Alles sehen und nichts begreifen!
Die EXPO 2000 und das Gaia-Denken

Aus der Zeitschrift BLICKPUNKT ZUKUNFT 20. Jahrgang - Ausgabe 36 - Nov. 2000 - S. 2 - 4
Fertigstellung: 31.08.2000

Die erste Weltausstellung in Deutschland, die z.Zt. in Hannover gezeigt wird, trägt das Motto: Mensch - Natur - Technik. Sie sollte Wegweiser für das neue Jahrtausend sein, dessen Beginn vom 1.1.2001 auf den 1.1.2000 vorverlegt wurde.

Um es vorwegzunehmen: Die EXPO ist sehenswert, und es gibt eine Menge Positives zu erleben. Da ist z.B. zu bemerken, daß die meisten Besucher entspannt wirken und freundlich miteinander umgehen, trotz der oft langen Warteschlangen vor einzelnen Objekten. Menschen aus 182 Ländern begegnen sich friedlich.

Trotzdem muß ich die Frage stellen: Ist eine Weltausstellung, die im l9. Jahrhundert eine Sensation war, in einer Zeit, in der es mit Rundfunk, Film und Fernsehen ganz andere Informationsmittel gibt, noch zeitgemäß und ihr finanzieller Aufwand vertretbar? - Ich will zeigen, daß es mit weniger Aufwand möglich wäre, etwas in Gang zu setzen, das der gesamten Welt in Bezug auf einen guten Weg in die Zukunft besser dient. - Doch zunächst die Frage: Ist die EXPO in Hannover, die letzte des 20. Jahrhunderts, vielleicht die letzte überhaupt? Sie muß sich an ihren Ansprüchen messen lassen.

Die Vorstellungen der Veranstalter können im offiziellen 'EXPO-Guide' nachgelesen werden. "Die Welt feiert ein Fest. - Wir freuen uns, Gastgeber für die Welt zu sein."

Weiter lesen wir über die Ziele: Es soll "eine Weltausstellung neuen Typs" sein. "Keine Industrieschau und auch kein Vergnügungspark, sondern Visionen und praktische Beispiele für das Zusammenleben von sechs Milliarden Menschen, Modelle für die Balance zwischen Mensch, Natur und Technik sollen Sie in Hannover vorfinden und Lösungsmöglichkeiten für die Probleme von morgen sehen." (Der EXPO-Guide, S. 16)

"Die erwarteten 40 Millionen Besucher finden Informationen, spannende Unterhaltung und Anregungen zur Gestaltung ihres Lebens im 21. Jahrhundert. Im Themenpark entdecken Sie in elf Ausstellungen eine neue Welt. Dort werden globale Fragen zu unserer Zukunft aufgeworfen und mögliche Antworten präsentiert. Die Weltreise zu Fuß bringt Sie zu den Nationen mit ihren Wäldern und Flüssen, Bazaren und kulinarischen Köstlichkeiten. Die Präsentationen stehen unter dem Leitthema einer nachhaltigen Entwicklung. Die Weltweiten Projekte, die historisch neue Idee der EXPO 2000, sind überall auf dem Gelände in den Nationenpavillons, dem Themenpark und im GlobalHouse zu finden. Dies zeigt den übergreifenden Charakter der EXPO als weltweites Netzwerk zur Lösung von Problemen der Gegenwart und der Zukunft." (S. 17)

Die EXPO erfüllt die Erwartungen der Veranstalter nicht. Der Besucherstrom aus dem Ausland und auch aus dem weiteren Bundesgebiet ist relativ gering. Sie ist, wie die Veranstalter betonen, keine Messe, bei der ein möglicher guter Geschäftsabschluß eine weite Reise lohnen würde. Sie will Informationen über die vielen teilnehmenden Länder und deren Kulturen vermitteln, aber auch - z.B. im Themenpark - über die wesentlichen Fragen, die die gesamte Menschheit auch in Zukunft betreffen werden.

Wenn man das Angebot einigermaßen nutzen will, reicht ein Tag bei weitem nicht aus. Bei vielen Objekten, und gerade bei den besonders interessanten, gibt es lange Wartezeiten. Ich weiß nicht, ob jemals ein Planer errechnet hat, wie viele Besucher maximal ein solches Objekt mit Gewinn besuchen könnten, wenn man einen gleichmäßigen Besuch für 12 Stunden pro Tag zugrunde legt. Eine Beispielrechnung: 40 Millionen geplante Besucher für die gesamte Ausstellung bedeuten fast 270 000 pro Tag und - bei 12 Stunden - 22 500 pro Stunde. D.h. aber, daß 6,25 Besucher/Sekunde Einlaß bekommen müssen. Wenn sie aber etwas sehen wollen, wäre ein Mindestabstand von 0,80m notwendig. Daraus ergibt sich eine Geschwindigkeit von 5m/sec oder 18km/h. - Da dieser Wert absurd ist, müssen wir erkennen, daß nur ein sehr viel kleinerer Teil der Besucher die wesentlichen Ausstellungsteile sehen kann.

Eine Weltausstellung neuer Art sollte - wie betont wird - nicht eine Mischung aus Technikschau, Rummelplatz und Tourismusbörse sein. Diesen Eindruck vermittelt mir jedoch die EXPO 2000. Es gibt, wie gesagt, lange Wartezeiten und oft sehr oberflächliche Informationen. So wird z.B. die Kernenergie völlig unkritisch dargestellt. Multimediaeffekte sollen die Exponate interessant machen. - Es werden auch alle möglichen Veranstaltungen ohne Informationswert im Sinne des Themas angeboten. Auf die legen viele Besucher sogar den Hauptwert und finden das sehr schön.

Von den Besuchern, die aus der näheren Umgebung kommen und auch oft die EXPO mehrfach abends besucht haben, hört man viel Worte der Begeisterung. Sie konnten relativ viel sehen und erleben. - Haben sie aber begriffen, um welche wesentlichen Fragen es bei der Sicherung der Zukunft der Erde geht? - Als ich darüber nachdachte, fiel mir die Überschrift zu meinem Beitrag ein: "Alles sehen und nichts begreifen!"; denn das Begreifen wird durch unser geistiges Fassungsvermögen begrenzt. - Die Vielfalt ist verwirrend, so daß man viele Objekte, die der Themenstellung der EXPO entsprechen, wenn überhaupt, nur zufällig findet. Ihnen kommt nicht genügend Geltung und Gewicht zu. Doch gerade die müßten der Hauptinhalt der EXPO sein; denn es sollten möglichst vielen Menschen die wirklichen weltweiten Probleme aufgezeigt werden. Und gute erfolgversprechende Ansätze zu ihrer Lösung müßten zur Mitarbeit anregen. Da stellt sich die Frage: "Kann eine Weltausstellung, die an einem Ort, bzw. in einem Land gezeigt wird, das überhaupt leisten?"

Kann die EXPO ihre selbstgestellte Aufgabe erfüllen?

Im Gegensatz zu allen bisherigen Ausstellungen hat nicht das Land, sondern eine private EXPO-Gesellschaft, an der auch die Bundesrepublik und das Land Niedersachsen beteiligt sind, die Ausstellung organisiert. Aus der Wirtschaft kamen dann Sponsoren, die damit jedoch auch einen beträchtlichen Einfluß auf die Inhalte gewonnen haben. Da liegt es nahe, daß die Zukunft der Erde1 in einem sehr rosigen Licht, im Licht des 'Fortschritts' dargestellt wird. Alle modernen Techniken, vor allem auch alles was mit 'Multimedia' zusammengefaßt wird, sollen die Heilsbringer der Zukunft sein. - Diese Schieflage wurde im Juli offenbar nicht einmal den Teilnehmern des G8-Gipfels in Okinawa bewußt, als sie das Ziel formulierten: Jeder Mensch auf der Welt soll einen Internet-Anschluß bekommen. Dann können z.B. auch die hungernden Kinder in Äthiopien ihre Nahrung per Internet bestellen!? - Eine solche Haltung entspricht dem nicht, was der EXPO-Guide ankündigt: "Dies zeigt den übergreifenden Charakter der EXPO als weltweites Netzwerk zur Lösung von Problemen der Gegenwart und der Zukunft." (S. 17)

Die Wirtschaft, die verständlicherweise Gewinne machen will, hat die Regie übernommen. Der Bund und das Land Niedersachsen müssen aber für die Defizite haften. Das Thema der Ausstellung 'Mensch - Natur - Technik' ist mit dem Übergewicht der 'Technik' aus dem Gleichgewicht gebracht worden, zeigt also nicht, wie angekündigt, die 'Balance'. Aufgabe der Politik wäre es gewesen, die EXPO so zu gestalten, daß sie dem Ziel "zur Lösung von Problemen der Gegenwart und der Zukunft" beizutragen auch gerecht wird. Durch die 'Scheinprivatisierung' hat sie ihre Einflußmöglichkeiten aus der Hand gegeben. Es sollten Steuergelder gespart werden. Das Ergebnis wird aber anders aussehen. Die Steuerzahler werden für das hohe Defizit von vermutlich mehr als 2 Mrd. DM beträchtlich zur Kasse gebeten werden.

Die Weltprobleme müssen gelöst werden!

In der Einleitung zu dem Buch "Unser ausgebrannter Planet" des amerikanischen Psychotherapeuten Thom Hartmann2 finden sich folgende Zahlen: "In den letzten vierundzwanzig Stunden sind auf unserem Planeten 80.000 Hektar Regenwald zerstört worden. Volle 13 Millionen Tonnen giftiger Chemikalien wurden in unsere Umwelt entlassen. Mehr als 45.000 Menschen sind verhungert, davon 38.000 Kinder. Und mehr als 130 Pflanzen- oder Tierarten sind durch menschliches Handeln ausgelöscht worden. (Ein Artensterben von diesen Ausmaßen fand zuletzt beim Untergang der Dinosaurier statt.) Und all dies geschah in nur vierundzwanzig Stunden." -

Dies ist nur einiges. Doch es wird höchste Zeit, die von uns Menschen gemachten großen Probleme der Welt zu lösen. Gegenwärtig läuft jedoch vieles in Politik und Wirtschaft weltweit genau in die falsche Richtung. Die Bedrohung des gesamten Systems wird zwar von manchen gesehen, aber von den meisten Menschen verdrängt. Je länger wir aber mit der Kursänderung warten, desto schwieriger und gefährlicher wird sie. Dann kann eine Zeit kommen, in der auf viele unserer jetzt so wichtigen persönlichen Freiheiten verzichtet werden muß, um überhaupt noch eine Wende erreichen zu können. Dann wird es keine Zukunft geben, die auch nur annähernd dem entspricht, was wir uns wünschen.

Um das zu verhindern, müssen weltweit möglichst viele Menschen mit den komplizierten Zusammenhängen und Ansätzen zu ihrer Bewältigung vertraut gemacht und zum persönlichen Einsatz ermuntert werden. Das müßte auch die Aufgabe einer Weltausstellung sein. Wenn das nicht deutlich wird, so gleicht das 'Fest', das mit der EXPO 2000 gefeiert wird, eher 'dem Tanz auf dem Vulkan'. Wir brauchen ein Engagement für ein gerechtes System, für eines, bei dem auch die Nachhaltigkeit gewährleistet ist. Hätte sich die Politik diese Aufgabe gestellt und würde sie dafür Mittel in der gleichen Größenordnung wie für die EXPO einsetzen, wäre ein völlig anderes aber wirksameres Vorgehen denkbar.

Wir können aber nicht genügend Menschen nach Hannover holen, um ihnen diese Aufgabe überzeugend zu vermitteln. Die Umweltkonferenzen der letzten Zeit haben gezeigt, daß das Reden von einigen Tausend Tagungsteilnehmern so gut wie nichts bringt, wenn das Wissen nicht Allgemeingut der Bevölkerung ist. - Besser ist es, zu möglichst vielen Menschen in aller Welt hinzugehen und ihnen - angepaßt an ihre typischen Denkweisen - einleuchtend vorzuführen, worauf es ankommt.

Eine Wanderausstellung wäre besser.

Anfang 1979 haben wir in Hannover eine Wanderausstellung von Frederic Vester gezeigt. Sie hatte den Titel "Unsere Welt, ein vernetztes System" und nahm eine Fläche von 340 m2 ein. (Die EXPO beansprucht dagegen 160 ha.) In dieser ausgezeichneten Ausstellung konnte man die Probleme im doppelten Sinne des Wortes 'begreifen', d.h. an vielen Objekten auch spielen. Mit einem begrenzten Zeitaufwand war ein Lerneffekt zu erreichen. Es war nicht nur ein 'Event' wie bei der EXPO.

Ich kann mir vorstellen, daß man mit den damaligen Grundgedanken eine neue Ausstellung schaffen könnte - mit einer etwas größeren Fläche als vor 20 Jahren -, mit der man das Ziel, die Menschen zum Umdenken und zur Bereitschaft zum Handeln zu bringen, eher erreichen könnte. Auch sie dürfte nur ein kleiner Schritt in der Richtung auf ein Umsteuern sein. Doch den brauchen wir als erstes. Ihr Leitspruch: "Gründlich sehen und viel begreifen!" - Das wäre eine Aufgabe, für die wir uns einsetzen müßten; denn das Schicksal der Erde ist letzten Endes auch das Schicksal der Bundesrepublik Deutschland.

Eine offene Kritik am derzeitigen Wirtschaftssystem ist inhaltlich notwendig. Deshalb wird die Finanzierung schwierig. Das Geld müßte von Bund und Ländern aufgebracht werden, genau aus den Quellen, die jetzt für die Defizite der EXPO zuständig sind. Für ca. 2 Milliarden DM könnte folgendes Projekt realisiert werden: Erarbeitung einer Wanderausstellung aus den Grundgedanken von Frederic Vester und Einbeziehung aktueller Probleme.

Vielleicht gelingt es, Herrn Vester für eine Mitarbeit zu gewinnen. Die Ausstellung müßte in den verschiedensten Sprachen geschaffen und - den jeweiligen Mentalitäten angepaßt - möglichst vielen Ländern zur Verfügung gestellt werden. Eine große Auflage ist notwendig, damit die meisten Länder mehrere Exemplare erhalten können. Diese wandern dann durch das Land. Sicher finden sich gemeinnützige Organisationen, die die Werbung übernehmen und Betreuer und Führer für die Ausstellung zur Verfügung stellen. Die Menschen müssen also nicht nach Hannover kommen, sondern die 'EXPO' kommt zu ihnen und zwar mit den wesentlichen Themen. Der Einsatz der Ausstellungen braucht nicht zeitlich begrenzt zu sein, so daß weit mehr als 40 Millionen Besucher erreicht werden können. Dies wäre eine Weltausstellung neuer Art, die - im Gegensatz zur EXPO 2000 - nicht nur Freude, sondern einen wirklichen Nutzen in Bezug auf ein Umsteuern für die Welt bringen könnte.

Wenn es gelingt, daß sich nur solche Firmen und Persönlichkeiten darum kümmern, die zwar ihre Arbeit bezahlt haben möchten, aber nicht das große Geschäft machen wollen, scheint es mir durchaus realistisch, 4000 Exemplare in aller Welt auf Reisen schicken zu können. (Die Kosten wären - bei 2 Milliarden DM Gesamtsumme - 500.000,- DM je Exemplar.) Wenn dann im Durchschnitt je Ausstellung im Laufe eines Jahres 10.000 Besucher kämen, also nur ca. 30 pro Tag, so hätten wir bereits 40 Millionen Besucher erreicht, die aber - im Gegensatz zur EXPO 2000 - verstanden hätten, worauf es ankommt und zu einer Kursänderung der Politik beitragen könnten.

Die Inhalte einer 'Reisenden EXPO'

Was müssen nun die wesentlichen Inhalte einer solchen 'Reisenden EXPO' sein, damit Anstöße zur Politikänderung gegeben werden? - Dazu muß einmal sehr deutlich werden, was heute weltweit in die falsche Richtung läuft und dann gezeigt werden, wie die richtige auszusehen hätte. Ich kann nur einige Punkte aufzeigen:

Ein Grundübel ist, daß die meisten Menschen bei uns in die Hymne einstimmen: "Wachstum, Wachstum über alles!" Dagegen setzte Frederic Vester in seiner Ausstellung das Wort: "Wenn wir das nächste Mal von Wachstum reden, so sollten wir daran denken: Wir haben nur diesen einen Planeten, und der wächst nicht mit!" -

Das Zweite ist, daß wir immer mehr unser Leben auf einen krassen Egoismus ausrichten. - Handeln aus Verantwortung für andere, geschweige denn für die gesamte Erde und für spätere Generationen, ist zu wenig zu finden. - Unser Wirtschaftssystem will die Welt voranbringen, indem es auf den Egoismus setzt: "Ich will konkurrenzfähig sein, also möglichst an erster Stelle stehen. - Daß ich damit andere ins Unglück stürze, interessiert mich nicht!" Im immer weiter um sich greifenden 'Börsenspiel' werden die Gewinnmöglichkeiten gesehen, nicht die Verluste der anderen. Das Ziel 'Globalisierung' wirkt bedrohlich; denn es legt immer mehr Macht in die Hände von wenigen, vor allem anonymen Menschengruppierungen, die nicht einmal einer demokratischen Kontrolle unterzogen werden können.

An dritter Stelle steht die Tatsache, daß wir meist blind auf technische Lösungen unserer Probleme vertrauen. Die Technik hat also ein Übergewicht. Es ist klar, daß wir auf sehr vielen Gebieten eine Weiterentwicklung unserer technischen Möglichkeiten benötigen. Doch diese muß der Zielsetzung unterworfen werden, auf die ich noch kommen werde.

Der Mensch wird eher als 'Störfaktor' angesehen, der sich den Erfordernissen der Wirtschaft, z.B. durch 'Mobilität', anpassen muß. - Es wird vergessen, daß die Menschen sich das Wirtschaftssystem geschaffen haben, um sich die Arbeit zu erleichtern. Das muß dem Menschen angepaßt werden, nicht umgekehrt!

Wenn ein friedliches Zusammenleben der Menschen weitgehend garantiert, die größte Not der Armen in der 'Dritten Welt' gelindert und das Gleichgewicht der Natur erhalten werden soll, müssen ganz andere Ziele verfolgt werden. - Bei unserer derzeitigen Handlungsweise bleiben nämlich nicht nur die weniger glücklichen und nicht so gerissenen Menschen auf der Strecke, sondern der gesamte Planet mit seinen Rohstoffquellen und seiner Vielfalt an Landschafts- und Lebensformen.- Und in Wirklichkeit gibt es nur die eine Welt, also keine zweite oder dritte, die zugrunde gehen wird, wenn wir nicht rechtzeitig umlenken.

Fast alles, was produziert wird, treibt die Ökobilanz der Erde immer weiter ins Negative. Ursache ist der Rohstoffverbrauch und die Vergeudung der nicht erneuerbaren Energien, dazu die bei der Herstellung und Nutzung hervorgerufene Umweltbelastung. Deshalb brauchen wir langlebige Produkte und nicht immer wieder neue, die uns eingeredet werden, weil das derzeitige Wirtschaftssystem nur so funktioniert. Arbeitsplätze sind das immer wieder vorgeschobene Argument. Wir müssen uns von der 'Wegwerfgesellschaft' abwenden und Wege suchen, wie wir, trotz sinkender Produktion, den Menschen ein zufriedenes Leben - auch und gerade für spätere Generationen - ermöglichen können. Es fühlen schon viele, vor allem Jugendliche, daß das Streben nach immer mehr materiellem Besitz nicht der Zweck des Lebens sein kann. Doch mit den Aufgaben, die ihm mehr Inhalt geben, sind keine Gewinne an der Börse zu machen. Politiker, Ingenieure und Manager haben dafür meist einen viel zu kleinen Blickwinkel.

Wir Menschen haben es auf Teilgebieten zu unvorstellbaren Höchstleistungen gebracht. Ein Beispiel wäre der Zusammenbau einer Raumstation in der Umlaufbahn um die Erde. Dabei gelang es, den im Juli gestarteten Wohnmodul automatisch mit dem bereits vorhandenen Bauteil zu verbinden. Warum gelingt es dann nicht, die überragenden Fähigkeiten auf den verschiedensten Gebieten zusammenzuführen und zu nutzen, um zu einer Lösung der Existenzprobleme der Menschheit zu kommen?

Meines Erachtens liegt es daran, daß die Intelligenz der Menschen sich verzettelt. Sie hat keine bestimmte Richtung, stellt also - mathematisch formuliert - keinen Vektor dar. So wird viel von unserem geistigen Potential verschleudert. Wir müssen alle Intelligenz auf den einen 'Fluchtpunkt' ausrichten, der als einziger das langfristige Überleben der Menschen garantieren kann. Dieser liegt im 'Gaia-Denken'.

Gaia-Denken als Richtschnur

Der englische Kybernetiker James Lovelock stellte 1979 die 'Gaia-Hypothese' vor. - Gaia ist in der griechischen Mythologie die 'Mutter Erde'. Nach Lovelocks Hypothese ist die Erde selbst als ein Organismus anzusehen, bei dem alle Organe, die kleinen wie die großen, richtig zusammenwirken müssen, damit er am Leben bleibt. Und nur, wenn er am Leben bleibt, werden die Menschen, als ein Teil davon, auch leben können.

Es darf keine Einengungen in unserem Denken geben, keine Tabus, wenn wir Erfolg haben wollen. Bei Entscheidungen, die in die Zukunft reichen, müssen sich sämtliche Politiker und alle anderen, die darauf Einfluß haben, an erster Stelle fragen: "Ist unser Lösungsansatz mit dem Gaia-Denken vereinbar?" - Wenn er nur eine Lösung für ein Teilgebiet darstellt, ist er zu verwerfen. - Leider, wie so oft, wird auch im Themenpark der EXPO aufgespalten in Mobilität, Zukunft der Arbeit, Wissen, Energie, Gesundheit, Ernährung, Basic Needs und Umwelt.

Aus dem Gaia-Denken ergeben sich viele Forderungen, nach denen alles Handeln ausgerichtet werden muß. - Ich kann nur einige Beispiele geben, die in der 'Reisenden EXPO' u.a. deutlich gemacht werden müßten:

Die Rücksicht auf 'Gaia' als Gesamtsystem und die Ideologie der 'unbegrenzten Freiheit des Einzelnen' sind nicht miteinander vereinbar. - Wir dürfen nicht alles, was wir können! -

Die Erde als Gesamtsystem darf nicht irreversibel geschädigt werden. Das Leben auf der Erde muß in seiner Vielfalt erhalten bleiben und auch der Kreislauf in der anorganischen Welt muß weitestgehend im Gleichgewicht bleiben.

Es darf keine Menschen 2. Klasse geben. D.h. auch die Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern müssen die gleichen Chancen bekommen wie wir. Das bedeutet für die Industrienationen mehr Bescheidenheit. Wir dürfen die Rohstoffvorräte auf der Erde nicht deswegen weiter ausbeuten, weil wir uns irgendwelche Luxusgüter leisten wollen. - Der Bambus-Pavillon von ZERI3 auf der EXPO zeigt, wie Naturprodukte intelligent genutzt werden können, ohne daß Abfall produziert wird.

Zum Gaia-Denken gehört aber auch das Bekenntnis, daß Tiere keine 'Sachen' sondern Mitgeschöpfe sind, deren Würde quälerische Tierhaltung ausschließen muß.

Es muß angezweifelt werden, daß unser derzeitiges kapitalistisches System in der Lage ist, die Bedingungen einer nachhaltigen Entwicklung zu erfüllen. Aber auch das verflossene sozialistische bringt keine Lösung. Bei beiden ist 'Wachstum' der Motor. Ein 'Dritter Weg' muß gesucht werden. - Wer allerdings meint, daß das kapitalistische System unter den Anforderungen von 'Gaia' doch funktionieren könnte, möge den Beweis erbringen.

Konkurrenz bringt zwar immer weitere Verbesserungen der Produkte, aber auch eine ständige Verschwendung von Rohstoffen und Energie, darüber hinaus auch steigende Arbeitslosigkeit. Der finanzielle Gewinn mag sehr hoch sein. Aber der Wirkungsgrad in Bezug auf Rohstoffe, Energie und Umweltbelastung ist unzureichend. -

Die 'Globalisierung' - und damit verbunden das 'Börsenspiel', das immer mehr Menschen auch mit geringem Einkommen erfaßt, - ist äußerst gefährlich, da die Politik nicht mehr in der Lage ist, irgendwie steuernd einzugreifen. Bei einem Zusammenbruch des Systems werden im wesentlichen die 'kleinen Anleger' die Leidtragenden sein. Mancher hat seine Alterssicherung darauf aufgebaut. Es ist auch bezeichnend, daß die größten Kursgewinne dann gemacht werden, wenn möglichst viele Arbeitskräfte 'freigesetzt' werden, wenn also die wirtschaftliche Entwicklung gegen die Menschen läuft.

Die multinationalen Konzerne haben mehr Mittel zur Verfügung als die Staatshaushalte. - Man möge sich klarmachen, was es bedeutet, wenn die Telekom den amerikanischen Konzern VoiceStream für 106 Milliarden DM kauft. Umgerechnet auf jeden Bundesbürger (einschließlich Babies) ergibt sich ein Betrag von ca. 1.300 DM. Das Defizit der EXPO könnte die Telekom aus der 'Portokasse' begleichen.

Es werden den Menschen viele unnötige Dinge aufgeschwatzt. Immer wieder werden neue Wünsche geweckt, die die Menschen drängen, immer mehr Geld zu verdienen, um sie erfüllen zu können. Dann bleibt aber kaum mehr genug, um die wirklich wesentlichen Aufgaben (Krankenhäuser, Altenbetreuung usw.) lösen zu können.

So läuft auch die Diskussion um unser Rentensystem schief. Es kann nicht darum gehen, den Generationenvertrag aufzukündigen und die Rentenbeiträge niedrig zu halten. Wir müssen uns klarmachen, daß wir, wenn unsere Produktivität steigt, mit unserer Arbeit auch mehr ältere Menschen und Kranke miternähren können. Es wäre anzustreben, daß alle Menschen auch im Alter keine Abstriche im Lebensstandard haben sollten. - Auch die heute jungen Menschen werden einmal alt sein. - Wir brauchen keine ständige Steigerung unserer materiellen Ansprüche. Der wirkliche Wert des Lebens ist nicht im Bereich des 'Habens' zu finden, sondern im 'Sein', das nur wenig an materielle Güter gebunden ist.

Was bringt denn die 'private Vorsorge' im Vergleich zur Rente aus dem 'Generationenvertrag'? Anstelle eines höheren Beitrages für die BfA zahlt der Arbeitnehmer in eine private Versicherung, wobei die zusätzliche Rente - bezogen auf den Beitrag - geringer ausfallen dürfte; denn die privaten Versicherer wollen Gewinne erwirtschaften. Außerdem wollen die Arbeitgeber sich nicht daran beteiligen.

Wie kalt weltweit heute agiert wird, sehen wir z.B. auch daran, daß bei medizinischen Fortschritten durch Gentechnik, Verfahren der Hochtechnologie oder der Pharmazie an erster Stelle von dem 'Milliardenmarkt' gesprochen wird und nicht davon, daß man Millionen Leidenden damit helfen könne. Würden auf diesen Gebieten grundsätzlich keine Patente erteilt, liefe die Entwicklung langsamer aber in humaneren Bahnen.

Es gäbe Arbeit genug auf der Welt, ohne daß der Rohstoff- und Energieverbrauch steigen müßten. Diese Arbeit liegt vor allem im Dienstleistungsbereich. - Jetzt finanzieren wir den Lebensunterhalt für die Arbeitslosen mit Geld, das die Beschäftigten verdienen müssen. - Die 'Freigesetzten' sind niedergeschlagen, weil sie sich überflüssig fühlen, während andere - z.B. Alte - auf Hilfe warten, die sie nicht bekommen können, weil sie niemand bezahlen kann.

Gaia-Denken, ein 'Gedankenverbrechen', eine Utopie?

Das sind, wie gesagt, nur einige Beispiele. Doch mit einer solchen Diskussion das kapitalistische Wirtschaftsystem in Frage zu stellen ist - nach Orwells Roman '1984' - ein 'Gedankenverbrechen', an dem die meisten Menschen durch 'Verbrechenstop' gehindert werden. Sie wagen es nicht mehr, der 'herrschenden Meinung' zu widersprechen. - Denken wir aber daran, daß 'Verbrechenstop' - in diesem Falle das Nicht-Nachdenken über ein unrechtmäßiges System - u.a. das Hitlerregime möglich gemacht hat.4

'Verbrechenstop' wird also durch die Schwäche der Menschen, nicht gegen den Strom schwimmen zu wollen, gefördert. Deshalb ist es eine Hauptaufgabe der 'Reisenden EXPO', möglichst viele davon zu überzeugen, daß nicht alles, was uns in den Medien an Informationen übermittelt wird, richtig sein muß. Immer wieder muß die Überprüfung durch das 'Gaia-Denken' erfolgen, um daraus Handlungen abzuleiten.

Es ist nicht einfach, den - oder besser: einen - richtigen Weg in die Zukunft zu finden, der auch von unserer Verantwortung für die späteren Generationen bestimmt werden muß; denn 'Gaia' ist ein chaotisches System, d.h., daß wir nie mit Sicherheit voraussagen können, wie sich unsere Eingriffe auswirken werden. Bei einer ständigen Beschleunigung in unserem Gesamtsystem wird das immer schwieriger. Wir brauchen aber genug Zeit zum Nachdenken, wenn das 'Raumschiff Erde' einen guten Weg finden soll. Deshalb plädiere ich - im Gegensatz zu Peter Glotz, der mit 2/3 'Beschleunigern' in unserem System rechnet, - für mehr 'Entschleuniger', die die Führung übernehmen müßten. Doch auch die werden nie genug Zeit haben, um zu warten, bis alles Für und Wider wissenschaftlich einwandfrei geklärt ist. Wir benötigen als Lotsen unser Gefühl, das aber nur dann einen guten Weg findet, wenn es von der Liebe zu 'Gaia' geleitet wird.

Es ist klar, daß auch eine 'Reisende Weltausstellung' das bestehende System nicht innerhalb kürzester Zeit reformieren kann. Doch 'von oben' ist eine Änderung nicht zu erwarten. Die Widerstände - besonders durch die multinationalen Konzerne - werden bei allen Versuchen zu einer Änderung immer größer werden, scheinen unüberwindbar zu sein. Bleibt also das, was ich dargestellt habe, Utopie? -

Es darf und braucht nicht Utopie zu bleiben. Wenn sich ein Strom dem Abgrund gefährlich nähert, gibt es nur Rettung, wenn wir den Mut aufbringen, gegen den Strom zu schwimmen. Dazu sind alle aufgerufen. - Nur, wenn die Notwendigkeit des Gaia-Denkens von sehr vielen Menschen in der Welt erkannt und Lösungsmöglichkeiten denkbar gemacht werden, die nicht 'ideologisch belastet' sind, kann allmählich - hoffentlich noch rechtzeitig - ein neues Weltwirtschaftssystem und ein System besserer internationaler Zusammenarbeit entstehen. Je früher es geschieht, desto weniger belastend werden die notwendigen Änderungen sein. Aber wir können - wie gesagt - nur Hoffnung haben, wenn ein Weg zur Lösung unserer Probleme vorher denkbar gemacht wurde. Nur dann könnte die Kraft entstehen, die in der Lage ist, die Widerstände aus dem derzeitigen System friedlich zu überwinden. Dazu könnte eine 'Reisende EXPO' wesentlich beitragen. Deren Finanzierung dürfte allerdings das größte Problem sein. Der Bund und das Land Niedersachsen benötigen die Summe, um das Defizit der EXPO 2000 auszugleichen. Sie wären aber sicher auch nicht bereit gewesen, ein solches Projekt zu fördern, wenn die EXPO kein Defizit erwirtschaftet hätte. Deshalb müssen andere Wege der Geldbeschaffung gesucht werden. Dieser Beitrag soll dazu ein Denkanstoß sein.

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Anmerkungen:

1) Wir sollten bewußt darauf verzichten, die 'Erde' oder die 'Welt' als 'unsere' zu bezeichnen; denn sie gehört uns nicht. Wir sind Gäste, die verpflichtet sind, treuhänderisch mit ihr umzugehen.

2) Untertitel: "Von der Weisheit der Erde und der Torheit der Moderne", deutsche Ausgabe im Riemann Verlag, Bertelsmann Gruppe, 2000, 415 Seiten, ISBN 3-570-50011-X

3) Die ZERI (Zero Emission Research Initiative) wurde von Gunter Pauli mit dem Ziel gegründet, die natürlichen Rohstoffe durch Vernetzung der verschiedensten Produktionen so zu nützen, daß kein Abfall übrig bleibt.

4) Über diese Begriffe aus Orwells Roman und zu vielen anderen Themen, die hier nur kurz behandelt werden konnten, findet sich mehr in meinem Buch "Unternehmen DELPHIN gescheitert - Es kommt jetzt auf uns alle an! - Notizen und Gespräche über Gegenwart und Zukunft unseres Planeten"


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