und wissenschaftlichen Mittel den Bestand des Lebens auf der Erde gefährden können, muß unser Blickwinkel viel größer werden. Wir müssen uns fähig machen, die Probleme ohne die Berücksichtigung unserer speziellen Interessen zu beurteilen und auch entsprechend zu handeln. Jeder Mensch weiß doch, daß sein Leben nur eine sehr begrenzte Zeit währt. 100 000 Generationen von Menschen haben bereits auf der Erde gelebt. Soll alles zugrunde gehen, weil eine Generation mit ihren Problemen nicht fertig wird? Wir wissen nicht, wie die Welt in 100 Jahren aussehen wird, unabhängig davon, ob während unserer Lebensspanne alles so weitergehen wird wie bisher, oder ob wir unter eine Diktatur sowjetischer Prägung kämen. Das 'Tausendjährige Reich' existierte nur 12 Jahre. Warum soll irgendein anderes System über alle Zeiten bestehen?

Was ist schlimmer? - Wenn wir gefoltert werden und ggf. qualvollen Tod erleiden - oder die Vernichtung des Lebens auf diesem Erdball? Im Kriegsfall werden den Menschen immer wieder die größten Opfer einschließlich der Hingabe des eigenen Lebens abverlangt. Ein zukünftiger Krieg könnte für viele von uns Qualen bringen, die schlimmer sind als die Folter unter einem diktatorischen Regime. Warum sind wir bereit, das Risiko einer Gesamtvernichtung einzugehen, während die Bereitschaft zum Opfer des eigenen Lebens zur Abwendung eines Krieges dazu führen könnte, daß wir dieses Opfer gar nicht bringen müssen?

Ich sprach schon davon, daß vieles in unserer Welt geändert werden müßte, um stabile Verhältnisse zu schaffen, um also unser Risiko zu verringern. Um hierzu die Bereitschaft zu entwickeln, müßten wir bereit sein, uns erst einmal andere Formen unseres Lebens und des Zusammenlebens vorzustellen bzw. zu entwerfen. Das dürfen allerdings nicht nur solche Einzelbeispiele sein, wie ich sie in meinem Vortrag erläutert habe. Wenn wir ein oder mehrere Gesamtmodelle entwerfen, werden wir vielleicht feststellen, daß im Zusammenwirken Probleme gleich serienweise gelöst werden können. - Der Dreiwegekatalysator z.B. beseitigt durch geeignete Mischung Kohlenmonoxyd, Kohlenwasserstoffe und Stickoxide, wobei das zuviel an Sauerstoff bei den Stickoxiden für die Umwandlung von Kohlenmonoxyd und Kohlenwasserstoffen verwendet wird. - Wir werden wahrscheinlich feststellen, daß dieses andere Leben gar nicht schlechter, vermutlich sogar inhaltsvoller sein dürfte. Ich denke dabei an ein Leben, das nicht so sehr den materiellen Besitz als das Erstrebenswerte ansieht, sondern die Beziehungen zu den Mitmenschen, basierend auf Liebe im weitesten Sinne.

Wir Älteren haben es ja noch erlebt, wie wir uns nach dem Krieg über manches kleine Ding sehr viel mehr freuen konnten als mancher Millionär heute über seine neue Yacht. Seneca sagte einmal: "Nicht, wer wenig hat, sondern, wer mehr begehrt, ist arm."

Wenn Sie über solche Dinge nachdenken, dann gehen Sie schon einige Schritte voran auf dem Wege, den Frieden denkbar zu machen.

Ich glaube aber, daß wir noch mehr brauchen. Ich habe es in einer Skizze das 'Grundgesetz zur Sicherung des Lebens' genannt. Es hat Vorrecht vor allen anderen Gesetzen, die die Menschen in aller Welt zur Regelung ihrer Probleme geschaffen haben. Wie bei unserem Puzzlespiel brauchen wir uns nicht mit Teilproblemen - z.B. dem Raketenzählen - zu beschäftigen, wenn nach diesem Grundgesetz der ganze Ansatz falsch ist. Ich habe damals im Entwurf folgende Formulierung vorgeschlagen:

1. Es sind alle Handlungen verboten, die direkt oder indirekt zum Ende alles Lebens oder des höheren Lebens auf der Erde führen könnten.

2. Es sind alle Handlungen verboten, die direkt oder indirekt die Ausrottung oder das Aussterben von einzelnen Tier- und Pflanzenarten zur Folge haben könnten.

3. Bereits die Gefährdung der Existenz der Schöpfung oder des Lebens von Arten ist ein Verbrechen, da der Schaden nicht wieder gutzumachen ist, wenn er einmal als Folge der Gefährdung eintreten sollte.

4. Jeder hat die Pflicht, im Rahmen seiner Möglichkeiten Verbrechen gegen das Grundgestz zur Sicherung des Lebens zu verhindern oder bereits begangene rückgänig zu machen.

5. Nichts, das gegen das Grundgesetz zur Sicherung des Lebens verstößt, ist abstimmbar bzw. durch eine Mehrheitsentscheidung - auch nicht der z.Zt. lebenden gesamten Weltbevölkerung - legalisierbar.

6. Da die möglichen Schäden durch eine Mißachtung des Grundgesetzes zur Sicherung des Lebens niemals wieder gutzumachen sind, hat es Vorrang vor allen anderen Gesetzen, die die Menschen zur Regelung Ihrer Angelegenheiten geschaffen haben.

Wenn diese Paragraphen anerkannt würden, so wäre eine Rüstung mit Atomwaffen, biologischen und chemischen Waffen nicht mehr vertretbar; denn sie alle bergen die Gefahr der Vernichtung des Lebens auf unserer Erde. Dann würde Widerstand dagegen zur Pflicht, während man uns heute das Recht dazu abstreitet. Doch, wie kann man die Annahme eines solchen Gesetzes erwarten, wenn es nicht einmal gelungen ist, die Vereinten Nationen so mit Befugnissen auszurüsten, daß eine sinnvolle Arbeit möglich ist. Bisher war es ja immer so, daß die Großmächte durch ihr Veto oder durch Drohung mit dem Austritt aus Unterorganisationen sich sinnvollen Änderungen widersetzen konnten.

Gerade hier muß aber unsere Arbeit einsetzen. Es ist mühevolle Kleinarbeit. Jeder, der erkannt hat, worauf es ankommt, muß sich auch engagieren. Er muß sich für die notwendigen Gespräche mit Andersdenkenden die nötigen Sachkenntnisse erwerben. Dabei ist es wichtig, daß man lernt, in der 'Perspektive von außen' zu argumentieren, weil es für den Laien unmöglich ist, sich alle rüstungstechnischen Fachkenntnisse anzueignen. Außerdem haben wir ja gesehen, daß es in der hergebrachten Argumentationsweise keinen unabhängigen Maßstab gibt.

Vielleicht müssen wir fürchten, daß dieser Prozeß zu lange Zeit benötigt. Wir können aber auch hier auf das Exponentialgesetz bauen. Es kann eine Art Schneeballsystem, eine 'Lawine des guten Willens', werden, wenn wir immer daran denken, daß wir nach außen wirken müssen. Es hat keinen Sinn, daß wir, die wir schon auf dem Wege sind, uns gegenseitig unsere Ansichten vortragen - das muß zur Weiterbildung natürlich auch sein - sondern wir müssen immer wieder neue Menschen ansprechen und zu gewinnen versuchen.

Es ist ja gar nichts Neues, was wir bewußt machen müssen. Unsere Vorfahren haben da manches viel besser erkannt - oder die Indianer - z.B. der Häuptling Seattle. - Wir haben dieses Wissen beiseitegeschoben, als wir meinten, mit unserer Technik die Natur überlisten und beherrschen zu können. Nun ist schon so viel zerstört, daß der Ausweg recht gefährlich oder auch schwierig wird. Uns kann aber eines zu Hilfe kommen. Frederic Vester hat immer wieder darauf hingewiesen, daß unsere Welt 'ein vernetztes System' darstellt, d.h. wenn wir an einer Stelle etwas ändern, dann ändert sich vieles auch an anderen Stellen, auch, wenn wir das gar nicht wollen. Das kann von Schaden sein, aber auch von Nutzen. Wenn wir nämlich an der geeigneten Stelle ansetzen, können wir mit verhältnismäßig wenig Energieaufwand Änderungen an vielen Stellen in der richtigen Richtung bewirken. Das geht dann, wenn wir die natürlichen Strömungen freisetzen - also nicht gegen, sondern mit der Natur arbeiten.

5. Die Chancen für eine Änderung

Haben wir aber Chancen? - Der Physiker Leo Szilard, der an der Atombombenentwicklung beteiligt war, sich später aber dagegen gestemmt hat, sagte einmal: "Ich schätze 85 % Wahrscheinlichkeit, daß die Menschen sich selbst vernichten und 15 %, daß das nicht eintritt. Aber für diese 15 % lebe ich."

Wir dürfen uns nichts vormachen. Unsere Chancen sind gering. Wenn wir aber die Gefahr leugnen, werden wir nichts bessern. Nur, wenn wir wissen, wie die Lage ist, können wir auch die Kraft finden, um Änderungen zu erzielen. Tun wir es mit dem Mut von Menschen, die nichts zu verlieren haben; denn wir wissen ja, daß - unabhängig vom Erfolg unserer Bemühungen - unser Leben begrenzt ist. Jedermanns Grenze liegt natürlich woanders, aber 'in 100 Jahren ist alles vorbei!' Daß dann aber, wenn wir nicht mehr auf dieser Erde zu Hause sein werden, immer noch Leben und auch menschliches Leben existiert - das sollten wir zu unserer Lebensaufgabe machen. Die Kraft dazu werden wir aber nur finden, wenn wir diese Erde und alles Leben auf ihr lieben, wenn wir bewußt und freudig leben, ohne uns an das Leben zu klammern und wenn für uns der Erfolg unseres Einsatzes auch denkbar ist.


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