12 Thesen zur Zukunfts- und Friedensforschung

Zukunfts- und Friedensforschung Information 68, Heft 1/2 Mai 1968 - 4. Jahrgang


    Die freigelassene Kraft des Atoms hat alles geändert, außer unserer Art zu denken. So treiben wir einer Katastrophe ohnegleichen zu. Wir müssen eine fundamental neue Denkweise entwickeln, wenn die Menschheit überleben will.
    Albert Einstein


    Für diesen Beitrag wurde mir mit einem Schreiben vom 12. Sept. 1968 ein Preis der Freda-Wuesthoff-Stiftung in Höhe von 3.000,-- DM zuerkannt. Dr. F. Wuesthoff schrieb noch dazu:
    "Die Zuwendung dieses Preises soll außerdem Anerkennung und Dank ausdrücken für die großen Bemühungen, die Sie für eine Ingangsetzung friedenswissenschaftlicher Forschungen aufgewendet haben, indem Sie, alle Schwierigkeiten und Widerstände mißachtend, die Gesellschaft zur Förderung von Zukunfts- und Friedensforschung e.V. ins Leben gerufen und ihren Fortbestand bis heute möglich gemacht haben. Der Vorstand der Freda-Wuesthoff-Stiftung wünscht Ihnen weiteren Erfolg in allen Ihren Bemühungen."

Vorbemerkung in der Zeitschrift
Der folgende Beitrag stellt den Versuch dar, in möglichst allgemeinverständlicher Form die Probleme von Zukunfts- und Friedensforschung aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive darzustellen. Es gilt für diesen ebenso wie für den Beitrag von H. Bindewald "lst Friedensforschung möglich?" (Heft 3/67), daß wir damit keine "Lehrmeinung" aufstellen wollen.


Als im Juli 1945 in Los Alamos (USA) die erste Atombombe versuchsweise gezündet wurde, war dies das Signal für den Anbruch einer neuen Zeit. Die verheerenden Folgen der dann folgenden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki veranlaßten viele Wissenschaftler, an den Grundsätzen ihrer Arbeit zu zweifeln und sie neu zu überdenken. Denn, während der Wissenschaftler bisher nur um der Erkenntnis willen arbeitete und kaum nach den möglichen Folgen seiner Tätigkeit fragte, wurde ihm nun deutlich, daß er auch hierfür die Verantwortung zu tragen habe und sich nicht nur auf sein rein wissenschaftliches Interesse berufen dürfe, so daß es nicht seine Sache sei, was die Menschheit aus seinen Entdeckungen mache.

Da es in der Hauptsache Physiker waren, die durch ihre Arbeit die Herstellung der Atombombe ermöglichten, ist es begreiflich, daß sich gerade diese nun darum bemühten, durch völlig neue Denkansätze mit der veränderten Situation fertig zu werden. Weil jeder Krieg durch Escalation die Möglichkeit in sich schließt, daß die Menschheit sich selbst ausrottet, suchen Wissenschaftler nach Wegen, die Kriege so unwahrscheinlich wie irgend möglich zu machen.

Es scheint nicht ganz einfach zu sein, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß eine Welt ohne aufwendige Rüstung existieren könne. So findet man beispielsweise bei vielen Überlegungen über unsere Zukunft die phantastischsten Vorstellungen über alle möglichen technischen Entwicklungen. Es gibt kaum etwas, was man nicht für realisierbar hält, außer dem einen, nämlich einer Welt ohne großes militärisches Potential. Und doch sollte gerade diese realisierbar gemacht werden, indem wir sie denkbar machen.

Das Folgende stellt den Versuch dar, mit Hilfe von 12 Thesen eine Konzeption zu entwickeln, die der Wissenschaft ganz neue Aufgaben stellt.

1. Die Menschheit befindet sich in einem naturwissenschaftlich- technischen und sozialen Entwicklungsprozeß, der schneller und schneller wird.

Charakteristisch für diesen Entwicklungsprozeß ist die sogenannte Exponentialkurve des Fortschritts (Abb. 1). Man findet sie bei den verschiedensten technischen und wissenschaftlichen Leistungen. Dabei ist gleichgültig, ob es sich um die Zunahme der Stahl-oder Kunststoffproduktion handelt oder die der Energieerzeugung, um die Höchstgeschwindigkeiten von Beförderungsmitteln oder um die Zahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen.
Für den technisch interessierten Menschen ist dieser Fortschritt begeisternd. Wir entwickeln immer schnellere Flugzeuge. Wir bauen Raketen, die dem Menschen den Flug ins Weltall ermöglichen sollen. Nachrichtenverbindungen, die die ganze Welt umspannen, sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Organverpflanzungen zeigen in der Medizin den Beginn einer neuen Epoche an.
Die Zeit nach dem letzten Weltkrieg brachte uns ebenso einen erheblichen Fortschritt im Lebensstandard. Auto, Fernsehen, Waschmaschine, Kühlschrank und vieles andere mehr sind heute bereits fur einen großen Teil der Bevölkerung zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Ansprüche an die Ernährung steigen in der Bundesrepublik ständig. Dabei vergessen wir häufig, daß in der übrigen Welt in jedem Jahr etwa 36 Millionen Menschen verhungern.
Die Zukunft unserer Kinder ist das Jahr 2000. Dabei wird den wenigsten von uns klar, daß wir bereits heute von dem Jahr 1933, an dem in Deutschland die Diktatur Hitlers begann, einen größeren zeitlichen Abstand haben als zu diesem Jahr 2000, von dem wir uns kaum eine Vorstellung machen können.

Was wissen wir denn von dieser Zeit, die schon so nahe vor uns liegt? - Hier sind von verschiedener Seite Überlegungen angestellt worden. Zum Beispiel bemüht sich die Buchreihe "Modelle für eine neue Welt"1, uns eine Vorstellung von den Zukunftsmöglichkeiten zu geben. Sicher werden auf allen Gebieten von Wissenschaft und Technik viele neue Entdeckungen zu verzeichnen sein. Wahrscheinlich wird die Welt des Jahres 2000 eine in höchstem Maße technische Welt sein. Der Fortschritt wird sich auf allen Gebieten zeigen. Doch wird es ein echter Fortschritt sein?

Bertold Brecht läßt seinen Galilei hierzu etwas sagen, das uns zu denken geben sollte:

"Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, daß euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte." -



Abb. 1 - Exponentialkurve des Fortschritts - Abb. 2 - Umbiegen in Sättigungskurve mit und ohne Einschwingen

Deshalb lautet die nächste These:

2. Unsere technische Welt bringt nicht nur einen höheren Lebensstandard für die Menschen, sondern bringt auch Gefahren, die die Vernichtung der gesamten Menschheit zur Folge haben können.

Gefahren ergeben sich aus der Tatsache, daß eine exponentielle Entwicklung bei begrenzten Möglichkeiten, also z.B. im begrenzten Lebensraum der Erde, sich nicht beliebig fortsetzen läßt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt muß ein Umbiegen in eine Sättigungskurve erfolgen, wenn keine Katastrophe eintreten soll (Abb. 2). Das kann entweder glatt verlaufen oder mit Schwingungen, die Krisensituationen entsprechen, verbunden sein.
Eine besonders große Gefahr droht der Menschheit schon in weniger als 2 Jahrzehnten, nämlich die Ernährungskatastrophe. Fachleute sagen sie für etwa 1985 voraus, wenn nicht schnellstens durch geeignete Maßnahmen Abhilfe geschaffen werden kann.
Sicher wird heute manches getan, um mit der Zukunft fertigzuwerden. Sicher ist es wichtig, daß man durch spezielle Aktionen den Hungernden in der Welt zu helfen sucht. Es ist jedoch die Frage zu stellen, ob Geld- und Lebensmittelspenden eine wirksame Methode sind oder ob sie wie ein Tropfen auf dem heißen Stein wirken. Die Bevölkerung wird in den nächsten Jahren so stark zunehmen, daß der Hunger allein durch eine beträchtliche Steigerung der Produktion von Nahrungsmitteln bekämpft werden kann. Dies ist aber nur zu erreichen, wenn in den Entwicklungsländern moderne landwirtschaftliche Methoden eingeführt werden, und das ist leichter gesagt als getan, denn dazu sind umfangreiche Maßnahmen nötig. Beim genaueren Hinsehen wird nämlich das Problem der Steigerung der Nahrungsmittelerzeugung zu einem Erziehungsproblem. Doch hierfür haben wir nicht einmal die Lehrer zur Verfügung, die in den Entwicklungsländern weitere Menschen zu Erziehern ihrer Landsleute ausbilden können.

Es ist nicht möglich, im Rahmen dieses Beitrages auf alle Gefahren im einzelnen einzugehen. Deshalb seien hier nur einige weitere erwähnt, z. B. die Verseuchung von Luft und Gewässern durch Industrieprodukte, die weitere Verbreitung der Radioaktivität auch durch friedliche Nutzung der Kernenergie,Gefahren in Maßnahmen zur Veränderung der Erbmasse oder in der planmäßigen Züchtung von bestimmten Menschentypen, aber auch in nicht kalkulierten Folgen technischer Großprojekte, z. B. auch in der Wetterbeeinflussung.

Für unsere Situation ist es bezeichnend, daß man sich bei uns mit allen möglichen Fragen befaßt, die nur scheinbar wichtig sind und dabei die wirklich wesentlichen Aufgaben übersieht. So wird z. B. den Fortschritten in der Waffentechnik viel Beachtung geschenkt. Für die Forschung auf diesem Gebiet werden jährlich Milliarden von Dollars ausgegeben, und zwar nicht nur in den USA. Alle großen Industriestaaten wenden hierfür beträchtliche Summen auf.

Nur wenige sind sich darüber im klaren, daß alle diese Neuentwicklungen die Menschen nicht retten können, wenn es einmal zu einem großen Kriege kommen sollte. Es wird immer argumentiert, daß die modernen technischen Geräte, die man fälschlicherweise Waffen nennt, deren richtiger Name "Massenvernichtungsmittel" sein müßte, nur der Abschreckung des mutmaßlichen Gegners dienen sollen. Ist es aber gerechtfertigt, daß man für einen solchen Zweck Summen aufbringt, die selbst die größten Industrienationen an den Rand des Ruins bringen? Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, daß die komplizierten Sicherungssysteme, die man ausgedacht hat, um einen Krieg durch Zufall zu verhindern, doch einmal versagen.

Das Lager an nuklearen "Waffen" ist inzwischen so groß geworden, daß bei jeder der Atommächte nur ein winziger Bruchteil des Materials ausreicht, um die gesamte Menschheit auszurotten. Man spricht hier von "overkill" und meint damit einen Faktor, der angibt, wievielmal die Menschheit mit den vorhandenen "Waffen" ausgerottet werden könnte. Dabei sind Atom- und Wasserstoffbomben schon nicht mehr am wirksamsten; denn man benötigt immerhin etwa ein Kilogramm pro Quadratkilometer. Bei biologischen Kampfstoffen, nämlich Viren, genügen weniger als ein Milligramm für die gleiche Fläche.2

Jeder muß sich klarmachen, daß das Ende der gesamten Menschheit möglich geworden ist, - allerdings nicht nur durch den Krieg. Deshalb stellt sich uns die Frage: Wie entgehen wir dieser Gefahr? Eine Antwort hierauf gibt die nächste These:

3. Zur Abwendung der Gefahr ist eine Stabilisierung der Entwicklung nötig.

Was bedeutet hier Stabilisierung? - Es bedeutet, daß wir ein Gleichgewicht halten müssen, das allerdings nicht mehr ein natürliches sein kann. Wir leben in einer zunehmend technisierten Welt, die - wie die nächste These zeigt - nur durch künstliche Stabilisierungsmaßnahmen im Gleichgewicht zu halten ist. Zum Beispiel können noch nichtüberschaubare Folgen auftreten, wenn sich auf irgendeinem Gebiet der Industrie die Automation so stark durchsetzt, daß die freigesetzten Arbeitskräfte von anderen Betrieben nicht aufgenommen werden können. Unsere Bergbaukrise zeigt, welche Schwierigkeiten in einem solchen Fall auftreten. Die Störung kann die gesamte Wirtschaft ergreifen, wenn man die vielfältigen Verflechtungen in der Wirtschaft nicht rechtzeitig erkennt und bei den Abhilfemaßnahmen gebührend berücksichtigt. Wir hoffen alle, daß eine Weltwirtschaftskrise, wie sie 1932 auftrat; nicht wiederkommen wird, können aber keinesfalls sicher sein.

Wir sprechen vom natürlichen Gleichgewicht, wenn die Natur selbst ohne unser Zutun alle Störungen ausregelt. Eigentlich hörte dieses schon auf, als die Menschen der Vorzeit begannen, bewußt in die Natur einzugreifen. Doch waren die damit erzielten Einflüsse so klein, daß eine Störung nicht merkbar war. Selbst die verheerenden Kriege und Seuchen des Mittelalters brachten es noch nicht durcheinander. Das änderte sich erst mit dem Beginn des industriellen Zeitalters, als die nutzbare Energie zunahm und auch die Verflechtung der Wirtschaft viel stärker wurde. Die Funktion unseres Gesellschaftssystems hängt ganz wesentlich von der Energie ab, die zur Verfügung steht. Der Ausfall eines nennenswerten Teils führt infolge einer Kettenreaktion zu ganz beträchtlichen Störungen, die nur durch einschneidende Maßnahmen wieder behoben werden können.

Die Stabilisierung unserer Welt ist umso schwerer, je weiter wir uns vom natürlichen Gleichgewicht entfernt haben. Doch die Natur kann sich veränderten Lebensbedingungen innerhalb bestimmter Grenzen anpassen, wie folgendes Beispiel zeigt:

Wenn jemand nach langer schwerer Krankhelt gestorben ist, fragen sich nach der Obduktion manchmal die Ärzte, wie es überhaupt möglich war, daß dieser Mensch trotz seiner schweren Organschädigungen überhaupt noch so lange existieren konnte. Doch da die Krankheit nur langsam fortschritt, stellte sich der Organismus auf die neuen Bedingungen um. Wären die Störungen z. B. durch einen Unfall alle auf einmal aufgetreten, so hätte der Mensch vermutlich nicht überlebt. Wenn allerdings bei der Anpassung bestimmte Grenzen erreicht werden, ist plötzlich Schluß. Das gilt auch für unsere künstliche Stabilisierung. Wir wissen nicht, wie weit wir heute noch von dieser Grenze entfernt sind.

Der Unterschied in den Situationen der Menschheit früher und heute soll an dem einfachen Beispiel der Abb. 3 erläutert werden. Links sehen wir die früheren Verhältnisse, nämlich die Schwingung um einen stabilen Zustand. Man kann der Kugel in der Schüssel einen Stoß geben. Sie wird immer in die Ruhelage zurückkehren. Das rechte Bild zeigt, wie es heute aussieht. Auch hier wird die Kugel in ihre Ruhelage zurückkehren, wenn man ihr einen kleinen Stoß gibt. Bei einem größeren Stoß rollt sie über den Rand und dann unwiderruflich abwärts in einen neuen Zustand, der mit unserem nicht mehr vergleichbar ist.


Abb. 3 Modell für Gleichgewichtssituation früher und heute

Die nächste These zu diesem Problem stammt von Prof. C. F. v. Weizsäcker. Sie lautet:

4. Die Technische Welt stabilisiert sich nicht von selbst, sie stabilisiert sich soweit Menschen sie zu stabilisieren lernen.

Diese Behauptung ist nicht selbstverständlich; denn sie gilt nicht für alle Systeme. Es gibt solche, die sich selbst stabilisieren, und andere, die das nicht tun. Als einfaches Beispiel aus dem Alltag sei hier der Kraftwagen genannt. Je nachdem, ob der Motor vorn oder hinten liegt - und damit sein Schwerpunkt vor oder hinter dem Zentrum der Fahrwiderstände - , wird sich ein Kraftwagen, der ohne Antrieb fährt und dabei auf Glatteis ins Schleudern gerät, selbst wieder ausrichten oder nur durch die Künste des Fahrers zu halten sein. Wenn der Motor den Wagen treibt, werden die Verhältnisse komplizierter, sind aber auch noch zu überschauen.3 Der vornliegende Motor ist also ein Beispiel für ein selbststabilisierendes System, der Heckmotor zeigt die Situation der technischen Welt.

Das Beispiel des Kraftwagens ist hier auch deswegen interessant, wei! zwar ein Wagen mit vornliegendem Motor und möglichst noch mit Frontantrieb sicherer fährt, ohne daß der Fahrer etwas dazu beitragen muß, während es bei einem Wagen mit Hinterradantrieb und ggf. mit Heckmotor auf den Fahrer ankommt, der sich dann aber noch in Situationen helfen kann, in denen ein "Zaubern" beim Frontantrieb nicht möglich ist.4

Ähnlich ist die Situation in unserer technischen Welt. Wir können uns mit ihrer Hilfe ein Leben gestalten, wie es früher undenkbar war. Allerdings ist eine viel größere Geschicklichkeit in der Beherrschung der technischen Hilfsmittel nötig.

Warum stabilisiert sich unsere technische Welt nicht von selbst? Das liegt daran, daß unsere Wirtschaft und Technik weltweit sehr stark verflochten sind. Treten an irgendeiner Stelle Störungen auf, so wirken die Kopplungen im allgemeinen so, daß die Störungen in anderen Bereichen größere herbeiführen. Diese wirken dann häufig auf den Ausgangspunkt so zurück, daß die ursprüngliche Störung noch verstärkt wird. Solche Systeme sind von Natur aus instabil. Hier kann man nur mit gezielen künstlichen Maßnahmen etwas erreichen.

Ein Beispiel hierfür bietet unsere heutige Verkehrssituation. Bei geringer Fahrzeugdichte ist der Verkehr weitestgehend entkoppelt. Eine Störung wirkt sich auf den Gesamtverkehr so gut wie nicht aus. Bei einer größeren Verkehrsdichte ist die Kopplung stärker. Dann kann ein Unfall in irgendeinem Stadtteil einer Großstadt ggf. den gesamten Stadtverkehr beeinflussen. Diese Vernetzung zeigt sich besonders bei den Folgen einer Verkehrsstockung im Berufsverkehr.

Ist beispielsweise beim Messeverkehr die Verkehrsdichte noch größer, so ist eine Bewältigung der Probleme nur noch möglich, wenn man sich mit Hubschraubern und Fernsehkameras einen vollen Überblick über die wesentlichen Verkehrsströme verschafft, wobei sogar eine Vorausschau der zukünftigen Entwicklung nötig ist (z. B. das Einsetzen zusätzlichen Berufsverkehrs oder das Ende eines Fußballspiels).

Die Stabilisierung der Entwicklung ist auf allen Gebieten von Wirtschaft, Technik und Gesellschaft erforderlich. Auf ein Problem ist aber besonders zu achten:

5. Die Beseitigung der Kriegsgefahr ist nur ein, allerdings ein wesentliches Stabilisierungsproblem.

Viele Menschen meinen, daß es keinen Sinn habe, hierüber nachzudenken, da der Krieg zum menschlichen Schicksal gehöre. Sie argumentieren,daß es Kriege immer gegeben habe, und daß es sie demzufolge immer geben müsse. Dieser Schluß ist nicht ohne weiteres zulässig; denn es hat z. B. vor etwa 150 Jahren auch noch Kriege zwischen einzelnen deutschen Teilstaaten gegeben, und heute denkt kein Mensch mehr an einen solchen Konflikt, obwohl die verschiedenen Landesregierungen politisch unterschiedliche Richtungen verfolgen.

Andere behaupten wieder, daß alle Menschen gut werden müßten, damit es keine Kriege mehr gebe. Wenn diese Voraussetzung notwendig ist, dann ist der Krieg sicher nicht abzuschaffen. Es dürfte kaum gelingen, alle Menschen gut zu machen, wobei noch gar nicht einmal eindeutig geklärt werden kann, was unter "gut" zu verstehen ist.

Es ist aber zu vermuten, daß die Menschheit auch dann vom Kriege freikommen kann, wenn nur eine kleine Besserung der Verhältnisse eintritt, und wenn die Menschen lernen, die Situation, in der sie sich befinden, genauer zu erfassen. Vielleicht spielen ähnliche Verhältnisse eine Rolle wie in einem System aus Mikrophon, Verstärker und Lautsprecher, bei dem entweder akustische Rückkopplung auftritt oder diese durch eine kleine Änderung sicher vermieden werden kann, wenn man nämlich dafür sorgt, daß das Produkt aus Kopplungsgrad und Verstärkungsfaktor kleiner als 1 wird.

K * V < 1


Hier wäre zu fragen, was man in dem soziologischen System "Menschheit" unter Kopplungsgrad und Verstärkungefaktor zu verstehen habe. Sicher ist das nicht einfach zu definieren; eine gewisse Vorstellung bekommt man aber davon, wenn man daran denkt, daß eine größere odor kleinere Kopplung schon durch die Entfernung gegeben ist (Unruhen in fernen Ländern berühren uns nicht so sehr wie solche in unserem eigenen Land). Ein Verstärkungsfaktor war z. B. in Hitlers Äußerungen zu sehen, daß für jede feindliche Bombe auf Deutschlands Boden 10 deutsche Bomben auf feindlichen Boden abgeworfen werden sollten.

Es dürfte sich also wohl lohnen, in der Frage von Krieg oder Frieden nach Stabilisierungsmöglichkeiten zu forschen. Vielfach werden allerdings die Wege zur Verhinderung des Krieges an falschen Stellen gesucht. Wir müssen erst lernen, die Probleme mit ganz anderen Augen zu sehen. Deshalb lautet die nächste These:

6. Ursache der Kriege ist meist nicht der böse Wille. Es sind allgemeine Schwierigkeiten, die im menschlichen Wesen begründet und denen alle ausgesetzt sind.

Das Kanadische Friedensforschungsinstitut hat mittels Umfrageforschung eine Untersuchung über die Haltung der Bevölkerung zur Rüstung und zur Bereitschaft, Kriege zu führen, angestellt. 5, 6 Hierbei haben sich einige erstaunliche Ergebnisse gezeigt. Die landläufige Meinung sagt: Nicht wir, die einfachen Leute, sind am Kriege schuld, sondern es sind die bösen Politiker, die uns lenken.

Demgegenüber hat die Untersuchung ergeben, daß in der Durchschnittsbevölkerung die Kriegsbereitschaft größer ist als unter den Menschen in führenden Positionen. Es zeigte sich weiterhin, daß auch keinesfalls die Christen weniger bereit zum Kriege sind als die Nichtchristen. Ebenso ergab sich in Kanada, daß die kriegerische Neigung auch nicht mit wirtschaftlichen Interessen verbunden ist; denn mittels geeigneter Maßnahmen kann jede Kriegswirtschaft in eine gut funktionierende Friedenswirtschaft überführt werden.

Die allgemeine Auffassung, daß der andere böse sei, ist keinesfalls richtig. Es lohnt sich, hierzu die Untersuchungen von Prof. Konrad L o r e n z anzusehen. In seinem Buch "Das sogenannte Böse"7 zeigt er, daß der Aggressionstrieb naturgegeben ist. Es besteht aber beim Menschen die große Gefahr, daß mittels unserer technischen Hilfsmittel die Hemmungen überspielt werden, die normalerweise verhindern, daß der Aggressionstrieb lebensbedrohende Ausmaße annimmt.

Die Aggressionshemmung wirkt etwa auf die Entfernung der Reichweite unserer Hände. Wenn wir aber mit unserer Hand den Auslöseknopf für eine Atomrakete betätigen, funktioniert diese Hemmung nicht, weil wir die Opfer unserer Handlung überhaupt nicht sehen. Deshalb sind unsere Kriegsmittel so außerordentlich gefährlich.

In Amerika ist ein Spiel entwickelt worden (Prisoner's Dilemma) 8, das ebenfalls deutlich zeigt, wie allgemeine menschliche Schwierigkeiten eine Übereinkunft verhindern. Das Spiel ist sehr einfach und kann von jedermann gespielt werden. Man benötigt dazu zwei verschieden gestaltete Spielmarken, die so groß sein sollen, daß man sie mit der Hand verdecken kann. Auf der einen Seite jeder Marke steht der Buchstabe E (entgegenkommend), auf der anderen Seite F (feindlich). Bei diesem Spiel handelt es sich um ein sogenanntes Nicht-Nullsummen-Spiel. Das heißt, es ist nicht unbedingt der Gewinn des einen Spielers gleich dem Verlust des anderen. Theoretisch ist es möglich, daß beide gewinnen. Die Erfahrung zeigt aber, daß im allgemeinen beide verlieren. Der Spielplan kann variieren.

Abb. 4 + 5 zeigen zwei Variationen.
Abb. 4 Spielplan für "Prisoner's Dilemma" Variation 1 Abb. 5 Spielplan für:"Prisoner's Dilemma" Variation 2


Jeder Spieler nimmt eine Marke und legt sie verdeckt auf den Tisch, wobei er selbst wissen muß, ob E oder F oben liegt. Wenn beide Spieler ihre Marke hingelegt haben, wird nachgesehen, welche Kombination gespielt worden ist. Es gibt folgende Möglichkeiten:

1. Beide Spieler spielen entgegenkommend (im Spielplan das Feld links oben). Dann gewinnen beide.

2. Beide Spieler spielen feindlich (Feld rechts unten). In diesem Fall verlieren beide.

3. Ein Spieler spielt feindlich, der andere entgegenkommend (Feld rechts oben und links unten). Jetzt gewinnt der feindlich Spielende sehr viel, während der entgegenkommend Spielende mehr oder weniger verliert.

Dem Spiel liegt folgender Gedanke zugrunde: Man kann die Spieler mit Staaten vergleichen. Wenn beide sich entgegenkommen, also abrüsten, gewinnen beide; denn sie können die wirtschaftliche Kraft ihrer Bevölkerung für den zivilen Bedarf einsetzen. Wenn beide feindlich spielen, verlieren sie, denn sie sind gezwungen, wertvolle Produktionskräfte für die Rüstung zu verwenden, wobei im allgemeinen das Kriegsmaterial später auf den Schrotthaufen wandert, falls es nicht zu einem Kriege kommt. Wenn jedoch einer abrüstet, während der andere aufrüstet, ist der Aufgerüstete in der Lage, den Abgerüsteten zu überfallen oder zu erpressen. In diesem Falle gewinnt also der feindlich Spielende, während der entgegenkommend Spielende verliert.

Wird nun das Spiel mit einem echten Gewinninteresse gespielt, so stellt man im allgemeinen fest, daß selbst in dem Fall, in dem zunächst beide Partner entgegenkommend spielen, nach einiger Zeit der eine das feindliche Spiel probiert. Er weiß nämlich, daß er dann zusätzlich einen beträchtlichen Gewinn bekommt. Die Reaktion des Gegenspielers ist nun aber sofort die feindliche Haltung, weil er sich einfach nicht leisten kann, weiterhin Verluste in Kauf zu nehmen. Sind aber erst einmal beide Spieler bei der feindlichen Haltung angelangt, so riskiert keiner das entgegenkommende Spiel, denn der, der es zuerst beginnt, während der andere noch eine feindliche Haltung einnimmt, wird wieder verlieren.

Man hat Prisoner's Dilemma in großen Serien durchgespielt und statistisch ausgewertet. Dabei stellte man fest, daß erst in den Fällen, wo die Verluste durch feindliche Haltung zu groß wurden, wieder das Entgegenkommen gewählt wurde.

Wenn man sich selbst gründlich mit diesem Spiel beschäftigt hat, erkennt man, wie ungeheuer schwierig die Abrüstung zu realisieren ist, denn die verantwortlichen Politiker stehen vor den gleichen Schwierigkeiten wie unsere Spieler. Es ist also wirklich nicht Böswilligkeit, die ein Übereinkommen verhindert.

Einen weiteren Grund für die Schwierigkeiten bei den Bemühungen um den Frieden gibt die nächste These an:

7. Friede bedeutet heute nicht statische sondern dynamische Stabilität in der Menschheitsentwicklung.

Die nicht naturwissenschaftlich-technisch Gebildeten erkennen häufig nicht den Unterschied zwischen statischer und dynamischer Stabilität. Überhaupt ist es sehr verschieden, was man unter Frieden versteht bzw. früher verstand. Viele Menschen meinen, daß man einen ewigen Frieden erreichen könne, indem man alle Konflikte aus der Welt schafft. Im Bergedorfer Gespräch "lst der Weltfriede unvermeidlich?"9 vom 21. 11. 1966 wurde Herrn Professor von W e i z s ä c k e r dle Frage gestellt, was er unter Stabilität verstehe, ob die Welt vor dem ersten Weltkrieg stabil gewesen sei und wenn ja, warum es dann zum Kriege gekommen sei. Die Frage ist nur berechtigt, wenn man die Stabilität statisch auffaßt; denn wenn sich ein System in ständiger Veränderung befindet, kann es jederzeit instabil werden.

Frieden kann heute keinesfalls bedeuten, daß alle Konflikte zwischen Menschen verschwinden; denn Konrad L o r e n z zeigt7, daß der Aggressionstrieb ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeit ist, daß man ihn nicht wegzüchten kann, ohne auf andere wertvolle menschliche Eigenschaften zu verzichten. Deshalb kommt es darauf an, daß man zwar die Konflikte nicht abschafft, sie aber so begrenzt, daß es nicht zur Waffenanwendung zwischen den Staaten kommt.

Die Maßnahmen, die hierzu nötig sind, gilt es zu suchen. Da sich aber die Welt in einer immer schnelleren Entwicklung befindet, werden immer andere erforderlich sein. Das, was heute gut ist, kann morgen falsch sein. Auch dies sei an einem Beispiel erläutert: Wenn wir im Auto auf einer vereisten Bergstraße bei Wind fahren sollen, so bewegt sich das Fahrzeug sicher, wenn wir in jedem Augenblick das Richtige tun. Gasgeben kann an einer Stelle der Strecke erforderlich sein, an einer anderen aber ist Bremsen nötig. Einmal ist die Lenkung nach links, einmal nach rechts einzuschlagen, wobei es noch darauf ankommt, ob man es schnell oder langsam tut. Je besser man über die Strecke Bescheid weiß, mit desto größerer Geschwindigkeit kann man gefahrlos fahren. Die sicherste und schnellste Fahrweise erzielt man wahrscheinlich, wenn man alle wesentlichen Merkmale der Strecke einem Computer eingeben könnte und diesen das Auto steuern ließe. Auf unser Problem der Stabilisierung der Menschheitsentwicklung übertragen bedeutet das, daß wir Beweglichkeit brauchen, Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Bedingungen, aber keine starren Parteiprogramme oder das Festhalten an überalterten Doktrinen. Die Geschwindigkeit der technischen Entwicklung der Menschheit ist heute bereits so groß, daß man die Lenkung nicht mehr mit Fingerspitzengefühl durchführen kann. Deshalb lautet die nächste These:

8. Die Zusammenhänge, die heute über Stabilität oder Instabilität entscheiden, sind so kompliziert, daß nur mit wissenschaftlicher Arbeit Erfolge zu erwarten sind.

Wenn heute die Forderung gestellt wird, man müsse die Probleme der Erhaltung des Friedens mit wissenschaftlichen Mitteln lösen, so begegnet man häufig großer Skepsis. Man argumentiert, daß sich z. B. die politische Wissenschaft schon sehr lange mit diesen Fragen befasse, daß die Geschichte aber gezeigt habe, daß damit doch keine Erfolge zu erlangen seien. Der Grund hierfür liegt wahrscheinlich u. a. darin, daß bei der bisherigen wissenschaftlichen Behandlung immer nach Lösungen von Teilproblemen gesucht wurde. Da jedoch heute zwischen den verschiedenen Systemen weltweite Verknüpfungen bestehen, die durch Rück- und Gegenkopplung unüberschaubare Verhältnisse schaffen, dürfte diese Methode jetzt hoffnungslos sein.

Ein häufig erzählter Witz macht deutlich, worauf es ankommt: Ein Polizist beobachtet einen Betrunkenen, wie er unter einer Laterne etwas sucht und fragt ihn, was er denn suche. Der Betrunkene antwortet, daß er seinen Hausschlüssel verloren habe, worauf der Polizist beim Suchen hilft. Man hat jedoch keinen Erfolg. Nach einiger Zeit fragt der Polizist: "Haben Sie denn den Schlüssel hier verloren?" Darauf antwortet der Betrunkene: "Nein. Da drüben." Nun will der Polizist wissen, warum der Mann denn dann hier suche, und dieser antwortet ihm: "Weil es hier hell ist."

Was soll dieses Beispiel zeigen? - Auch den Schlüssel zum Problem der Erhaltung des Friedens müssen wir da suchen, wo er wirklich liegen kann, nicht da, wo es "hell" ist. - Im Zusammenhang mit diesem Fragenkomplex wurden und werden auch heute noch bestimmte Behauptungen aufgestellt, die die Ursache der Kriege erklären sollen. Es handelt sich dabei aber meist nur um Symptome, nicht um die wirklichen Ursachen. Wenn also z. B. die Behauptung aufgestellt wird, daß es die bösen Kapitalisten seien, die den Krieg verursachen und man versucht nun, die Kapitalisten unschädlich zu machen, so wird man damit den Krieg nicht vermeiden, weil die tiefere Ursache der Kriege eben nicht in dieser Behauptung zu suchen ist. Erst, wenn wir die wirklichen Zusammenhänge und den Nährboden der Kriege, nämlich die menschlichen Verhaltensweisen hinreichend genau kennen, werden wir in der Lage sein, die Dinge so zu beherrschen, daß Konflikte begrenzt werden können. Solange wir uns mit Teilmaßnahmen begnügen, werden wir nicht den gewünschten Erfolg haben. Im Gegenteil kann ein solches Vorgehen sogar die entgegengesetzte Wirkung haben. Dies sei ebenfalls an einem Beispiel erläutert:

Wir machen häufig die Erfahrung, daß bei dem Versuch, einen Gegenspieler davon zu überzeugen, daß seine Auffassung falsch sei, oft eine Verhärtung seiner Haltung eintritt, obwohl er schon fast bereit war einzusehen, daß er im Unrecht ist. Durch unsere Kritik zwingen wir ihn zur Verteidigung einer innerlich bereits aufgegebenen Position.

Um die komplizierten Zusammenhänge aufzudecken, sind ganz neue Denkansätze nötig. Wenn im folgenden einige Beispiele mit Hilfe naturwissenschaftlicher Analogien gegeben werden, so sei hiermit sehr deutlich darauf hingewiesen, daß es sich dabei keinesfalls bereits um Lösungen der Probleme handelt. Wenn die bekannt wären, brauchten wir nicht nach einer intensiven Friedensforschung zu rufen. Die Beispiele sollen lediglich deutlich machen, auf welche Weise man vielleicht heute auf neuen Wegen an die Aufgaben herangehen könnte.

Wenn ein Problem gelöst werden soll, benötigt man ausreichende und richtige Informationen, d. h. die einzelnen Tatsachen müssen hinreichend bekannt sein und mit einem reellen Wertmaßstab bewertet werden können. Hier treten bereits die ersten großen Schwierigkeiten auf. Kein Mensch ist heute in der Lage, sich über alle Probleme ausreichende Informationen zu verschaffen. Es steht ihm nur eine Auswahl zur Verfügung, wobei diese Informationen auf ihrem Weg bis zum Benutzer durch mehrere Filter gelaufen sind. (Presse und Nachrichtendienste verschiedener politischer Grundhaltung.) Wenn man die Filterkurven kennt, ist man in der Lage, im Durchlaßbereich der Filter die Information zu korrigieren. Die Genauigkeit, mit der das möglich ist, hängt davon ab, wie genau man die Filterkurven und die Lage der Information innerhalb dieses Bereiches kennt. Informationen, die außerhalb des Durchlaßbereiches liegen, werden allerdings gar nicht berücksichtigt und können deshalb auch nicht zur Beurteilung der Situation beitragen.

Auch hierfür gibt es ein einleuchtendes Beispiel: Nehmen wir an, daß über irgendein wesentliches politisches Ereignis die Rundfunkanstalten der verschiedenen beteiligten Gruppen gleichzeitig Nachrichten senden. Dann sind an der Antenne unseres Rundfunkgerätes sämtliche Informationen zu diesem Thema verfügbar. Wir hören jedoch nur die Darstellung von dem Sender, auf den wir unser Gerät eingestellt haben.

Eine weitere Frage ist die, wie genau die Informationen sein, wie weit sie ins Detail gehen müssen, wie hoch also die Auflösung sein muß, damit man sich einen hinreichenden Überblick über die Situation verschaffen kann. Um diese Frage zu beantworten, wollen wir die nächsten beiden Bilder betrachten. Das eine (Abb. 6) zeigt nur aneinander gefügte Farbflächen. Es handelt sich um einen stark vergrößerten Fotoausschnitt. Hier sind die Details in der größtmöglichen Genauigkeit wiedergegeben. Wir sind aber nicht in der Lage, die großen Zusammenhänge zu erkennen. An einem solchen Bild kann man recht gut die Methode der Wiedergabe von Bildern erläutern, aber mehr auch nicht.

Abb. 6 stark vergrößerter Fotoausschnitt
Abb. 7 Das gesamte Foto zum Vergleich

Das andere Bild (Abb. 7) zeigt das gesamte Foto. Hier ist nicht jedes Detail so gut zu erkennen. Trotzdem können wir damit erheblich mehr anfangen, weil es einen Überblick verschafft. Es kommt also nicht unbedingt auf die größtmögliche Auflösung an. Es genügt hinreichende Genauigkeit, um die Probleme zu meistern. Man sagt z. B. auch, daß Galilei die Fallgesetzte nicht gefunden hätte, wenn er hätte genauer messen können; denn dann wäre er durch den Einfluß des Luftwiderstandes irritiert worden. In diesem Zusammenhang sei auch noch einmal an das Beispiel des Autos auf der vereisten Straße erinnert. Selbst der Computer muß nicht die Verhältnisse auf jedem Quadratzentimeter der Straße genau kennen. Er wird auch bei einer gröberen Information in der Lage sein, die Steuerung richtig durchzuführen.

Ein anderes Beispiel, wie man auf geschickte Weise an ein Problem herangehen kann, soll auf Abb. B erläutert werden. Auf diesem Bild sehen wir einen Haufen verschieden geformter Klötze, die alle aus dem gleichen Material bestehen, dazu einen Karton, in den diese Klötze hineingepackt werden sollen. - Wie wird man nun diese Aufgaben meistern? - Viele Menschen werden bei diesem Puzzle-Spiel anfangen zu probieren und es solange tun, bis sie es vielleicht geschafft haben.


Abb. 8 Puzzle-Spiel


Das erfordert sehr lange Zeit. Man kann die Aufgabe aber auch anders anfangen, indem man sich zunächst fragt, ob sie prinzipiell lösbar ist, d. h. ob es überhaupt möglich ist, daß alle Klötze im Kasten untergebracht werden können. Das geht nur, wenn das Volumen der Klötze kleiner oder gleich dem Volumen des Kastens ist. Ist das Gesamtvolumen der Klötze größer, braucht man sich die Mühe des Probierens gar nicht erst zu machen.

Man kann sehr schnell sagen, ob die Aufgabe prinzipiell unlösbar ist, wenn man sich einen regelmäßig gestalteten Klotz heraussucht, diesen ausmißt und sein Volumen berechnet. Legt man ihn nun auf eine Waage, so ergibt sich aus Masse und Volumen die Dichte des Materials, aus dem die Klötze gemacht sind. Werden anschließend alle Klötze auf die Waage gelegt, so läßt sich leicht mit Hilfe der Gesamtmasse und der Dichte das Gesamtvolumen errechnen und mit dem Volumen des Kastens vergleichen. Jetzt weiß man, ob es sich lohnt, mit dem puzzeln anzufangen. Es ist natürlich nicht absolut sicher, ob die Aufgabe lösbar ist; denn es steht noch nicht fest, ob man die Klötze ohne Zwischenraum unterbringen kann. Auf jeden Fall wird aber die Möglichkeit ausgeschlossen, daß man die Aufgabe beginnt, wenn sie prinzipiell nicht geht, weil das Volumen der Klötze zu groß ist.

Was hier geschildert wurde, ist - wie schon ausdrücklich betont - noch nicht Zukunfts- und Friedensforschung an sich. Es sollte nur gezeigt werden, daß man auch mit Hilfe ganz anderer Denkweisen an die Problematik herangehen kann, daß es vor allem wohl sinnvoller ist, die Aufgaben vom Großen her anzupacken, als zu versuchen, irgendwelche Teilprobleme zu lösen. Diese haben, wenn sie einzeln betrachtet werden, vielleicht eine andere Lösung als bei der Behandlung im großen Rahmen. Das soll folgendes Beispiel näher erläutern: Denken wir uns, daß irgendein Industriewerk die Aufgabe gestellt hat, zukünftige Entwicklungen und Möglichkeiten für seinen Wirtschaftszweig zu erforschen, also z. B. die Frage zu lösen, was die Erdölindustrie dann anfangen soll, wenn sie einmal kein Erdöl mehr verkaufen kann, weil es hervorragende Elektroautos gibt. Es werden Wissenschaftler an dieses Problem gesetzt, und sie werden wahrscheinlich eine optimale Lösung finden. Die Lösung ist aber nur für diese Interessengruppe günstig; es ist nicht sicher, ob sie sich in die Belange der Gesamtwirtschaft sinnvoll einbauen läßt. Es könnte immerhin sein, daß auch ein anderes Unternehmen ähnliche Überlegungen angestellt hat und auch eine Beschäftigung für die Menschen braucht, die zum gegebenen Zeitpunkt in der bisherigen Aufgabe nicht mehr benötigt werden. Vielleicht kommt man hier zu den gleichen Möglichkeiten. Nun ist die Lösung aber sicher nicht mehr optimal, wenn beide das gleiche tun und den Markt übersättigen.

Wenn wir die Dinge so sehen, erkennen wir, daß man ein Problem niemals allein betrachten kann, sondem nur im Zusammenspiel mit allen anderen und daß eine Lösung, die auf einem Teilgebiet vernünftig sein kann, im Großen gesehen, unvernünftig wird. Der Mathematiker würde sagen, daß man die richtigen Randbedingungen seiner Aufgabe kennen muß, daß man also nicht eine beliebige Lösung verwenden kann, die nur für das isolierte Problem richtig wäre. Die Randbedingungen richtig zu erfassen, ist sehr schwer. Aus dem Grunde bietet sich die Kugel als das Gebiet an, für das man die Lösung suchen sollte; denn die Kugel hat keinen Rand, sondern die Oberfläche ist in sich geschlossen. Eine globale Lösung der Probleme wäre damit aussichtsreicher.

Hat man erst einmal eine grobe globale Konzeption, so kann man anschließend ins Detail gehen und ist nun auch in der Lage, für die einzelnen Teilgebiete die richtigen Randbedingungen anzugeben und gleichzeitig die Genauigkeit der Lösungen zu erhöhen. 10

Es ist bereits vieles auf den Gebieten von Friedens- und Zukunftsforschung getan worden. Um aber den Rahmen dieses Aufsatzes nicht zu sprengen, seien nur einige Probleme hier erwähnt. Einem späteren Beitrag soll es vorbehalten bleiben, an Beispielen zu zeigen, was Zukunfts- und Friedensforschung bis heute geleistet haben und welche neuen Wege inzwischen beschritten worden sind.

Die allgemeine Weltlage mit ihren großen Krisenherden erweckt allerdings den Eindruck, daß das, was bis heute von seiten der Wissenschaft getan wurde, noch nicht ausreicht, um wirklich eine Stabilisierung zu erreichen. Es dürfte daran liegen, daß bisher die meisten Arbeiten Teilprobleme zu lösen versuchten. Man hat verschiedene neue Mathoden entwickelt11 und verwendet selbstverständlich häufig auch Computer zur Bearbeitung. Möglichkeiten gibt es z. B. bei der Statistik oder bei sozialen Experimenten. Man benutzt die Interview-Technik und hat ein spezielles Befragungsverfahren ausgearbeitet, das man die "Delphi-Methode" nennt. Man spielt besondere politische Situationen in einem kleineren Kreis durch. Man simuliert Situationen und läßt die Entscheidungen durch Computer fällen. Man benutzt die sogenannte Spieltheorie, um zu erkennen, welche Möglichkeiten die Politiker wählen können und welche Wahrscheinlichkeiten für den oder jenen Ausgang einer Konfliktsituation bestehen, wenn man die verschiedensten Entscheidungsmöglichkeiten ins Auge faßt. Man arbeitet mit der Konflikttheorie, und es gibt auch schon Arbeiten, die versuchen, vom ganz Grundsätzlichen her an die Probleme heranzugehen. Hier sei besonders der Beitrag von Prof. Johan Galtung vom Peace Research Institut in Oslo mit dem Titel "Entropie und die allgemeine Theorie des Friedens" erwähnt. (Ref.in12)

Wenn man aus all diesen Arbeiten, die sich speziell mit dem Problem der Friedenssicherung befassen, etwas Vernünftiges herausholen will, so darf man das nicht übersehen, was in unserer nächsten These ausgedrückt wird.

9. Friedensforschung kann nur in Verbindung mit einer allgemeinen Zukunftsforschung Ergebnisse bringen.

Es ist bereits betont worden, daß wir die Menschheit in ihrer ständigen Entwicklung sehen müssen, daß wir also unsere Welt nicht als statisches Modell auffassen dürfen. Denken wir z. B. an das Problem der Bevölkerungslawine. Professor Fritz B a a d e rechnet in seinem Buch "Der Wettlauf zum Jahre 2000" 13 aus, daß um das Jahr 2000 etwa 6 - 6,5 Milliarden Menschen auf der Erde leben werden. Er hat kalkuliert und zusammengestellt, auf welche Gebiete unserer Erde sich diese Menschen verteilen werden. Was dabei zustande kommt, zeigt Abb.9, die dem Buch von Prof. Ba a d e entnommen ist.



Abb.9 Mögliche Entwicklung der Weltbevölkerung (nach B a a d e 13)

Zwei Möglichkeiten werden ins Auge gefaßt. Die erste, daß die Entwicklungsländer für sich bleiben und sich nicht zur östlichen Welt bekennen. Die andere ist die, daß sich die Entwicklungsländer der östlichen Welt anschließen. Dann hat diese ein so großes Bsvölkerungsübergewicht, daß es nicht mehr eine Frage der Waffen ist, wer auf unserer Erde die Herrschaft ausüben wird. Das muß man sich einfach vor Augen halten und muß sich auch klar darüber sein, daß dadurch auch in unserem Lebensbereich beträchtliche Veränderungen erzwungen werden und daß es keine Möglichkeit gibt, diese Entwicklung aufzuhalten. Die Idee, daß man die Bevölkerung in den Entwicklungsländern mit Hilfe von Kernwaffen rechtzeitig dezimieren müsse, damit eine solche Entwicklung nicht eintrete, ist verbrecherisch. Leider gibt es aber Menschen, die mit einem solchen Gedanken spielen.

Parallel zur Bevölkerungsentwicklung läuft das Welternährungsproblem und, wie bereits angedeutet, die Frage der Machtverschiebung. Das alles muß bei der Fragestellung über die Stabilisierung unserer Welt berücksichtigt werden. Wir können uns einfach Wunschträume, die jeder Realität entbehren, nicht leisten. Leider haben bisher nur sehr wenige erkannt, daß wir, nämlich die Weltbevölkerung, eine Gemeinschaft bilden müssen und daß es sicher in wenigen Jahren nicht mehr möglich sein wird, irgendein umfassenderes Problem auf dem Gebiet eines der bestehenden Staaten allein zu lösen, ohne die gesamte Weltlage mit zu berücksichtigen.

Alles berücksichtigen heißt aber noch nicht, daß man alles ändern kann. Es gibt Grenzen, denen sich unsere Wünsche unterordnen müssen. Bestimmte Entwicklungen der Menschheit scheinen naturnotwendig abzulaufen. Das ist als gegeben hinzunehmen. Es kostet nur unnötig Opfer, sich dagegen zu stemmen.

Wie weit kann man aber Entwicklungen voraussagen? - Die Mathematik kennt Methoden, wie man aus einem bekannten Kurvenlauf seine Verlängerung extrapolieren kann. Das geht umso genauer je exakter man den Verlauf der Kurve in der Vergangenheit kennt. Sind hier bereits große Unsicherheiten vorhanden, so sind die Fehlergrenzen der Verlängerung auch sehr groß. Hat man jedoch recht genaue Angaben, so ist auch die Zuverlässigkeit der Prognose größer. Voraussetzung ist allerdings, daß keine nichtkalkulierbaren zusätzlichen Einflüsse auftreten.

Eine solche Voraussetzung ist bei den Problemen, die wir zu betrachten haben keinesfalls immer gegeben. Es ist also immer damit zu rechnen, daß unsere Prognosen nicht zutreffen. Betrachten wir z. B. die Bevölkerungsentwicklung. Selbst, wenn man berücksichtigt, wie sich die Kulturnationen in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben, nachdem ihr allgemeiner Lebensstandard gestiegen ist, kann man daraus noch nicht unbedingt ableiten, daß es in den Entwicklungsländern genauso verlaufen müsse, wenn man nur dafür sorgt, daß auch dort ein höherer Stand der Zivilisation erreicht wird. Hier kommen ganz neue Möglichkeiten hinzu, z. B. die Anwendung der Anti-Baby-Pille und ähnlicher Maßnahmen zur Steuerung der Bevölkerungsentwicklung, Maßnahmen, an die man vor einigen Jahrzehnten überhaupt noch nicht zu denken wagte.

Wenn wir uns mit Zukunftsfragen befassen, werden wir deshalb mit oberen und unteren Grenzen einer Entwicklung rechnen. Will man z. B. etwas über die Anzahl der Kraftfahrzeuge vorhersagen, kann man hierbei eine normale Entwicklung berücksichtigen oder damit rechnen, daß die Zahl der Kraftfahrzeuge doch nicht mehr so schnell zunimmt, wie es eigentlich zu erwarten wäre, weil der Mangel an Verkehrsraum sich begrenzend auswirkt.14

Was wird nun geschehen, nachdem man über irgendeine Entwicklung eine Vorhersage gemacht hat? - Es ist möglich, daß sie falsch ist. Vielleicht ist es sogar unsere Absicht zu erreichen, daß sie falsch ist. Was damit gemeint ist, soll wieder ein Beispiel erläutern:

Ernährungswissenschaftler haben festgestellt, daß der Welt in etwa 15 Jahren eine Ernährungskatastrophe droht, die sich auch auf die hochzivilisierten Länder auswirken dürfte. Natürlich wollen wir, daß sie nicht kommt oder daß sie mindestens nicht mit den verheerenden Folgen eintritt, die vorausgesehen werden. Wir wollen also, daß durch diese Vorhersage Maßnahmen ergriffen werden, um die Katastrophe abzuwenden und rechnen auch damit, daß wir Erfolg haben werden.

Mathematisch könnte man das durchaus in der Prognose berücksichtigen und würde dann sagen, daß, wenn nicht rechtzeitig bestimmte Maßnahmen ergriffen werden, eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes kommt. Wenn man aber in dieser Art formuliert, besteht die Gefahr, daß dann die notwendigen Maßnahmen gar nicht eingeleitet werden, weil die Menschen sich sagen: "Es wird schon noch einmal gut gehen. Es wird sicher von den Regierungen etwas getan werden, um das Schlimmste abzuwenden." Deshalb ist es notwendig, die Zukunftsaussichten in ihrer schrecklichsten Möglichkeit darzustellen, um zu erreichen, daß die Menschen sich so engagieren, daß dadurch die Entwicklung nicht so gefährlich verläuft.

Ein Zukunftsforscher wäre nun in der Lage, sich die oberen und unteren Grenzen der möglichen Entwicklung zu errechnen, also die Katastrophe und das, was bei sinnvollster Nutzung unserer Möglichkeiten noch zu erreichen wäre. Die wirkliche Entwicklung dürfte dazwischen liegen. Aber auch das ist nicht sicher, denn es kann anstelle einer Gegenkopplung auch eine Rückkopplung eintreten, die die schlimmen Wirkungen noch vergrößert, wenn z. B. in einem Krieg, wie er in Vietnam geführt wird und wie er evtl. als Auswirkung einer Hungerkatastrophe in irgendeinem Teil der Erde auftreten könnte, die vorhandenen Nahrungsmittel noch sinnlos vernichtet werden.

Wir sehen, daß der Wissenschaftler hier vor einem Dilemma steht, daß er mit einem hohen Maß an Überzeugung etwas behaupten soll, von dem er hofft, daß es falsch ist. Wenn seine Prognose dann glücklicherweise nicht stimmt, wird man ihm vielleicht noch vorhalten, daß er doch nicht die richtigen Methoden habe, um auf dem Gebiete der Zukunftsforschung Erfolge zu erzielen. Es wird ihm keiner Dank sagen dafür, daß er durch seine Arbeit im Grunde erst erreicht hat, daß die Katastrophe gemindert oder abgewendet wurde.

Hier tritt also der Fall ein, daß der Zukunftsforscher durch seine Arbeit den Gegenstand seiner Forschung selbst verändert. Das ist für den Naturwissenschaftler nichts Außergewöhnliches. Während man es aber da als Störeffekt möglichst auszuschalten sucht, muß der Zukunftsforscher lernen, sinnvoll und verantwortungsbewußt damit umzugehen. Die Gefahren eines Mißbrauchs dürfen keinesfalls übersehen werden.

Es wird hier mancher einwenden, so etwas sei einem Wissenschaftler überhaupt verboten, wenn er die Wissenschaft nicht verraten wolle. Dagegen ist aber anzuführen, daß es sicher besser ist, etwas zu tun, was nicht den bisherigen wissenschaftlichen Grundsätzen entspricht, als die Zukunft der Menschheit aufs Spiel zu setzen.

Wissenschaft und Gewissen läßt sich heute nicht mehr trennen. Der amerikanische Professor Victor P a s c h k i s sagte einmal über die Verantwortung des Wissenschaftlers: "Wenn die Spezialisierung sich auf den Verstand und das Können allein beschränken würde, wäre es schlimm genug. Viel schlimmer ist, daß wir anscheinend auch Wissen und Gewissen spezialisieren, so daß ein Teil der Menschheit sich nur mit dem Wissen beschäftigt und ein anderer mit dem Gewissen . . . Wir müssen Wissen und Gewissen verbinden, um den höchsten Sinn unseres Daseins zu erfüllen."

Gibt es in der Bundesrepublik Wissenschaftler, die so denken und handeln, gibt es bereits Institute, in denen in dieser Art wissenschaftliche Arbeit geleistet wird oder geleistet werden kann? - Sicher sind erst Ansätze vorhanden. Deshalb lautet die nächste These:

10. Für solche wissenschaftliche Arbeit mit ganz neuen Denkansätzen müssen Forschungsstätten in der Bundesrepublik erst geschaffen werden.

Man darf sich nicht darüber täuschen, daß Zukunfts- und Friedensforschung nicht in kleinem Rahmen betrieben werden können, wenn die Ergebnisse wirksam sein sollen. Es handelt sich hier um sogenannte "Big-Science-Probleme", also um Großprojektforschung. Stückwerk hilft auf die Dauer nicht viel. Der Gründer des Kanadischen Friedensforschungsinstituts, derPhysiker Dr. Norman A l c o c k, hat einmal in seiner Broschüre "Die Brücke der Vernunft"16 die Kernspaltung als Beispiel hierfür angeführt. Er sagt, man müsse erst eine "kritische Menge" von Wissenschaftlern haben, die sich mit diesen Fragen befassen, ehe man erwarten könne, daß eine wissenschaftliche Ausbeute entstehe, die für die Menschheit nutzbar sei. Solange wir noch unter dieser Menge bleiben, werden wir keine großen Auswirkungen unserer Arbeit zu erwarten haben.

Bei diesen Aufgaben müssen Wissenscnaftler aller Fachrichtungen zusammenarbeiten. Man kann die Arbeit nicht in die verschiedensten Fakultäten und Fachrichtungen aufspalten. Jedes Gebiet muß seinen Teil dazu beitragen. Jedoch ist nur dann mit einem guten Gesamtergebnis zu rechnen, wenn jeder Wissenschaftler den Kollegen des anderen Gebietes respektiert und seine Auffassungen in der Gesamtkonzeption mit berücksichtigt. Es geht hier um Fragen der gesamten Menschheit. Deshalb müssen wir auch alles nutzen, was wir über die Probleme der Menschheit aus den verschiedensten Blickrichtungen wissen. Je umfassender das Wissen ist, das wir für unsere Arbeit benutzen, desto mehr Aussicht haben wir, auch nutzbringende Ergebnisse zu erhalten. In der Bundesrepublik existieren noch keine Institute, an denen solche Arbeit möglich wäre. Das Ausland, vor allem Amerika, aber auch England, die nordischen Länder, Frankreich und die Niederlande, sind uns hier voraus. Die Bundesrepublik hat viel nachzuholen, wenn sie auf diesem Gebiet kein Entwicklungsland bleiben will.

Woher kommt es aber, daß bei uns diese Gedanken noch nicht so Fuß gefaßt haben? - Wir finden häufig die Meinung verbreitet: "Was nutzt das alles? - Die Politiker tun doch, was sie wollen! - Wir können an der Entwicklung nichts ändern." Dieser Behauptung wollen wir eine andere These entgegenstellen.

11. Wissensthaftliche Ergebnisse auf diesem Geblet werden nicht von selbst wirksam, sondern müssen in Form von Ratschlägen an die Politiker und durch Erziehung und Aufklärung der Bevölkerung wirksam gemacht werden.

Es gibt ein Beispiel aus der optischen Industrie des vergangenen Jahrhunderts, daß durch neue Denkweisen und Arbeitsmethoden ein gewaltiger Fortschritt innerhalb kürzester Zeit erreicht werden konnte.

Mikroskope wurden früher durch die sogenannten Pröbler hergestellt. Dieser Name bedeutete keine Abwertung, sondern es waren Handwerker, die mit außerordentlich viel Geschick und Erfahrung die Linsensysteme so kombinierten, daß sie ein möglichst gutes Mikroskop erhielten. Ob die Mikroskope aber gut waren oder nicht, hing viel vom Zufall ab. Man konnte ein gutes Ergebnis nicht reproduzieren. In dieser Situation kam zur Firma Zeiß der Physiker Ernst Abbe. Er fing an, die mikroskopischen Systeme zu errechnen und war nun in der Lage, genaue Schleifanweisungen zu geben. Von diesem Zeitpunkt an erlangte die Firma Zeiß binnen kurzer Zeit Weltruf, weil ihre Mikroskope von unübertrefflicher, immer gleichbleibender Qualität waren.

In politischen und anderen Menschheitsfragen wird heute noch vieles von "Pröblern" erledigt, die sicher auch hier ein großes Geschick entwickeln. Leider reicnt dies in unserer Zeit nicht mehr aus, weil die Zusammenhänge so kompliziert geworden sind, daß sich unsere Erfahrung und unser Fingerspitzengefühl täuschen können. Irgendjemand hat es einmal so formuliert: "Diejenigen, die wissen, handeln nicht - die Handelnden wissen zu wenig."

Vom ermordeten Präsidenten Kennedy ist bekannt, daß er sich von einem Stab von Wissenschaftlern beraten ließ. Auch nach Kennedy finden wir selbstverständlich wissenschaftliche Berater in allen Regierungen. Doch dies sind meist Fachleute auf einem kleinen Gebiet, die auch aus der Perspektive ihres Faches die Ratschläge geben. Es fehlen leider immer noch die umfassenden Untersuchungen und Erkenntnisse.

Natürlich ist, wenn solche Ergebnisse vorlägen, die Frage zu stellen, ob auch die Politiker bereit wären, die Ratschläge anzunehmen. Es ist nämlich damit zu rechnen, daß solche objektiven, wissenschaftlich fundierten Ratschläge nicht immer, ja wahrscheinlich sogar sehr selten in unsere Vorstellungswelt hineinpassen. Das, was für die gesamte Menschheit von Nutzen ist, kann den Interessen eines einzelnen Landes zuwiderlaufen. Doch komman wir um die Erkenntnis nicht herum, daß nur eine Schau, die das Wohl der gesamten Menschheit im Auge hat, auf lange Sicht für jeden Einzelnen von uns von Nutzen sein wird.

Politiker und Bevölkerung müssen aus dem engen Denkrahmen der Nationalstaatlichkeit herausgeführt werden, wenn sie fähig sein sollen, das Schicksal der Menschheit in der Zukunft zu meistern. Hier hilft nicht die Bildzeitung sondern echte Bildung und ein gut fundiertes kritisches Wissen. Wir müssen wieder nachdenken lernen und dürfen nicht nur Informationen konsumieren.

Wenn die Politiker wissen, daß die Bevölkerung die Probleme kennt und darüber nachdenkt, werden sie mehr und mehr gezwungen sein, die Ergebnisse der Wissenschaft in ihrer Politik zu berücksichtigen und die Bürger nicht nur mit billigen Phrasen abzuspeisen. Solange die Menschen sich nicht ausreichend informieren, wird man immer von seiten der besser Informierten sagen können: "Das versteht ihr nicht. Wenn ihr unsere lnformationen hättet, würdet ihr auch zu anderen Schlüssen kommenl'' Im Grunde kann jeder die Zukunft mit gestalten helfen, wie es die nächste These ausdrückt:

12. Jeder einzelne kann zur Stabilisierung beitragen, wenn er rational denken und handeln lernt und dabei aber das Wohl der gesamten Schöpfung berücksichtigt.

Es gibt ein gutes Beispiel, wie unterschiedlich der Mensch als Masse oder als kritischer Einzelner wirkt: Wenn eine Gruppe auf dem Jahrmarkt um einen Marktschreier herumsteht, dann unterliegt sie dem Masseneinfluß. Dann brauchen nur einer oder nur wenige das Angebotene zu kaufen, und auch ein großer Teil der anderen werden folgen. Man wird den schlimmsten Ramsch erwerben und ihn vielleicht hinterher unbesehen wegwerfen. - Geht man aber als einzelner in einen Laden oder an einen Verkaufsstand, so wird man nicht so ohne weiteres auf Artikel hereinfallen, die einfach so billig sind, daß sie gar nichts taugen können.

Die meisten Menschen müssen erst lernen, Kritik zu üben und sich selbst zu prüfen, wie weit sie kritisch denken können und wie weit ihre Kritik unbeeinflußt von Gefühlen ist. Die Gesellschaft der Zukunft kann nicht eine Massengesellschaft sein, obwohl die Tendenz dahin geht, sondern es muß eine Gesellschaft von verantwortlich denkenden Persönlichkeiten werden, von Persönlichkeiten, die gelernt haben, folgerichtig zu denken.

Dieses folgerichtige Denken ist uns aber weitestgehend verlorengegangen. Hierfür sei ein Beispiel aus der Politik angeführt. Irgendeine Regierung gibt eine Meldung heraus, die zur Ursache weitreichender Konsequenzen wird. Sollte jemand am Wahrheitsgehalt dieser politischen Meldung zweifeln, so gilt er als Feind seiner Nation. Man tut so, als ob alles, was in der Politik gesagt wird, wahr sei und weil es wahr sei, müsse das und das daraus folgen. Stellt sich aber zu einem späteren Zeitpunkt heraus, daß diese Voraussetzung doch nicht erfüllt war, daß also eine bewußte Falschmeldung zugrunde gelegen hat, so sagt man dann: "Ja, in der Politik muß der Verantwortliche auch gelegentlich im Interesse seines Landes lügen." - Eine von beiden kann nur richtig sein. Entweder bezweifelt man von vornherein den Wahrheitsgehalt von politischen Informationen. Dann kann man aber aus diesen keine weitreichenden Schlüsse ziehen und ggf. Situationen schaffen, die äußerst gefährlich werden können, oder man besteht auch in der Politik auf absoluter Wahrhaftigkeit. Dann darf aber auch kein Politiker geduldet werden, der davon abweicht. In diesem Zusammenhang sei nur an den U-2-Zwischenfall erinnert.

Wie wenige Menschen erkennen jedoch solche Widersprüche! So wird z.B. den Fernsehzuschauern ein Werbetext zugemutet, über den kaum jemand stolpert. In dem wird zunächst gesagt: "Wichtig ist für Sie immer das eigene Urteil." Und nun kommt: "Deshalb ist es wichtig für Sie zu wissen, was die und die Menschen über das Produkt denken." Daraufhin wird die Meinung anderer angeführt. Wenn es aber um ein eigenes Urteil ginge, dann müßten Tatsachen und nicht Meinungen gebracht werden, Tatsachen also, aus denen man sich sein eigenes Urteil bilden kann. Dann dürfte nicht nur angestrebt werden, daß man die Ansichten der anderen, in diesem Fall gekaufter Leute, nachplappert.

Wenn man sich aber zu eigener Urteilsfähigkeit herangebildet hat, wird man sicher auch erkennen, daß die Welt nur als Ganzes existenzfähig ist und daß der Mensch nur einen Teil der gesamten Schöpfung darstellt. Er kann nicht isoliert auf dieser Erde leben. Auch die anderen Lebewesen müssen ihre Existenzmöglichkeit besitzen. Es kommt nicht darauf an, aus dieser Welt eine Maschine zu machen; denn eine solche würde schließlich auch ohne den Menschen oder mindestens ohne den Menschen, der Geist und Gefühl entwickelt, arbeiten können. Eine Welt, wie Orwell oder Huxley sie darstellen, kann nicht die sein, die wir für unsere Kinder und Kindeskinder wünschen. Sind wir aber für eine harmonische Welt, so sollten wir uns immer vor Augen halten, daß jede naturwissenschaftliche Erkenntnis und jeder technische Fortschritt verderblich sind, wenn nicht die Ehrfurcht vor dem Leben darüber steht.

Anmerkungen und Literatur

1. "Modelle für eine neue Welt", herausgegeben von Robert J u n g k und Hans Josef M u n d t im Kurt-Desch-Verlag, München. Bisher sind 7 Bände erschienen "Der Griff nach der Zukunft", "Wege ins neue Jahrtausend", "Deutschland ohne Konzeption?", "Unsere Welt 1985", "Das umstrittene Experiment - der Mensch", "Liebe und Hunger", "Vor uns das Paradies?"
2. B e r n a r d, Robert Biological Warfare: The deadly Aerosol, Scientific Research, Vol. 3, No. 2, 1968, S. 40 - 44.
3. S t r e p p, Hansgeorg: Rette dich - du kannst!, G. Stolling-Verlag, Oldenburg, 3. Auflage 1965, S. 118 ff.
4. S t r e p p, Hansgeorg: Rette dich - du kannst!, S. 122.
5. P a u I, John, und Jerome L a u l i c h t: In your Opinion - Leaders' and Voters' Attitudes on Defense and Disarmament, Canadian Peace Research Institute, Clorkson, Ontario, 1963 Vol.1
6. A l c o c k, Norman Z.: Über die Ursachen des Krieges, Zukunfts- und Friedensforschung - Information, 1966, Heft 2, S. 25 - 29
7. L o r e n z, Konrad: Das sogenannte Böse - zur Naturgeschichte der Aggression, Dr. G. Borotha - Schoeler Verlag, Wien, 1963
8. P i l i s u k, M. und A. R a p o p o r t: A non-zero-sum game model of some disarmament problems, Peace Research Society; Papers 1, Chicago Conference, 1963
9. Bergedorfer Gesprächskreis zu Fragen der freien industrieellen Gesellschaft: Protokoll Nr. 24: Ist der Weltfriede unvermeidlich? Tagung vom 21.11.1966, Bemerkung15 und 16
10. Man vergleiche, was hierzu bei B i n d e w a l d über das Iterationsverfahren gesagt ist. B i n d e w a l d, H.: Ist Friedensforschung möglich? Zukunfts- und Friedensforschung - Information, 1967, Heft 3, S. 57 - 63
11. N e w c o m b e, H. und A.: Friedensforschung in aller Welt. Zukunfts- und Friedensforschung - Information, 1965, Heft 1, S. 5-10
12. S c h u l z e, L.: Friedensforschung - Bilanz und Aufgaben, ein Tagungsbericht, Zukunfts- und Friedensforschung - Information, 1967, Heft 3, S. 63 - 67
13. B a a d e, Fritz: Der Wettlauf zum Jahre 2000, Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg, 1960
14. S t e i n b u c h, Karl: Die informierte Gesellschaft, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgard 1966, S.302 ff.
15. A l c o c k, Norman, Z.:The Brigde of Reason, Theo John Wilkos Press, Oakville, Ontario, März 1961 deutsch: Die Brücke der Vernunft, übersetzt und herausgegeben von der Forschungsgesellschaft für Friedenswissenschaft Genf-München, Dezember 1962


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